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Central-Verein-Zeitung · 1928-08-31 · 35 (31.8.1928) · p. Seite 483

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
35 (31.8.1928)
Date
1928-08-31
Page
Seite 483 (sequence 7)
Language
German
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4$3 Vke Politik ein Spiel -er Phantasie. HW hZs VenjMin SN Lord SeakvMld. Von Dr. Ernst Fever. Ter Lohn italienischer Juden wird englischer Premierminister und mächtigster Mann des mächtigsten Imperialismus, setzt der Königin, die ihm Freundin ebenso sehr wie Souveränin ist, die indische Kaiserkrone aufs Haupt, erwirbt für England die Insel Evpern und die Aktien des Suezkanals, wird Lord und empfängt das Blaue Band des Hosenband-Ordens, ernennt Bischöfe und i Erzbischöfe, sagt einem Herzog, der ihn einschüchtern will: „Heri zöge? Die mache ich", geht, ein Bierundsiebenzigjähriger, aus dem - Berliner Kongreß als der eigentliche Lieger hervor, wird als ' Triumphator von dem jubelnden Lande empfangen, und als er stirbt, hüllt sich ganz England in Trauer, und an stillem Todestage sieht man eine jedes Jahr wachsende Schar von Engländern - und Engländerinnen sich mit der Primel, seiner Lieblingsblume, schmücken. Ein Roman oder ein Leben? Beides! Benjamin ^.i-raen, späterer Lord Bcaconssield, der älteste Lohn des Jsaac d'Jsraeli, der den Dreizehnjährigen taufen liest, bat den Roman seines Lebens zuerst mit Hilfe der Phantasie in Büchern geformt, die die Zukunft zutreffend, zunr Teil schon in den Einzelheiten getreu, vorau-iagen. Ein Lord Beaconsfield kommt in diesen Schriften ebenso vor wie die Insel bYpern. Tann hat er aus der Lichtung' wieder mit Hilfe der Phantasie, eine historische Wahrheit gemacht, Lchon der junge Mann hatte sich die Frage gestellt: „Schreiben? — Handeln?", und hatte sich, ähnlich wie der junge Lanalle, für die zweite Alternative entschieden. Gewiß war ihm auch die Literatur keine Lpielerei. Roch ans dem Stervebett korrigierte er die Druckbogen seiner letzten Rede: „Ich möchte nicht mit dem Ruf eines schlechten Grammatikers auf die Nachwelt kommen."' Aber die Literatur ist ihm Lurrogat, das ihm nur so lange genügt, als er nicht den Schlüyel hat, der ihm die Wirklichkeit erschließt. Noch mit sechs und siebzig Jahren verfaßt er ein neues Werk: „Wenn ich Lust habe, einen Roman zu lesen, schreibe ich einen." Das Buch ist ihnt eine Art Generalprobe für die Politik. „Verhaltene Parlamentsreden" hat man Lord Byrons Dichtungen genannt — mit größerem Recht kann man diese Bezeichnung auf die Dichtungen des Lord Beaconsfield anwenden, dem die Politik, und die ist in England gleichbedeutend mit Parlament, die echteste Leidenschaft und zugleich eine ganz persönliche ist. Ties innerlich wie äußerlich gleich seltsame Leben, dessen Nachwirkung noch keineswegs abgeschloyen ist, hat jetzt in dem Franzosen Andre Maurois einen neuen Lchildcrcr gesunden, denen Biographie, vortrefflich ins Deutsche übertragen, im Berlage von S. Fischer erscheint. (Benjamin Disraeli Lord Beaconsfield. Lein Leben von Andre Maurois. Aus dem Französischen übertragen von Erich Klossowski.) Maurois läßt dies Lebensbild seinem „Ariel" folgen, der die Geschichte Lhelleys erzählte, und man kann finden, daß der Franzose in dem zweiten Engländer, dem er jetzt sein Interesse zuwendet, ebenfalls etwas zu sehr den Dichter gesehen hat. Aber wenn je ein Politiker dazu reizt, sein Wesen