Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 37 (14.9.1928)
- Date
- 1928-09-14
- Page
- Seite 513 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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513 Wird öen Worten öle Tat folgen l Erklärungen des Volkskommissars Lunatscharski. Wir haben in der vorletzten Nummer «dieses Blattes über die schweren Verfolgungen des jüdisch-religiösen Lebens rn Rußland durch Sowjetorgane berichtet. Darüber hinaus gehen fordgesetzt durch die jüdisch Presse Mitteilungen von Ausschreitungen in Sowjetrußland auf mannigfachen Gebieten gegen die Juden. Insbesondere auch' werden ständig von zionistischer Seite berechtigte Klagen über Verfolgungen von Zionisten in Sowjetrußland laut. Ueber diese Vorgänge kann man nicht einfach mit irgendeiner Handbewegung und mit noch so wohlmeinenden Worten hinweggehen. Wenn den nachfolgenden Erklärungen des Dolkskommiyars Lunatscharski wirklich Gewicht beigemessen werden soll, so muß verlangt werden, daß die Sowjetregierung mit aller Energie die in der letzten Zeit sich häufenden Beschwerden jüdischerseits über Bedrohung und Intoleranz durch die Tat beseitigt. * Zu den Klagen über schlechte Behandlung von Juden in Sowjetrußland gab Minister Lunatscharski einem Vertreter des Warschauer „Haint* gegenüber gemäß der ..Jüdischen Rundschau* Erklärungen ab, die wir auszugsweise wiedergeben: „Es gibt in Rußland keinen Negierungsantisemitismus. In den Preisen des Kleinbürgertums, ungebildeter und unwissender Bauern und Arbeiter mögen wohl Schimpfwor-te über Juden fallen. Dieser seit Jahrhunderten im Bolke lebende Judenhaß ist ihm von den früheren Negierungen cingepflanzt worden, die Sowjetregierung hat keine Möglichkeit, diesen Zustand zu ändern, sie geht mit den srrengst-m Mitteln vor, bestraft jede antisemitische Ausschreitung und Beschimpfung und hat eine gewisse Besserung bewirkt. Ter noch vorhandene Antisemitismus beschränkt sich hauptsächlich auf die konterrevolutionären Kreise, die sich des Judenhasses bedienen, um sich bei der Masse Gehör zu verschaffen. Die zionistische Organisation ist gleich allen anderen nickstkommunistischen Organisationen in Rußland verboten. Wenn Zionisten nach Sibirien verbannt rverden. so erfolgt das wegen der konterrevolutionären Betätigung dieser Zionisten. Die zionistische Anschauung als solche wird nicht verfolgt. Das Hebräische ist als Sprache nicht verboten. Wir verbieten bloß die a n t i - sowjettstische Literatur in jeder Sprache. Hebräische Schulen können nicht zugelassen und schon gar nicht aus Staatsmitteln erhalten werden, weil es in Rußland keine hebräisch sprechende Maste gibt. Hingegen ist Hebräisch als Nebenfach in gleichem Ausmaße wie Latein und Griechisch erlaubt. Hebräische Zeitschriften sind früher nicht verboten gewesen. Da aber die jüdischen Kommunisten in hebräischen Zeitschriften eine Gefahr für ihre Sache erblickten und erklärt haben, es gäbe keine Juden, die sich dos Hebräischen als einziger Umgangssprache bedienen, und daß die hebräischen Zeitungen der kommunistisck)en Politik gegnerisch seien, habe er die Erlaubnis, zum Bezüge und zur Herausgabe hebräischer Zeitungen zurückgezogen. Wie kann man behaupten. daß wir gegen Hebräisch sind? Wir haben ja einen Lehrstuhl für Hebräisch an der Moskauer Universität. In religiöser Beziehung kann sich jeder in Rußland frei ausleben; es steht im Belieben der Eltern, den Kindern eine religiöse Erziehung zu geben. In den öffentlichen Echtsten jedoch wird der Religionsunterricht nicht geduldet. Es ist aber gestattet, daß mehrere Familien sich zusammentun, um ihren Kindern gemeinschaftlich Religionsunterricht erteilen zu lasten. Was die Konfiskation von Synagogen anbelangt, so werden auch Kirchen mid Klöster vom gleichen Schicksal betroffen. In dieser Hinsicht haben die Ortsbehörden freie Hand. Erhebt jedoch die Bevölkerung Beschwerde gegen eine Beschlagnahme, so wird diese Beschverde in den meisten Fällen berücksichtigt. Ich persönlich bin in dieser Beziehung weder streng noch engherzig. In solchen Fällen spielt die Jewsekzia eine Rolle, die leicht nervös wird, bei jeder Kleinigkeit Lärm schlägt und es mir wirklich schwer macht, da ich nicht dauernd Streit mit den jüdischen Genosten haben will. Ich persönlich helfe, wo ich kann.