Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 8 (31.8.1928)
- Date
- 1928-08-31
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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22 All, zum Volk, zur Familie, zur Idee der Arbeit die Voraussetzung jedes Gemeinschaftslebens ist. Unsere Lage zeigt diese Beziehung in allen Punkten und im weitesten Umfange streitig. Sie zurückzugewinnen und aufs neue zu sichern, ist keine Angelegenheit einiger Entwicklungsjahre mit nachfolgender Resignation. Innerlich als notwendig empfundene lebenslange Arbeit mindestens einer Generation ist notig, um den verlorenen Anschluß wiederzufinden. Man muß, um das Konkrete der Aufgabe zu erkennen, beachten, daß es sich um brennende Entscheidungsprobleme handelt, die von jedem durch Tun oder Lasten jeden Tag entschieden werden, — blind, wenn es nicht anders ist. Pazifismus oder Nationalstaat? Rassenmischung (Mischehe unter religiöser Einung!) oder Rafsensonderung? Liberalismus oder Sozialismus? Hierher gehört auch der einmal mit voller Schärfe ausbrechende Kamps des Atheismus gegen die Lheistischen Religionen, eines Atheismus, den man nicht mehr als die Brandmarkung seelisch unzulänglicher Abtrünniger abtun kann, sondern irgendwo unter den neuerwachenden, zukunftsdrängenden Kräften der Menschheit aufsuchen muß. Der Freiheitsdrang der Jugendbewegung ergibt den Willen, das Mögliche zur Durchdringung dieser Probleme zu tun, die letzten Endes unter der Einwirkung menschlichen Geistes weiterentwickelt und gelöst werden. Er legt dem einzelnen um seiner selbst willen die Pflicht aus, zu einer begründete nEntscheidung zu kommen. In dem anderen Kernpunkt der gleichen geistigen Haltung steht der Wille, die natürliche Regung des Mitgefühls (bestes Gut unserer Väter und durch die gekommenen „besseren Zeiten" aufs stärkste gefährdet), wach und lebendig zu erhalten, auch wenn die geistwidrige „Trägheit des Herzens" die gebende Hand niederziehen möchte. Auch hier geht es um sehr konkrete Dinge. Wer Rolland, Wynelen, Wassermann verstanden hat, wo sie als Führer vor ihre Zeit hintrcten, sollte den Vorwurf der Sentimentaliät unterdrücken. Sozialisten und Nichtsozialisten sind darin einig, daß die Bewahrung dieser geistigen und seelischen Wachheit unentbehrlich ist, — mögen sie nun glauben, daß so der Sozialismus herbeigeführt oder, daß er erübrigt werde. (Da es sich hier um eine Absicht handelt, gemeinsame pädagogische Möglichkeiten für Sozialisten und Nichtsozialisten zu finden, wird die Frage an anderer Stelle gesondert behandelt werden und deswegen hier abgebrochen.) Seht man als Ziel der Jugendbewegung nunmehr das Entwickeln und Wachhalten jugendlich-radikalen Geistes — wie nah kommt eine einfache Formel den Parolen der Aufbruchszeit! — und billigt diesem Ziele die Rechtsstellung einer hinreichend konkreten Ausgabe zu, so ist das Aelterenproblem verwandelt in ein geistiges Grundgesetz jedes innerlich aktiven Mensche n. Sogleich offenbart es alsdann seine Verwandtschaft, ja Identität mit Grundforderungen, die nicht erst am hohen Meißner erklungen sind. Uns zeigt es allerdings stets das Gesicht unseres Erlebnisses, ein deutlicheres als das jener Überlieferungen. Seine allgemeine, überpersönliche Formulierung will dem einzelnen noch wie Gewalt erscheinen, erst Einrichtungen werden mit ihm versöhnen. Einstweilen ist es genug, wenn jeder es empfindet. Daher sind Kollektivleistungen der Aelteren aus der Jugendbewegung entbehrlich und gegen die Zeit. Tannt fällt auch das Bedürfnis, die Aelteren zu organisieren, im Grunde weg; wo es gefühlt wird, saßt man die Bewegung noch etwas äußerlich aus oder braucht Betrieb. Nötig ist das Bewußtsein, daß Kameraden links und rechts den gleichen Weg gehen, nötiger die Schar der folgenden. Beides findet der einzelne Aeltere in dem Bund, dem er entwachsen ist, ohne ihm fremd zu werden. BsFÜrn einer' AllLLp/nake ^rr/n SieiLimernrigerr Zu/- sackL in iV?. Lttrt §ieirr/rrr/'rik fZer/i/r).' Wenn ich zu diesem Thema kurz Stellung nehme, so möchte ich mich dahingehend beschränken, daß ich sage: „Einigung der deuLschjüdischen Jugend?" Erstens würde ein Hineinbeziehen der zionistischen Jugendsrage im Rahmen eines TiskussionsbeiLrages zu weit führen, und zweitens bin ich der Ansicht, daß man mit diesem Teil der jüdischen Jugend nicht rechnen kann und darf, wenn cs sich einmal um die absolute programmatische und organisatorische Einigung der jüdischen Jugend Deutschlands handeln sollte. Mit dem „Galnth" kann man schließlich keinen Frieden