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Central-Verein-Zeitung · 1928-09-14 · 37 (14.9.1928) · p. Seite 508

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
37 (14.9.1928)
Date
1928-09-14
Page
Seite 508 (sequence 4)
Language
German
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50$ Jacob Wassermann: Judentum. (.Fortsetzung). die sie durch eine unerforschliche Berufung bisher in der Welt aesprelt haben. Ties ist meine durch nichts zu erschütternde Ueberzerigung. Und was nun das Persönliche anbelangt, steht die Sache nüt mir so. Es auszudrücken fällt mir nicht leicht; es ist fast für mich sedst, wenigstens noch zum Teil, ein Geheimnis. Mit einem Geheimnis zu leben ist zwar quälend, aber nicht unfrnchrbar. Was ich damals dem Gegner eröfsnete, kann ich heute noch aufrechterhalten, obwohl mir. aus Gründen, die mich zu weit führen würden, die Dinge nicht mehr so sehr auf den Nägeln brennen. Ich habe mich ein ganzes Leben lang mit dem Problem herumgeschlagen, es von allen Seiten betünchtet, von allen Seiten durchleuchtet, habe seine Stchuerzen und Verstrickungen bis an die Grenze des Ertragbaren gespürt, habe die sozialen, die psychischen, die blutmäßigen, die geistigen Fundamente und Zusammenhänge erforscht, habe zuletzt noch, in der bedrängtesten Zeit, durch ein öffentliches Bekenntnis eine Zugehörigkeit seftgestellt, die zu konstatieren ich mich mehr aus äußeren, aus Stolz- und Lnßandsgründen als aus inneren verpflichtet fand, um schließlich die Entdeckung zu machen, ja, wie soll ich das sagen, daß ich eigentlich gar mcht mehr dort stand, wo ich zu stehen Hrubte. Ich war, ohne es recht zu wissen, über alles das einen Schritt hinausgegangen. Es kam nach und nach so, daß alle diese starren, bösen, hindernden, giftigen Vorurteile wie Krusten von mir absielen, und ich sah, daß dieses Judesein. wie es in der allgemeinen Auffassung bestand, für mich keine Gültigkeit mehr hatte. Wenn ich sage: für mich, so bedeutet das natürlich zunächst eine bescheidene persönliche Erkenntnis und Erfahrung; aber es geht doch im geistigen Leben so, daß einer einmal etwas gründlich erkannt und er¬ Die Ausgrabungen von lAegiddo. Zmm Aufsatz! "Palästina auf dem Deutschen Orientalistentage. // . K ObertsEÜd: Mauerec&e des Palastes aus der Zelt Jerobeams IL Unteres Eüd: Sitzender Löwe, wahrscheinlich Parfümgefäss, fahren haben muß, damit es, falls er irgend in Wahrheit lebt und denkt, auch zur Erkenntnis und Erfahrung der anderen; werden.kann. Ob der Vorgang auf meine Person beschränkt bleiben'oder ob er darüber hinaus Folgen haben und der Beginn und Anstoß einer Wandlung sein wird, das kann ich natürlich nicht wissen. Wovon ich hier rede, hat nichts mit billiger Losschraubung und verzweifelter Ausrede zu schaffen, i auch nichts mit Anpassungsgelüsten und AndersscheurenwoUen. t Nicht das tvat es jedenfalls, was mich zu einem traurigen Achselzucken veranlaßte, als mir mein Philosoph freundlich nahelegte, in das Land meiner Väter heimzukehren. Das Land meiner Väter; es ist barer Hohn; jeder italienische Marktflecken, jeder deutsche Dom geht tiefer in die Empfindung. Hat irgendwer in der Welt das Recht, mich, mein Bewußtsein, meine Form um siebenhundert oder tausend Jahre zurückzuwerfeu, auszulöschen, was durch die Sprache geschlechterlang in mich gestoßen ist, durch die Landschaft, durch die Geschichte, durch' die Kunst, durch das stumme Miterleben Jahrhundert um Jahrhundert? „Sie können mich zu einem Exilierten machen," rief ich meinem Philosophen zu, „zu einem Asiaten machen können Sie mich nicht." „Aber