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Central-Verein-Zeitung · 1928-09-07 · 36 (7.9.1928) · p. Seite 491

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
36 (7.9.1928)
Date
1928-09-07
Page
Seite 491 (sequence 3)
Language
German
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Ein vietumkämpltes Bath Ei wdlziß?Qg o © uuu Von Oberrabhiner Dr, Carlebadk Oberrabbistet Dr, Carlebach schreibt: In diesem Buche schreibt ein Sohn jüdischer Eltern nach beispiel- {p[en literarischen Erfolgen, die ihm Eingang in die breiteste Öffentlichkeit verschafft haben, eine Geschichte des Stifters der christlichen Religion. Wir Juden waren in dieser Hinsicht sonst besonders Zurückhaltend. Wir fühlten nie den Beruf, in historische fragen einzngreifen, in denen die feinsten unb zartesten Gefühle Andersgläubiger besonders empfindlich sind, bei denen allzu leicht der Verdacht auskommt, nicht das Streben nach Wahrheit, sondern Rechtijatem in eigenen Religionsanschauungen hätte uns die Feder geführt. Wenn jüdische Gelehrte in der Zeitgeschichte des Urchristentums das Wort nahmen, so geschah es lediglich in der Verteidigung, in der Abwehr v o n G e s ch i ch t s k l i t t e r u n g und historischen Vorurteilen, durch die mau die Ehre des Judentums in den Staub ziehen wollte. Tenn das ist das unglückliche Verhängnis in der Darstellung der Geschichte des Urchristentumssie wurde weniger die Schilderung der Geschichte eines Messias, eines Vollenders und tzrsülters, einer erlösenden und befreienden Persönlichkeit als eine Anklage der Vergangenheit, eine Herabwürdigung und Beschuldigung der großen Traditionen u n d G o st a l t c n des Indent um s. Um das: „Ich aber" des Neuen Bundes heranstreten zu lapcn, glaubte man dem Alten Bunde Lehren undichten zn müssen, die ihm gänzlich fremd sind. T-amit die ablehnende Haltung der eigenen Volksgenossen nicht der neuen Religionsbitdung entgegengehatten werden könne, scheute man sich nicht, deren Religiosität 31t verdächtigen, aus ihnen ein Zerrbild von hochmütigen Fanatikern und seelenlosen Formalitäten zu machen. Und anstatt schlicht zu sagen: der Messias habe die Zeit der Gnade und Liebe, der Verwirklichung und der Verzeihung heraufgesührt, wurde der alte jüdische Gott als der Gott der Rache und Grausamkeit, als himmlischer Tyrann und kalter Richter verleumdet, der seinen Anbetern gegenüber mit dem Himmelsbrot der Seligkeit kargt und es eifersüchtig Zurückhält. Seit zwei Jahrtausenden loaren wir so schiveigend Zeugen des Schauspiels, daß viele im Namen der Tochter d i e M u t t e r schmähten, mit immer wiederholtem Versuch, ihre eigene Reinheit von dem dunklen Hintergrund der dem Judentum eigentümlichen Gesinnungen und Handlungen sich strahlend abheben zu lassen. Während sie in ihrer Selbftgerechtigkeit jeden Andersdenkenden als von Gott verflucht erklärten, wollten sie die Kampfansage der ^elbstgerechtigkeit lehren; während sie von Religionswegen den verbrannten und Löteten, der ihre Glaubensformeln und Kulthandlungen nicht anerkannte, sollte ihre Religion eine Revolution gegen Priesterdünkel nnd Schristgelehrtentum darstellen. Don besonders bitteren Konsequenzen für uns war die Erzählung von der Kreuzigung auf Golgatha. „Tie Juden haben Christus gemordet!" das war die furchtbare Bösrede, durch die Millionen Kinderherzen in frühester Jugend vergiftet wurden, um