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Central-Verein-Zeitung · 1928-08-24 · 34 (24.8.1928) · p. Seite 468

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
34 (24.8.1928)
Date
1928-08-24
Page
Seite 468 (sequence 4)
Language
German
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46$ Eine Besprechung und eine Forderung. In diesen dem Glcichberechtignngskampfe dienenden Blättern darf inan über Bücher nur dann ausführlich reden, wenn sie^ die Vertreter neuer und beachtenswerter Ideen im Sinne der Bestrebungen des Centralverems sind. In englischer Sprache ist nun vor nicht allzulanger Zeit ein Werk erschienen, das diesen Voraussetzungen^ in hohem Matze entspricht. „Das Erbe Israels"') nennt es sich, und es stellt nichts mehr und nichts weniger als einen ersten Versuch dar, die Wirkungen des jüdischen Geistes auf die Gestaltung der Weltkultur aufzuzeigen. Tie besten jüdischen und nichtjüdischen Männer aus der englischen Gelcbrtenwett haben sich bemüht, ein geschlossenes Bild von diesem jüdischem Einfluß zu entwerfen, und statt langer Ausführungen mögen die Kapitelüberschriften ein Bild von dem Reichtuni des Buches geben. Behandelt werden ü. a. das hellenische Judentum, der Einfluß des Judentmns auf das Christentum, auf den Islam, auf die Weltanschauung des Mittelalters, auf die Wissenschaft des Mittelalters, auf die Reformation, auf das westliche Recht, aus den Puritanismus, auf das moderne Denken und auf die moderne Literatur. Auch der Einfluß der Bibel als einem Literaturwerk wird betrachtet und insbesondere ihr Verhältnis zu den europäischen Sprachen untersucht. Eine sinnverwirrende Fülle von Themen wird behandelt, eine Menge von Problemen angeschnitten und gelöst, so daß man es mit einer der wertvollsten Erscheinungen der neuen jüdischen Literatur zu tun hat. Sowohl ans sachlichen, wie aus formellen Gründen mutz der Wert dieser Neuerscheinung so stark gerühmt werden. Es ist nicht etwa der Geist einer die Juden verhimmelnden Zuneigung, die ihr innewohnt, sondern die strengste Objektivität herrscht. Aber wir Juden verlangen ja nichts mehr, und herzlich froh wären wir, wenn auch in deutschen Veröffentlichungen eine solche ehrliche Un- Voreingenommenheit uns öfters begegnete. Formell ist bemerkenswert, mit welcher Offenheit anerkannte englische Gelehrte sich auch dann äußern, wenn die Verkündung der Wahrheit den Juden nützr. Wenn nun trotzdem diesem bedeutenden und in feiner Art vollendeten Werk gegenüber auch das Wort der Kritik erklingt, io geschieht es gewiß nur aus prinzipiellen Gründen, weil es notwendig ist, auch für den deutschsprechenden Kulturkreis ein ähnliches, aber noch vollkommeneres Buch zu schaffen. Eine bloße Übersetzung kommt kaum in Frage, nicht nur, weil das Buch doch allzusehr auf den Geschmack eines englischen Leserkreises zugeschnitten ist, sondern weil es auch in der Systematik Vcrbeyerungcn ztüäßt und über wichtige Zu ergänzende Punkte nichts sagt. Uns fehlt tatsächlich eine Darstellung der Bedeutung des Judentums für das Leben der Welt. Freilich darf sie weder den Titel „Das Erbe Israels" tragen, noch von dem Geiste einer solchen Anschauung ausgehen. Denn wer etwas vererbt, mutz tot sein, und wenn auch das vorliegende Sammelwerk solches vom Judentum nicht annimmt, so fehlt ihm oft die Beziehung auf das Leben. Es ist eben zu literarisch und zu historisch! Wer uns das Werk bescheren wird, das etwa „D a s Judentum als Kulturfaktor" heißen soll, darf, juristisch gesprochen, nicht , von einem „Erbe", sondern er muß von einer Vorratio inter vivos, einer „Schenkung unter Lebenden", reden. Er muß die Sprache des Lebens und nicht die der trockenen Wissenschaft und der Literatur vergangener Zeiten erklingen taffen, er muß von dem