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Central-Verein-Zeitung · 1928-09-07 · 36 (7.9.1928) · p. Seite 493

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
36 (7.9.1928)
Date
1928-09-07
Page
Seite 493 (sequence 5)
Language
German
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4-3 M!ung. Und die Wirkung, die von dieser Erzählung ausgeht. ist dann sreilich nicht mehr Sache des Prinzips, sondern der sprach, lich musikalischen Begabung — der dichterischen Energie. So entsteht ein Werk, das vielleicht zum erstenmal in der unendlich langen Geschichte dieses großartigen Motivs dichterisch unmittelbar wirkt, ohne den aussichtslosen Versuch zu machen, Erfindungen willkürlicher Phantasie in die unvergleichlich starke Tradition hineinznzwängen. Es entsteht zu allerhöchster Anschaulichkeit das Bild eines zarten und reinen, gütigen und hochbegabten Menschen, der, beinahe ohne es zu wissen und ganz ohne es zu wollen, in die Mitte einer revolutionären Bewegung gerät und der in einer Situation, die Kampfkraft nach außen verlangt, tragisch zugrunde geht. Ein „Märtyrer" — ein Märtyrer gleich mancher wohlbekannten Gestalt unseres Zeitalters — gleich jenen, deren Andenken dies Buch gewidmet ist — ein Erliegender wird ergreifend sichtbar. Mit dieser wesentlichen Stärke ist denn freilich eine Schwäche der Ludwigschen Leistung verknüpft. Ein sehr menschlicher Vorgang ist hier mit großer Klarheit angeschaut und überzeugend zur Darstellung gebracht. Es ist auch nicht zu leugnen, day mehr als die Wglichkeit zu einem solchen psychologischen Gemälde in der Ueberlieferung steckt. Kann doch durch nichts die Bedeutung der Tatsache übertrieben werden, daß die einzigen Worte Jesu, die uns in seiner Originalsprache überliefert worden sind, und deren Echtheit gerade die Tatsache bezeugt, daß fast ein Wortwitz oder wenigstens eine Wortverwechselung an sie geknüpft wird (ein Zug, der für jede religiöse Erfindung viel zu klein wäre!), daß diese Worte Aufschrei der Verlassenheit, Klage eines Besiegten, eines furchtbar Enttäuschten sind. Die Möglichkeit und das Recht, von diesem Punkte aus das'Bild eines sehr edlen, aber unheroischen Menschen aufzubauen, eines Menschen, der sein Schicksal nicht gewollt, sondern nur erlitten hat — diese Möglichkeit kann an sich nicht bestritten werden. Aber indem Ludwig mit großem Gelingen diesen Bersuch durchführt, muß doch angesichts der ungeheuren Tradition, die an diese Gestalt geheftet ist, in uns ein Gefühl der Enttäuschung Platz greifen. (Und an diesem Punkt stimme ich. wenn auch vielleicht nicht in den Motiven, mit dem theologisck)en Kritiker sachlich überein.) Ter ergreifenden Gestalt Ludwigs sehlt es doch ganz an weltbewegender Größe. Wenn hier wirklich nur einer jener Märtyrer war, wie die Geschichte auch unserer Tage nur zu viele kennt, so bleibt die Frage offen, warum denn just an diese Gestalt die Geschichte eine so ungeheure Bewegung angeknüpft hat? Die mit Ludwigs Augen angeschaute, gewiß sehr edle und in sich wahre Gestalt gibt die Möglichkeit einer so ungeheuren Betonung nicht her. Hier ist die vielleicht unhiftorische Legende, die ein bewußtes und wollendes Leiden, um eines rein geistigen Prinzips willen in die Gestalt trug, hier ist die religiöse Transkription nicht nur großartiger, sondern letzten Endes auch überzeugender als die nur psychologisch begründete Wahrheit, der Ludwig dient. Aber man sagt, wie mir scheint, von einem Werk nichts Schlechtes, wenn man feststellt. daß es die Schwächen besitzt, die es um seiner ganzen Art und Absicht willen, um seiner besten Vorzüge willen besitzen m u ß. Nach meinem Gefühl hat hier ein deutscher Schriftsteller jüdischer Herkunft mit sehr viel Takt, Gewistenhaftigkeit und großer Kunst einen Versuch an einem der größten Themen der Geistesgeschichte unternommen, einen Versuch, der alle geistig interessierten Menschen beschäftigen muß und der als einer der möglichen Variationen des großen Themas immer zählen wird. Eine Arbeit, denke ich, deren sich keiner zu schämen braucht, der sich in irgendeinem ^inne diesem Autor zugehörig empfindet. Gedanken zu Mnolö Zweigs Schrift: „Juden auf der deutschen Huhne." Von Dr. Hugo Lachmauski. Arnold Zweig, allen jüdischen Dingen seit jeher mit leidenschaftlicher Anteilnahme zugewandt. Dichter und Kulturphilosoph, Soziologe und guter Europäer in einem, legt ein hübsch