Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 36 (7.9.1928)
- Date
- 1928-09-07
- Page
- Seite 490 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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i 4*> Ohrenbläser murmeln, diese Menschen nicht erst recht als Typen erscheinend Aber wenn sie mitsamt ihrer Umwelt erscheinen. so find sie keine Typen mehr, sondern Menschen, und darauf kommt es uns an. Heber die „jüdischen"' Erscheinungen in der deutschen Romanliteratur kann man bisher fast verallgemeinernd sagen: es gibt Zwei Sorten Romanjuden, schwarze und weiße. Tie Schwarzen stammen direkt vom Shylock und sehen, ins Tauchbad unserer so grandiosen Zivilisation gesteckt und darin verjüngt und verharmlost, hernach so aus wie Siegfried Arnos Masken im Kino. Tie weißen haben entweder irgendeinen Buckel, wie Moses Mendelssohn, oder keine Frau, wie Spinoza, jedenfalls ist die Abstammung unverkennbar. Tie Outsiderstellung diejer Romantypen ist bedrückend. Merkwürdig, daß die Autoren das nicht spüren. Tiefe Autoren schildern die Juden entweder als edle Heimphilosophen oder als Jobber, als Snobs oder verdrängte Jeremien. Tiefe Anerkennung ehrt uns ungemein, aber die Autoren nicht im geringsten. Mehr Charaktere, andere Derhättlupe unter deutschen Juden fallen diesen Autoren nicht auf, während sie sich, wenn sie nicht am Schreibtisch hocken, mit jüdischen Intellektuellen zum Skat setzen, mit Jüdinnen ihre Chancen durchsprechen, mit jüdischen Rechtsanwälten ihre Prozesse führen und von jüdischen Aerzten ihre Grippe behandeln lassen. Alle diese jüdischen Mitbürger, mit denen sie zu tun haben, sind wirtschaftlich und sozial in der gleichen Schicht wie sie selbst, sind das, was man früher guten Mittelsrand nannte. Nehmen die A rrto ren in ihren Büchern vo n u n se re m Mittelstand Notiz? Nicht eine £fmv. Die Sorgen unseres Mittelstandes, der nach meiner Schätzung etwa fünf Sechstel aller Juden in Deutschland ausmachen dürfte, sind nicht die Sorgen jener Romansiguren. Tie Frauen dieser Schicht wünschen solide, nicht ungeistige, musikalische Männer, die Männer schlagen sich mit Anstand und nicht ohne Vernunft durchs Leben, die Kinder bringen Opfer, um weiterzukommen, und der jüdische Anteil am WerkstüdentenLum und an der Frauenberussarbeit ist großer und ernster zu nehmen, als man oberflächlich gemeinhin annimmt. Was steht davon in unseren zeitgenössischen Romanen, in denen so unverhohlen oder hinter den Kulissen die gebogenen Nasen die unentbehrlichen Marionetten wurden? Nicht^ eine Spur. Das also vermisien wir, diesen Roman vermisien wir. Her damit! Ein Tendenzroman? munkelt mein £hren- Lläser. Gott bewahre uns davor, nur keinen Tendenzroman, worin auf jeder dritten Seite ein Zaunpfahl zum Winken bereitsteht. Nichts ist uns so unsympathisch wie derlei Absichtlichkeiten mit schmetternden Fanfaren, die ans Kommando bald automatisch werden. Nein, aber in den letzten Jahren konsolidiert sich nach anglo-amerikanischen Mustern so etwas wie eine neue Sachlichkeit bei uns, abseits von den wortabertzlaubrschen literarischen Cliquen dürfen wir ja sagen, daß es der wiederausgenommene Realismus der Jahrhundertwende ist. unter dessen Banner wir mit so empfindlichem Vergnügen Biographien' und derlei Tatsachenerzählungen neuerdings goutieren. In der Romanliteratur der letzten Jahre halte ich für diesen Geschmack wohl Hergesheimers „Tampico" für das würdigste Beispiel. Das ganze Petroleumtebcn wird darin erzählerisch hingestellt, um drei, vier Menschen herum, die lebendige Kerls sind. 'Und darauf kommt es heute an: daß die Tatsachenwelt eines neuen Lebenskreises. erschöpfend dargesteüt, den Hintergrund abgcbe für das übliche oder neuartige Romangeschehen. Also, bitte, hier ist eine unerschöpfte, vielleicht unerschöpfliche Materie für einen sachlichen, modernen Roman: Leben, Glück, Leiden, Probleme deutscher Juden. Hier ist ein Tip, Das Thema ist kompliziert, darum desto ergiebiger.' Es mögen sich einige Autoren die Zähne daran ausbrechen, und wenn es der dritte oder siebente geschasst haben wird, wird sich der Roman lesen, als wäre er so mal nebenbei hemurungslos aus der Feder geflogen. So ganz nebenher, ganz ohne Winkpfähle der Tendenz, wie in Hamsuns Büchern die erschütternden Ereignisse, wird die Welt, das Leben der deutschen Juden dazwischen stehen, aber unumstößlich, ein für alle Male. Nun ja, wir wollen nicht drängen. Wenn wir es nicht mehr erwarten werden, irgendwann einmal über Nacht, wird dies Buch da sein. Bis dahin leben wir einmal dies deutsche Judenleben weiter, auch ohne daß es einer aufschreibt, so wie es ist . . . 