Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 35 (31.8.1928)
- Date
- 1928-08-31
- Page
- Seite 480 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4$0 Bit bekamen das Recht, unbeschränkt auch an Nichtbeamte und' Nichtmitglieder zu verkaufen, und dazu viele Gold- Millionen staatlicher Unterstützungen, mit deren Hilfe sie die Preise des Privathandels unterboten und —- das war der Zweck der Hebung — die jüdischen Kausleute vernichteten. ' Der Numerus clausus verdrängte die Juden ays den sogenannten Lateinerberusen. Gewipe Bestimmungen des Bodenreforrngesetzes nahmen den wenigen jüdischen Grundbesitzern ihre Felder und den recht zahlreich jüdischen Pächtern ihre Pachtungen. Der durch die Sanierungspläne des Völkerbundes vorgeschriebene Beamtenabbau nahm den paar hundert Juden, die von früher her ösfentliche Beamte waren, ihre Stellen (für die sofort, trotz Beamtenabbau, Christen neuernannt wurden), gegen die jüdischen Volks-, Mittel- und Hochschullehrer (hier gab cs keinen Abbau) wurden „Disziplinarverfahren" wegen angeblicher kommunistischer Verfehlungen durchgeführt, die samt und sonders mit der Entlassung aus dem Dienst endeten. Man könnte eine ganze Nummer dieser Zeitung anfüllcn, wollte man alle „gesetzlichen" Maßnahmen auszählen, die an Stelle der einstigen „unverantwortlichen" Gewaltmaßnahmen der „erwachenden" Magyaren" und sonstigen Terrorsormationen getreten find. Es sollen deshalb hier nur noch die zwei neuesten Regierungshandlungen angeführt werden, die den weiteren Ausbau des Bethlenschen Staatsantisemitismus bezwecken. Die Bodenreform wurde — mir einem im allgemeinen sehr mageren Ergebnis, aber fast restloser Enteignung allen jüdischen Bodens — vor einigen Monaten als beendet erklärt. Man erwartete nun mit Recht die volle Wiederherstellung der Rechte der Grundbesitzer samt freiem Verkaufs- und Berpachtungsrecht. Bethlen überraschte aber die Oessentlichkeit mit einem neuen Gesetz, das, unter nationaler Flagge segelnd, auch für die Zukunft die Erwerbung von Bodenbesitz oder die Pachtung von Feldern durch Juden ausschließen soll. Das Gesetz verfügt, daß jeder Wechsel im Bodenbesitz von einer Bewilligung durch die Regierung abhängig ist, auch die Verpachtung von Ländereien. Offiziell heißt es „Gesetz über das Landesbodengericht", nach der Abkürzung des ungarischen Namens für Landesbodengericht (orszagos földbirtokrendezö birösäg): „O.F.B.* Gesetz". Der SSoIflmunb'nennt es aber schon „.4.F.L.-G es etz": '„Antisemitisches Bodengerichtgesetz." Ausdrücklich ist darin von Juden natürlich nicht die Rede, doch hätte die staatliche Beaufsichtigung des Bodenbesitzes einfach keinen ^inn. wenn man damit nicht den Zweck verfolgte, irgend jemand an dem Erwerb oder der -Pachtung von Grund und Boden zu verhindern. Dieser Jemand kann aber nur der Jude fein. Daß da und dort auch nrchtjüdische unbeliebte Elemente an der Erwerbung oder Pachtung von Boden -verhindert werden, ändert nichts an dem Hauptzweck des Gesetzes. -- Einen weiteren Vorstoß gegen die Juden hat Bethlen aus dem Gebiete des Hochschulstudiums unternommen. Im neuen Studienjahr wird schon der „reformierte" Numerus clausus in Geltung fein, d. h., die Bewerber um Hochschulplatze werden nicht mehr nach ihrer Konfession, sondern nach der Berufszugehörigkeit ihrer Väter „selektiert" werden. Jeder Berussstand bekommt für seine Söhne so viel Plätze an den Hochschulen, als seiner Verhältniszaht innerhalb der Cesamtöevölkerung