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Central-Verein-Zeitung · 1928-09-14 · 37 (14.9.1928) · p. Seite 510

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
37 (14.9.1928)
Date
1928-09-14
Page
Seite 510 (sequence 6)
Language
German
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I sio Diese Einstellung ist um so wichtiger, als große Aufgaben, an denen die jüdische Bevölkerung auch als solche interessiert ist, zu lösen bleiben. Man denke z. B. an die Reform des Strafgesetzbuches, — bei der immer noch von bestimmten Landesteilen aus Borstöße unternommen werden, die den jüdischen Teil des deutschen Volkes zu entehren bestimmt sind und die in gesetzlichen oder verwaltungsmäßigen Ausnahmevorschriften ihren Niederschlag finden sollen. In der Verwaltung ist die Handhabung der Gesetze und der Stellung zu den deutschen Juden noch durchaus uneinheitlich. In der Rechtsprechung ist unsere Rechtsnot ein Ausschnitt aus der großen Vertrauenskrise der deutschen Justiz, die ihren Höhepunkt überschritten zu haben scheint. Die sich immer noch häufenden Friedhossschändungen sind ein Schandmal unserer Tage und spätere Zeiten werden diese Mißachtung der Toten als Ausfluß barbarischer Roheit brandmarken, hoffenllich, ohne aus diesen Einzclhandlungen auf den Geist unserer Zeit überhaupt Schlußfolgerungen zu ziehen. Wirtschastlich leiden weite Kreise der deutschen Judenheit noch fortgesetzt unter Kriegs- und Jnslationsfolgen. Ter einst so blühende jüdische Mittelstand, Vorkämpfer bürgerlicher Freiheit. Schildträger geistiger und gesellschaftlicher Aufwärtsentwicklung, bleibt dezimiert. Neubildung von Kapital ist nur wenigen, einzelnen möglich gewesen. Die große Mn„e der Aelteren, einst im Besitz sicherer Ruhegroschen, welkt immer mehr dahin und geht zugrimde. In der Schicht der Jüngeren gelingt die Erringung'selbständiger, wirtschastlich gesicherter Existenz nur den wenigsten. Das große Heer der jüdischen Angestellten und Arbeiter kämpft mit den christlichen Lerujsgcnosien den schweren Kampf uni das Eristenzminimmn. aus das die Reparationslast unerbittlich drückt. Auch wo der politische Antisemitismus im Abklingen begriffen ist. blieb in der geistigen Struktur und der gesellschaftlichen Anschauung vieler Deutschen ein bedauerliches Residuum zurück. Auf der anderen Seite hat die Erbitterung über die Jahre völkischen Herentanzes auch nicht wenige unserer Elanbensgenoffen im Eifer um die Erringung der Gleichberechtigung auf allen Gebieten ermatten lasten. Landesteile, auch im Süden und Westen, in denen freundschaftliches Zusammenleben zwischen den Konfessionen schon seit vielen Generationen üblich war, zeigen eine Rückwärtsentwicklung. Die Gemeinschaft aller gutgesinnten Deutschen, Christen und Juden muß auch aus gesellschaftlichem Gebiete schwankend gewordene Brücken festigen, neue schlagen lehren. Aus diesen Andeutungen geben sich die Wünsche künftiger Entwicklung von selbst. Je einiger das deutsche Judentum an ihre Lösungen gehen kann, um so erfolgverheißender die Arbeist Bei ihr sollen auch alle die willkommen sein, denen die harte Wirklichkeit gezeigt hat, daß diese Probleme nicht mit jenseitssernen Idealen, nicht mit glänzenden Träumen der Lösung näher zu bringen find. Diese Wünsche, soweit Menschenwerk es vermag, zu Taten werden zu lasten, ist für dieses und eventuell noch für manches weitere Jahr die Ausgabe des C. V. Dr. Bruno Weil. Sids bekennen! In diesen zwei Worten drückt sich das Leitmotiv unseres Denkens und Handelns in jeder Lebensminute aus. Sie sind das Motto auch über diesen ernsten Tagen, die das Judentum alljährlich als seine feierlichste Zeit begeht. Sich bekennen! Zu dem, was jedem angeboren ist! Sich bekennen zu demt wohin das Gesetz des Lebens jeden gestellt hat. Sei es aus Religiosität, sei es aus Solidarität, sei es aus innerstem Glauben, sei es aus verpflichtender Zugehörigkeit: Sich bekennen! Hier liegt die stärkste und sicherste