Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 35 (31.8.1928)
- Date
- 1928-08-31
- Page
- Seite 478 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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47$ tatsächlich bis aus wenige immer mehr zusammeuschmelzende Schollen ausgesogen worden. Die Jndividuenzahl des Jlldentmns wird nach den neuesten statistischen Erhebungen aus 14,6 Millionen geschätzt, von denen 9,5 aus Europa entfallen. Bestände der beiderseitige entschlossene Wille, die Amalgamierung durchzusühren, so würde binnen zwei Generationen die jüdische Nation in der Völkerwelt so gut wie spurlos ausgegangen sein. Gibt es Umstände, Tatsachen, Bestrebungen, die einer solchen Entwicklung entgegenstehen? In einem Aufsatz „Einigung der jüdischen Jugend" der Nummer 25 Ihres Blattes finde ich den Satz: „Uns allen ist gewiß, daß das Judentum nicht untergehen darf." Wenn das die Stimmung weiter Kreise des Judentums ist — ich zweifle nicht daran —, dann will das Judentum als Gesamtheit nicht amalgamiert werden. Die Gründe glaube ich zu kennen. Nach der Ausfassung der Träger dieses jüdischen Lebenswillens hat das Judentum^ nationale Werte von allgemein menschlicher Bedeutung geschaffen, die zugrunde gehen würden, wenn sie nicht von einer weüerbcstehenden lebendigen jüdischen Nation getragen, erhalten und weitercntwickelt würden. Daß das Weiterleben und -wirken der geistigen! Errungenschaften einer Nation nicht notwendig^ an ihren physischen Weiterbestand geknüpft ist, beweist das Schicksal der griechischen Kultur. Wie stark die erhabenste Leistung des Judentums, das Alte Testament, sich bereits von ihrer Wurzel abgclöst hat und unverlierbarer Gemeinbesitz mindestens der abendländischen Menschheit geworden ist, bedarf keiner besonderen Darlegung. Aber vielleicht stellt das Judentum in seiner nationalen Lebensführung einen Wert dar, denen Untergang die Menschheit ärmer machen würde? Ich glaube, diese Frage ist zu bejahen. Das Vorhandensein eines jüdischen Elements in der Zusammensetzung der modernen Nationen ist eine Tatsache, von der äußerst verschiedenartige und verschiedenwertige Wirkungen für das Leben des „Wirtsvolkes" ausgehen. Die Haltung des Judentums gegenüber dem Bestände des Wirtsvolkes an spezifisch nationalen Idealen, Ueberlieferrmgen. Hoffnungen, Einrichtungen schillert in allen Abstufungen von eindringend verständnisvoller, gläubiger, anteilsfehnsüchtiger Bejahung bis zu schroffster, zerstörungslustigster Verneinung. Es gibt, beispielsweise, urdeutsche Ideale, die nicht einmal in den Reihen der deutschen Volksgemeinschaft selber so seherhaft begreifende, so liebevoll und Lichtvoll schildernde Darsteller und Ausleger gefunden haben als in jüdischen Beurreitern deutscher wie nichtdeutscher Staatsangehörigkeit (man denke für die letzteren etwa an Georg Brandes). Es gibt auf der anderen Seite Wesenszüge und Strebensziele deutscher Menschheit, die am deutschen und außerdeutschen Judentum ihre grimmigsten, gefährlichsten, verderblichsten Feinde gefunden haben. Im ganzen kann man die Grenzlinie etwa so ziehen: Ter Jude bejaht am deutschen Wesen alle die Züge, die er blutsmäßig begreift, rmd verneint jene, deren letztes Verständnis ihm irgendwie verschlossen ist — also etwa den kriegerischen, landsknechtmäßig draufgängerischen Wesenszug mit all seinen Ausstrahlungen. Oder den Sinn für scharfe ständische Gliederung. Ist nuy die Verneinung, mit der das Judentum breiten Zonen des nationalen oder/um von mm an int eigenen Hanse zu bleiben, des deutschen Wesens gegenübersteht, für das Schicksal der Wirtsnation mehr ein Segen oder ein Fluch geworden? Hier scheiden sich die Geister unter den deutschen Beurteilern. Ich brauche nur schlagwortmäßig an den Vorwurf der Zersetzung, Aushöhlung, Unterrvühlung zu erinnern. Auch der Freund des Judentums muß zugeben: es ist ein Körnchen Wahrheit in diesen Vorwürfen. Das Judentum hat es nicht immer verstanden, seinen Hang zur Kritik au den ihm nicht voll begreiflichen und 'zugänglichen Zügen der deutschen Eigenart in den Grenzen des durch Geschmack und Selbstbescheidung einer winzigen Minderheit gebotenen Grenzen zu halten. Es hat die ihm innewohnende Gabe zu geistreicher, witziger, sarkastischer, austösender Verneinung in nicht eben seltenen Fällen in erbitternder Weise mißbraucht. Im großen Zug unseres nationalen Schicksals augeschaut glaube ich aber doch, daß die Kritik des Judentums unserem nationalen Wesen mehr Segen als Fluch gebracht hat. Was der bewegliche, scharfäugige, bindrlngsflüssigs Jude an