Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 38 (21.9.1928)
- Date
- 1928-09-21
- Page
- Seite 530 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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530 so ist auch Ihre Frage eigentlich schon beantwortet, die Entscheidung, zu der r-ie mich auffordern, ist längst getroffen. Es nutzt freilich wenig, auch indem ich Ihnen Rede stehe, bin ich mir bewußt, daß es wenig nutzt, die Wirrnis der Stimmen ist heute zu groß, ich Leiste Ihnen Rechenschaft, Sie vermitteln meine Worte dem Kreis Ihrer Freunde, morgen sind meine Worte und Ihre Worte verhallt und vergessen, und binnen kurzem wird man mich abermals vor irgendwelche Schranken zitieren, genau so, als ob ich nicht geredet hätte, das weiß ich aus Erfahrung/ Aber abgesehen von der künstlerischen, hat das Problem auch noch eine menschliche Seite, eine moralische, und über die suchte ich den Herausgeber der Zeitschrift ebenfalls auszuklären. So heikel und eigentümlich meine Stellung zum Judentum auch ist. so ungefähr führte ich es aus, eine Eigentümlichkeit, die zu charakterisieren vielleicht die Zeit noch nicht gekommen ist, das eine steht jedenfalls fest, daß ich mich als zugehörig und solidarisch betrachten muß, solange dre Schmach des gegenwärtigen Antisemitismus dauert. Denn gleichviel, ob es ein durch Schlag- und Tagworte verhetzter Pöbel ist, der in seinem Namen demagogische Orgien feiert, oder ob Gebildete und Gelehrte ihm in der Gesinnung huldigen und diese Gesinnung mit ctnetu Prunkmantel sozialrritischer oder rassenphilosophifcher Provenienz behängen: es ist und bleibt als historisches Phänomen . . . za., was? erlaßen Sie mir das Wort. Die edelsten Deutschen weiß ich mit mir derselben Mei- . nung. Als im Jahre 1921 die Schrift „Mein Weg als Deutscher und Jude" ersckflen, bekam ich zahllose Briefe aus allen Kreisen des deutschen Volkes, von Frauen, jungen Männern, ehemaligen Offizieren. Personen aus der Aristokratie, und säst alle diese Briefe klangen in die bestürzte Frage aus: ist das wir ich so? Davon hatten wir keine Ahnung. Nein, davon . hatten sie keine Ahnung; es ist seltsam, wie viele Dinge am hellerlichten Tag vor sich gehen, von denen die Menschen -nichts ahnen. Kriegsmrd Nachkriegsjahre haben vielerlei Unrat und Unslat an. die Oberslache der Gewäper getrieben; - unter anderem auch jüdisches Händler-, Schieber- und Spekulantentum sowie die scharen halbbarbarischer, lebensgieriger, beutegieriger, aber von einem ganzbarbarischen AutokraLis- . wus generationenlang in Ghettowiwnis gefangen gewesener und infolge des Krieges unglücklicherweise auf Deutschland als auf das Land der europäischen Mitte losgelassener polnischer und russischer Juden. Es fällt mir nicht ein, mich '-Illind dagegen zu stellen, was alle diese trüben Elemente, was - -zersetzendes Literatentum und negatives Wesen aller Art am 'öffentlichen Geist gesündigt haben; aber die Juden in ihrer Totalität und als Juden dafür verantwortlich zu machen, das ist. bei der Sesamtversafsuug der heutigen Sittlichkeit oder .dem allgenreinen Niveau historisch^psvclwloZischer Erkenntnis - zu billig und zu einfach. Ein rL-iebzig-Btillionen-Volk, das ein .Unglück, von dem es betroffen worden ist, den paarmal hun- . berttausend Juden, die es beherbergt, in die schuhe schiebt, gleicht ein wenig der Schulklasse, von der ein englischer - Schriftsteller berichtet, rn der kein Schüler mehr Vokabeln lernen und Aufgaben machen wollte, weil seit einiger Zeit ein kleiner Negerjunge auf der letzten Bank saß, dadurch, sagten sie..seien sie in ihrer persönlichen Freiheit beeinträchtigt und gelähmt. Abschließend bemerkte ich meinem wohlwollenden Mahner .dies: wo eine Gesamtheit ungerecht beschuldigt und ungerecht verlästert wird, gute Menschen und schlechte, mittlere und unzulängliche. Menschen eben und daher nicht besser und nicht schlechter als andere Menschen, da kann ich, als dieser Gesamt- . heit zugehörig oder auch nur zugezählt, mich nicht zu den Be- - schuldiger« und Beschimpfern schlagen, solange auf der anderen : Seite, wo der Richtspruch fällig ist, die Gerechtigkeit mit Füßen . getreten wird. Ich wäre ehrlos, wenn ich es täte. Seit dieser Auseinandersetzung