Abwehr gegen jeden Angriff! Leopold Jessner.! I | Die Feinde, die Vorwürfe, die Vorurteile sinddie alten; der Kampf ist der alte; die Aufil f I y?i?sjf Laben sind die alten; der Mut ist der alte. Aber die Opferbereitschaft sollte bei wöiWr + vielen im neuen Jahr ganz anders und ganz neu fein. — Unser Kampf ist der Kampf um unser Recht. Es ist aber auch der Kampf um den inneren Frieden in Deutschland und um das Ansehen des deutschen Volkes als Kulturvolk. Eine Bewegung, die noch vor wenigen Jahren einen Teil der Jugend zum politischen Mord aufreizte, eine Bewegung, die noch heute deutsche Art mit Friedhosschandungen verleugnet, ist u n d e u t s ch im tiefsten Kern ihres Wesens. Die völkische Bewegung, die den Haß gegen eigene Volksgenossen lehrt, die Deutschland mit ungeklärten Rassevorstellungen in feindliche Lager auseinanderreißen will, muß um der deutschen Ein hei t willen bekämpft werden. Wir wollen auch in Zukunft den Kampf aufrecht und mit Stolz führen. Wir wohnen seit den Römerzekten als deutschsprechende Menschen in Deutschland; wir sind mit Deutschland verbunden wie jeder andere deutsche Bevölkerungsteil. Wir haben unsere Eigenart, unsere Tradition, die Geschichte unserer Gemeinschaft wie andere soziologische Gruppen. Der Sohn des Dauern, der sich bäuerlicher Herkunft schämt, der Handwerker, der nicht stolz ist auf das Handwerk, der Bürger, der zum Adel drängt, der Jude, der seine jüdische Abstammung verleugnen möchte, das sind die traditionslosen Gestalten, die mit Recht von der wahren Aristokratie verlacht, von der gesunden Demokratie verachtet werden. Der Centralverein (oll neben dem Kampf gegen tausendfaches Unrecht in Einzelheiten immer wieder dem deutschen Judentum die noch so vielach unverschloffenen Quellen öffnen, die den Stolz auf jüdisch-deutsche Vergangenheit und unser Recht aus Jahrtausende alter Verbundenheit dartum Mehr Stolz aus die Tradition der Gesamtheit! Weniger Eitelkeit aus persönliche vergängliche Erfolge! Die jüdische Internationale! Es gibt sie nicht! Der Centralverein wird auch weiter diesen Aberglauben, der jetzt auch schon Ludendorff zu einem Werkzeug dieser Internationale macht, widerlegen. Aber die besten überall in der Welt begreifen, daß Volk und Menschheit keine Gegensätze sind. Wir wollen es frei bekennen, daß wir um Deutschlands und der Menschheit willen den Völkerhaß bekämpfen. So steht auch weiterhin der Centralverein im Kampf für den äußeren und inneren Frieden. Wir find politisch verschiedener Meinung. Wir wären noch viel verschiedenerer Meinung, wenn die Rechte sich vom Antisemitismus lösen würde. Aber wir wollen den starken Staat. Wir wollen die starke Staatsautorität. Der Centralverein wird mit aller Energie die Bürgerkriegsgesinrrung bekämpfen und die Achtung vor der verfassungsmäßigen Staatsform vertreten. Die „destruktiven" Tendenzen, die man den Juden angedichtet hat, haben im Centralverein gewiß keine Stätte. Mehr Opserberettschast! Es ist eine Schande, daß der Eentralverein die Mittel nicht hat, um alle seine Aufgaben zu erfüllen. Die Nationalsozialisten haben den letzten Wahlkampf mit reichen Mitteln geführt. Wer für die Allgemeinhert, wer für seine Ehre, wer für die Zukunft seiner Kinder nicht einmal ein Zehntel von dem aufbringen will, was an sinnlosen, zwecklosen und schädlichen Aeußerlichkeiten vergeudet wird, der verdient sein Schicksal. Die große Masse der deutschen Juden ist in schwerer wirtschaftlicher Lage, ein erheblicher Teil in schwerer Sorge. Die deutschen Juden waren nicht die Nutznießer der Inflation. Das nationale Unglück hat auch uns schwere Wunden geschlagen. Aber nicht alle, denen eine größere Leistungsfähigkeit verblieben ist, tun ihre Pflicht. Ter Centralverein muß in Zukunft mit größerer Grobheit, als sie einem einzelnen gestattet ist, den Lauen und den Egoisten die Wahrheit sagen. Ludwig Haas, Mitglied des Reichstags..

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