kritischem, verneinendem Geist zuviel hat, das hat der schollegebundene, bindungverhaftete Deutsche an solchem selbstkritischen Vermögen zu wenig. Wie oft in dem Jahrhundert seit der Emanzipation hat sich der jüdische Geist als Sauerteig erwiesen, berufen und befähigt, die träge, entwicklungsschcue Maste deutscher Geistigkeit in die hochnötige Gärung und Ausmischung zü schleudern, ohne die sie verstockt imö verschlammt wäre! Ich denke, Deutscher und Jude im Verhältnis etwa der Mischung, wie sie um die Wende zum Weltkriege bestand, haben sich gar nicht übel ergänz t. Ja, es hat Momente in unserem nationalen Leben gegeben, von denen wir nur bedauern können, daß die Kritik unserer jüdischen Volksgenossen sich nicht noch kraftvoller durchzusetzen vermochte . . . 2. Ich muß es Beurteilern jüdischen Blutes überlassen, die Frage zu erörtern und zu klären, ob das Gesanttjudentum Werte besitzt und nährt, welche um ihrer selbst und um des Gesamtlebens des großen Organismus Menschheit willen nicht nur fortleben müssen, sondern das auch nur können, wenn die jüdische Nation als solche erhalten bleibt, statt der Assimilation, der Aufsaugung durch die ungeheure uichtjüdische Majorität zu verfallen. Ich halte die Assimilation für eine weltgeschichtliche uuö rnenschheitliche Notwendigkeit, für die einzig mögliche Lösung des jüdischen Problems, die Katharsis der jüdischen Tragödie. Was ich persönlich an jüdischen Einzelschicksalen erlebt habe, bedeutet einen solchen Ozean von Leid und Seelennot, daß ich. wenn ich selber Jude wäre, nur den einen Wunsch träumen könnte: diesem Albdruck des Entsetzens zu entrinnen und mich bis zur völligen Lelbstaufgabe ln irgendeine Nation auszulösen, am liebsten natürlich in die, deren Kultur und Wesenheit mein Wesen geformt hätte. Aber vielleicht täusche ich mich. Niemand kann stolzer aus seine angestammte Nation sein, als ich es aus die meine bin — niemand kann es tiefer verstehen als ich, wenn jemand die! Zumutung, seine Nation arrfgeben zu sollen, sich „amalagarniereu" zu lassen, als tödliche Kränkung empfinden sollte. Man muß schon ein gemütloser Rohling sein, um das tragische Dilemma des Juden, der vor der Optionsfrage steht, nicht in seiner ganzen grausamen Härte zu empfinden. Ich las vor kurzem mit tierer Bewegung den Roman eines deutschjüdischen Amerikaners Ludwig Lewisohrr „The Island Within“, New Zork 1928, Harper & Brothers. Diese hochbedeutende Dichtung schildert den Kamps einer ganzen Familie, deren! Weg aus dem Ghetto von Wilna über Berlin nach den Verj einigten Staaten rührt und in einer Gestaltenübersülle die! Quak der Option, schildert, den Kampf zwischen angestammtem! jüdischen Nationatgcsühl und dem Zehnen nach Verschmelzung; mit seßhaftem Volkstum. Der Dichter kommt zu schärfster Ablehnung des Amalaamierungswillens. Seine dialektisch gleich tief begründete wie künstlerisch reich ausgestaltete Meinungsäußerung ist eine von jenen jüdischen Stimmen, die für die Klärung der Optionsfrage schwer ins Gewicht fallen. Zugleich schluchzt aus der dunklen Klage dieser großen Dichtung wieder einmal das ganze Weh einer zweitausendjährigen nationalen Leidensgeschichte... Zur Option gehört ein Wille, zur Amalgamierung zwei. Daß der Optionswille bei zahllosen einzelnen Juden vorhanden ist, wird niemand bestreitenwollen. Wie groß der Prozentsatz der -Lptionswilligen ist, wie groß die Verhältniszahl derjenigen, mit deren Willen „das Judentum nicht untergehen darf" — das ist mir nicht bekannt. 'Daß der dem -Optionswillen entsprechende Wille zur Rezeption, die erste Voraussetzung zur Amalgamierung, in weiten Kreisen Deutschlands nicht vorhanden ist, bedarf keines Beweises. Wäre das anders, bestände in allen maßgebenden Schichten Deutschlands der Rezeptionswille, so wäre vermutlich auch die Zahl der Optionswilligen größer. So steht das Problem. Zusammenfasseud muß gesagt werden, daß die Aussichten aus eine Lösung des jüdischen Problems durch Option nnb Rezeption, also durch Amalgamierung, mindestens in Deutschland vorläufig recht gering [lnt> —- aus Mangel an Bereitwilligkeit auf beiden Seiten. So bleibt denn als einziger menschenwürdiger Ausweg derjenige der Symbiose — des engen, vertrauensvollen Miteinanderlebens zweier vorläufig, vielleicht für unabsehbare Dauer unverschmelzbarer Bevölkeruugselemente. Ter einzelne, Jude wie-Deutscher, mag er nun die Amalgamierung wünschen oder ablehnen, mutz wnb kann die Voraussetzungen einer beiden Teilen gleich förderlichen und notwendigen Symbiose schassen durch theoretische wie praktische Anerkennung