das Blut", entgegnet er mir. „Das Blut", sage ich, „ist bekanntlich ein ganz besonderer Saft, ich habe noch keinen Professor gefunden, der seine chemischen Veränderungen im Leus zweier Jahrtausende so genau analysiert hätte, um sagen zu können: einer sei zweifellos Julius Eäsars oder Karls des Großen oder König Davids Enkel, und achtzig oder hundert Ahnenhochzeiten hätten an der ursprünglichen Beschaffenheit und Reagens nicht das mindeste verändert. Mit der Genealogie der Menschheit sieht es nun doch ein wenig anders aus als mit dem Pedigree sür die Zöglinge eines englischen Rennstalls. Ich leugne nicht den Blutstrom, der mich trägt und nährt, j den gewaltigen bei Ostens, ich bin stolz darauf, ich glaube,! daß er Reichtümer enthält, vermittels welcher ich spenden und! schenken kann, aber warum sollte er mich entheimaten dürfen? i Sind nicht die Hunderttausende ausgewanderter Deutscher heute vollgültige und vollgültig genommene Amerikaner, auch wenn sie ihr Deutschtum vertreten, was sie durchaus nicht immer tun, was zum Beispiel im Krieg ein großer Teil von' ihnen sehr klüglich unterlassen hat? Sollen immer und immer wieder nur die Juden die Ausnahmen von den menschlichen, sozialen, biologischen Gesetzen und humanen llebereinkünsten sein? Warum? Wie viele Deutsche gibt es nicht, die noch vor hundert, vor fünfzig Jahren Slawen, Romanen, Skandinavier, Kelten waren, und die nun mit dem dicksten Knüppelnationalismus Deutschlands Antlitz verunstalten? Es hat dieses ganze Gerede über „die" Deutschen, „die" Juden keinen Sinn und Zweck. Angewandt auf soziale Erscheinungen, find es Hilfskonstruktionen und Ablenkungstheorien. Ich kenne nur Menschen, ich weiß nur von einzelnen Menschen. Für mich hat Gültigkeit nur die Gestalt, die Kategorie ist nicht meine Sache. Was die Gruppe am Individuum verändert, fällt erfahrungsgemäß in der Geschichte weniger ins Gewicht, als was das Individuum an der Gruppe verändert. Denunzierte Rassemerkmale sind in der Regel die Krankheitssymptome einer sterbenden, die Entartungssymptome einer überzüchteten Rasse. Als mein unerbittlicher Philosoph den Juden Mangel an Naturgefühl vorwarf, nannte ick) ihm bescheiden die Mendelssohnsche Musik zum „Sommernachtstraum", das Mahlersche .Lied von der Erde", ein Dutzend Bilder von Max Lreberrnann, Heinrich Heines .Lorelei"; wenn da überall kein Naturgefühl ist, und m Künstlern und Dichtern kommen ja nur die latenten Fähigkeiten der anonymen Masse zum Ausdruck, die in der Masse schlummern, so müssen wir eine neue Vokabel dafür finden. Die Bausch- und-Bogen-Kritiker vom Schlage meines Philosophen vergessen immer den historischen Tatbestand. Sie vergessen, daß seit der sogenannten Emanzipation noch nicht hundert Jahre verflossen find, und daß noch um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts sich ein großer Teil der deutschen Juden in mittelalterlicher Zwangshaft befand; hier in Bayern zum Beispiel war das demütigende Matrikelgesetz noch um 1850 in Kraft. Der Schritt von der Dunkelheit ins Licht geschah gleichsam ohne Uebergang, in fünf Jahrzehnten sollte eingeholt werden, was in einem Jahrhundert versäumt worden war: Mitleben, Mitschaffen, und das in einer widerstrebenden Welt, die die gleichberechtigte bürgerlickze Existenz nur als eine Gnade gewährte. Zweifellos hatten die Juden durch ihre Haltung dazu beigetragen, die Gnadenspender glarrben zu urachen, daß sie sich durch die Toleranz, die man gegen sie übte, geehrt und beglückt fühlen müßten. (Fortsetzung folgt.)

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