Mannheim
Compact Memory

Von deutsch-jüdischer Jugend · 1928-08-31 · 8 (31.8.1928) · p. Seite 23

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
4 (1928)
Issue
8 (31.8.1928)
Date
1928-08-31
Page
Seite 23 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9221535-9549009-9549016--117-2285346
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

23 Z/oLe/- cier- /ückürcks/r ^u^enckoever/re DettL8ÄkQ^ck§). Einigung der jüdischen Jugend? — lautet die Frage, die Ern st Wolf) in diesem Blatte gestellt hat. Will man die Frage beantworten, so genügt es, die Tatsächlichkeiten und die Wirklichkeiten, in denen sich heute das Judentum uns zeigt, darzustellen und aus dieser Darstellung die logischen Konsequenzen zu ziehen. Vorweg: Bei allen Bünden jüdischer Jugend, die in Deutschland arbeiten, handelt es sich in erster und in letzter Linie um die Gestaltung des jüdischen Menschen in Deutschland. Das Material, mit dem gearbeitet wird, sind deutsche Juden. Tie Atmosphäre ist die der deutschen Juden. Die Vergangenheit, die verarbeitet wird, ist die der deutschen Juden. Und die Zukunft, die erarbeitet wird, ist die des deutschen Judentums. Damit soll ganz einfach gesagt werden, daß wir den ganzen Fragenkomplex unter dem Aspekt deutsch-jüdischer Verhältnisse zu betrachten haben; um die Notwendigkeit des jüdischen Menschen auf deutschem Boden geht es. (Daß die Neflerwirkungen und Anregungen, die von jüdischen Volksteilen außerhalb Deutschlands ausgehen, nicht verringert oder auch nur übersehen werden dürfen, rst selbstverständlich.) Im deutschen Judentum also haben sich die Verhältnisse so entwickelt. daß durch eine oft krankhafte und krampfhafte Jdeologiesiererei und Theoretiesiererei, um ihrer selbst, nicht um der Sache willen, eine Atomisierung der ehemals vorhandenen jüdischen Gemeinschaft sich ergab. Wenn man als die Symptome bestehender Gemeinschaft die gemeinsame Anschauung über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ansieht, so muß scstgestellt werden, daß es eine jüdische Gemeinschaft in Deutschland nicht mehr gibt. Das böse Breuersche Wort von den verschiedenen Konzessionen im Judentum besteht zu Recht. Das deutsche Judentum zerfiel also. Aus einer Gemeinschaft wurden viele Splitter. Periphere und zentrifugale Naturen gingen inr Wirbel verloren. Der Zerfall, sei es in jüdisch-politischer, sei es ig bevölkerungspolitischer, sei es in irgendeiner Beziehung, wird einer Lawine gleich, größer und größer. Man denke an die Mißstände im Wahlkamps, an Indifferenz, an Austritt, Mischehen, Geburtenziffer usw. Der Untergang der Einheit, der Gemeinschaft ist auch der Untergang des deutschen Judentums überhaupt. Erkennt man nun als die Voraussetzung aller jüdischen Betätigung den einfachen und selbstverständlichen Willen zur Erhaltung des deutschen Judentums an, so ist es unmöglich, sich mit theoretischen Erkenntnissen des Status guo zu begnügen. Jüdische Jugend, die in ^innerer Wahrhaftigkeit" ihren Weg geht, muß über theoretische Erkenntnisse hinaus und zur praktischen Tat kommen — zu der Tat, die not Lut. Schuld an den Zersallserscheiuungen ist, wie wir sahen, das Aufhören einer Gemeinschaft. Wollen wir dem Zerfall entgegentreten, müssen w'r also die Gemeinschaft neu schassen. Aus den letzten „Gemeinsamkeiten", die aber schon von Generation zu -Generation schwächer und eindrucksloser werden, muß, so lange es möglich ist, die Gemeinschaft neu erstehen. Tie Erfassung der historischen Aufgabe, der Erhaltung des deutschen Judentums, und des hisLor-° schon Momentes unserer Zeit, muß den Willen zur Erfüllung dieser Ausgabe nach sich ziehen. Die