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Central-Verein-Zeitung · 1928-09-14 · 37 (14.9.1928) · p. Seite 509

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
37 (14.9.1928)
Date
1928-09-14
Page
Seite 509 (sequence 5)
Language
German
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Wir haben ausser an unsere Führer an eine Reihe von Freunden zum Jahreswechsel die Frage gerichtet: ,,Vor welche Aufgaben stellt das neue Jahre die deutsche Judenheit, und wie kann der Centralverein zu ihrer Erfüllung beitragen?“ Wir freuen uns, dass so viele unserer Freunde uns in kUTzm Darstellungen auf diejenigen Arbeitsgebiete hingewiesen haben. die sie für die wichtigsten halten, und nehmen an, dass wie wir auch unsere Leser aus ihnen wertvolle Anregung schöpfen werden. „Erkenne dich seihst!“ Die Aufgabe unserer „C. V.-Ztg." verbietet, auf religiöse Fragen, welche dem Parteistreit unterliegen, einzugehen. lieber diese Hemmungen hinaus liegen allerdings eine große Reihe von Fragen, Forderungen, Notwendigkeiten vor, die einer Behandlung bedürfen. Vor allem die Beantwortung des Problems: Warum sind un d bleiben wir Juden? Gewiß gibt es viele, denen dieses Problem keine Frage ist. Aber — wir wollen die Wahrheit über alles lieben — die Mehrzahl ist sich über diese Frage, welche doch das Grundsätzlichste unseres Teins berührt, nicht klar. Und diese Frage mutz eine Beantwortung finden. Damit hängt eng zusammen der ungeheure' Mangel an Klarheit und Durchsichtigkeit in der Aufsagung aller entscheidenden Stellen unseres deutschen und jüdischen, unseres politischen und wirtschaftlichen Seins. Wohl schwerlich geht man in anderen großen Gemeinschaften mit so vielen Redensarten umher wie bei uns. Und dazu noch das Schönste: man verlangt von anderen, was man selbst nicht erfüllen möchte. ,st8leibt auf Dörfern, bleibt in den Kleingemeinden wohnen, legt das Einkindersystem ab, ergreift andere Berufe, ihr dürft eure Kinder nicht Kaufleute oder Akademiker werden lapen!" und tausend ähnliche Mahnungen. Blickt man um sich, so sieht mau im allgemeinen die Bereitschaft, auch nur einen Teil dieser Forderungen zu erfüllen, nicht vorhanden. Warum? Nicht aus Minderwertigkeit, sondern aus der gegebenen sozialen Gefamtlage heraus ist die Nichterfüllung vieler Wünsche zu verstehen. Aber auch eine ganze Reihe von so gekennzeichneten Idealen sind gar keine guten Wünsche. Müssen wir uns wirklich s o „umschichten", ist der Untergang des deutschen Judentums so ganz sicher? Diese Fragen können in diesem Zusammenhang um so weniger gelöst werden,, als sie so schwierig sind, daß man sie nicht mit einigen Sätzen der Erledigung zuführen kann. Kurze Antworten sind gewiß gut; nur gibt es in der Gesellschaftslehre leider zu viele Probleme, die sich nicht „kurz" beantworten lasten. Darum soll man zunächst die vielfach landläufigen Forderungen unter die Lupe nehmen. — In dieser Tätigkeit sehe ich eine Hauptaufgabe des Eentralvereins. Er soll in seinen Reihen für unbedingte Klarheit sorgen. Tann kann er den Gegnern des Judentums und der Judenheit ganz anders entgegentreten. Wir werden die Begriffe unseres gesellschaftlichen Seins zu klären haben: Raste, Blut, Volk, Abstammungsgemeinschaft, produktive Berufe; wir werden den Inhalt vorhandener Begriffe klären müsten: jüdische Religion, Zahl und Bedeutung der Juden, Wesen des jüdischen Menschen, jüdische Kriminalität, wir werden unsere Gegner kennenlernen jj müsten. um nicht plumjj Pen, von keiner Kenntnis g der Tatsachen getragenen jj Urteilen zu unterliegen, g sei es, daß man uns sagt: g Der Judenhaß war noch jj nie so groß wie jetzt, g oder: es gibt keinen Antig semitismus mehr, sei cs, g daß man die Juden für Z verarmt oder für o.ut gejj stellt erachtet, sei es. daß jj man meint, ein „tüchtijj ger" jüdischer Angestellter jj findet immer noch sein g gutes Fortkommen, oder W daß man den Wirtschaftü lrchen Boykott für unser „letztes Verderben" erachtet. Wir brauchen tätige Mit k ä m P.f e r und haben für unsere