machen, wenn man sich als aufrichtiger Zionist wirklich fremd fühlt, ich stimme höchstens gern Ernst Wolss darin zu, daß man hier inossizielle Bindungen zwecks sozialer und erzieherischer Arbeit eingehen kann. Ich komme damit gleich zum ersten der zwei Punkte, zu denen ich mich äußern möchte: Genügt eine solche lose Bindung vorläufig auch für die deutschjüdischen Bünde? Ernst Wolfs sagt, daß derWillezurEinigung beim größten Teil nicht vorhanden sei. Ich setze dies ebenfalls voraus und bedauere diese Tatsache, allerdings aus einer Einstellung heraus, von der noch die Rede sein wird. An dem Fehlen eines Einigungswilleus tragen die -Führer der deutschjüdischcn Bünde auch ein gerüttelt Maß Schuld; ich bin der Ansicht, daß eine Einigung der deutschjüdischen Jugend zwecks Erziehung eines fest zu Deutschtum und Judentum haltenden Generation eine unbedingte Notwendigkeit ist. Der große deutschjüdische Jugendhund, der jugendlich, aber unromantisch in seinen Arbeiten sein soll, der bewußt die Ideen des Centralvere'ms zu den seinigen macht, ohne vorn Central'oerein etwa die Führer oder alle Arbeitsformen zu übernehmen, muß noch geschaffen werden. Es ist das gute Recht desjenigen, der die d-eutschjüdischen Bünde nicht für fähig hält, eine Einigung unter diesem Gesichtspunkt herbeizusühren, sür diesen großen und umfassenden deutschjüdischcn Jugendverband zu plädieren. Ich bin trotzdem fest überzeugt, daß ein ganz erheblicher Teil der in den bestehenden Bünden organisierten Jugend rrüihelsen und die besten Pioniere stellen würde. "(Eine bedauerliche Erscheinung Z. B. ist es, daß andauernd kleine, neue Bünde entstehen, die lebensunfähig sind, und zwar unter Führern, die längst gelernt haben müßten, wie man es nicht machen darf, wenn man die Gefolgschaft nicht verlieren will.) Die jüdische Jugend des heutigen Deutschland, genau wie die andersgläubige, denkt zwar ideal, aber unromantisch, eher könnte man sagen, sachlich, und so muß sich die Arbeitskreise eines großen Bundes der deutschjüdischen Jugend danach richten. Sein Zweck müßte cs sein, die Indifferenten, die wertvoll sind, aber wegen der Engherzigkeit, mit der die bestehenden Bünde den Aufzunehmenden empfangen, sür unsere Sache vcrlorcngehen, zu interessieren und sie der Arbeit für Deutschtum und Judentum zu gewinnen. Jeder hat das Recht mitzuarbeiten, und zwar ohne Rücksicht auf seine Lebensformen, sofern dieselben menschlich und sittlich anständig sind. Es ist wirklich für den denkenden Juden nicht leicht, 1928 und weiter in Deutschland zu leben; man kann die jüdische Jugend in diesem Lebenskampf.nur dann stärken, wenn man sich auf breiter Plattform unter enger organisatorischer Bindung zusammensindet. Noch ein Wort zum Punkt zwei „jüdische Arbeit". Ernst Wolss betonr mit Recht, daß die Auffassungen in den Bünden stark Luseinandergeheu. Ich verstehe das, soweit es sich um die Frage orthodox oder liberal handelt. In diesem Punkte kann der große deutschjüdische Jugcndverband seelenruhig neutral bleiben, denn die Gegner von Deutschtum und Judentum stehen ganz wo anders. Im übrigen möchte ich jüdische Arbeit-dahingehend getrieben wissen, daß überhaupt einmal das Juterepe sür die Religion, ihre Werte, den Werdegang unserer Gemeinschaft, ihre Literatur und Philosophie geweckt wird. Ich möchte kühn sein und behaupten, daß die Fahrten nicht das Hauptinteresse beanspruchen sollen. Wenn ich nun höre, dieser Vorschlag ist nichts Neues, und so Verfahren die deutschjüdischcn Bünde seit langem, so bemerke ich, daß Ernst Wolfs viele Gruppen zu kennen sck-eint, die solck)er Arbeit völlig sernstehem denn sonst würde er wohl nicht die Unterschiede der Auffassungen betonen. Für eben diese Fernstehenden ist dann, ganz sachlich gesprochen, im dcutschjüdischen Bund der Zukunft kein Platz, dazu benötigen wir keiner philosophischen Diskussionen an Lagerfeuern usw., denn sie verschulden vor* allem viele Krisen und Sezessionen. Wer die Initiative ergreifen wird, sei dahingestellt; die Beilage für die deutschjüdische Jugend müßte ganz groß verbreitet werden. Ich bedauere z. B., daß ich auf meinen Beitrag „Zur Aeltcrensrage" hin keine einzige zustimmende oder ablehnende Zuschrift erhalten habe, abgesehen von einigen mündlichen Unterhaltungen. Es ist eben leider so, die In differenten sind unbewußt der größte deutschjüdische -Iugendbnnd: daß er l^ld ein bewußter rverde, ist wert, Glaube, Ziel und Hoffnung Zu sein, wenn auch die bestehenden Bünde wegen ihrer geringen Verbreitung dies Ziel nicht erreichen werden.