Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 36 (7.9.1928)
- Date
- 1928-09-07
- Page
- Seite 489 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Serlin, 7.September 1928 Vll. Jahrgang * Nr. 36 Llnzrlnummrr 10 Pfennig \ \ — -''(ye Allgemeine Zeitung des Judentums Fernsprecher: Amt D3nhof? 3594, 3595. Postscheckkonto: Berlin 30472. Bankkonls: Dresdner Dank, Wechsel» V _ r._ n £ /c-rvrx-.:vi L, .T« CD „ .T: TT7 Q BierteljahrSabonnernent x. V 1,20 ÜiM. (ZnrUgl. Bestellgeld). Verlag u. Echriflleitung: Berlin SW 63, Llndenstr. 13 . ß.f i G, Berlin- Sülfirnße Anzeigenannahme: 9Jr.r.p~£V.? Aedition f M Kornmlzeilenrnesser Nr. 4, Fami'---:-. und 6t$. : . »H I' I) mUTl liyi'l'FIII iHlll'll -rr .1 X HMSLJIJgOtlw ' i»,’ 'Me (nicht Stellenangebote) für Mitglieder ö. CcDtta^’cceins 0,45 JtlM. die 9U mm breite Reklamezeile 4,83 JUi. Es handelt sich darum, daß wir dutzendweise Romane in die Finger bekommen, die in Episoden oder Kapiteln, im Hintergrund oder Vorneweg in aller Deutlichkeit Verhältnisse deutscher Juden darstellen und daß wir mit der Art und Weise, wie wir in diesem Spiegel der Romane uns Wiedersehen müssen, keineswegs zufrieden sind. Man halt uns einen Spiegel vor, aber wir erkennen darin nicht unser Ebenbild. Es wird vorgegeben, wir feien so und so, und wir wißen, daß wir einer Verwechselung zum Opfer gefallen sind, das ist uns unangenehm, und die Folgen sind uns oft noch peinlicher, nämlich die falsche, die schiefe Orientierung derer, die sich auf die Uebereinsiimmung unser selbst mit unseren angeblichen Ebenbildern verlaßen und uns dann für Menschen oder Marionetten halten, die wir nicht sind, die nicht wir sind. Ein typisches Beispiel. In der Geschichte eines jungen Mannes, der nach Berlin kommt, spielt die seine Karriere entscheidende Rolle eine Tame in den besten Jahren, mondän, üppig, die Sinnlichkeit und Sünde persönlich, und im Nebenberuf Gattin eines Berliner Bankiers. Natürlich ist diese Tame eine Jüdin, und der Leser, der es nicht bester weiß, wird annehmen, sie sei „die" Jüdin, denn in einem Kunstwerk zählt für den Leser meist eine Person für die Gattung, zahlt einer für alle. In diesem Roman hier, einer unserer besten Romanciers hat ihn geschrieben, ist „die" Jüdin keineswegs etwa abstoßend dargestellt, sie ist eine tragische, mitleiderregende Figur. Aber sie ist die Frau eines Finanzmannes, sie ist seine Frau nur im dekorativen Sinne, ihr Erlebnis mit dem jungen Mann, den sie mit ihren Beziehungen managt, ist ein Ehebruch und nicht ihr erster, ihr Daseinszweck scheint außer der Liebe durchaus verhaftet zu sein in dem undurchdringlichen Netz jener sehr reichen Nichtstuer, aus denen sich die sogenannte Gesellschaft der Romane rekrutiert, das internationale Kapital, die jüdische „Elite" usw., man weiß, was 'gemeint ist. Weder die eine Figur noch die Darstellung ihrer Umwelt' wirkt an sich antisemitisch, darum handelt es sich nicht. Aber wem, welchem nichtjüdischen Leser, der weder in diese angeblich jüdische Welt der Hochfinanz, noch gar in die andere, die in Romanen kaum vorkommt, einen Blick geworfen, wem fiele es ein, daran zu zweifeln, daß diese Dame typisch für die Verhältnisse deutscher Juden ist? Es gibt in der Flut zeitgenössischer Romane eine Fülle von Darstellungen der „jüdischen Gesellschaft", die notorisch falsch sind. Sie sind verzerrt, entweder weil sie antisemitisch sind und weil kein Feind, nnd am wenigsten dieser Feind, ein ehrlicher, objektiver Beobachter und Beurteiler und dazu ein geborener Künstler sein kann. Oder sie geben ein falsches Bild, weil sie einseitig sind, weil sie aus der Vielfalt und Kompliziertheit der tatsächlichen Fälle nur irgendeinen herausgreifen, an dessen Uebereinstimmung mit seinem Urbild in der Wiedergabe gewiß nicht gezweiselt sein soll, der aber als typisch für das Gesamtverhältnis angesehen wird, ohne daß er wirklich typisch wäre. Wenn Herr Schulze oder Herr Müller uns Herrn Eohn oder Schlesinger zeigt als einen reizenden Menschen oder als einen Uebershylock, das ist hier gleichgültig, so mag das von Herrn Schulze oder Herrn Müller entzückend sein oder auch, um auf die Baume zu klettern; in keinem Falle wünschen wir — wir: das sind ein paar Hunderttausend deutscher Juden oder jüdische Deutsche — mit Herrn Eohn oder Schlesinger, sei es nun Herr Cohn persönlich oder sein Schatten, seine Karrikatur oder das Ideal von Herrn Eohn, identifiziert zu werden. Wir sind weder Nathan der Weise noch Schmarotzer, sondern ein paar Hunderttausend verschiedener Menschen zusammen, die sich auf eine Formel nicht bringen laßen können und in einen Anzug einfach nicht hineingehen. Man versuche also nicht, in dieser oder jener Form uns typisiert zu sehen, wir sind ein paar hunderttausend Typen, die Romansiguren, die wir nicht sind, nicht mitgerechnet. Es handelt sich also, wenn wir in den Werken unserer Generation und in den Büchern unserer Eltern „unser" Buch vermißen, um Himmels willen nicht darum, daß wir uns etwa einen neuen Typ wünschten, worin wir uns spiegeln könnten. Sondern wir vermissen einen Roman, in dem das Primäre, das von vornherein Gegebene, die Basis unser Problem ist, das P r o b l e m des deutschen Juden oder jüdischen Deutschen. Das Problem also als Fundament: darauf breit — von einer eminenten und umfassenden Breite, bitte — die Darstellung unserer Derhältniße, so wie sie sind, unverzerrt und nicht einseitig, und dann darüber mit allem Stuck- und Oruamenteukram in Gottes Namen die Menschen, an denen das Problem sich erhärtet und löst. Werden dann, mag mein JLt&ä d e m - Qf3,h,e&l£ s Oberrabbiner Br* CarlebaA (Altona) und || Julius Bah (Berlin): ß.Ber MensAensohn,“ U M — Br. Hugo Lachm&nski: Juden aut de? M D deutsdten Bühne• — Robert Neumann §| W (Wien): Ein neues Drama Emst Lissmuers, D — Br, Alfred Wiener: Der 5« Beuisme Orientalisteniag in Bonn,