Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1928-09-07 · 36 (7.9.1928) · p. Seite 492

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
36 (7.9.1928)
Date
1928-09-07
Page
Seite 492 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2277379-2277781-2277817--04707-2285353
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

4 n seines Helden auf den Fehlern und Verderbtheiten seines 3iaaaiu'§ aufzubauen. All die Gehässigkei!err der geschichtlichen Karikatur, in die das Judentum im Neuen Testament getaucht wird, die aus der Kaw.pfperiode der entstehenden Neubildung verständlrch und^ verzeihlich sein mögen, werden hier zum Eckstein des Gebäudes gemacht und in tausendfacher Vergrößerung mit dem Pinsel des Künstlers vergröbert vorgeführt. Erst bei Ludwig erhalt das jüdische Priestertum und der treue Gottesgehorsam der Pharisäer die bigotte ^Fratze, werden die Schristgelehrtcn niedriger als Huren und Zöllner gestellt, um die Folie für eine Botschaft zu geben, die das älteste pharisäische Lehrgut war. wie cs TcL&jt christliche gerechte Forscher, wie z. B. H e r s o r d , längst anerkannt haben. 11 m f o n ft hat für Ludwig die Disienscke.sk des Judentums, Zuletzt noch Guttmaun in seinem prachtvollen Werk „Das Judentum und seine Ilnnvelt", den Irrsinn dieser historischen Verkennung aufgedeckt, Emil Ludwig fühlt sich berufen, dem Vorurteile neue Nahrung zu geben, den Besten seines stamme» den alten Schandfleck erneut wieder aufzudrücken. Und selbst das vermag er nicht. Er selbst muß dw^Unhaltbarwck seiner Darstellung an einer der erhabensten. stellen seines Werkes aussprechen, wenn er seinen Helden die erste Heidin heilen läßt, die dieser Zuerst von sich gestoßen, um sein „Brot nicht vor die Hunde" Zu werfen. Ta muß er ihm die Worte in den Mund legen: „Auch zu Elias'_ Zeiten gab es ^vwle Witlven, als der Himmel drei Jahre und sechs Monate verschloocn und eine große Teuerung im Lande war. Zu keinem aber Zonrde Elias gesandt, nur nach Sidon, zu einer heidnischen Witwe! Und als so viele Aussätzige unter den Juden waren, zur Zeit des Propheten Elias, da rettete er keinen im Lande, nur Amman, den Heiden in Syrien." S. 145. Wieso also in aller Welt gehörte ein Brechen mit der jüdischen Auffassu^ng dazu, seine Liebe einem Heiden zuz uw enden? Ter anklagende Mund Zeugt selber wider sich. Wir können deshalb dieses Buch nur bedauern. Es erscheint uns bei aller Schönheit im einzelnen mißlungen. Es ist mit schielenden Augen geschrieben. Die Predigt vom Himmelreich und der Armut wird liebenswürdig versüßt, daß sie ja nicht an die Nerven greift, indem der Künder Zu einem „Dichter", einem naturseligen Schwärmer gemacht wird, den eigentlich nur ein Mißverständnis den Weg des Täufers kreuzen läßt, dem der Ernst seiner Forderung erst durch Hindernis und Widerstand abgetrotzt wird. Ter Titel des Buches ist charakteristisch, sein Held ist ein Prophet, kein Messias. Im Begriff des letzteren liegt die sieghafte Allgewalt über Menschenherzen, „daß er die Erde schlägt mit dem <ckabe seines Mundes und mit der Gewalt seiner Lippen die Bösen überwindet". (Jes. 11.4.) Der Prophet kämpft und ringt um sein Ideal, der Erlöser führt es siegreich zur Verwirklichung. Indem L u d w^i g nur einen Propheten von Nazareth zum künstlerischen Vorwurf nch macht, hat er den Ursinn seiner Gestalt verändert und das Problem, das ihm ganz eigentlich erwachsen wäre, auf eine fremde, niemand befriedigende Basis gestellt. Julius Bah schreibt: Die vorstehende Bütbigiing des Werkes von Emil Llldwig war mir bekannt. Aber es scheint mir geboten, ihr eine Betrachtung aus einem anderen Gesichtspunkt entgegenzustellen. In den Streit der Theologen einzutreten, habe ich gewiß so wenig Beruf als Neigung ßohvcnZiß ober scheint es mir immerhin, festzustellen. daß dieser streit existiert, daß