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Central-Verein-Zeitung · 1928-08-17 · 33 (17.8.1928) · p. Seite 458

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
33 (17.8.1928)
Date
1928-08-17
Page
Seite 458 (sequence 6)
Language
German
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45$ Rückschau auf öas wiener Sängerfest. Von Oskar Hirschfel- (Wicrr). Die Wiener Bevölkerung hat herrliche Tage erlebt. Unsere schöne Stadt war vom 19. bis 23. Juli der Schauplatz des Zehnte n^T e u tschenSängerbundesfestes. Es war dem Andenken F r aus Schuberts gewidmet, dessen Todestag sich zum hundertsten Male führte. 290090 deutsche Sänger aus allen Teilen der Welr, aus Deutschland, der Tschechoslowakei, aus P o l e n , aus Ungarn, ja sogar aus Amerika, Ap r i k a und A ustralicn waren herbeigeeilt, um die glänzend gelungene Veranstaltung zu einer machwollen Manifestation deutschen Gesanges, und damit deutscher Art zu stempeln. Gleichzeitig war das Fest mit einer imposanten Anschlußkundgebung verbunden, die bisher einzigartig dasteht und gewiß zur Vertiefung der beiderseitigen herzlichen Beziehungen geführt hat. Ten Haupianteil der Gäste stellte natürlich das T c u t s ch e R e i ch,' dessen Besucher hier von der L nt in c r liebenswürdigen Wiener Bevölkerung ohne Unterschied der Partei und Konfession herzlich ausgenommen wurden. Wir betonen mit Absicht diese Einmütigkeit, denn allseits war die Ansicht vorherrschend, daß die deutschen Gäste in ihrer Majorität Weltanschauungen angehörten, die denen der einheimischen Bevölkerung — Wien hat bekanntlich eine überwiegende s o z i a l d e m o k r a r i f che Mehrheit — durchaus diametral gcgenübcrstchcn. Tennos störte kein einziger Mißton die schöne Feier, im Gegenteil, die Wiener Stadtverwaltung, an ihrer Spitze der von den Antisemiten stets arg gelästerte Bürgermeister Karl S c i tz, dem man zu Unrecht.jüdische Abstammung („P o l l a k s oh n") vorwirft, und der nicht minder angeseindete Finanzreserent Hugo B r e i t n e r, der tatsächlich jüdischer Abstammung ist, überbot sich an Euer, den deutschen Gästen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten, und empfing deshalb auch von allen kompetenten Stellen, wie der deutschen Gesandtschaft, der Leitung des Sängerbundes usw., den herzlichsten Dank, den sie auch wirklich ehrlich verdient hat. Auch in k o n s e s s i o n c l l e r Beziehung gab das Fest trotz der Verschiedenheit des Glaubensbekenntnisses zu keinen Reibungen Anlaß. Während der ganzen Dauer der Veranstaltung hat sich überhaupt kein Zwischenfall antisemitischer Art zugetragen, trotzdem vor ihrem Beginne von dem sattsam bekannten ä r g st e n Wiener H a k en kr e u z l e r, Tr. Walter Riehl, dem durchgefallenen Nationalratskandida ten der christlichsozial-großdeutschen Einheitsliste, eine„K a u ft aichtbci Juden!"-Propaganda inszeniert worden war, die aber infolge rechtzeitiger Gegenmaßnahmen keine Früchte zeitigte. Vielmehr hat auch die jüdische BevölkerungWiensdiesre mdenGa st es ehrherz lichempfangen, und diese wieder ließen es sich überall gut gehen, ohne zu fragen, wes Stammes ihre Luartiergeber. Wirtsleule, Kausleute usw. waren. Ein von Tr. WalterRiehlpropagiertcs „Verzeichnis der deutfcharischen Geschäfte" ist nicht erschienen, und so verlief seine ganze „Aufklärung" völlig im Sande. Auch eine für die deutschen Sauger einberufene Antisemitenverfammlungwar elen d besucht u nd ergebnislos. Wie sehr die schönste Harmonie die imposante Veranstaltung beherrschte, beweist ein Vorfall, der von einer Wiener radikalzionistischen Zeitung lebhaft