ausgestattetes Buch, „Juden aus der deutschen Bühne", vor*), für bedien Gegenstand ihn eigene dramatische Produktion sowie eine genaue Kenntnis der Sach- und PersönlichleitswerLe unseres Theaters legitimieren. Auch der Außenstehende weiß heute, daß die deutsche Bühne, als Kulturfaktor, von geistig-künstlerischen Kräften gespeist wird^zu denen die Juden als Dramatiker, Direktoren, Dramaturgen, Regisseure, Schauspieler Wesentliches beigesteuert haben, und so rechtfertigt sich Zweigs Versuch, ihren Anteil zwar nicht zahlenmäßig zu registrieren (eine Statistik, die übrigens das törichte Schlagwort von der „verjudeten" Bühne rasch ad absurdum führen würde), sondern in einzelnen weithin sichtbaren, maßgebenden Erscheinungen feftzuhalten. Freilich^ die Sehweite seines Blickes dringt hier über das Singuläre zum symptomatischen. Allgemeingültigen vor: was er über die gesellschaftliche Funktion des Dramas, was er ferner über die seelischen Wurzeln der Schauspielkunst zu sagen hat, kann Eigenwert und den Nerz einer grundsätzlichen Ideologie für sich in Anspruch nehmen. Dieser Reiz erhöht sich noch, indem aus den allgemeinen Erkenntnissen darstellender Kunst sehr fein die Unterschiede jüdischer und nichtjüdischer Schauspieler hergeleitet, ja, an einem markanten Beispiel wie K o r t n e r s und B a s s e r m a n n s „Hamlet" ausgezeigt werden. Einer solchen Differenzierung, durch Gegensätzlichkeit von Stammesmerkmalen und Wesenszügen hinreichend bedingt, geht der Derfasier allerdings in den anderen Kapiteln seines Buckes ans dem Wege: und Doch wäre es thematisch reizvoller gewesen — ohne daß die "Darstellung, wie er fürchtet, zur Monomanie erstarrt wäre — statt der mehr oder minder anfechtbaren Werturteile eine Konzentration auf das Spezifisch-Jüdische, statt noch so präzis formulierter •) WelL-Verlag, Berlin. Charakteristiken die geistige Physiognomie der einzelnen Persönlichkeiten aus der^jüdischen Perspektive heraus zu geben. Was verbindet z. B. Arthur Schnitzler mit dem Judentum? In welchen Stoffen, welchen Gestalten seiner Stücke lebt jüdische Weltanschauung, jüdisches Schicksal? Wo ist bei Franz Werfel, wo bei Paul Kornfeld der Jude erkennbar? (Man denke nur, bei Schnitzler und einer seiner stärksten künstlerischen Spiegelungen, dem sacht in den Tod gleitenden Melancholiker Stefan von Sala, an die Grundstimmung einer pessimistisch-feinnervigen UeberkulLur, wie sie oft gerade dem modernen Juden eigen ist: bei W e r f e l an den tragischen Dualismus in der Figur Thamals im „Spiegelmensch": bei K o r n f e l d an Die alttestamenLarischen Sprachgewalten in „Himmel und Hölle"".) Auch was die moderne Regiekunst, die sich in dem Treigestirn Brahm, Reinhardt, Jeßner Verkörpert, von der Seetenfarbe und der geistigen Wesenheit des Juden sichtbar werden läßt, wird zwar angedeutet, aber nicht ausgeführt. Bücher von der Art des Zweig scheu werden, wenn sie nicht in leeres Katalogisieren verfallen wollen, aus der Fülle des Materials immer nur eine Auswahl bieten können, die naturgemäß in das subjektive Ermessen des Verfassers gestellt ist. Aber auch solche Auswahl verpflichtet, und so hätte sich manche Lücke vielleicht schließen lasten. In seinem „Ostjüdischen Antlitz", dieser von feierlicher Liebe erfüllten Apologie des Ostjudentums, hat Arnold Zweig die Familie den „ungeheuren Grundstein der menschlichen Gesittung" genannt — ein Wort, das wir für das gesamte Judentum akzeptieren. Um so verwunderlickser, daß Zweig in dem vorliegenden Buche an den Stücken, die unmittelbar aus dem Schoße der jüdischere Familie entstanden sind, achtlos vorübergeht, ob sie nun einen höheren Kunstwort, im Sinne des von ihm so bezeichneten „Poetentheaters" dokumentieren, oder nur den „zweidimensionalen" Theaterstücken zuzuzählen sind. Als Repräsentanten dieser Gattung hätten also Nathansens vielgespieltes modernes Ghettostück „Hinter Mauern"", Rößlers Standard work „Die fünf Frankfurter" und unser auch im Spiegel der Bühne unvenoelktes ,Lettchen Gebert" von Georg Hermann wohl berücksichtigt werden müssen. Solche Ausstellungen verstummen indes vor dem Schlußteil dieses Buches. Er ist der W i l n a e r S ch a u s p i e l e r t r u P p e und der viebbewunderten Habimah gewidmet. Hier, jo fühlt man. Zu dem Aufsatz mder 5. Deutsche Orientalisteniaq in jSfftnM auf Seile 49q„

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