entgegen den Befürchtungen meines Vorredners schr viele christliche Theologen das Ludwigfche Buch mit starkem Beifall begrüßt und es geradezu als eine „Friedensörücke zwischen den Konfessionen" bezeichnet haben. Und daß namhafte jüdische Organisationen die Darstellung Llrdwigs so wenig als Kränkung des Judentums empfanden, daß sie den Verfasser mit ausdrücklichem Bezug auf dies Werk zu ihrem Ehrenmitglied ernannten. Es muß also auch vom Standpunkt der offiziellen Religionspstege aus die Möglichkeit geben, zu einer ganz anderen Bewertung des Ludwigschn Buches zu kommen. Mir sei es gestattet, hier auszusühren, was jenen, die von einem ganz anderen Standpunkt her sich diesem Werke nähern, erwähnenswert scheint, was sie bewundern und was sie verminen. — Wer sein Judentum als eine besondere, als eine sehr schwer beschreibliche, aber noch schrverer zu verkennende seelische Kraft besonderer Art erlebt, die seit Jahrtausenden oft ihre Erscheinungssonn und doch nie ihr letztes Wesen wechselt, und von der er sich in manchem wichtigen Sinne bestimmt und geleitet fühlt — dem fallt es schwer zu verstehen, wicho die Schilderung des jüdischen Eesamtzustandcs in irgendeiner geschichtlichen Epoche, sie mag nun richtig oder falsch sein, überhaupt eine Herabsetzung oder gar eine Verurteilung des jüdischen Wesens an sich bedeuten könne!? Daß die Predigt in den Evangelien sich an sehr vielen Punkten mit heftigster Energie gegen bemannte Erscheinungen im AÜtgenössi scheu Judentum richtet, ist nicht nur unleugbar, — es ist eigentlich auch gar nicht anders vorstellbar! Wie wäre denn zu irgendeiner Zeit, in irgendeinem Volke, ein Prophetz anders möglich geworden, denn als Protest gegen die Zustände seiner Umgebung? linddoch ist solch Prophet "immer der Stolz, niemals die Schande seines Volkes. Jene alteren Propheten, in denen wir die höchste und mächtigste Kraft jüdischen Geistes verehren, waren doch auch nur möglich, weil die Juden, unter denen sie lcb-cn. lehr starke Mängel zeigten, an denen sich der göttliche Zorn dieser großen Männer entzünden kolmte. Wenn man in den oeschichrlichcn schwächen jener Generationen mit Grund keinerlei Beweis gegen Lehre und Lebenskraft des Judentums gesehen hat, warum sollte solch Beweis dann in den Mängeln der Generation gefunden werden, unter der Jesus austtand. Als ein Abfall vom „Gesetz", jenem eigentlichen Sinn des Judentums, wird ja die Schwäche jener älteren Generationen beschrieben — im Grunde aber audj die jener späteren. Es ist ja ein Dort Jesu, daß er gekommen sei, nicht um das Gesetz a u f z u - heben, sondern cs zu erfülle n. Kein Gesetz, keine große Idee hat sich aber jemals in einer Generation rein realisiert. Immer (wenn auch vielleicht in etwas verschiedenem Grade) fand der reine Idealist Grund zu Trauer und Zorn und wird ihn immer finden. Denn die Forscher feststellcn können, daß auch die Ideen des Pharisäertums in vieler Beziehung rein und groß gewesen sind, so können sie doch unmöglich auch nur den Versuch madjen, zu beweisen, daß die große Mehrzahl der Menschen zu Jesu Zeiten auch dieser Idee gerecht geworden sind, wirklich ihrem reinen Wesen und nicht etwa einer sehr äußerlichen Formel nachgelebt haben. Tie Menschennatur spricht dafür, daß zu jeder Zeit das geistige Ziel von einer lebenden Generation nur unvollkommen erreicht wird. Die Predigt der Evangelien zielt aber mit höchstem Realismus auf die Praiis der lebendigen Menschen und niemals auf die Lehre selbst. Denn man sie also selbst als vollkommen begründet hinstcllt. so sagt das gegen die damals lebenden Juden nicht viel mehr als gegen die Menschen im allgenreinen; und gegen das Judentum besagt diese leidenschaftliche Predige so wenig wie die Strafpredigt irgendeines früheren Propheten. Im Gegenteil, dieses neue Hervortrcten der ideellen Kraft in