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Von deutsch-jüdischer Jugend · 1928-08-31 · 8 (31.8.1928) · p. Seite 24

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Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
4 (1928)
Issue
8 (31.8.1928)
Date
1928-08-31
Page
Seite 24 (sequence 4)
Language
German
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24 Mc/rt §s/bLtiE§Qku/rg—s^Lr/rv/reit. Von //. Loewent/Zol frVellLL n.?c/r.) „Große Dinge verlangen, vaß man von ihnen groß redet. Groß, das heißt zynisch und in Unschuld." (Nietzsche) Wenn Herr Dr. Felix Gold mann am Schlüsse seiner zusammenfassenden Ausführung „Autorität" in der Nummer der „E. B. - Zeitung" vom 27. Juli in der Beilage „Don deutsch-jüdischer Jugend" die Forderung ausstellt: „Mehr Judentum, weniger Jugendbewegung", so müßte man ihm recht geben, wenn das ganze Problem eine bloße Willensfrage wäre. ,Die Schwierigkeiten in fast allen Kreisen der jüdischen Jrlgendbewegung. das schwanken, das Diskutieren, das Thooretisieren rühren aber daher, daß man weniger die starke, geschlossene jüdische Grundlage als die subjektive, haltlose, ewig sich ändernde Forderung der Jugendbewegung betont", sagt er zum Schlüsse. Aber gerade hier liegt die entscheidende Verkennung der Tatsachen, die heute ganz allgemein ist: Man betont die Forderung Her Jl^endbewegnng gegenüber der „geschlossenen jüdischen Grundlage" nur, weil die letztere bei der Melzrzahl der heutigen jüdischen Jugend kaum noch existiert. Man muß sie betonen, um überhaupt noch etwas Positives zu haben. Es muß das, so nied-erdrückend es klingen mag, einmal schonungslos ausgesprochen werden. Man heilt eine Schwäre nicht dadurch, daß man sie verhüllt. Man muß sie, ungeachtet der Schmerzen, ausschneiden. — Ist es angesichts des Mangels jeglicher positiver Weitaus ch a u u n g zu verwundern, wenn sich ein Teil der heutigen jüdischen Jugend, um wenigstens ein Etwas zu haben, rein gefühlsmäßig zum rassisch begründeten Zionismus binwcndet, wenn ein anderer Teil völlig resigniert, und kindlich ein drittc-r, der beste, da er ringt, sich mangels positiven Neligionslebens aus subjektive, verschwommene Forderungen beschränkt, ja beschränken muß? Der Optimismus ist heute viel zu groß. Sagen wir es laut — cs muß gesagt werden —, der großen Mehrzahl der jüdischen Jugend fehlt nicht nur, wie Herr Tr. Goldmann meint, das jüdische Erleben, nein, es fehlt ihr sogar die stoffliche Grundlage, und mit ihr, die Fähigkeit dazu. Las Problem liegt nicht in unserer weltanschaulichen Einstellung, es liegt vielmehr in der Zeit, die uns jüdischer Religion und Kultur entfremdet hat. Aber das Schlimmste: ein Großteil, der grüßte Teil, derer, dis es angeht, die sich wenigstens noch zu einer äußeren Stellungnahme verpflichtet fühlen, wagt nicht, das einzugestchen, und gelallt sich nach wie vor in einem hoffnungslosen Kultur- und ReligionsoptimisEs. Man spricht über Religion und Weltanschauung, aber sie selbst redet nie. Unw tvarum? Weil man ste gar nicht mehr kennt, setzen wir uns doch nur die Themen aller Tagungen an, auf denen von ihr die Rede sein sollte. Es wird über ste hin weg geredet, oder sie wird gar nicht erst in den Kreis der Betrachtung gezogen. Man vergleiche beispielsweise nur einmal den Bericht über die Pfingsttagung des neutralen Jugendverbandes in derselben Nummer vom 27. Juli. Nein, uns jungen Juden, ob bündnch oder nicht — und nicht nur uns Juden, denn diese Erscheinungen und allgemein — bleibt nur eines übrig: Wahrkeitsfanatiker zu sein, alle seichte, optimistische Selbsttäuschung beiseite zu lassen, unsere Lage zu erkennen, aber dennoch — die Herzen uffenzuhalten, wach zu sein. Willig und ausdauernd mimen wir um eine Wcltanschainmg ringen, bis wir uns — vielleicht — eines Tages wieder zur Religion Zurückfinden, auf daß sie nicht mehr wie heute Gegenstand äußerlicher