Bewußtsein durchdrungen sein, daß des Judentums Rolle für die Weltkultur längst noch nicht ausgespiclt ist, sondern daß ferne Äulturideen und seine ethischen Anschauungen die Zukunft in starkem Maße befruchten werden. Das Buch über des Judentums Kuliurbedeutung darf nicht wie eine noch so rühmende Grabrede klingen, es muß dem Geburtstagswunsch gleichen, den man einem Menschen in der Vollkraft seines Schaffens widmet. Es fehlt eben in dem englischen Buche trotz seiner Vorzüge recht viel. Nichts kündet es von dem in alle Kulturbeziehungen hinein» getragenen Einheitsstreben des Judentums, von seinem Einfluß ans die moderne Staatsidce, auf die Schaffung des weltlichen Staates, auf die Trennung von Staat und Lurche. Vergeblich sucht man des Judentums grundlegende Ideen über Völkerfrieden und Völkerbund und ihre Wirkung aus die Welt. Die soziale Mission des Judentums. die gestaltende Kraft seiner Ideen im modernen Stamssozialismus sind nicht dargestellt. Die kulturelle Kraft des jüdischen Menschen, der Judenheit, ist kaum berührt, und überall klaffen so Lücken, so vortrefflich im einzelnen die Darstellungen sind.' Des Buches Wert ist eben auch in der Richtung nicht zu übersehen, daß es zum ersten Male aus etwas weist, was uns fehlt. Das einzige Werk dieser Art, das Eduard Lamparter^) jüngst schrieb, schildert auch nur die innere jüdische Kulrurentwicklung,' nicht aber ihren Einfluß aus die Welt. Und es sei der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß bald des Judentums Bedeutung als Kultursoltor in *) „The Legacy of Israel.“ Essays by Sir C.eorpo Adam Smith. Edwin Bevan, P. C. Burkitt, R. T. Herford, A. Guiliaume, Charles and Dorothea Singer, Rev. Canon Box, W. B. Selbie, N. Isaacs, L. Roth, A. Keiltet, Laarie Magnus, C. G. Ifontefiore. Planced by the late J. Abrahams and edited by Edwin R. Bevan and Charles Singer. With an Introduction by The Master of Ballicl. Oxford. At th« Clarendon Press. 1927. *> Judentum in seiner fulhir* und relig'urnsgeschichilichen Erschei. »nung^. lLeopold Klotz. P-rlag. Gotha 1928.) Besprochen in der „C. B.» 8eitun*" 1928, Nr. 28. Politik, Mrtschaft und Geistesleben in deutscher Sprache nicht nur würdig und objektiv, sondern aucki erschöpfend dargestellt werde. Auch für die Sonderintereffcn des Centralvereins wird dieses noch zu schreibende Buch von großem Werte sein. Es wird ein neues Lrcka aus die Entstehung des Antisemitismus werfen, da schon länast feststeht, daß zu den Ursachen des Judenhasses auch die Pflicht zur"'Dankbarkeit gehört, die die Kulturwelt den Juden gegenüber empfinden müßte, die aber in kleinen Seelen sich regelmäßig, weil sie als Vorwurf empfunden wird, in Abneigung verwandelt. Auch den Neid, der den Haß erweckt und schürt, wird es schildern, jenen doppelten Neid auf das von den Juden Erreichte und aus^das Erreichbare, die Leistung der Zukunft. Das Buch wird das Selb st * bewuhtsein der Juden stärken. Denn was könnte eher echtes Selbstbewußtsein erwecken als die Ueberzeugung, einer Gemeinschaft anzugehören, die nicht nur für die Welttultur unendlich viel geleistet hat, sondern deren .Kulturkraft der Welt noch vieles und Großes bescheren wird. Eine Betrachtung des Judentums als eines Faktors der Wettkultur wird aber auch für das Problem der Assimilation neue, für viele überraschende Ausblicke geben. Man wird erkennen, daß das Judentum sich nicht nur selber anderen angepatzi hat, sondern daß die Völker der Welt sich auch ihm trotz seiner Kleinheit weit mehr angeglichen haben, als man zuerst glauben möchte. Und da auch dieses Bewußtsein innere jüdische Kraft und SelbstbewußLseitt erwecken mutz, wird man um so mehr die Notwendigkeit einer solchen Darstellung bejahen und dem vorliegenden Buche dankbar sein, daß es aus eine empfindliche Lücke der jüdischen Literatur aufmerksam gemach: und Wege zur Beseitigung gewiesen hat. Dr. Frlix Goldmann (Leipzig). Das kinderreichste Lan). (V o n unserem Koriespon deute n.) K. Jerusalem, im August. Viele Leute wird es überraschen zu hören, daß nach den letzten : Statistiken das heilige Land wohl au der Spitze der kinderreichen Länder der Welt steht. Im Jahre 1925 wurden in ihm auf so . 