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Central-Verein-Zeitung · 1928-09-14 · 37 (14.9.1928) · p. Seite 507

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
37 (14.9.1928)
Date
1928-09-14
Page
Seite 507 (sequence 3)
Language
German
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507 Zu Rausch HüsHonoh 5689. Von Rabbiner Dr. Hugo Hahn (Essen). Einer der Philosophen des Altertums sagte: „Wenn wir wachen, haben wir alle die gleiche Welt, wenn wir träumen, har jeder seine eigene Welt." Die moderne Wissenschaft hat die Nichtigkeit dieser Beobachtung in ungeahnter Weise bestätigt. In den formen von Raum und Zeit bietet sich uns allen in derselben Weise die Welt unseres Wachseins. Im Traum sieht jeder seine Welt. In den Stunden der Arbeit mühen wir uns alle um die gleiche Welt. Im Traum baut jeder sein eigenes Schloß. Mehr als durch unser Gebaren im wachen Zustand verraten wir oft unser wahres Wesen durch unseren Traum. Wüßten wir mehr von den Träumen der Menschen, wir würden auch ihren Charakter bencr verstehen. Es würde sich schon lohnen, in einem Buch die Träunrs der Menschheit einzusangen und zu deuten. Was ist der Traum des Juden? Es ist kein Zufall, daß wir gerade am Rausch Haschonoh diese Frage stellen. Was ist natürlicher. als daß dem Menschen beim Beginn eines neuen Jahres vor allem jenes Wunschbild in den Sinn kommt, dem sein tiesstes Sehnen und Hoffen gilt. Rausch Haschonoh bleibt uns in der Tat die Antwort nicht schuldig. In fernem Gebet offenbart sich das Geheimnis der jüdischen Seele. „So bringe denn. Ewiger unser Gott, die Ehrfurcht vor Dir über alle Deine Werke und über alles, was Du erschaffen hast, damit vor Dir nicdersallen alle Geschöpfe und alle sich in einem Bund finden, um Deinen Willen zu Lun mit ganzem Herzen/ Das ist der Traum, dem sich das Judentum seit den Tagen seiner Propheten immer wieder hingibt. Man hat unseren Traum oft miß. verstanden. Man hat es so dargestellt, als ob damit ein Frieden unter der Herrschaft Israels geplant sei, als ob es „Alljuda " darauf ankäme, unter den: einschmeichelnd-en Klang der Friedensschalmeien die eigenen Macht- und Raffgelüste zu befriedigen. Man hat aber dabei übersehen, daß dies gerade den Unterschied zwischen Rom und Jerusalem ausmacht. Während man dort von einem Weltreich rein imperialistischer Prägung träumte, wird hier der Zusammenschluß der Menschheit unter Gottes Herrschaft gefordert. „An jenem Tag. wird der Ewige König sein überdie gcm,^ Erde, an jenem Tag wird der Ewige der Eine sein und sein Name der Eine/ Erst die Bindung an Gott, der Bund mit Gott gibt die Gewähr, daß der Frieden von Dauer ist. Wer mithelsen will, die Herrschaft Gottes heraufzuführen, der muß auf den eigenen Willen zur Macht verzichten, der muß Untertan des Gottesreiches werden können. Der FriAen. wie ihn die Propheten meinen, kann darum weder erzwungen noch durch geschickte - Kunstgriffe gesichert werden. Er ist nicht im Zrveckmäßigen, sondern im See¬ Jhnen durch diese Art von Dramatisierung den charakteristischen Zustand lebendiger vor Augen zu führen vermag, als es durch eine bloße Meinungssetzung von -meiner Seite aus geschehen könnte. Was mir an dein Gegner imponierte, das war seine UnbedingtheLt, seine geistige Unerbittlichkeit, Ich begriff ihn darin nicht mir. sondern seine Haltimg hatte auch etwas Erschütterndes für mich, und ich sagte ihm das auch. Ich fügte aber hinzu, daß mir bei alledem ein wenig Liebe fehle, nämlich bei ihm, und ich fragte ihn, ob der Mangel an Cortesia in geistigen Dingen' nicht ein deutscher Fehler überhaupt sei. Diese herrische Ungeduld, diese gepreßte und hochgespannte Leidenschaftlichkeit (was ja nicht ganz dasselbe ist wie Leidenschaft), die ich im Verlaus so vieler sachlicher Auseinandersetzungen beobachtet habe, ist eben durch ihre Sachlichkeit manchmal in Gefahr, unmenschlich zu werden/sie sieht im Andersmeinenden den Feind, und indem sie sich sofort in die eisige Höhe des Gedankens begibt, erklärt sie, manchmal bewußt, manchmal unbewußt, dem lebendigen Leben den Krieg. Mein Mann argumentierte zum Beispiel folgendermaßen. Als ich ihm bemerkte, ich hätte mit dem Zionismus nichts zu tun, fragte er nicht vielleicht nach den Gründen dieser Behauptung, sondern er berief sich anmaßend auf meine Seele, die mehr von mir wüßte als ich selbst. Das kostete mich nun doch ein Lächeln, denn hierin, wenn überhaupt irgendwo, weiß ich Bescheid, sagte ich ihm. Wollen wir doch einmal über die Judenfrage ganz offen sprechen, schlug ich vor. Ich sagte: der Grundirrtum, dem Sie verfallen sind, ist der, daß Sie die Juden als Nation bezeichnen. Das sind sie nicht, das können sie nie wieder sein. lischen verankert. Sein Werden ist an dre Bereitwilligkeit-der Menschen geknüpft, der Einheit Gottes eine Stätte auf Erden zu bereiten. Wer selbstische Zwecke