des Landes und .seiner „Bedeutung für den Staat" entspricht. Man hatte von .vornherein die schwersten Bedenken gegen dieses Gesetz, das der behördlichen Willkür freieste Betätigung sichert. Früher waren den Juden 6 v. H. der Hochschulplätze gepchert; auf Grund des neuen Gesetzes konnte die Regierung das jüdische Kontingent durch statistische Künste beliebig heraddrücken. Das scheint aber Bethlen nicht ausreichend 'gewesen zw sein. Er hat jetzt durch seinen Kultusminister auf der ganzen Linie das Gesamtkontingent der zulässigen Hochschüler um 39 v. H. heraddrücken lassen. Minister Klebelsverg sagt, jetzt würden auch die Christen an den Numerus clausus glauben muffen, denn innerhalb des neuen Kontingents werden auch sie nicht alle Platz finden. Es ist wahrscheinlich, daß Bethlen, der jede Lebensbetätigung unter staatliche Aufsicht zu stellen bestrebt rst, um jeden, der sich seiner Macht nicht bedingungslos beugt, vernichten zu können, auch die christliche Jugend an den Toren der Hochschule an seine Allgewalt erinnern will. Mathematische Wahrheit ist aber, daß die Juden, selbst wenn man ihnen gnädig die bisherigen 6 v. H. aller Hochschulplätze belassen wollte, effektiv — in absoluten Zahlen — 30 v. H. ihrer früheren Plätze verlieren. Tenn 6 Prozent von Hundert sind 6,6 Prozent, von 70 aber nur 4,2 .. . So sieht die „Gleichberechtigung" der Juden in Ungarn, so sieht Bethlens konsolidierter Staat in der Praxis aus. Konsolidiert hat sich nicht zuletzt der Antisemitismus, seit er in staatlichen Betrieb genommen wurde. Der Ku-Klux-Klan im Sterben. Zn der letzten Nummer des „Hammer" von Tbeodor F r i t s ch lesen wir: „Wie verlautet, soll der amerikanische antiklerikale antisemitische und ncgersciudiiche Ku-Klux- Klan von der ZentratteiLung des Bundes a u f g e l o st und in einen Ritterorden umgewandelt werden, der den Flamen „Orden der Ritter vom großen Wolde" tragen wird. Das Ziel des neuen Ordens soll nicht der Kamps Legen die Einwanderer und Jude:: fein, sondern die Assimilation der kingewandcrlcn Ausländer. Collie sich dies bewahrheiten, so wäre, dom Lmcrrkanisch-Vöitifchen Standpunkts aus betrachtet, der riesige Bund als erledigt anzuschen." Jenseits des Ozeans ist mit dem Juden- und Katholikenhaß scheinbar lein Geschäft zu machen. 5. » g)BSm MWLMr to LrÄMM Eine ,,zuverlässige" Auskunftei. In einer August-Nummer des „Stürmer" finden wir folgende Briefkastcnnotiz: „Rothenburg: Jüdische Volksschullchrer gibt cs in Bayern und Wohl auch im übrigen Deutschland nicht. Das ist ein Stand, der mit derart viel Unannehmlichkeiten verknüpft ist, daß der Jude gern daraus verzichtet. Und außerdem: Denken Sie sich einmal eine Dorfschule mit lau.ter deutschen Buben und Mädels und einen Inden als Lehrer da^i! So närrisch und gottvcrlaffen ist die Welt denn doch noch nicht geworden!" (Tie fett gesetzte Stelle im Original nicht fett. Tie Schristleitung.) Wie schon oft, hat der „Stürmer" auch in diesem Falle seine glaubcnsseligen Leser falsch beraten. Es gibt zurzeit in Deutschland etwa 1100 jüdische Lehrer; von denen etwa dreivicrlel als Volksschullehrer ausgebildet sind. Von diesen amtieren zurzeit gegen 200 als Volksschullchrer, die übrigen als Religionslehrer. Als vor wenigen Jahren der Abbau einsetzte, war die Zahl der Volksschullehrer erheblich größer. Allein im Gebiet des ehemaligen Kurfürstentums Hessen gab es über 100 einktassige jüdische Volksschulen. Vor der Abtretung der östlichen Gebiete gab