* P)oHTP? t V u §: KAM «ÄHW JM» IV l rw «Ocdo. 13. «aäsüJa mi Voldy VS VüDükkL *4 JoBostowlonsKa ItMS. » icait * Kran «CraK p««A2fci*. .In Bautzen erscheinende „serbische“ Zeitung. (Zu dem Rufsatzs Die *Serben« Im Spreewald.) Die „Serben" im Spreewalö. Was Die grobe Ocffeutlichkeit nicht Kreitz. Die große deutsche Presse meldete vor wenigen Tagen von einer großen Erinnerungsfeier im südslawischen Mazedonien, zu der alle slawischn Länder Abordnungen geschickt hätten. Eine gervaltige Kundgebung fand für ein gemeinsames großes Slawenreich. das sich über den Balkan nach Rußland und Polen hinein erstrecken sollte, statt. Und zu dieser Versammlung war — man staune — auch ein Vertreter der —preußischen Serben erschienen. Ein Lausitzer Wende Ajotsaiba aus Bautzen führte aus, die Serben hätten ihr Serbentum nur mit Hilfe des slawischen Liedes erhalten können. Dieses slawische Lied habe auch «den Lausitzer Serben ihr Serbentum bewahrt. In Ansprachen wurden die Lausitzer Serben als nördliche Wache des Serbentums bezeichnet. Mitten also im Deutschen Reiche, im schönen Spreewalde, haben wir eine 200 000köpsige wendisch Bevölkerung. Niemand wird etwas dagegen einzuwenden haben, tvenn diese ihre alten Sitten und Gebräuche, ihre Sprache Pflegt, aber es übersteigt dock) lveit das Erträgliche, wenn ein Bote dieser Wenden — oder richtiger nur eines Teiles dieser, denn die Mehrzahl wird hoffentlich solche Handlungslveise Durchaus verwerfen — sich nach Südslawien begibt und sich als Serbe in Deutschland bekennt. Wie weit dieses sonderbare Spiel bereits gediehen ist, geht daraus hervor, daß in Bautzen eine eigene Tageszeitung, deren Kopf wir hier wiedergeben, mit großslawischer Einstellung erscheint. Wir sind die letzten, schon rveil wir als Juden viele Unterdrückungen spürten, die irgendeiner Einengung kultureller, sprachlicher oder sonstiger Eigenart das Wort reden würden. Aber wenn die Dinge^so weiter treiben, so werden nicht nur die F r i e s e n — auf der „Preya* in Köln lverden bereits in der Abteilung „Nationale Minderheiten* 20000 Friesen.als eine solche angeführt — sich demnächst national selbständig machen wollen: mit anderen Bevölkerungsgruppen des Reiches wird es ähnlich ergehen. Nachdem der Genfer Kongreß der nationalen Minderheiten diesen das Recht zuspricht, sich an ihre Stammesvölker zu wenden, können also demnach die Wenden an die Serben oder Polen oder an einen ihnen sonstwie als Stammesvolk Vorschvebenden Staat herantreten. Auf diese, den Bestand des Deutschen Reiches zwar wahrhaftig nicht gefährdende, aber immerhin merkwürdige Angelegenheit muß einmal in diesen Blättern hingewiesen werden. Wir hätten eigentlich einen Entrüstungssturm gerade in der rechtsstehenden Preste gegen diese Gepflogenheiten gewisser wendischer Kreise erwartet. Statt besten gefallen sich deutsche nationale Zeitungen vom Range etwa der „Deutschen Zeitung*, von den rein völkischen ganz zu schweigen, fast alltäglich in den Behauptungen, die Juden gehören nicht zum deutschen Volke, obwohl der erdrückende Teil der deutschen Judenheit nicht nur zum deutschen Volke gehören will, sondern zwanaläufig aus Herzensgründe gehören muß. Tiroler Porträts. Aus einem Reisctagebuch von Ernst Lisfauer. Josef Speckbacher war etwa der Generalstabschef Andreas Hofers: er stammte aus dem Unterinntal, und im Porträt von Egger-Lienz, das zu Innsbruck im Ferdinandeum hängt, erscheint er als ein monumentaler Bauer. Aber unten, bei den Reliquien, befindet sich ein unscheinbares zeitgenössisches Brldnis, und da wirkt er, mit scharfer Rase und in die Stirn gekämmtem schwarzen Haar, als ein jüdischer Major. Ueberhanpt beobachtet man fort und fort dies: Tiroler Bauern sehen mit den schmalgeschnittenen Zügen, den steilen Nasen, dem dunklen Haar oft aus tüte Semiten. Ein gebürtiger Innsbrucker, der seine Heimat bis in die letzten Täler kennt, bestätigte mir meinen Eindruck, insl>esondere den jenes Speck bachrschn Bildchens. Und jedenfalls dies steht fest: der Tiroler mit seiner braunen Hautfarbe und dem oft rabenschlvarzen Haar — und in Bayern findet man vielfach den gleichen Typus — steht südlick)en und östlichen Völkern näher, als den weißhäutigen, blonden und blauäugigen Germanen des deutschen Nordens. Dieser Gegensatz ist im Sommer, wenn viele Deutsche „von draußen*, wie die Oesterreicher sagen, nach Tirol kommen, ununterbrochen zu beobachten. Und ein anderes noch: Aus dem Todesurteil gegen Andreas Hofer, das im Ferdinandeum hangt, geht hervor, daß er den Beinamen Barbon führte; dieser bezieht sich höchstwahrscheinlich auf seinen langen schwarzen Vollbart, und diesen durchaus ungermanisch wirkenden dunklen Hofer-Vollbart sieht man auch heute noch mannigfach in Tirol, z. B. bei Mönchen des Servitenordens. Es ist also festzuhalten: jener Andreas Hofer, der mit Recht als eine der würdigsten, ergreifendsten und liebenswertesten Gestalten der deutschen Geschichte gilt, führte einen italienischen oder doch italianisierenden Beinamen. Mehr als je erkennt man die Unbestimmtheit unserer Einsicht in die P r o b l e m e von R a s s e und Stamm; immer mehr erkennt man d i e Volkheit begründende Kraft, die Sprache; immer mehr wird man also in dem Vorsatz bestärkt, als Schriftsteller deutscher Sprache und jüdischer Herkunft sich durch „Völkische* — germanische oder zionistische — im eigenen Gefühl der Volkheit nicht beirren zu lasten.