Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 34 (24.8.1928)
- Date
- 1928-08-24
- Page
- Seite 470 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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470 „D-en" in Klspers Don V. Jacob (Dortmund). Wir haben schon einmal*), gelegentlich des Artikels „Antisemitismus"', über mangelhafte und irreführende Berichterstattung rn der neuen Auflage von .Meyers Lexikon' Klage führen müssen, was wir bei. dem im übrigen wohlverdienten Ruse dieses Werkes um so mehr bedauerten. Ter Briefrvechsel mit dein sich daraufhin meldenden Verfasser hat (vorausgesetzt, daß er derselbe geblieben ist, und Stil und Standpunkt laßen es vermuten) leider nicht den erwünschten Erfolg gehabt; so sind wir genötigt, unsere Klage Zn Wiederholern Und zu?ar bietet uns diesmal der Artikel „Indens in dem letzthin erschienenen sechsten Bande den Anlaß. Bei dem ersten Teil „Geschichte"' erkennen wir gern die Unparteilichkeit und das Geschick an, einen großen Stoff in Präziser Form zusammenzudrängen. Um so stärker ist unser Befremden über den zweiten Teil: „Anthropologisches und Ethnographisches."' Während der Verfasser in dem ersten Teil guten und wirklich wissenschaftlichen Quellen gefolgt ist, hat er sich im zweiten vonhöchst zweifelhaften Autoritäten ins Schlepptau nehmen und zu Urteilen verführen lassen, die nicht unwidersprochen bleiben dürfen. Wir glauben nicht sehlzugehen, wenn wir als die vorzüglichste Autorität das, wie wir mit vollem Bedacht sagen, minderwertige Buch von Hans F. K. Günther: „Rassenkunde des deutschen Volkes"' nrit seinem Anhang: „Rasienkunde des jüdischen Volkes" wiedererkennen. Wenn der Verfasser als den Grundstock des jüdischen Volkes die vorderasiatische und orientalische Nasse aunhnnit, zu der nordische, mediterrane, negroide und mongolische Bestandteile hinzugekommeu seien, wenn er ferner die Judenin zlvci Gruppen teilt, die „Südjuden" (^ephardim), die ein Zehntel, und Ostjuden (Aschkenasim), die neun Zehntel (!) ausinachech so ist dies nichts anderes als der abgekürzte Günther. Rach ihm ist das Ostjudentum, neun Zehntel aller Juden, eine (man halte den Atem an?) vor^rasiatisch-nwngolisch-ostisch-nordisch-hanntisch-negerische Mischung unter Vorwiegen des Vorderasiatischen; die Südjuden, das übrige Zehntel, können unter Verwiegen des orientalischen Elementes als orientalisch-vorderasiatisch-hamitisch-nordisch-negerisch gemischt gelten. Ter Dilettantismus dieser Rassenkunde ist längst erkannt und (wicht etwa nur von Juden?) auf das schärfste verurteilt worden; wir begreifen deshalb nicht, -wie ein Werl, das sich doch wohl zur Ausgabe gemacht hat, nur gesicherte Ergebniste einer ernsten und soliden Wipenschast wieder- ' zugeben, laienhafte Spielereien als kurante Münze in Umlauf bringen kann. Schlimmer sind die Angaben über die r a s s e n P h h s i o l o g i - schen und -Pathologischen Merkmale und über die „Eigenschaften"' der Juden, worüber uns die Unklarheit oder Vorsichtigkeit des Ausdruckes nicht beruhigen kann. Zur Entschuldigung des Versagers mag freilich dienen, daß auf diesem Gebiete Gedankenlosigkeit und Keckheit der Behauptungen besonders groß und verbreitet sind. Welch ein Unsinn ist es zum Beispiel, von .einer besonderen „Fruchtbarkeit der Ostjuden" als einer „ Nass euer genschast" zu sprechen? Alle Rassen der Erde sind von Natur gleich fruchtbar, und es sind