10 000 Einwohner 493 Kinder geboren, während selbst in dem kindcr- - reichen Aegypten, das einen wel geringeren Prozentsatz europäischer! Bevölkerung hat, in demselben Jahr auf die gleiche Einwvhnerzifscr! 428 Neugeburten kamen und in dem ebenfalls kinderreichen Rußland nur 409. Diese Geburtenziffer Palästinas ist fast dreimal so groß rvie die Schwedens, in dem nur 175 Kinder aus 1b000 Einwohner geboren wurden, und mehr als zweieinhalb mal so groß wie die seines Mandatars England mir 183 Geburten auf 10 000 Einwohner. Sie ist mehr als doppelt so hoch wie die Geburtenziffer der Vereinigten Staaten von 226 neugeborenen Kindern auf 10 000 Einwohner. Auch wenn man die als kinderreich bekannten Länder Italien und Japan mit ihren 275 bzw. 338 Neugeburteu aus je 10 000 Einwohner zum Vergleich heranzicht, bleibt das heilige Land noch immer weit an der Spitze. Diese hohe Ziffer ist nicht etwa ein Zufallsergebnis, sondern sie war im vorangegangene u Jahre noch höher, nämlich 513 Geburten auf je 10 00ö Einwohner, und im darauffotgenden Jahr 1926 überstieg sie auch diesen Rekord und kletterte auf 534 auf je 10 000 Einwohner. Erst im Jahr 192 7 ging sie ein wenig zurück, auf 504 je 10 000 Einwohner. In der Hauptsache sind die Mohammedaner für diesen Rekord verantwortlich, die im letzten Jahr 561 Neugeburtcn aus je 10 000 Einwohner hatten, wohinter die Christen mit 389 und die Juden mit 351 je 10 000 weit Zurückbleiben. Dieser Vorsprung der Jünger des Propheten liegt nicht etwa daran, daß es ihnen erlaubt ist, mehrere Frauen zu halten. Denn praktisch hat nur ein ganz verschwindend kleiner Prozentsatz von ihnen zwei oder mehrere Ehegattinnen, weil der „Fellachch der Pächter oder Kleinbauer, sich nu? finanziellen Gründen nicht mehr als eine halten kann und der reiche Essend! in den Städten schon den Wunsch hat, als Europäer 31: gelten. Eher erklärt sich dieser große Kindersegen daraus, daß der Araber nach wie vor seinen ganzen Ehrgeiz darin setzt, möglichst viele Söhne zu haben. Aber der größte Teil dieser vielen Geburten wird durch die außerordentlich große Sterblichkeit ausgeglichen. Im Jahre 1927 machte die Zahl der Todesfälle unter dcu Mohammedanern mehr als zwei Drittel der Geburten aus. Bei den Christen dagegen nur wenig mehr als die Hälfte und bei dcu Juden nur ein wenig über ein Drittel. Daher kommt es. daß die Bevölkerungsvermehruug der Juden, obwohl sie von den Bevölkern ugsgruppeu des heiligen Landes a m wenig ft e n K inder b e k 0 m m c it, prozentual nahezu ebenso groß ist wie die der Mohammedaner u u d größer als die der Christen. Uebrie-ens ist der jährliche Nettoruwachs der jüdischen Bevölkerung Palästinas wohl größer als in irgendeinem europäischen Lande. In der jüdischen Gemeinde Jasfa-Tcl-Aviv werden beispielsweise jährlich ebensoviel Kinde, geboren wie in der jüdischen Gemeinde von Wien, die fünfmal w viel Mitglieder hat. Die Ursache dieser großen Geburtenziffer ist der starke Anteil der orthodoxen und orientalischen Juden au der jüdischen Bevölkerung des Landes, die Ursache der geringen Sterblichkeit die mit geringen Mitteln ausgeballte, unter Leitung des Berliner Kinderarztes Tr. Grünselber ganz ausgezeichnet organisierte Säuglingssürsorge der zionistischen Sanitätsorganisarion „Hadaffah'ft

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