und sein Werk aus den Elementen der Phantasie aufzubauen, dann ist es dieser. Ter Politik ist er verschrieben — vom ersten bis zum letzten Dag. Ihr gehört alles in seinem Leben, ausgenommen vielleicht das innige Verhältnis zu seiner Frau, die zwölf Jahre alter ist als er. mit der er dreißig Jahre verheiratet ist, „ohne sich je mir ihr zu langweilen" und der zu Liebe er ein großes für ihn vorbereitetes politisches Bankett im Stich läßt mit der Liebeserklärung an die Lieöenundsiebenzigjährige: „Für mich bist du viel mehr die Geliebte als die Frau." Ter Jüngling schon weiß: er gehört ins Parlament, ihm gebührt die politisck)e Macht. Er hört sich die Redner des Unterhauses an mit dem Gefühl: „Ich werde sie alle in die Tasche stecken", und dem Whigminister, Lord Melbourne. der ihn fragt: „Was wollen Sie werden?" gibt er mit Bismarck scher Offenheit zur Antwort: „Premierminister." Lein glänzendes Plaudertalent verschärft ihm Einladungen in die Salons, in der vornehmen Gesellschaft sülcht er sich wohl und über seine gesellschaftlichen Erfolge berichtet er der geliebten Schwester mit übertreibender Phantasie. Aber welcher Partei soll er sich zuwenden? Whigs und Tories, Liberale und Konservative, gefallen ihm, so wie sie jetzt sind, beide nicht. Obwohl er sich zu den Tories innerlich hingezogen fühlt, kandidiert er als unabhängiger Radikaler — und unterließt. Auch in timm zweiten Wahlkampf, in dem er statt der beiden Parteien eine große Natronalpartei verlangt, wird er wieder von d-en Liberalen geschlagen. Noch ein drittes Mal wagt er als Radikaler den Versuch. Ein dritter Mißerfolg, und er schließt sich den Konservativen an, in deren Carlton-Club er erntritt. Nicht nur aus Opportunität. Erist konservativ seiner Gesinnung nach. Er hat Abscheu vor allem abstrakten Denken, und das findet er m den Liberalen verkörpert, die ihm zu logisch, zu unrealistisch sind. Er verteidigt die Traditionen der Verfassung, das Oberhaus, das nicht aus Wahlen hervorgeht, aber die realen Mächte der Kirche, des Adels, des Grundbesitzes repräsentiert. In den Liberalen sieht er eine Klasse traditionsloser Emporkömmlinge, und das stärkere Traditiousgcfühl der englischen Konservativen schätzt er um so höher, weil er sich selbst als den Abkömmling einer noch älteren Rasse fühl«. Er liebt diese Landcdelleute, die das Reich regieren, vielleicht mehr als sie sich selbst — man denkt an Walter Rathenaus leidenschaftliche Liebe zürn Preußentum, zu jenem Typus der blauen Augen und der blonden Haare, dem seine eigenen Mörder angehört haben. Aber der Konservativismus, dem Disraeli dienen will, soll ein forischrittlicher und ein sozialer sein. Gewiß, das Oberhaus, das undemokrarische, muß bleiben. Aber das Unterhaus muß durch _ ein demokratischeres Wahlrecht auf eine viel breitere Bans gestellt lverden. Ter Führer einer konservativen Partei muß den Mut haben, zwar den lebensfähigen Besitz der Vergangenheit zu erhalten, aber von Veraltetem sich loszulösen und durch eine Politik der Liebe zu den Volkswagen diese zu erobern — man glaubt, den jungen Layalle in seinen Unterhaltungen mit Bismarck zu hören, die ein glücklicher Zufall uns in den jetzt cungcfuudencn Briefen der beiden erhalten hat. Mit einer Jung-England-Gruppe sozialgesinnter Adliger spricht Disraeli in Manchester vor den Arbeitern. Sie wollen den Arbeitern Helsen. Aber sie wollen nicht gegen die Industrie wettern, sondern sie wollen die