Aufgaben zu viel Mit l ä u f e r. Man wird die Maste allmählich dazu bringen müsten. über sich selbst klarer zu sehen. Das kann geschehen, wenn man auch in den Wegen sich den veränderten Zeitumständen nicht verschließt: Zunächst gilt es, die Ueberzahl der schon vorhandenen Vereinigungen nicht noch zu erhöhen und einzusehen, daß am Baume unseres Judentums nicht alles lebenskräftig ist. Hier gilt wirklich das Wort, daß man das auch noch stoßen sollte, was da fallen will. Tann sollte man an die Stelle mancher „Vorträge" Arbeitsgemeinschaften wirklich interessierter Menschen setzen. Das Vortragswesen ist bei uns zum Teil Bortragsunfug geworden. Die Leute klagen über „Ueberstüterung", sie haben die Vortrüge .statt". Man frage nch genau: warum? Auch diese Frage kann nur angedeutet werden. Aber es istt etwas faul im jüdischen Vortragswesen. Unsere deutsche Judenheit leidet an den passiven Existenzen. Wir müpen sie „aktivieren". Ist das gelungen, dann kann die Arbeit, den Nichtjuden das unbekannte Judentum und die unbekannte Judenheit zu zeigen, wirksam gefördert werden. Die Arbeit gegen uns ist immer unterirdischer geworden. Wir werden uns nur fördern können, wenn wir uns „in das Licht. der Qefsentlichkeit" stellen. Dazu muß der einzelne erzogen werden.- Darum fort mit jeder Ueberorganisation, an der wir so sehr leiden, fort mit altem verfaulten, unklaren Begriffen! Schaffung von Klarheit und Wahrheit über uns selbst: das bringt uns die Menschen und den Mut, die und den wir brauchen. Ludwig Holländer. Die Politik in den Vordergrund! Ein Querschnitt durch die Politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage der deutschen Judenheit ergibt im gegenwärtigen Zeitpunkt folgendes, hier nur skizziertes Bild: Die Reichs Politik ist durch die Wahlen zum Reichstag aus den Händen einer unter starker Beteiligung der antisemitischen Deutschnationalen gebildeten Regierung in die einer Koalitionsregierung gelangt, in der Zentrum, Demokraten und Sozialdemokraten eine den deutschen Jrrden als vorurteilslos bekannte Politik verfolgen und in der die Deutsche Volkspartei sitzt, die durch den Mund des Abgeordneten von Raumer in der Berliner C. V.-Versammlung vor den Wahlen nochmals ihre ablehnende Haltung gegenüber dem Antisemitismus betont hat. Ter Zusammenbruch der rein völkischen Parteien wird burd) häufig wiederholte Organ isationsänderungen zu verschleiern versucht. In den Ländern sitzen zum Teil, wie in Preußen. Regierungen, die die Gleichheit der Bürger H „Aufgaben der deutschen Judenheit und des Centralvereins M W im neuen Jahr/“ Das ist, wie der alte Fontane sagte, „ein weites |§ jj Feld“, jedenfalls zu weit, als dass man es in der Zeit der Erjj jj holung, die auch der Erholung von den C. V.-Arbeiten gewidmet W H ist, ku*z umreissen gönnte. Es ist auch wichtiger, die Meinung jj Ü unserer Freunde zu hören, als die genügend bekannte, Meinung ff H der leitenden Persönlichkeiten. Mich beherrscht am Rausch W Haschonoh vor allem der Wunscht dass das kommende Jahr das W gegenseitige Verständnis innerhalb der deutschen Judenheil §§ fördern möge. Niemand soll seine Art der Betrachtung inner- §j jüdischer Fragen auf geben. Jeder achte aber jeden Juden. der W H ernst und ehrlich mit sich ringt. Niemand fordere eine verfj H simpeln de CI eichmach er ei. Wir brauchen Persönlichkeiten und jj H für solche gibt es kein Schema. jj jj Karlsbad, den 6. September 1928. W W Justizrat Dr, Julius Brodnitz, W zum Prinzip politischer Lebensbetätigung gemacht haben, in einigen Ländern haben antisemitisch eingestellte Parteien ihren Einfluß noch zu bewahren gewußt. Aus diesem politischen Abriß laßt sich für die künftige Reichspolitik und für die eines großen Teils der deutschen Lander für die nächste Zukunft Aufrechterhaltung der Ruhe im Innern, friedliche Außenpolitik, Ablehnung jeder gesetzgeberischen ' Maßnahme, die irgendeinen Teil des deutschen Volkes 'unter Ansnahmereckll stellen könnte, erwarten.

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