Mannheim
Compact Memory

Von deutsch-jüdischer Jugend · 1928-08-31 · 8 (31.8.1928) · p. Seite 21

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
4 (1928)
Issue
8 (31.8.1928)
Date
1928-08-31
Page
Seite 21 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/9221535-9549009-9549016--115-2285344
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seklin, 31. August 192L Von ^nst Wo/F' fL^SL/SLk). Vom 6. bis 12. August fand auf Burg Hessenstein im Anschluß an den Bundestag de? „Kameraden" das erste Aelterenlager statt. Van dem geistigen Inhalt der Tage gibt der folgende Aufsatz einen Ueberblick. * Tie Jugendbewegung kämpft vom ersten Tage an darum, ob sie ihre geistige Freiheit bew a h r e n kann oder sich von den Parteien ihrer Umwelt einfangen lasten muß. Ter Kampf wurde gegen den Gedanken der Freiheit überall da entschieden, wo Bünde in Parteilager abschwenkten oder wo der Borwurf der Lebeusuntüchtigkeit und Ziellosigkeit die -Reihen der Uebriggeblieüenen auflöste. Seitdem die frei erhaltenen Bünde sich auf das „Jugendreich" zurückgezogen, wenden die nachwuchssuchenden Parteien ihre Kritik'mit großer Schärfe gegen die „Aelteren" der Bünde. Tieie verweigern ihnen trotz genügenden Alters und persönlicher Tauglichkeit oft genug den Anschluß: ihre eigene gemeinschaftliche Leistung bleibt aber gleichfalls aus: io bieten sie gerade als Sammelerscheinung das Bild einer Unfruchtbarkeit, die den Bünden und Letzten Endes der Jugendbewegung zur Last gelegt wird. Auch sind viele Aeltere selbst unzufrieden: sie fühlen mit Schrecken ihre geringe ethische Stoßkraft, vergleichen sie traurig mit dem reichen Wollen ihrer Knaben- und Mädchenjahre und sehen als unbefriedigende Entschuldigung nur ihre geistige und soziale Unentschiedenheit, die jedoch in Wahrheit ihr schlimmster Fehler ist. Die Bewegung kann die geistige Lage ihrer Aelteren nicht in dieser Sackgasse stecken lassen, in die jeder einzelne nur durch allzu gläubige Uebertreibung sehr gebotener Weltverbefferungspläne geraten ist. Vielleicht wird der wahre Wirkungsort der Bewegung verkannt. Es fragt sich, wonach die Absichten der Jugendbewegung heute zu bestimmen sind, nachdem die bloße Kontrastwirkung „jugendlicher Idealismus—verdorbenes Alter" ihre Unfähigkeit zur Zielgebung bewiesen hat. Das jugendliche Fühlen hat als alleiniger Leitstern des Handelns in vielen Ernzelsormeu versagt. Die Gedankenwelt der Bewegung läßr sich überhaupt nicht mehr abgrenzen, da der Trieb, alles zu wissen, ihre Träger aus dem eigenen in Nachbars und in alle fremden Gärten der Welt geführt hat. Landauer wie Nietzsche müssen daran glauben. Beispiele: Mau steht vor der absoluten, aber begrenzten Gemeinschaftsbejahung der nationalen Jugendbünde: Werden sie mehr vom Gefühl menschlicher Schicksalsgemeiuschaft mit den Volksgenossen oder mehr vom alten, Freiheit und Macht gemeinsam erstrebenden Hordentrieb zusammengehalten? — Wo entspringt das einigende jugendliche Gotteserlebnis? Aus dem glühenden kosmischen Freiheitswunsch, der sich nach tiefer Verzweiflung erst durch das Gefühl harmonischer Einordnung in eine sinnvoll geführte Welt Erfüllung erringt, oder im Drang nach Erklärung der rätselhaften Schicksalsgleichheit mit soviel gequältem und strebendem Leben ringsum, das nur Sinn haben könnte, wenn sein Weg aufwärts zur Gottheit ginge? — Wo. wurzelt der Paradoxe, edle Sozialismus des bürgerlichen Kindes? Im Streben nach Freiheit, Freiheit von der Gebundenheit an die niedere Selbstsucht und damit an alle Niedrigkeiten des eigenen Wesens, oder in dem erlösenden Hingabewunsch des reinen, tief überzeugten Mitleids? Am