es in Obcrschlesien, Posen und Wcstpreußen an den dortigen Simultan schulen ebenfalls jüdische Lehrer in nicht unbeträchtlicher Zahl. Was die „Annehmlichkeiten" betrifft, unter denen die jüdischen Lehrer^ wirken, so ist zu sagen, daß die große Mehrzahl der jüdischen R e l i g i o n s l e h r e r bis in die jüngste Zeit hinein in Verhältnissen lebte, denen gegenüber die der Volks sch ullehrer beneidenswert 3 u nennen waren. Heute noch bezieht nur ein Bruchteil der Religionslehrer das Gehalt der Volksschullchrer. H. St. 3m „Uabarett öer Unmoglichentz. - Ein Unfug halberwachsener „Politiker". Zu Dutzenden kamen in den letzten Tagen Beschwerden aus Berliner Centralvercinskreisen über einen tief bedauerlichen Unfug den sogenannte Künstler unter dem Namen „Kabarett der Unmöglichen" allabendlich im Berliner Westen verüben. Wir sollten nach dem Rechten sehen. Beim Betreten des langen Flurs, der zum Olymp der „Künstler" hinaufsührt, erscheinen schon elende Malereien an den Gangwänden links und rechts. Wahrscheinlich, um den Eintreteuden in die rechte Stimmung zu versetzen. Eine Sechzehnjährige, schlechtkopieric^ Zille-Format, beteuert: „Ich h a b e .A n s P r u ch aus meinen Körper" und ein vorwitziger Jüngling, widerliche jüdische Karikatur, antwortet: „Mach Schabbes damit". Hätte ich nicht der „Vorstellung" des „Kabaretts der Unmöglichen" beiwohnen müssen, ich wäre nach der ersten Darbietung aus dem kitschig bemalten Raum mit der vorsintflutlichen Bühne geflüchtet. Man kann „Schwabing" mit heiterem Gemüt suchen; kann für ein ,ss3ohcmienleben", wie man es vor dem Kriege im Kaffee „Größenwahn" in Berlin in Augenschein nehmen konnte. Jntereffe haben; kann Revolutionäres, ja Unmögliches in Satire und Glosse ohne Zorn zu verstehen suchen, wenn cs sich um jugendlich stürmende Künstler handelt. Ein bißchen echte Kunst wird aber immer Voraussetzung bleiben müssen, wenn man auch nur unfreiwillig mitmachen und mitlachen soll. Was im .Kabarett der Unmöglichen" gezeigt wird, ist v ö l l i g kunstlos, ja antikünstlerrsch. Halberwachsene, deren einzige Begabung irregeleiteter Geschäftssinn zu sein scheint, wagen es 'in der Reich-Hauptstadt der Oessentlichkeit einen Politischen Rummel zu bieten, der. nach welcher Seite er sich auch wendet, an Gehalt nicht unterboten werden kann. Mögen die Gegensätze, vor allem die politischen, im neuen Deutschland noch jo scharf auscinandcrprallen — von so niedriger, ehrverletzender „Kunst" der „Unmöglichen" wollen wir aber nichts, rein gar nichts wissen und müssen es uns verbitten, daß solche „Künstler", die mit abstoßenden Schweinereien und widerlichem Ccmauschel „antivölkische" Politik treiben, in der Reichs- Hauptstadt überhaupt zu Worte kommen. Zu allem Ueberfluß zeigen diese Jünglinge, daß ihnen besonders im religiösen Leben nichts heilig ist. Würde es sich um ihre Privatansicht handeln, wir könnten nur die armen Eltern bedauern. Wenn sie sich aber in die Oesfentlichkeit wagen, dann' müssen wir gegen solchen ö s s e n t l i d) e n Unfu g energisch Protest ein* legen. Es ist sehr schwer, an sich zu halten, wenn nach Art katholischer Liturgie ein blutjunges Madel singt: „Und die lomnu ist der Erzbischof von Köln", um dann nach altem jüdischen Ritus mit einem, langgezogenen „Omen" die Bühne zu verlassen. Diese wenigen Zeilen dürsten genügen. Je schneller dieses Kabarett aus Berlin verschwindet, desto besser — nicht zuletzt auch für die Beteiligten. Arthur Schweriner.