derentwillen Unzählige unseres Stammes gelitten und den Tod erduldet haben. Was verschlägt es, daß alle Begleitumstände dem geschichtlich Unterrichteten zur Evidenz beweisen, daß nicht die Juden eine Kreuzigung haben verhangen können? Wozu sollten sie den Rex Judaeorum, der nur ihrer nationalen Eitelkeit hätte schmeicheln können, hinopfern! Wieviele Messiape waren bei ihnen ausgetreten: Welchen hätten sie je dem Tode überliefert? Propheten sind ihnen entstanden, die ihnen die bittersten Vorwürfe entgegengeschleudert; einzelne Klassen und Stände haben sie wohl befehdet und gehaßt als die herben Störenfriede ihrer satten Selbstsucht, wo aber hat je ein Sanhedrin sich an einem Propheten vergriffen? „Micha aus Mvrefcha hat prophezeit in den Tagen (Altona) und Julius Bab (Berlin)* des Chiskija und zu allein Volk gesprochen: Zion wird wie ein Feld gepflügt und Jerusalem zur Einöde fein. Hat ihn etwa töten lassen Chiskija, der König, und ganz Juda, haben sie nicht vielmehr Gott gefürchtet?"" (Jirm. 26, 18 und 19.) Aber hier soll ein Justizmord nicht zufällig, nicht aus der ewig irrenden menschlichen Schwäche, nicht aus der Siedehitze politischer Sturmzeiten, sondern ein ewig gegenwärtiger, unsühnbär die Generation besteckender Mord an einem Messias vollführt worden sein. Tas Kreuz, nicht ein jüdisches, sondern ein römisches Mordwerkzeug, wurde weniger das Symbol der Lebensüberwindung als die Anklage eines selbst unter dem Römerkreuze zermalmten Stammes. Emil Ludwig, der in feiner Seelendeutung der Welt die größten Tichter, die ersten Künstler und Staatsmänner psychologisch erschlossen hat, will der Moderne nun auch ihren Messias nahebringen. T-en als Sohn Gottes Verehrten will er als M e n s ch e n s 0 h n , den Heilbringer als Propheten und Künder aus der Sphäre vergottender Mystik in das helle Licht der seelischen Begreifbarkeit und inneren Geistesentwicklung bringen. Tie Aufgabe ist eine Quadratur des Zirkels. Bit tief taucht die religiöse Erzählung in das Glaubensmeer des Ueberftnnlichen, des Wunders ein, als das sie die Berührung mit dein lieberrationalen je abstreifen könnte. Sie gelingt Ludwig daher nicht. Tie -veilungen ans göttlicher Kraft mag man immerhin noch mit dem Zwielicht „suggestiver" Beeinstupung annehmbar machen; aber keine Suggestion wandelt Wayer in Wein. Mit leichter Gebärde hüpft Ludwig über diese Schwierigkeit hinweg: es bleibt ein holder Tämm er schein über diesem „Zeichen" gebreitet, so daß wir nicht recht^wiffen, was in Wirklichkeit geschah. Ter Kranke „scheint geheilt" (•<?. 102); dabei können wir uns allenfalls beruhigen; aber bei der Kraftprobe des fehlenden Weines, die Siegel nnd Bestätigung göttlicher Mission sein soll, versagt die Kunst des Wortes und der Schilderung; zuviel Wayer war in den Wein der Mystik gegosien, als daß ein klarer Aufschluß über die Echtheit des Wunderweins entbehrt werden könnte. Ltatt denen wird mit einem apodiktischen Schlußsatz jede Frage abgeschnitten: „Und dies war das erste Wunder des Propheten von Nazareth". (S. 94.) _ Was Ludwig also „aus der Geschichte seines Stammes" (<-. 