zufällige, geschichtliche, soziologische, ökonomische und ähnliche Ursachen, wenn tatsächlich die eilte Nape die andere übertrisst. Tie Germanen waren zu Zeiten außerordentlich fruchtbar, bei den Franzosen Kanadas ist es keine Seltenheit, daß Mütter über zwanzig Kinder hadert, und so ließen sich noch viele Beispiele anführen. Ebenso verkehrt ist es, von der Disposition der Juden Zu bestimmten Krankheiten, z. B. der Zuckerkrankheit, von Rasse wegen zu reden. Sie kommt von ihrer derzeitigen Beschäftigung und Lebensweise, die ihnen aber nicht von der Natur vorgeschrieben ist. Das Buch von Günther wimmelt allerdings von solchen voreiligen Ausstellungen, deren Gehässigkeit nur schlecht verhüllt wird. „Den von einigen als bezeichnend hmgestellten Eigenschaften der Juden: Geschäftssinn, Schlauheit. Abneigung gegen körperliche Arbeit ufw. sieben ausgeprägter Familiensinn und Anhänglichkeit an ihre Religion, Gefühl der Zusammengehörigkeit mit Glaubensgenossen, ' Hilfsbereitschaft namentlich untereinander, Sittenreinheit und Mäßigkeit in Genüssen gegenüber. Ihre mannigfache Begabung und Ausdauer in der Verfolgung ihrer Ziele ließen sie auf wirtschaftlichem und geistigem Gebiete führende Stellungen erringen."' Das scheint ja weit mehr Lob als Tadel. Llber wir sagen: - Nicht von deinem Stachel und nicht von deinem Honig!"' Zrmächst, - üxmrm werden Ei gen schäften aufgeführt, wenn sie nur „von einigen" als bezeichnend hingestellt werden? Ist ein llonverft.Lionstexikon verpflichtet, die Meinungen von „einigen" zu registrieren? And was sagen die anderen, die doch als „die Vielen" eher zu fordern hätten, daß ihre Meinung angeführt werde? Streiten sie diese Eigenschaften ab, oder nennen sie dafür andere? Ferner vermissen wir Klarheit darüber, ob der Verfasser von angeborenen oder von erworbenen Eigenschaften spricht, sei es, daß sie einmal bestanden haben oder noch gelten. Es wird keinem Leser schmersallen, die angegebenen Eigenschaften (außer „usw.", das sich der. Prüfung entzieht — übrigens ein unschätzbares Hilssworch wenn s) „C.»V..Zrg." Nr. 2S, ZahrLäns 1S25. man nichts weiter rveiß) richtig zu beurteilen. Daß Geschäfissinn und Schlauheit dem Juden nicht angeboren sind, lehrt schon ein Blick in die Bibel. Aber ein Wort über die „Abneigung gegen körperliche Arbeit" möchten wir doch noch sagen, weil die Verlogenheit und Gedankenlosigkeit der Phrase nirgends größer ist. Vorerst ist cs nicht richtig, daß die Juden nicht körperlich arbeiten. Wer den Osten kennt, weiß, daß dort die schwersten Arbeiten, z. B. als L a st L r ä g e r , gerade von Juden getan werden. Sodann müssen wir uns erst klar werden, was man mit körperlicher Arbeit meint. Versteht man darunter nicht freie, schöpseriscl)e oder spielerische, sondern befohlene, andauernde, schwere, mehr oder wein ge r seelenlose oder zermürbende, dann behaupten wir, daß kein Volk auf der Welt die Arbeit liebt, daß das Streben aller Menschen dahin geht, solche Arbeit, rvenn sie nicht abzuwälzen ist, sich möglichst zu erleichtern. Diese Sinnesart Prägt sich auch in manchen scherzhaften deutschen Redensarten aus: Wer die Arbeit kennt und sich nicht drückt, der ist verrückt. — Man muß die Arbeit Hochhalten, recht hoch, daß keiner drankommcn kann. — Ich kenne nichts Schöneres als die Arbeit, ich könnte stundenlang Zusehen. — Man bringe mir erst einen Steinklopfer oder Erdarbeiter, der diesen Berus aus Begeisterung oder aus „Liebe