diskutiert wurde. Ten Höhepunkt der Feier bildete bekanntlich der große Festzug, der acht Stunden dauerte und an dem ungefähr eine Million M e n * scheu aktiv oder als begeisterte Zuschauer teilnahmen. Eine Schilderung dieser großartigen Kundgebung möge hier unterbleiben, da ja alle großen Zeitungen des In- und Auslandes ausführlich darüber berichteten. Ter Zug führte zur ^ängerhalle im Prater auch durch dieHauptstraßedesjudenreichstenBezirkes Wiens. Tort standen natürlich viele Tausende unserer Glaubensgenossen, die nun den „Heil Wien" - Ruf der Gäste in gleicher Weise mit „Heil!" beantworteten. Ties empfindet das erwähnte zionistische Blatt als „ch a r a k t e r l o s". Es ist wohl richtig, daß in Oesterreich „Heil!" die Begrüßung der dcutschnatwnalcn Judengegner darstellt, aber bei der mit dem Festzuge verquickten Anschlußkundgebung war das „Heil" selbstverständlich nicht im chauvinistischen Sinne, sondern als deutscher Willkommgruß gedacht, der bei allen Zuschauern die gleichlautende Erwiderung fand. Wir haben ja m Oesterreich ein Pendent zu dieser Angelegenheit. Bei uns ist die schwarzrotgoldene Fahne, die deutsche Reichsflaage, die Fahne der antisemitisch gesinnten Teutschnationalen, die Schwarz- Weiß-Rot gar nicht besonders lieben. Wenn also beim Sängcrsest natürlich Schwarz-Rot-Gold vorherrschte, weil es zugleich auch das Emblem der von allen Parteien erstrebten großdeutschen Republik ist, so hätten mit demselben Rechte auch diese Farben bei den leicht erregbaren Jübischriationalen Anstoß auslösen können. 4 Man darf aber nicht überempfindlich sein und sollte sich vielmehr mit der nichtjüdischcn Bevölkerung darüber freuen, daß das Fest so harmonisch verlausen ist und wieder einmal bewiesen hat, daß Wien eben Wien, die „Stadt mit dem. goldenen Herzen" ist ... Gibt es eine E. v.-MffenfchafL? Eine Erwiderung von Dr. Fritz FrieDkaenDer. In Nr. 59 der „Jüdnchen Rundschau" hat Tr. Ernst Simon in einem Aufsatz V. - W i f s enschast, z u gleich ein Beitrag zum Problem der Emanzipation" meinem Buche „Das Leben Gabriel Riesters" (Berlin, Philo-Verlag, 1926) eine ausführliche Besprechung gewidmet, in der er im wesentlichen den Angriff wieder aufnimmt, den er bereits nach Erscheinen des Buches eröffnet baGst Wir wollen von vornherein dankbar anerkennen, daß seine polemi'che Natur sich inzwischen gemäßigt hat: darum verzichten wir gern daraus, an seinen fragwürdigen literarischen Witz die^onde zu legen und halten uns lediglich an seine positiven Ausstellungen. Ernw Simon bat die interesiante Entdeckung gemacht, daß es eine besondere V.-Wissenschaft gibt. Diese Wissenschaft hat seiner Beschreibung zufolge zivei Fronten: die äußere ist gegen den Antisemitismus, die innere gegen den Zionismus gerichtet. Wir gehen nun wohl kaum irre, wenn wir dabei zwischen den Zeilen die Behauptung vertreten finden, diest sogenannte C. B.-Wissenschast sei gar keine echte Wissen'chast, weil sie dem Gebote einer unpersönlichen und wertefreien ForschunZswei'e. wie es namentlich Max Weber als ideale Forderung aufgesrellt hak. widerspricht. Allein das Gerede von der Voraussetzungslosigkeit der Wiffcnsthast, insbesondere der historischen, ist eben ein — Gerede, jeder wahrhaft großen Geschichtsauffassung ist eine unbewußte Zielsetzung beigemischt; sogar der objektivste aller Historiker. Ranke, ist durch seinen pienstisch-legitimistischen Royalismus bestimmt. Der G. V. erweist sich eben nicht bloß als rein praktischer Abwehrverein. sondern als eine bedeutende und fruchtbare Weltanschaun ngsaem.ei n schuft, indem er imstande war, eine selbstständige