Tagungsschönredner, sondern Größtes sei. Für uns gilt Las Hamlet-Wort: Bereit sein ist alles! (Tiefer Gedanke beginnt sich auch bereits in den deutsch-jüdischen Bünden durchzusetzen. Man vergleiche daraufhin den oistnen. ehrlichen Aussatz von Gcrard Fein in dem „Kamcraden-Blatt" Nr. 28, der die Tinge hinzunehmen verstecht, wie sie einmal sind.) ZÄkLQLÜen Vom 8. bis 5. August fand in Neu-Ajel, nächst der Edertalsperre, der diesjährige Bundestag der „Kameraden" statt. Er gab dem Beschauer Gelegenheit, am Leben des -Bundes seine gegenwärtige Lage und seine Bedeutung innerhalb der jüdischen Jugend kerrnenzulernen. Zunächst fiel Die starke Beteiligung auf: nahezu sechshundert Jnngens und Mädels aus ganz Deutschland waren gekommen. Alle zeigten tadellose Haltung, stets freie und frohe Einordnung aller Jungen und Mädels in das Ganze, nicht weniger Disziplin auch im Denken und Sprechen. Man spürte, wie sehr die Erziehung im Mittelpunkt der ganzen Bundesarbeit steht und von Leitung und Gruppenführern ernst genommen wird. Sie zeigt nch frei von Utopismus und Illusionen und geht, ohne Opportunismus zu treiben, vom Leben und seinen Problemen aus, die ohne Scheu betrachte und praktisch gelost werden, sollen, in Erörterung (z. B. einer Arbeitsgemeinschaft über seruelle Erziehung^ und Ausführung (ständiger bewußter Einwirkung aller Führer durch Beispiel und Wstchnung). Nicht weniger als für dis Jüngeren ist der Bund eine vorzügliche Schulung für die Führer, denen die Arbeit in ihm viel Vcrsntwortungsbewußstein und dis Fähigkeit, mit Menschen umzugehen und den Dingen fertig Zu tverden, verleibt. Die Veranstaltungen zeigten, daß im Bundssleben ein gesunder Ausgleich Zwischen Körperlichkeit und Geistigkeit herrscht. Unter den ernstbasten Wettkämpfen in Sport und Spiel litt die geistig» Arbeit weder im Umfang noch in der Tiefe. Tie Gesinnung, in der sie geleistet wird, ist Erziehung zum reinen Menschentum durch Jugendbekoegung. Man will eine neue und bessere Welt ausbauen, vor allem durch Seldstcrziehung. dann erst durch Auswirkung des so Erzogenen. Die alte, zu überwindende Welt sehen viele mit der „bürgerlichen" Wirtschasts- und Gesellschaftsordnung gleich. Es war spürbar, wie stark der Sozialismus die Geister beeinflußt, ohne daß etwa der Bund, oder auch nur wesentliche Teile in ihm, sich mit ihm identifizieren und ohne daß er anderseits sich als eine Scheidelinie darstellt. Am klarsten ging die polnischsoziale Anstauung der Bundesmitglieder aus einer Arbeitsgemeinschast über den „Weltbund der Jugend" hervor, in der sich eine entschiedene, aber evolutionär aufbauende Einstellung für Frieden, Zusammenarbeit der Völker. Verbesserung der sozialen Lage bei Bewußtsein eigener An und Abschätzung eigener Kräfte zeigte. Zur Encheitkichkeit des Bundes trug vor allem bei, daß er keinerlei politisches oder religiöses Ziel hat oder aufsteslen will, im Gegensatz;n Diskussionen früherer Zeiten. Deutschtum und Judentum nn) vielmehr Voraussetzungen. Zürn Jüdischen hinzugelangen, ist der Will: eines Teiles der Führung, besonders des neuen, einstimmig gewählten Bundesleiiers, Hermann G e r s o n. Aus dem Bewußtsein heraus, daß einen Teil der Bundesmitglieder mit dem Jrwentum kaum mehr als Abstammung und Zugehörigkeit zu den „Kameraden" bindet, daß selbst viele, -die ein Bedürfnis zu Jüdiscl-em haben, sich zum jüdischen Gottesglauben ehrlicherweise nicht bekennen können, ist irgendeine Formulierung von Jüdischem dem Bunde nicht möglich. Tie Führer bemühen sich, die Herzen der jungen Menscl^en für alles Jüdische ostenzuhalten und sie einerseits durch Lernen und Kennenlernen aller jüdischen Dinge zum Judentum hinzuführen, anderseits Berührungspunkte des Judentums mit den Lebensformen der Jugendbewegung zu pflegen. Die Neiteren, die rrus der Kleinarbeit des Bundes herauswachsen, sollen nicht in einem besonderen