Aufgabe erfüllen heißt wohl: „auch äußerlich eine gemeinschastsbcreite Haltung einnehmen, roeil nur so der Idee der Weg in uns geöffnet werden kann." Es heißt aber noch mehr als das allein, es heißt: auch innerlich den Willen zur Gemeinschaft wachsen Zu lasten, diesen inneren Willen in der äußerlichen Haltung verwirklichen, von mnen nach außen leben, und so einen neuen Typ, den gcsamtjüdischon denkenden deutschen Juden bereiten. Es ist so, daß heute bei vielen, vielen jungen Juden die Sehnsucht nach neuer Gemeinschaft.lebendig ist. Daß m den Kreisen des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands seiner ganzen Einstellung und seiner Idee zufolge diese jüdische Not besonders stark und ursprünglich empfunden wird, versteht sich von selbst. T-aß aber auch in anderen Bünden diese Sehnsucht aus Wesen des Unbewußten zum höchst bewußten Nus wird; daß man an den Problemen, die man soeben erst noch mit einer Handbervegung abzutun wagte, nicht mehr vorbcikommt; daß sich Menschen, wie Ernst Wolfs, in koro pudlico mit diesen drängenden Fragen beschäftigen wüsten, das beweist die Verbreitung der peinvollen Gefühle und der „heibgen Unzufriedenheit", die jüdische Jugend bei der Beobachtung Weser Dinge heute empfindet. Wolfs wie jedem Nufer, muß gedankt werden, für den Ruf. Aber es muß ihm gesagt werden, daß einer, der „verzinnseit entdeckt", daß etwas schlecht und schlimm sei, rvenn er ein Führer sein will, verpachtet ist, es zu ändern und zu verbessern. Aufgabe eines führerischen Menschen ist es, nicht bei verzweifelten Entdeckungen zu verharren, sondern aus ihnen Konsequenzen Zu ziehen und "sie mit Mut in die Tat umzusetzen. Die Tat, die eine neue jüdische Jugend heute von ihren Führern erwartet, ist die Schaffung der Gemeinschaft bildender Gesinnung. Jugend, die sich in Bünden schart, hat zentripetale Kraft. Starke, junge Menschen müssen kurzer Zeit die Gegebenheiten des eigenen kleinen Bundes als klein und flach empfinden. .Wo die Einordnung in das große Ganze, organisch und organisatorisch, siehtt, muß die „Verflachung des Bundesgefühlts" die Folge sein. (Tie Aelterensrage cphört in diesen Zusammenhang, sei aber nur erwähnt.) Wo aber dis starken zentripetalen Kräfte zur Erfüllung der Ausgabe hingeleitcft werden, wo nicht nur rational bedingte, erkenntnis-theoretisch erklärte „erwartungsbereite" Gemeinschaft, sondern einfach erstrebte, gesühlsmäßia als nötig erkannte und bewußte, gewollte, lebendige gesamtjüdische Gesinnung bereitet wird, Gesinnung, die zur Gemeinschaft allein führt — dort ist dem WeiLenwillen der jüdischen Jugend, ihrer Sehnsucht und ihrer jüdischen Not Abhilfe geschaffen. Bei jedem Weg muß der erste Schritt vor dem zweiten gegangen werden. Soll gefamtjirdische Gemeinschaft neu geschaffen werden, so nu.ch zuerst ge s a m tzüd i sche Gesinnung da sein. Dia Bereitung gesamtjüdischer Gesinnung ist die Tat, die zuerst getan werden muß. Die Schaffung der Gemeinschaft selbst ist das zroeite, das auf das erste folgt. Das nenne ich organische Einung, daß, nicht unter Leugnung der Unterschiedlichkeiten des Heute, aber unter Betonung der Möglichkeiten und Notwendigkeiten des Morgen, alle jüdische Jugend sich Ln gesamtjüdischer Gesinnung eint. (Daß es gerade die Ausgabe unserer, der kommenden Generation ist, diese Tat zu -tun, ist evident, wenn die Schwerfälligkeit der Alten zu revolutionärer Neuerung erkannt ist.) So ergibt sich aus der Betrachtung des jüdischen Zustandes vor? heute in logischer Folge die Notwendigkeit der Schaffung neuer Gemeinschaft. Ties Zu tun, bedarf es zunächst der Bereitung gesamtjüdischer Gesinnung unter der