9 ni n Zum 100. GeSurtstag (9. September 1928). Von Landgerichtsrat Tr. I. Stern (Berlin). Geniale Menschen, sofern sie vielseitig sind, irren zuweilen in der Beurteilung ihrer Leistungen unter dem Gesichtspunkte des Ewigkeitswertes. Goethe meinte, daß seine naturwissenschaftlichen Schriften seine Tichtungen überdauern würden. Immer aber verdient Beachtung, was das Genie über sich selbst sagt. In den letzten Jahrzehnten seines Lebens hatte sich Tolstoi (gestorben am 20. November 1910) immer mehr dem Srudrum der Religionen und der Philosophie des Lstens zugewandt, die „Gedanken der Weisen" gesanuuelt und gegen Ende seines Lebens den „Lesekreis" herausgegeben, den man als Grundlage einer allgemeinen Menschheitsrelrgion ohne Unterschied der Ranen und Bekenntnisse ansehen kann. Bon dieser Arbeit sagte Tolstoi: „Ich glaube, daß alle meine künstlerischen Werke unwichtig und und in Vergessenheit geraten werden, diese Arbeit aber wird bleiben, da sie der Menschheit zum Ruhen gereicht." (Bgl. Birukoff: „Tolstoi und der Trient", Zürich, 1925, 2. 14.) Und in der Tat hat der Weise von Jasnaja Poljana damit das Richtige getrosten.. Mag man seine Tichtungen, vor allem die großen Romane „Krieg und Frieden" sowie „Anna Karenina" noch so hoch schätzen, von denen Romain Rolland sagt, daß sie die ganze Romandichtung des 19. Jahrhunderts überragen, —hoher steht lind einflußreicher auf die Entwicklung der Menschheit ist, was Tolstoi als religiöser Denker und Wahrhcitsucher geleistet hat. Hier liegt auch der Ausgangspunkt seiner Stellung zum I u d e n t u m. Gra? Leo Rikolajewitsch Tolstoi war erfüllt von Lies religiöser Sehnsucht, vom Trange nach Wahrheit, von allgemeiner Menschenliebe, vom Wunsche nach Frieden unter den Menschen und Len Völkern. Tiefer Revolutionär und Kämpfer gegen die Welt für Wahrheit und Liebe war ein Freund der Welt und der Natur. Er sah Welt und Menschen unter dem weitesten Horizont. Er war, wie er selbst ausgesprochen hat, wesensverwandt mit Rousseau und betrachtete sich zum Kreise der Religionsschöpser und Propheten gehörig, die im ägyptischen, jüdischen, indischen, chinesischen, griechischen Altertum gelebt haben. To fühlte er sich denn, zrnnat in einer Zeit, da das Technisch-Materialistische das Seelisch-Ethische verdrängte, als Gewissen der Menschheit und war doch, vielleicht gerade deshalb, ein Mensch mit seinem Widerspruch. Audieser Weltanschauung Tolstois ergibt sich von selbst, wie er über Judentum und Juden gedacht hat. In vorgerücktein Alter lernte er Hebräisch, um sich in die Bibel und auch in den Talmud emarbenen zu können. So war er in der Lage, Bibel- und Talmudstellen mit den Aussprüchen weiser Männer aller Völler und aller Zeiten zu vergleichen. Taß er sich, erfüllt von Verständnis für Wesen und Bedeutung des Judentmns, oftmals schriftlich und mündlich gegen die Ausschreitungen des Judenhasses, namentlich bei Judenpogromen, gewandt hat, versteht sich von selbst. Gelegeurliche Aeußerungen. wie über das natronalegorstrsche Prinzip, der jüdischen Religion, andern nichts an dem Gesamtbilde. In seinen „Gesprächen", die T v l st o i. mit seinem Freunde T e n e r o m o in den Jahren 1885 bis 1908 geführt hat cherausgegeben Berlin), kommt er aus drei für das Judentum wichtige Fragen zu sprechen: Jüdische Kolonisation, ZionismuZ, Antisemitismus. Lei seiner Auffassung vom Bauerntum begrüßte Tolstoi die Idee der jüdischen Kolonisation in Rußland mit Freuden. „Es liegt etwas Aufrührerisch-Boshaftes in dieser wilden Halsstarrigkeit des verwilderten Beamtentums, welches mit blinder Wut daschon sowieso gequälte jüdische Volk bedrängt und quält. Was würde cs diesen papiernen Departements in Petersburg schaden, wenn sie dem erschöpften Bolle die Möglichkeit geben, sich von neuem an die alte, von ihnen so geehrte Erdarbeit zu machen! Man müßte ihnen ja nur irgendeinen Winkel zur Verfügung stellen oder nicht einmal das. sondern ihnen einfach erlauben, sich überall in den Dörfern anzusiedeln, und dieses von seiner zusammengekauerten Stellung erstarrte Volk würde wieder auslebcu." Tolstoi war ein scharfer Gegner des Zionisuars, der ihm als Ausfluß des Nationalismus wie eine Krankheit erscheint. „Tie wahre Tiefe des jüdischen Geistes ist gegen das abgesonderte, territoriale Vaterland." Als Feind jedes aus Macht gegründeten Staatswesens sagt Tolstoi den Führern des ZionismuZ: „Jede vernünftige Arbeit des vernünftigen Teiles der Menschheit ist gegen die Absonderung der Scharen. Und sie wollen etwas Hinfälliges beleben und nennen so ein wildes Bestreben Fortschritt." Ter Zionismus habe die herrliche Kcsouisativusbcwegung usurpiert, ihr eine unnatürliche und unnötige politische Verbrämung gegeben und dadurch