zur Arbeit" ergriffen hat. Sie arbeiten, weil sie müpen, rveil sie keinen Weg zu etwas anderem fanden, weil sie keine anderen Fähigkeiten hatten. Was die Menschen ohne Unterschied der Nasse lieben, ist nicht die Arbeit, sondern die Muße, der Genuß oder doch möglichst die leichteste Arbeit. Je höher in einem Volke der Komfort steigt, je weniger Leute sinden sich für die schwere Arbeit. Wenn wir vor dem Kriege Zehntansende von Rüsten, Polen, Kroaten, Italienern importierten, so geschah es, weil immer weniger Deutsche sich für grobe Arbeit bereitfanden. Schließlich werden solche Lobgesänge auf die körperliche Arbeit immer von Leuten angestimmt, die selber keine verrichten. — Die westeuropäischen Juden sind „körperlicher Arbeit abgeneigt", weil sie nirgends in kompakten Massen zusammen wohnen, sondem als Minorität in den Städten zerstreut. Man besiedle einmal eine Provinz nur oder hauptsächlich mit Juden, rmd es wird sofort jüdische Bauern und Vauernknechte, Handwerker und Arbeiter von jeder Art in Maste geben, wie es deren in anderen Ländern sck)O!'. jetzt gibt. Es kann also von einer Abneigung „der" Juden keine Rede sein. Wir kennen keinen einzigen angeborenen Fehler des Juden, rmd, fügen wir gleich hinzu, auch keine einzige angeborene Tugend. Tie Fehler wie die Tugenden sind sämtlich ein Produkt seiner Erziehung, sei es durch Religion, sei es durch Geschichte oder Umgebung. Es ist erstaunlich, wie rasch zum Beispiel Tugenden, die man für den angeborener! Charakter des Juden hält, verschwinden, wenn diese Faktoren sortsallen. Auch der Jude kann ein roher und pietätloser Mensch, ein Trunkenbold oder Raufbold werden, wenn nicht in dieser, in der nächsten oder übernächsten Generation. Ebenso wechseln Eigenschaften und Beschäftigungen bei anderen Völkern. Was würde ein Tacitus sagen, wenn er jetzt seine Germanen sähe, ihre Großstädte, ihre Universitäten, chre Fabriken, ihre Kontore? Hütte er sich zum Verspiel „deutschnationale Handlungsgehilfenverbande" auch nur vorstellen können? Sodann : in jeder größeren Menschen gruppe sinden sich alle Fehler und alle Tugenden. Gibt es etwa keine geschäftstüchtigen, schlauen Nichtjuden und keine unbeholfenen einfältigen Juden? Also sind alle solch verallgemeinernden Urteile von Uebel. Als „echt deutsch" wird zum Beispiel immer die Gründlichkeit und Gediegenheit der wistenschastlichen Forschung gepriesen. Wenn man aber erlebt hat, welcher Erfolge sich ein Chamberlain zu erfreuen hatte, daß ein Machwerk wie Dinters „Sünde wider das Blut" von den „gebildeten" Kreisen verschlungen und in der teuersten Zeit in einer viertel Million Exemplaren gekauft wunde, daß die Rastenkünde Günthers es in fünf Jahren auf zehn Auflagen gebracht hat, dann könnte uran mit demselben Rechte als „echt deutsch" die Schluderet, die Oberflächlichkeit und Scnsatwnslüsteruheit bezeichnen. An jenem wahren derrtschen Ruhm hat auch Meyers Lexikon seinen Anteil. Um so dringender ersuchen wir seine Leitung um größere Vorsicht. Wir zweifeln bei dem Verfasser, den wir keineswegs für einen Antisemiten ausgelen wollen, nicht an dem guten Willen, aber es gehört dazu auch Wissen, Kritik, Reife und Besonnenheit des Urteils. am Sonntag, den 2. September, 10l/2 Uhr, im Logenhaus, Kleiststrasse 10. Tagesordnung wird in der nächsten Nummer dieses Blattes veröffentlicht. Teilnahme euch von Nichklekgierien öus der Provinz. Brandenburg und Berlin erwünscht.