Jugend, und somit ihrer organischen Einung. Die Frage der Auslösung der Splitterbünde wird unter diesem großen Aspekt kleinlich und nebensächlich. Was rst ein Bund von öM oder 1000 Menschen-, wenn cs sich um die Massen der jüdischen Jugend, der Zukunft des Judentums handelt? Ta jeder Geist nach seiner Form verlangt, da gesamtjüdischs Gesinnung nichts Luftähnliches ist, sondern ihres festen Rahmens bedarf, um zu wirken, so muß das Einschmelzen der Splitterbünde in den großen Bund der jüdischen Jugend Deutschland Ln dem AuAMblick erfolgen, wo allgemein die Jungen den Mut zur Aufgabe ihres bißchen bündrsche Existenz und zur Erfüllung ihrer historischen Aufgabe, ihrer Aufgabe finden. Man kann ^ier nicht kneifen. Man kann nicht erkennen und dann wieder nichts tun. Junge Menschen, Führer junger Menschen können das nicht. Erkenne ich die gefahrdrohende Situation des deutschen Judentums, anerkenne ich die Notwendigkeit und einzige Möglichkeit der Schaffung neuer Gemeinschaft und zunächst der Bereitung gesamtiüdischer Gesinnung — so muß ich über die Enge des Lplitterbundes hinaus und zur Weite des zukünftigen Großen Bundes gelangen. Jedes Kompromiß ist von Uebel. Das ist der Zwang, der aus dem logischen Zuendedenken entsteht. Wir aber müpen zu Ende denken und ans Ende kommen. Wir dürfen nicht die alten, ausgetretenen Wege weiLertrotten und uns darauf verlassen, daß die nächste Generation bessere Pfade und bessere Pfadfinder haben wird. Unser ist die Not, unser ist die Aufgabe, heute, und unser muß auch die befreiende Tat sein! Tagung der jüdischen Jugcttdgemcrnde Mannheim (ZL. und 22. Juli). Tie Jugendgemeinde Mannheim füll: einen Versuch zur Erneuerung jüdischen Lebens aus der Grundlage der Gemeinde dar. Sie will die zu einer rein organisatorischen Form entartete jüdische Gemeinde mit neuem Leben und schassendem Geist erfüllen. Sie geht dazu den Weg, den ihr im Prinzip die Jugendbewegung vorgezeichnet hat: Erfassung des jungen Menschen aus der objektiven Basis des Jungseins; hierzu fügt sie die Begrenzung der gemeinsamen Abstammung. Ten so in Gemeinschaft Lebenden sucht die Jugendgemeinde durch systematisch ausbauende Arbeit jüdisches Bewußtsein zu übermitteln, uw. so die ruhenden Kräfte zur Tat frei zu machen, lieber dis Lcbonsgestaltung der einzelnen kommt die Jugendgemeinde zur „Jüdischen L e b e n s g e ft a l L u n über die Rabbiner Dr. Crünewald, der Führer der Jugendgemeinde, referierte. SiegbcrL Stahl sprach über „Gemeinsame Forderungen jüdischer Jugend". Tie Aussprache, die sich im Gegensatz zu den oft allzu theoretischen Ausführungen von Grünewald, an konkrete Forderungen, wie aktives und passives Wahlrecht vom 20. Lebensjahr ab, Abschaffung der Karenzzeit, Abschaffung der Religwnsgeschichlsbücher, und Einführung der Quelle an ihrer Stelle zu halten hatte, ergab, daß heute Wohl Möglichkeiten Zu gemeinsamer 'Arbeit innerhalb der jüdischen Jugend gegeben sind, daß zu gemeinsamen Forderungen an die Umwelt die einzelnen weltanschaulichen Einstellungen zu sehr neben- und gegeneinander stehcn. A. L. Zweites Jugendtreffen in Brieselang. TaS zweite Jugendtreffen der jüdischen Jugcndbünde Berlins, die im Landesausschuß der.jüdischen Jugendbürrde Berlins zusammengeschlosftn sind, findet am 2. September d. I. in Brieselang statt. An ihm nimmt dis jüdische Jugend aller Richtungen Lei!. Anläßlich der SpOiLwettkämvse werden Wanderpreise, die von den großen jüdischen Organisationen, so auch vom Central- Verein und von Zeitungen gespendet wurden, zur Verteilung gelangen- Ter Besuch der Veranstaltung ist frei.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.