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Central-Verein-Zeitung · 1928-09-14 · 37 (14.9.1928) · p. Seite 515

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
37 (14.9.1928)
Date
1928-09-14
Page
Seite 515 (sequence 11)
Language
German
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515 Israel Jacobfon, öer Vorkämpfer für gleiches Reckt. Zu seinem 100. Tooestage am 13. September 1928. Don Dr. F. Lazarus (Kassel). „Nein, es ist kein Widerspruch zwischen Jude sein und Deutscher SmxD Mensch fein, sondern diese drei schunden sich so ineinander', wir das eine nur sein können, indem wir die leiden anderen sind, und es um so mehr sein lverden, je mehr wir dieses sind. Der Mische Deutsche kann zu den besten Deutschen zählen und der deutsche Jude zu. den besten Inden — man nenne ihn so oder so, er wird zu. den besten Menschen zählen/ Diese Worte unseres S t e i n t h a l Pasten auf wenige in so hohem Grade wie aus Israel Jacobson. Jacobson ist freilich nicht das gewesen, als was ihn Goethe bezeichnet, ein ,LudenveUand". Aber seine große, edle Seele ist 91113 üul.jcföüt gewesen von der reinsten Menschenliebe. Kein Opfer war ihm zu groß, kerne Arbeit zu schwer, keine Geldsumme unerschwinglich, rocnn cs galt, das Jammerlos seiner geknechteten Glaubensgenossen zu erleichtern. Seine Zwecke waren die lautersten, die Mittel, die er wählte, nickst selten verfehlt. Gotthold Solomon hat wahrlich nicht zu viel gesagt, wenn er dem selbstlosen Menschenfreund bei der Gedächtnisfeier in Berlin die Worte nachrief: „Menschnlie.be war das lebhaftere Gefühl im Herzen Jacobsons und die Menschheit sein Wirkungskreis/ Geboren am 17. Oktober 1768 zu Halberstadt, wollte er sich Zuerst dem Rabbinerstande widmen. Als Schw-egersohn des hochangesehenen braunschweigischen Kammeragenten und Rabbiner Herz Samson folgte er diesem im Januar 1795 in Leiden Aemtern. Wer, ein lebensvolles Bild von der jammervollen Lage, von der trostlosen Misere^gewinnen will, in der die Juden noch unmittelbar vor der französischen Zeit in Deutschland schmachteten, der lese die aktenmätzige Darstellung der zahllosen Plackereien und Schikanen, die der Kammeragcnt über sich ergehen lapen wuchte. Und das, obwohl der kluge Mann die volle Gunst des Herzogs genoß, zum Geheimen Finanzrat emporgestiegen und durch seine zahllosen edlen Stiftungen, durch seine warhast großartige Mildtätigkeit ein Wohltäter des Landes geworden war. Nicht einmal das vermochte er zu erreichen, doch sein ältester Sohn von der Braunschweiger Kaufmannsinnung als Lehrling Zugelaffen wurde. Ja. wegen dieses bescheidenen Wunsches erhob sich ein Sturm der Entrüstung in dem Läntchen, das es sich gern batte gefallen lasten, wenn er alljährlich 26 009 Taler für Wohltätigkeitszwecke ausgab. Seine bedeutende Persönlichkeit trug das Ihre dazu bei, daß im Königreich Westfalen statt der in früherer Zeit nicht nur dea Juden, sondern auch den Katholiken gegenüber geübten krassen Intoleranz eine so vollkommene Parität der verschiedenen Konfessionen eintrak. wie sie höchst selten in einem Staat geherrscht hat. Anders in dem Nachbarstaat, dem von einem deutschen Regenten. dem Fürstprimas Dalberg, regierten Großherzogtum Frankfurt. Der ehemalige Mainzer Kurfürst, ein feinsinniger. Kunst und Wistenschaft liebender, den Juden persönlich auch keineswegs abgeneigter Herr, gestattete ihnen zwar, die öffentlichen Promenaden und die Kaffeehäuser der Hauptstadt Frankfurt zu besuchen, sonst aber war die neue Frankfurter Judenschuhordnung vom 30. November 1807 ein so unverfälschter Ausdruck echt mittelalterlichen Geistes» daß der damals noch in Braumchweig weitende Iacobsohn sich in innerster Seele schmerzlich davon berührt fühlte. Daß die niedrige Schacher- und KramerpoUnk der Frankfurter Patrizier mit ihrem Bestreben, den unbequemen jüdischen Konkurrenten niederzrchaltem so ganz und gar siegen würde, batte er nicht erwartet. In einer Schrift wandte er sich in eindringlichen Worten an Den Fürsten selbst. Zunächst hatte er damit nur den Erfolg, daß Frankfurts und Deutschlands größter Sohn, Goethe, auf den Plan trat. Goethe war gewiß kern Antisemit in heutigem Sinne. Niemand hat das ewige Buch, die Bibel, M solchen Ewiglcitsworlen zu schildern gewußt wie er und über die Juden ist lein schöneres Wort gesagt worden, als iki§ Goechesche: J&ie Juden sind das beharrlichste Volk der Erde: es ist, es war, es wird sein, um den Namen Gottes durch alle Zeiten zu tragen/ Sr. mag gegen Juden persönlich eingenommen gewesen sein. "Am Z. Aprrl 1503 erhielt Bettina von Arnim einen Brief Goeihcs. in ^e-u es „Dem bcaunschweigrschen