verfolgt, hat diesen Traum verwirkt. Es gibt Krrtiker, die von der Idealität unseres Traumes überzeugt sind, ihn aber dennoch glauben ablehnen zu müssen. Er ist ihnen zu verschwommen. Sie vermissen in ihm die Anerkennung der in die verschiedenen Menfchengruppen hineingelegten Sonderkräfte. Sie befürchten, daß die Realisierung dieses Traumes eine nicht wieder gutzumachende Nivellierung des Menschengeschlechtes mit sich bringen müßte. . . Wie ungerechtfertigt diese Auffassung ist, zeigt das Gebet des Rausch Haschonoh selbst. Auf den umfassenden Wunsch um Einigung des ganzen Menschengeschlechts folgt unmittelbar die Bitte um die Erhaltung und Stärkung Israels. Das scheint ein Widerspruch zu sein, ist es aber nicht. In unseren Gebeten wird oft zuerst das Ziel, dem wir zustreben sollen, genannt, dann erst der Weg angegeben, auf dem das erhoffte Ziel zu erreichen ist. Das will sagen: Uns sind Judentum und Menschheit keine Gegensätze, die sich ausschließen. Das Judentum soll uns vielmehr der Weg sein, die Menschheit zu wollen und in uns anzubahnen. Der Umversalismus unserer Propheten bat darum auch nie gemeinschaftsauflösend wirken wollen. „Ter Ewige der Heerscharen spricht: Gesegnet sei mein Volk Aegypten und das Werk meiner Hände Assyrien und mein Erbe Israel/ heißt es bei dem Propheten Jesaja. Tie S-onderart jedes Volkes wird willig anerkannt, darüber hinaus aber der Zusammenschluß der Völker im Angesicht Gottes gefordert. Nicht vom Menschen schlechrhin ist bei der Ausmalung der ewigen Friedenszei-t in der Bibel die Rede, sondern es wird die Hoffnung ausgesprochen, daß jede Nation den ihr genräßen Weg zum Gottesberg finden wird. „Und es werden viele Völker und mächtige Nationen kommen, um zu suckln den Ewigen/ oder wie es derselbe Prophet an einer anderen Stelle im Auftrag Gottes sagt: „An jenem Tag lverden sich viele Völker dem Ewigen anschließen und m i r zum Volke sein/ Der jüdische Traum glaubt an den Weltfrieden trotz der Vielgestaltigkeit des Menschengeschlechts.' Er hofft auf Persönlichkeiten die wie die Propheten urit ihrer Volks- und Glaubensgemeinschaft aufs engste verbunden sind, darüber hinaus aber das allen Menschen Gemeinsame sehen und bejahen. Er meint: Wer im eigenen Bezirk sich bewährt, wird am ehesten im werteren Kreis nicht versagen. Es hat. den Anschein, als ob viele Leute in unserer Zeit Sehnsucht nach dem wahren' Frieden haben. An internationalen Kongressen und Zusammenkünften, die dem Weltfrieden dienen wollen, war in den letzten Monaten kein Mangel. Unser Rausch Haschonoh- Wunsch ist, daß sich der. Friedenswille imserer Zeit nicht in Resolutionen und wohlabgewogenen Beschlüßen erschöpfen möge, sondern daß sich in der ganzen Welt immer mehr Menschenfinden möchten, die im eigenen wurzeln, darüber hinaus aber das Menschheitsziel nicht aus den Augen verlieren; die. mit ihrer Tat einstimmen an den Traum unseres Neujahrsfestes, „auf daß sich alle Menschen in einem Bunde finden^ um den W i l te n Got t es zu tun mit ganzem Herzen./ Die Indem sind eine Summe von Individuen. Darin liegt ihr Verhängnis/darin liegt ihre europäische Vergangenheit, darin liegt ihre Gegenwart und wahrscheinlich auch ihre Zukunst. Gelingt es den Juden heute, einen Staat zw gründen, so werden sie vielleicht eine Nationsein, vielleicht als „Volk" gelten und anerkannt sein; Juden im bisherigen Sinn werden sie dann aufgehört haben zu sein. Wohlfahrt, staatliche Bindung, politische Wirkung, einen Rang zwischen den anderen zahlreichen nationalen Gebilden, wenn auch einen noch so geringen, werden sie sich möglicherweise erobern, ihre weltgeschichtliche Mission ist aber damit zu Ende. Ich erwähnte die Geschichte des Volkes Israel von Renan und wie überzeugend dort nachgcwiesen sei, daß alle die hohen gesetzgeberischen und moralischen Anlagen des Volkes erstarrten und zu unfruchtbarem Konventionalismus wurden, als sie aufhörten, Nomaden zu sein und sich in Kanaan staatlich und seelisch zur Ruhe setzten. Man kann, führte ich ans, dem Begriff des Nomadentums einen sehr hohen Sinn geben, z. B. als Berkündertum. Botenschaft, Vermittlertum; Unseßhaftigkeit als Schutz gegen Quietismus ist unter Umständen eine historische Sendung. Aber man muß vielleicht ein visionäres Wissen vom Gang der Dölkergeschichte und -geschicke haben, um solche Umstände als einen Vorrang gelten zu lassen. Nun, ich hatte solche Augenblicke der Vision, das darf ich ruhig sagen, und ich erinnere mich, daß mein intransigenter Philosoph ein recht verdutztes Gesicht machte, als ich mich zu dem Satz verflieg, man schlage die Juden tot, man treibe sie aus, man lösche ihre Namen von der Tafel der Geschichte, das alles wäre minder verhängnisvoll für das Schicksal der Kultur- Menschheit, als wenn sie selber sich aus der Rolle ausschalteten.

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