und Lregiahige wissenschaftliche Gesinnung hervorzubringen. Besonders betrüblich und verletzend berührt es uns jedoch, wenn Simon die Bekämpfung des Zionismus als eine primäre Aufgabe des C. V., die dem Kampfe gegen den Antisemitismus angeblich entspricht, hinstellt. während doch in Wirklichkeit jener höchst beklagenswerte Streit dem C. B. von nationaljüdischer Seite ausgedrungen wurde. Tenn nirgends ist vor dem bedauerlichen und kräfteverzehrenden Unheil des innerjüdischen Kampfes nachdrücklicher gewarnt worden als in diesen Blättern. Ernst Simon ist aber noch eine zweite Entdeckung gelungen, indem er nämlich in Gabriel Riesters Auffassung des'Inden- Problems dr.cn inneren Widerspruch herauszusinden meint. Jene Aufsagung läßt sich auf einen ggnz einfachen Gedankengang znrückführeni wir jüdischen Deutschen find volksmäßig Deutsche, die sich lediglich Lurch ihr besonderes Religionsbekenntnis, durch ihre geschichtliche Vergangenheit, durch die ihnen eigentümliche Abstammung von ihren christlichen Mitbürgern unterscheiden. Rießers geschichtliche Leistung besteht darin, jenerAuffassung Bahn gebrochen und sie zur Weltanschauung und Lebensgrundlage der jüdischen Deutschen gemacht zu haben. Wenn Simon als überzeugter Zionist die Ansicht Rießers, daß das Bekenntnis vom Deutschtum und die Erhaltung des Judentums kein unvereinbarer Gegensatz sei. nach dem Vorgänge Dubnows ablehnt, so setzt er nur Behauptung gegen Behauptung, er weist aber keinen inneren Widersprach nach. Weit fruchtbarer wäre seine Kritik verfahren, falls ne nch mir Rießers entscheidender Ucberzeugung, daß ohne eigenes Land, eigenen Staat und eigene Sprache eine Nation nur in der Einbildung, nicht in der Wirklichkeit bestehe, auseinandergesetzt harre — mit jenem bereits 1842 niedergeschriebenen Satze hat Riehcr dem Zionismus vor seinem Erscheinen das Urteil gesprochen. Simon ist besonders darüber ungehalten, daß ich, wie er meint, den C. B. ganz offen angcpricsen habe. Allein er übersieht, daß der C- V. als die Verwirklichung einer Anregung Rießers in die geschichtliche Enrwicklungsreihe durchaus eingeordnet werden mußte. Wenn er mir das Recht, mich auf Hermann Cohen, durch den die Synthese von Deutschtum und Judentum eine wissenschaftliche Grundlegung erfuhr, zu berufen, bestreitet, so weiß ich dies als witzigen Widerspruch zu schätzen. - Zum Schluß stellt Simon in seinem Sinne das wahre Problem Rießers. Jedoch auch dieses Pulver ist umsonst verschossen. Er erklärt das Lebensgesühl der Emanzipation als. einen Pseudo-Messianismus, wobei er leider verkennt, daß die Emanzipation eine Entwicklung ist, in der wir noch immer stehen und die u. a. auch für den Zionismus die Voraussetzungen geschaffen bat. Er bezeichnet um einer nicht ganz richtigen These willen Rießcr als entschiedenen Unitaristen, während doch sein hamburgi'cher Partikularismus seinem Unitarismus die Wage hielt. Bei den übrigen jüdischen Politikern, die Simon ansührt, liegen die Tinge ebenfalls eigen; hierüber wird eine großangelegte historische Untersuchung, mit der mein Freund Tr. Hans Rosenberg befaßt ist, Aufschluß geben. Simon sucht außerdem Rießers Persönlichkeit herabzusetzen. Ich weiß mich gewiß von einer Neberschätzung frei. Allein soviel steht fest: unser Vor- *) Vgl. SJr. LS des „Jüdischem Dochrnblaties" (Jahrgang 1926) und die Erwiderung „Gozrr. der Lärm?" ron Dr. Felix (5 o I b m a n u in Nr. 48 der „C. D.^Zeinrng" lIahrgang 1i»26). sowie die anschließende Aussprache zwischen Ernst oir.cn nd Felix öolbmann in der „C. P.-Zeitung".

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