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Central-Verein-Zeitung · 1928-08-31 · 35 (31.8.1928) · p. Seite 484

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
35 (31.8.1928)
Date
1928-08-31
Page
Seite 484 (sequence 8)
Language
German
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4S4 herrscht am Schluß dieser tapferen Rede, und bewundernd sagt der liberale Parteichef zu seinem Nachbar: „6s gehört viel Mut dazu für einen Parteiführer, in dieser Weise Doktrinen zu verteidigen, die seinen Freunden ein Greuel sind." Dieser Mut hat ihm nicht geschadet. Kurz daraus ist seine führende Stellung unbestritten, und Lord Melbourne, dem er kühn geantwortet hatte: ,'Jch will Premierminister werden", muß jetzt zugeben: „Der Bursche wird es schaffen." Was war das Geheimnis, das, allen Hemmnissen der Geburt und der Lebensführung zum Trotz, seiner Politik solche Anziehungskraft gab? Es war die Phantasie, ja Phantastik, die er in den Dienst der politischen Geschäfte stellte. Es war das Geheimnisvolle seiner Ziele und Mittel selbst. Der „Punch" traf das Wesen seiner Erscheinung, wenn er ihn als eine riesige steinerne Sphinx darstellte. Er entzückt die Königin, weil er ihr die Sitzungen des Kabinetts wie eine Dichtung beschreibt, und er ruft dieselben Eindrücke bei zahlreichen männlichen Mitgliedern hervor, weil er die Politik, die ihm als ein Roman persönlicher, säst empfindsamer Abenteuer erscheint, andere ebenso erleben läßt. So wird vielen, auch vielen Gegnern, das Spiel der Politik schal und langweilig, als dieser Protagonist ihnen fehlt, und nach seinem Abschied aus denr Unterhaus schreibt ihm einer feiner Gegner, Sir William Harcourt: „Ich hätte mir nicht vorstellen können, wie groß die Bcränderung sein würde. Alle Ritterlichkeit, aller Zauber der Politik scheinen uns verlaßen zu haben. Nichts bleibt zurück als die Routine." Unter seinen Kollegen findet er den einzigen wirklichen Pair in Bismarck, und der Kanzler, der einen Mann wie Lassalle „gern zum Gutsnachbarn gehabt hätte", bekennt nach dem Berliner Kongreß mit Bewunderung: „Der alte Jude, das ist der Mann." Hohenlohe notiert zwar in seinem Tagebuch das ärgerliche Wort vom „schcuszlichen Judengesicht", suhlt sich daun aber doch hoch geehrt, als dieser „Jude" den bis dahin wenig beachteten Hohenlohe, den ihm jetzt seine Königin empfohlen hat, vertraulich unter den Arm nimmt und mit ihm auf und ab spaziert . . . In der europäischen Geschichte lebt Lord Beaconsfield fort als eine der größten politischen Figuren des neunzehnten Jahrhunderts. Für das Judentum, das der Feind und manchmal auch der Freund ausschließlich für den Liberalismus oder für den Umsturz vindizieren möchte, ist er bedeutsam als der großartigste und glänzendste Vertreter der konservativen Staatsgesinmmg. Die preußischen Konservativen hat kein Tisraelr, sondern ein märkischer Junker, freilich mit vielen Zwischenspielen, in die Höhe geführt. Ihre Praxis hielt sich von Juden und Judenabkömmlingen frei. Ihre Theorie indes hat, zum Teil mit ähnlichen Argumenten wie denen Disraelis, Prosesior Stahl (Schlesinger), geschaffen. Lorenz Dürr: „Wollen nnv Wirken der alttestarnerrtlichen Propheten", Verlag von L. Schwann, Düsseldorf. Das Buch des katholischen Universitatsprofesiors ist der Beachtung weitester Kreise wert. ES zerfällt in zwei Teile, einen allgemeinen Teil, der Wesen und Ausgabe der Propheten behandelt, und einen besonderen Teil, der „Leuchtende Einzelgestalten" schildert. Dürr ist sich besten bewußt, namentlich auch im Gegensatz Zu Friedrich Delitzschs „Große Täuschung", daß cs wichtig ist, die Propheten in weitesten Kreisen detannter zu machen, als sie es tatsächlich sind. Er schreibt im Vorwort die beachtenswerten Worte: „Demgegenüber möchten die folgenden Darlegungen an der Hand der Klassiker der israelitischen Religion die einzigartigen religiösen Werte des Alten Testamentes tzerausarbeiten und zeigen, wie auch heute noch diese Quellen der Menschheit Nahrung und Kraft, Erhebund und Erfrischung bieten können. Möge der Leser aus unseren Ausführungen neue Liebe zum Alten Testamente schöpfen und dann selbst an die Quelle herantreten: Das wäre der schönste Lohn für unsere Arbeit". Zu diesen Worten Türrs kommt hinzu, was Rudolf Kittel in seinem Buche „Gestalten und Gedanken in Israel", S. 248 ff., über Arnos sagt: „Auch Astur und alle Welt ist nur ein Werkzeug in Gottes Hand; ihm, dem Gott aller Welt, gehören alle Völker, und „sein" Volk ist gar nicht sein Volk, es sei denn, daß es seines Gottes wert ist. Damit war das Neue und Große gegeben: es gibt nur einen Gott, und dieser eine ist ein großer, alle Welt umspannender, allmächtiger Gott. Aber ^dieser Gott ist zugleich ein Gott, der nur das Gute wollen kann." So vertritt also sowohl die katholische als die protestantische Wistenschast vom Alten Testament eine Erkenntnis des Wesens der alttestamentlichen Prophetie, die ganz anders aussicht als das, was vielfach heutzutage weitesten Kreisen über sie und. das Alte Testament geboten wird. Es wäre Dürrs Buch zu wünschen gewesen, daß der Verlag ihm eine anziehendere äußere Gestalt gegeben hätte. Obwohl es in dem Gewände der Wigenschaft austritt, ist es für weiteste Kreise lesbar, zumal es aus Bortragen und Vorlesungen hervorgegangen ist. ö. Fiebig (Leipzig). .1 iJ D fl Ö ’SüHaus allerersten Ranges EZ am Sonntag, den 2. September 1928, vormittags 10 '/a llhr pünktlich im Gartensoal des ^ogenhaufes, Kleistsiraße io. Tagesordnung: •10.30!lhr: Eröffnung der Tagung. 10.40 Uhr: Geschäftsberichte aus den Landesverbänden. 11.00 llhr: Die Gefahren der sozialen Llmschichtung für die deuischen Luden. 11.30 llhr: Die besonderen Sorgen der brandenburgischen Provinz. Dr. Salomonski und Schweriner. Dr. Glaserfeld. R.-A.Dr.7kehab(Franffurf o. d. O.j. Frau Kochmann (Äran. denburg). Dr. Wiener, Syndikus des E. B. 12.10!lhr: „Ausbau der E.D.- Arbeit—Embeülichkeitder C.V.-Arbei'i." 12.35!lhr: Die Mitarbeit der Frau Margarete Fn'ed. Frau im Central-Verein. 12.50 ilhr: Aussprache. Aniräge. Oie Beratungen beginnen pünktlich und werden spätestens 2.30 ilhr beendet sein. Bon den Oelegierien kingesühri'e Gäste stnd herzlich willkommen. Ln Anbetracht der überaus wichtigen Tagesordnung wird vollzähliges Erscheinen aller Oelegierien erwartet. Or. Bruno Glaserfeld, Hermann Bodzanswski, Vorsitzender bes^Landesver- Vorsitzender des Landesbandes Groß-Derlin. Verbandes Brandenburg. n ääa Zum Tode von Rabbiner Dr. Ludwig A. Rosenthal. Der sehr gelehrte und verdienstvolle Rabbiner D r. Ludwig A. Rosenthal ist im 74. Lebensjahre soeben in Berlin entschlafen. Die winenschastliche Welt beklagt bei seinem Tode das Scheiden Zeines Mannes von ganz besonderen Leistungen. Die Hauptleistung Rosenthals bestand in der Fortführung von Rabiners jüdischem Literaturblatt", das er in den Jahren 1903/1907 und 1911/16 Herausgaben und geistig fast ^ausschließlich selbst bestritten hat. Fenier verdanken wir Rosenthal drei Bande über den Zufamenhang, die Quellen und Entstehung der Mischna (19b?). Dieses Werk ist die neue Bearbeitung seines Buches „Die Mischna, Aufbau und Quellenscheidung". das in Straßburg erschiene!; ist. Ludwig A. Rosenthal hat ferner gelehrte und gedankenvolle Aussähe in großer Zahl geschrieben, die im Jahre 1926 in dem Bande „Gesammelte Schriften" vereinigt worden sind. Seine früheste Arbeit lautet „Lazarus Geiger: Seine Lehre vom Ursprung der Sprache". Als vor 20 Jahren, durch Delitzsch veranlaßt, die Wogen um die Herkunft des biblischen Monotheismus aus babylonischen Quellen sehr hoch gingen, hat Ludwig A. Rosenthal mit seinen Broschüren „Babel und Bibel" und „H a m u r a b i, Gesetz, Thora. Talmud" kraftvoll und über« Zeugend den jüdischen Standpunkt gegenüber alten Herabsetzungsoersuchen der Heiligen Schrift beleuchtet. Ludwig A. Rosenthal war lange Jahre der geschätzte Rabbiner der Gemeinde Pr. S 1 a r g a r d , die nun jetzt auch von der deutschen Heimat abgetrcnnt worden ist. Er hat dann in Berlin sehr segensreich als Lehrer «der akademischen Jugend und des rabbinischen Nachwuchses an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums gewirkt. Er hat sich besondere Verdienste durch seine treue Arbeit für die jüdischen Literatur- Vereine erworben und war im Kreise seiner engeren Kollegen als sehr getreuer und charaktervoller Mann beliebt, geschätzt und verehrt. So beklagt anch der E e n t r a l v e r e i n bas Hinscheiden Ludwig Jll. Rosen- Lhals sehr, denn seine Arbeit war auch unseren Interessen eifervoll zugewandt. Zn manchem Aussatz unserer früheren Zeitschrift „Im deuischen Reich" und der „E. D. - Z e i t u n g" setzte der Verstorbene seine belehrende Feder zur Verteidigung der Wahrheit ein. Das Andenken dieses gerechten, deutsch-jüdischen Mannes wird ein Segen sein. I - r f L-J i *C"-. ) n r-—f/Li \ m n l A h n h r k - % j y u u M tl ö ■■Iv2=f

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