9) hier im Geiste der Aufklärung erzählt, wo er „Geschichte schreiben und menschliche Charaktere aufbauen" (S. 11.) will, ist weder Geschichte noch Heiligenlegende. Es tut niemand Genüge. Es nutzt ihm die in seinem Munde nichr eben sympathische Entschuldigung nichts, daß „es nicht die Absicht dieser Schrift sei, den Glauben an Christi Göttlichkeit denen zu stören, die in ihm leben; vielmehr umgekehrt allen, die Jesus für eine erfundene Gestalt halten, feine Realität und Menschlichkeit zu beweisen." (S. 11—12.) Er beirrt den Glauben dennoch; anderseits gelingt ihm, dem Intellektualisten, ebensowenig, den Skeptiker aus der Bahn des Historischen sestzuhalten. Das große Schicksal des Menschensohnes kommt nicht über das Episodenhafte. Zufällige hinaus. Eine unglückliche Verkettung von Momenten, nicht eine innere Notwendigkeit der großen Tragik führt die Entscheidung herbei, bei der die eigene Mutter teilnahmslos verl/arrt, bei der elf der hervorragendsten Jünger, nachträglich die Lehrer der Menschheit, feige oder gar verräterisch beiseite stehen, die ein Schüler bewirkt, der die größte seelische Umwandlung durch seinen Meiner erfahren hat, der nur momentan „eine innere Leere" empfindet und „die unerträglich schwüle Sphäre der Erwartung in Bewegung bringen" wollte! (^. 227.) Was aber das Werk Ludwigs so wenig ehrenvoll charakterisiert, das ist die einzige Tendenz desselben, die Menschlichkeit die Rückkehr der Juden zur Erde verhindert. Bon der „Sünde" des Antisemitismus sagte Tolstoi: „Mir fällt es sehr schwer, den Seelenzustand der Menschen, die von diesem Wmhnsinn besessen sind, vorzustellen. Ich erinnere mich nie, jemals solche Gefühle gehabt Zu haben, und konnte sie auch nicht beim Volke bemerken; wenn ich mich aber darin tiefer hineindenle, sehe ich immer deutlicher, daß der Antisemitismus keine Anschauung, keine politische Ueberzeugung, keine Parteiansicht ist, sondern ein krankhafter Zustand, eine wilde Leideuschast; eine Lerdmnckjaft, die schon an das Gebiet der niederen erotischen Leidenschaften mit einer besonders ekligen Nuance grenzt." — Wenn in diesen Tagen Sowjet-Rußland in großartiger Weise den unsterblichen Sohn seiner Erde feiert, wenn die Menschen der ganzen Wcki. 'besonders aber die erwachenden Völker Asiens sich des großen Gunters zwischen Ost und West erinnern, Iv.nn ist es mtv psticht- 8-rnäst daß auch die über alle Länder zerstreuten, mit deren «Kultur Verwachsenen Juden Tolstoi s als cme§ Geistes gedenken, der bewußterweise altjüdische Ewigkeitswerte in den Tienst des Fortschritts der Menschheit gestellt Hai. * Unter dem literarischen Nachlaß Tolstois fand mau eine Unmenge von Briefen, darunter einen Brief, neben dem ein Strick lag . . . Tie Geschichte dieses Briests ist folgende. Während des schrecklichen Regimes des Ministers ^tolypin in Rußland, unter welchem die Juden seinerzeit so surchtlnr litten, lvaren es die Tichter Leo Tolstoi, Wladimir K 0 r o 1 e n f 0 und Marim Gorki, die sich immer gegen die Judenverfolgungen wandten. Graf Leo Tolstoi sandte einmal einen scharfen Protestdrief an die Regierung und an den zaristischen Hof, in dem er zum Ausdruck brachte, daß er — falls die schändlichen Verfolgungen gegen die Juden nicht bald aushörten — um Zusendung eines Strickes bitte, mit dem er sich erhängen wolle. Später, nach einigen Tagen, hat eine russische Hofdame wirklich einen Strick an Gras Tolstoi gesandt, damit er sich erhängen könne. Eben diesen Strick hat er mit seiner Brieckopie aufbewahrt. Tiefes Schriftstück wird jetzt in einer Sammlung seiner Briese in vielen Sprachen erscheinen. ° L. Wolf.

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