Judenheiland ziemt es woyh sein Volk \o anzujehcn, wie es sein und werden sollte; dem Fürsten PrsmaS ist aber auch nicht zu verdenken, daß er dies Geschlecht behandelt wie es ist und wie es noch eine Weile bleiben I wird/ Und am 20. April schrieb er an Bettina: „Es war mir sehr angenehm ^u selben, daß man den sinanzgeheimrätlichen jacobiwischen Jsraetsoqn so tüchtig nach Hause geleuchtet hat/ Trotz alles Glanzes seiner sozialen Stellung vergaß Jacobson nie seine Brüder. Mag seine Tätigkeit auf religiösem Gebiet umstritten, von der Parteien Gunst und Haß verwirrt erscheinen ~ (siehe Lazarus. „Konsistorium/ S. 25 Arun.) —, seine politische Bedeutung als Befreier so vieler von der erniedrigenden'Schmach des Leibzolls. als mann» Hafter Vorkämpfer für d i e Idee, daß der Jude nicht als Fremder, sondern als guter Deutscher behandelt zu werden ein heiliges Anrecht habe, aber auch Errungenschaften wie die Einführung eines geregelten Religionsunterrichts. der deutschen Predigt, von Würde und Ordnung im Gottesdienst gehen ja im wesentlichen auf ihn zurück. * Den verstehenden Aufsatz ergänzt nachstehende interessante Mitteilung, die wir Herrn Lehrer Hör w i tz (lasset) verdanken. Lehrer Horwitz schreibt: Jacobsons Einfluß bei Hofe veranlaßt die Aufhebung des Leibzolls in seiner Wahlheimat am 23. April 1803. Auf Empfehlung des Herzogs trat- Jacobson in Beziehung zum badisch e^n K u rf ü r st e n, an den er fohlenden, hier auszugsweise wiedergegebenen Brief') gerichtet hat: „Aber nun das Schrecklichste! Ter Zoll wird gefordert und gegeben. Wozu, wofür? so fragt der, welcher fordert, der. welcher gibt, und alle, welche die Forderung anhören und dem Geben des Zolls znschauen. „Der Jude lebt vom Wucher und Betrüge, durch den Zoll will man ihn wieder ausdrücken/ In alle Ewigkeit nicht! Hat der Jude die Gesetze verletzt; ist denn kein Arm da, der das Schwert bex Gerechtigkeit führt? Ist es nicht tief, unnennbar tief unter der Würde jedes Guten, jedes Edeln, den Raub dem Räuber abzujagen? — „Soll der Jude den Zoll erlegen, weil man ihn als einen Feind des Landes ansieht?" Für einige Groschen, die der Kaffe des Landes zufallen, sollten alle Kaffen der Untertanen einer neuen Gefahr bloßgestellt werden? Unmöglich! — „Soll der Jude den Zoll geben, weil er nicht, (so) wie der Christ, ^rz und Hände zu dem Vater der Liebe erhebt; zu dem Unnennbaren, den alle vernehmen, für den jedes fühlende Herz schlägt, dem alle denkenden Wesen huldigen, den aber kein Sterblicher begreifen kann?' Nein! nimmermehr! Was bleibt also übrig, wenn von der Person des Juden ein Zoll gehoben wird, wie von einem Stücke Vieh, von einem Pferde, einem Ochsen und Esel, als daß der Jude mit diesen in Parallele gestellt wird; daß man ihm die Würde des Menschen geradezu abspricht? So mutz der Jude es nehmen, und so auch das Publikum, unter dem Zollhäuser für Juden stehen. Kommt der gebildete Jude mit dem gebildeten Christen zur Zollstätte: so errötet der Christ vor dem Juden und der Jude vor dem Christen. In jedem Zollhause, das der wohlhabende gebildete Jude mit seinen chrisilicl>en Untergebenen und Domestiken erreicht, erwartet jenen die tiefste Herabsetzung und Kränkung, und diese eine neue Prüfung und Erschütterung ihrer Achtung gegen ihren Herrn. Der redlichste Jude, der selbst unter Schmach und im Schoße der Dürftigkeit und des Elends seine Tugend unbefleckt erhielt, kann von jedem Zöllner lernen, wie tief er selbst unter dem Christen steht, der dem Zuchthause und der Karre entsprang, der wohlverdient das Brandmark und den Staupenfchlag empfing! Diese Wirkungen, gnädigster Fürst, sind die ersten und nächsten des Leibzolls. Darf ich Ew. Durchlaucht noch aus die entfernteren führen, die jenen folgen wie der Rauch der Flamme? Darf ich noch zeigen, wie bei dem Inden, wie lei jedem anderen Sterblichen, die Verachtung, die Schmach, die Mißhandlung, der Druck allen Untugenden und Lastern Tür und Tor öffnen muffen? Wie der Druck, den meine Nation erduldete und noch erduldet, ihren sittlichen Verfall hervorführte und erhielt? Wie der Jude, gleich dem Christen, sich hob und veredelte, überall, wo man ihn nur als Mensch behandelte?" Am 20. Januar 1804 fiel in Baden ebenfalls der Leibzoll. Die dortigen Juden erhielten im Jahre 1808 ein l^eschränktes Bürgerrecht. Bild folgten Hetzen, Mecklenburg und Schwerin, deren Fürsten ebenfalls von Jacobson gut beraten waren. *) MitZetellt irr ,L>Lberlrns Staatsarchiv". Dd. 9, <5. 34Q bis 543. Eigene Verkaufsstellen in allen grosseren Erhältlich in allen Spezialgesdiäflen.

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