industrielle Jugend für Len sozialen Konservarivisrm-s gewinnen. Ta er diese Ideen uichr gleich in die Wirklichkeit übersetzen kann, wirbt er für sie wieder in einem Buch, dem berühmter^ „Lybil oder die beiden Nationen", das das Volk, besonders die schichten der Armen, io malt, wie sie in Wirklichkeit sind. „Verhaltene Parlamenrsreden" oder Vorläufer von Parlamentsreden — denn bald wird das junge llnlerhansmitgticd dem ersten Wetterleuchten des Sozialismus sekundieren und im Parlament seine Stimme für den Chartismus erheben, gewiß nicht iür die sozialen Forderungen, die er stellt, wohl aber für die soziale Not, aus der er geboren ist. Viele Vorurteile hat dieser junge Parlamentarier .zu überwinden, che er hinausgelangt. Wie unheimliche Gespenster, die die Oefsentlichkeit erschrecken, die Freunde verwirren, die Feinde vermehren, umwittcrn ihn jüdische Abstammung. verspätete Taufe, riesige Schulden, Zynismus und Phantasie. Einem Manne wie Earlyle ist sein „Gemauschcl" unerträglich, er nennt ihn „einen absurden Asten". Sein großer liberaler Gegenspieler Gladstone begreift nicht, wie ein solcher Komödiant, ein „hebräischer Jongleur", aus der Politischen Leiter aufsteigen kann. Sein eigener Parteiches, ein Grandseigneur wie Lord Stanley, hat zunächst einen physischen Widerwillen gegen diesen „schwarzgelockten Taschenspieler". Aber dieser Jude, der ganz Engländer geworden ist, benft nicht daran, seine jüdische Abstammung zu verhüllen. Tie Woche, die er auf seiner zweijährigen Orientrcise in Jerusalem zugebracht hat, gab ihm die tiefste Bewegung seines Lebens. Ten englische:: Edellcuten weist er nach, daß es einen wirklich alten englischen Adel nicht gibt, daß der einzige Stammdaum, der auf eine alte Zivilisation ,zurückführt, der des Hauses Israel ist, und er ist stolz darauf, daß dieser Stammbaum der seine ist. In seinem Buche „Tancred" trägt er die Idee vor, daß die Kirche gewiye Grundgedanken des Juden« lums weiter zu entwickeln hat, und für die Gleichberechtigung der Juden tritt er mit einer Schärfe ein, die auf Parteischranken keinerlei ^Rücksicht nimmt. Als Lionel von Rothschild in das Unterhaus gewählt wird, seinen ^itz im Parlament aber nicht cinnohmen kann, weil das Gesetz einen schwur auf den wahren Christenglauben zur Voraussetzung macht, stellt Lord Rüssel als Führer der liberalen Partei den Antrag, daß die alte Formel abgefchasft werde. Disraeli, ein führendes Mitglied der Konservativen, spricht für diesen liberalen Antrag gegen die gesamte konservative Partei. Er seht den Konservativen auseinander, daß es gerade für sie ein vertMgnisvoller Fehler sein würde, die ihrem Wesen nach konservativen Juden zu verfolgen und dadurch den Parteien der Revolution und der Unordnung zuzutreiben. Er erinnert daran, daß die englischen Kinder in der Schule die jüdische Geschichte lernen, daß an den Sonn- und Feiertagen in England die Taten der jüdischen Helden gepriesen und die Lieder der jüdischen Dichter gesungen werden. Er verlangt deshalb auch in diesem praktischen Fall Gerechtigkeit für die Juden. Er jedenfalls rverde als Christ für die Juden stimmen. Lebhafte Zwischenrufe und Unterbrechungen aus den Reihen seiner Parteifreunde stören ihn nicht im mindesten: „Ich kann in diesem Hause nicht sitzen, wenn ein Mißverständnis bezüglich meiner Meinungen über diesen Gegenstand besteht." Eisiges Schweigen

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