habe ich in der Figur des Gregor Warenune im Fall Maurizius die heterogenen Strörnungen innerhalb des Problems zu gestalten versucht. Dem oberflächlichen.Blick könnte es scheinen, als sei damit der Thpus des Renegaten verkörpert, und Zwar in seiner höchsten geistigen Vervollkommnung, mit einem Anstug dämonischer Genialität. Es ist klar, daß eine derartige Figur, wennschon ja fast alle handelnden Menschen Fragmente einer Idee, doch alle jene Entfaltungen enthält. die in der Wirklichkeit meist nur fragmentarisch Vorkommen. In dieser Hinsicht sind ja fast alle handelnden Menschen Fragmente einer Idee. Genauer betrachtet, stellt Waremme eine moderne 'Personifikation des Ahasver-Gedankens dar; das zwiefache Motto, dem er seine durch eine entscheidende Erkenntnis mitten entzwei gerissene Erlstenz unterstellt, heißt: von Ost nach West, dann: von West nach Ost; seine wandlungssüchtige, fluchbeladene Seele verlangt nach einem Zustand der Gleichlags, aber der Geist in ihm, als zerstörerisches Element, macht ihn wurzellos und unermeßlich einsam. Diese Formel: von Ost nach West, von West nach Ost hatte mich jahrzehntelang beschäftigt. Ich war daraus gekommen, daß sich im Daseiu des Juden eine sonst nicht zu findende Gegensätzlichkeit geistiger und seelischer Eigenscirasten kundgibt. Ich glaubte es so Ausdrücken zu können: der Jude ist entweder der gottloseste oder der gorterfüüteste aller Menschen; er ist entweder wahrhaft sozial, sei es in veralteten, leblosen Formen, sei es in neuen, utopischen, das Alte vernichtenden, oder er will in anarchischer Einsamkeit nur sich selber suchen. Das Schicksal der Nation, ihre Vereinzelung unter fremden Nationen, ihre ungeheuren wirtschaftlichen und geistigen Anstrengungen im Kampf gegen die widrigsten Umstände, der fortwährende Zustand der Abwehr, der Selbstbehauptung, das plötzliche Erwachen am Morgen eines Kulturtags, das leiden-, sckzastliche Ergreifen der Hilfsmittel und Waffen dieser Kultur, all das war wie ein bfftändig sich erneuernder Vergiftungs- Prozeß, weniger für den Gesamtorganismus als für den losgelösten einzelnen, und nur wenn dieser einzelne eine Persönlichkeit von Rang war, konnte er sich den verhängnisvollen Folgen entziehen. Tann nämlich wurde er sich des großen Zusammenhangs bewußt, ewige Symbole trugen if^n, er befand sich sozusagen im Reich des Mythos. Es ist der Gegensatz zwischen Venoelkung und Fruchtbarkeit, zwischen Vereinzelung und Zugehörigkeit, zwischen Verzweiflung und Einheit. Sich von der Vergangenheit abzuschneiden, ist das krampfhafte Bestreben des auf sich gestellten Juden, gerade weil ihn Erziehung, Milieu und vielfach Verpflichtung äußerlich wie innerlich noch an die Vergangenheit binden. Aber er findet in der Bindung das Gesetz nicht, daher zerreißt er sie und stellt sich auf sich selbst. Wenn einer bloß auf sich selbst steht, steht er auf nichts; daß er dann die Unsicherheit seiner Position immerfort spürt, ist nicht weiter verwunderlich; well er sie spürt und darüber unglücklich ist, will er sie desto glaubhafter machen und greift zu Mitteln, die seinen Charakter kompromittieren, indem sie sein Selbstgefühl nur in der Gebärde steigern, alles wird Gebärde an ihm, alles Ueberhitzung. alles Akzent. Es ist chm sozusagen die Idee des Daseins gerarrbt, insolgedesien muß er jede Wirkung und jedes Gelingen erst ertrotzen, muß seine Anlagen und Fähigkeiten überspannen und bildet ein jammervolles Schauspiel beständiger Unruhe und beständiger Gier. Er gibt sich nur hin, wo er sich verlieren kann und bewundert nur dort, wo er sich verstoßen fühlt. Im Grunde seines Herzens glaubt er bloß an das Frenrde, das Anderssein, erklärlichenveise, denn als ein Entgötterter ist er unver.wandelbar und sucht vermittels eines Salto mortale oder einer Ekstase die Ergänzung im Gegensatz. Die im fruchtlosem Widerstreben vergeudete Seelenkraft macht sein Gemüt arm und drängt den Geist auf das Feld steriler Spekulation. Aber er leidet auch, und sein Leiden ist ein tödliches. (Sektass des Textes aaf Seite 532\) Ein geschichtliches Dokument Mussolini empfängt ungarisch-jüdische Studenten, denen ihr Vaterland das Studium verwehrt. Sie besuchen jetzt . die Universität in Padua*