Kreise zusammengefaßt werden. Selbstverständlich wird der Kontakt über den einzelnen Aelteren auch ohne organisatorische Festlegung ein starker sein. Darüber hinaus erwartet mau von einem jeden, daß er im Sinne der Bundesidee weiter wirkt, wobei die Art der Aktivität Sache des einzelnen sein soll. Daß hierbei auch wertvolle Kräfte zu einer Regenerierung des jüdischen Lebens vorhanden sind, berechtigt zu einem Optimismus über den ErziehuugswerL des Bundes und über den Weg des deutschen Judentums! Erwin Bacr. «nck LrnckfÜLks. Ausbreitung oder Vertiefung: diese beiden Faktoren sind bestimmend für die Entwicklung jeder Bewegung. Es gilt auf der einen Seite für die Ausbreitung der Idee, der die Gemeinschaft dienen Null, zu sorgen, Kämpfer für die Durchführung der Idee zu gewinnen. Um diese Kämpfer aber zu bewußten Verfechtern der Idee heranzuziehen, bedarf es anderseits der Vertiefung. Das bat seinen >^inn in der Erreichung einer Höchstzahl geistiger Kräfte. Je höher die Zahl der geistigen Kräfte ist, um so mehr Kraft vermag die Bewegung auszustrahlen. Je konzentrierter die Idee im, einzelnen ist, um so mehr wirkt sie nach außen. In der Bewegung selbst löst eine Vertiefung alle die für die Erreichung des Gemeirnchastszieles erforderlichen Eigenschaften von selbst 'aus: Disziplin, Arbeit, Hingabe, Liebe. Daß der Bund der „Kameraden" auf dem Wege dreier Entwicklung ein gut Stück vorwärts gekommen ist, hat dieser Bundestag bewiesen. Ter Bund hat begonnen, eine der wesentlichsten Forderungen, die der letzte Bundestag herauskristallisiert hakte, zu erfüllen. Er hat eine Grundlage geschaffen, die durch die Auflösung des „Rings" in ihrem Zusammenleben wesentlich bestimmt und vereinlrertlicht wurde, auf der die inneren Grundsätze im Hinblick aus das gemeinsame Ziel Wege zum Gemeinsamen im Leben und zur geistigen Vergleichung fanden. Hierfür waren die Bundesausfprachcn und -feiern, die an anderer Stelle genmrdrgt tverden. Beweis. Aber auch aus anderen Quellen ist der Bund zu einer Vertiefung gelangt. Er ist nicht Träger einer Masten-, sondern einer Persönlichkcilsbewegung. Viele der Jüngeren, die bisher nur immer Empfangende ans dem Vermögen des Führers waren, sind herangereift zu Menschen, die sich mitbauend und nun von selbst krästespendend in die Kette des Bundes reiben- So konnte der Bund manche vor einem Jahr erkannten Forderungen verwirklichen, und vor allem feine Arbeit aus brestcrer Basis systcmrisch gestalten. Ein vor kurzem erschienenes Bundesblatt, „Der Bund", gibt Rechenschaft über Vundesteben und -arbeit. Aus der gleichen Entwicklung stand hier wie auch auf dem Bundestag die A e l t e r e n s r a g e in: Brennpunkt des Interesses. Ans der Erlemnnis, welche Bedeutung diele Fragen für die Menschen des Bundes und für die Jugendbewegung überhaupt haben müssen, fand in diestm Jahr zum erstenmal im Anschluß an den^Bundestag ein Aelterenlager statt. Uebcr die Ergebnisse ist an anderer stelle berichte! worden. Wir haben bereits gcsthen, daß unser Bund keine Mmenbewegung sein kann, sondern daß er als vornehmste Ausgabe zunächst die Formung der EinzelpersonÜMleit haben muß. Das bedenket jedoch nicht, daß unsere Bewegung keine Massen umsasten soll. Wenn wir durch Musterung unserer Menschen innerlich starke Glieder unserer Gemeinschaft geschaffen haben, dann erst können wir daran gehen, dem zweiten Faktor, der Ausbreitung. Rechnung zu tragen. Wir bauen an einem heiligen Gebäude, dessen Bestand nicht dadurch gefährdet tverden darf, daß wir ein Fundament errichten, das zu eilig und ZU nnvOÜtommtzn gezimmert ist, um den neuen Bau tragen zu können. _ Alfred Kevi. *) Vgl. Leitartikel dieser Nummer. VeraulworMch für die'Beilage „Von deutsch-jüdischer Jugend": Mred Hirschbrrg (Berlin.Charlottenbucg). Druck von Nudolf Moste, Berlin 8N' ZS.

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