Ende hält man erstaunt vor nationalem Haß religiösem Dogma, sozialer Utopie. Was hier, unter dem Einfluß starker gedanklicher Verarbeitung mit oft unzlnaugllchen Mitteln, vielfach bis zur Unkenntlichkeit mugesormt wurde, geht am Endo zurück auf zwei Pole, zwischen denen dre Jugendbewegung stets die Herzen hin und her geschleudert hat: den starken Freiheitsdrang des einzelnen und den im kindlich-menschlichen Mitgefühl wurzelnden reinen Eemeinschaftstrieb. Man sollte sich nicht scheuen, zu sagen, daß die Jugendbewegung nur ein verstärktes Ausslackern dieser beiden Emotionen in einer etwas vereisten Welt darstellt. Man erhält hieraus gleichwohl eine hinreichende Erklärung dafür, warum diese Bewegung sich so überaus wichtig nahm und nimmt. Es kann eben der Fall eintreten, daß auch reiferen Menschen ihre Freiheit in einer Welt voll unbegrenzter geistiger Möglichkeiten wichtiger erscheint als die Konservierung aller vererblichen Positionen der Erde, auch wo es sich um Kampfstellungen. also Parteien, handelt, die sich in ihrer eigenen engen Sicht sämtlich gegenseitig negieren. Und es kann ferner unpraktische Geschöpfe geben, die die guten alten Gesetze des Konkurrenzkampfs vom Seelischen her ernsthaft in Zweifel ziehen und sich nach Prüfung entweder entschieden gegen sie auflehnen oder ein schönes Stück Munterkeit zum Parteikamps durch sie verlieren. Dies ist so lange unbeachtlich, als die einzelnen Fälle untersinken, besonders seitdem das Hervortreten der Sozialdemokratie im natronalpokitischen Konzert selbst dem „Sozialistwerden" bürgerlicher Jugend eine Leicht legitimisierende Note gibt. Es fordert aber^ Krach heraus, wenn solche Freiheitsfanatiker und Eemeinschafte-- idealisten behaupten, richtiger zu leben als die Umwelt, also das wertvollere Teil erwischt zu haben: denn das glaubt jeder nur von sich selbst — zum mindesten „will er, daß es der Nachbar von ihm glaubt", so daß die Jugendbewegung nicht selten als beleidigend empfundenwird, auch wo sie still für sich lebt. Dabei wird von ihr keineswegs der innere Abstand der herangereiften Jugend von den Tageszielen des Volles zur Forderung für alle Zeiten erhoben — eher das Gegenteil. Aber die Gegenwart ist nicht dazu angetan, mit ihrer mangelnden Inneren Orientierung ein kommendes Geschlecht zu locken, und so erscheint es ihr gegenüber allerdings gerechtfertigt, sich' selbständig anders zu orientieren. Die wütendeu Klassen-, Völker- und Parteikämpfe, die Streitigkeiten der Konfessionen und der einzelnen Richtungen innerhalb derselben zeigen, auch wenn man sie im großen als Erponenten umfassender notwendiger Entwicklungen sieht, in ihren einzelnen Aktionen soviel menschliche Dummheit und Niedertracht, daß der Gedanke befreiend klingt, vom Mitschimpfen abzusehcn. Es gilt, sich in die wahren Kräfte zu vertiefen, die die Wirbel antreiben, in denen jene sich drehen. Wird der Kamps der Entwicklung dergestalt ein wenig vergeistigt-, so kann es sein Schaden nicht sein. Insbesondere stellt eine solche geistig freie Haltung keine Passivität dar, gerade auch im Vergleich mit der Betriebsamkeit des politischen Tageskampfes, in den der einzelne ohnedies oft genug eintreten wird. Die vom geistigen Freiheitsstreben der Jugendbewegung erstrebte Klarheit und Vertiefung setzt angestrengte Tätigkeit voraus. Sie setzt aber auch sehr konkrete Ziele. Än der inneren Lage der letzten Generation vor uns sehen wir, daß eine gesicherte Beziehung zum LL Ä/Nsirercker- /ück^c^reir ckergsnck. — Ff. Lk'roin Vaera. öl.), Leoi fVerlia); BttNLl§LM§ cier „kka/NLlNLken".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.