ihrer Reinheit kann zu den großen Ruhmesurkundxn jüdischen Geistes gezählt w-erden. Tenn keineswegs kann die Entwicklung, die die christliche Kirche an die Gestalt des Verkünders angeschlosien und zu einem oft ftindlichcn Gegensatz gegen die Synagoge gebracht hat. uns zwingen, in der Gestalt und im Auftreten des Propheten selber etwas anderes zu sehen wie eine Krastäußerung innerhalb des Judenwms. Gerade darin besteht, wenn man ein speziell jüdisches Jnieresie sprechen lasten will, ein Hauptwort von Emil Ludwig s Arbeit, daß die Gestalt des Prophe^— 4'~rr*~- r~r* " 2C- Volk und ferner Zei gar mir seinem Dil_ _ .___ Milien jenes Judäa herauswachsen sehen. Ein anderer Wille als der, die rechten und reinen geistigen Konsequenzen der jüdischen Welt zu ziehen, weist Ludwig nirgends in der Gestalt seines Propheten auf, und das wäre auch tatsächlich kaum nwglich Es gibt kaum eine Berührung. gar keine Befruchtung, geschweige denn eine Hingabe dieses Geistes cm Ideen, die aus einem außerjüdischen Kulturkreis stammen. Was sich also hier gegen jüdische Realitäten eines bestimmten geschichtlichen Augenblicks wendet, ist die Urkraft jüdischen Geistes. Und niemand — der nicht enva. in dem Wahn lebt, gerade sein Volk erfülle die ganz unmenschliche Ausgabe: zu allen Zeiten, mit allen Gliedern seine Idee rein zu erfüllen niemand kann in Emil Ludwigs neuer Formung der evangelischen Tradition eine Verunehrung für das Judentum finden. Uebrigens war für Emil Ludwig gar keine Möglichkeit gegeben, das Verhältnis Jesu zn seiner Umgebung anders darzustellen. Ta er — gemäß der schönen und wichtigen Form, die er sich in den letzten Jahrzehnten an großen Themen erarbeitet hat und die er nun hier bewahrt — die Willkür historischer Lichtung ablehnt und nur dem unbedingt Zuverlässig Ueberlieserten durch seine Form, zu neuer Leuchtkraft verhelfen will, so kamen für ''alle Äscherungen und Taten seiner Gestalt nur die Texte des Neuen Testaments in> Betracht. Ludwigs einzige und allerdings entscheidende tertkritische Handlung besteht ja darin, die vier Evangelien als historische Tokumenre gelten zn lapen, so daß es nur einer Ausmerzung ihrer Widersprüche und einer chronologisch sinnvollen Anordnung ihres Materials bedarf, um eine Biographie aus ihnen zu entwickeln. Bereichern darf er das hier allein zu gewinnende Material aus anderen Quellen nur. soweit es sich um die Milieuschilderung, um die Darstellung des allgemeinen Zeitgeistes handelt. Don dieser Möglichkeit hat er allerdings bedeutenden Gebrauch gemacht. Tas soziale und geistige Bild, das er von Jerusalem im Wirbel dieser weltgeschichtlichen Dämmerstunde aufbaut, hat eine faszinierende Kraft, und es ist erstaunlich, mit einer wie neuen und brennenden Lebendigkeit viele der berühmtesten Anekdoten aus evangelischer Tradition auf uns wrrkcn, nur weil sie vor^den Hintergrund dieses Milieus gestellt sind! (Man lese etwa die Schilderung vom Einzug Jesu in Jerusalem und von dem ersten großen Austritt im Tempel.) — Hierbei ist dann freilich die andere Seite des Ludwigschen Prinzips wirksam: nämlich mit dem so kritisch und entsagend gewonnenen Material wie ein Künstler zu arbeiten, nicht wie ein Gelehrter. Während Renan > B. in seiner Erzählung noch in Anmerkungen und Klammern haufenweise sein Belegmaterial mitschleppt und schon dadurch, wie durch die Fülle kritischer Erwägungen im Text, den reinen Gefühlswert seiner Darstellungen schwer beeinträchtigt, läßt Ludwig alle Erwägungen, die ihn bei der Auswahl und Anordnung des SLoffes^besrirmnen, unsichtbar im Hintergrund. sind die BrivüLsache des Schriftstellers, sind nur Voraussetzung für das Werk, dem for Anteil des Lesers gebührt. Ter erhält eine durch nichts abgelenkLo. ncit künstlerischer Gegenuxrrt hinströmcnde Er-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.