Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 33 (17.8.1928)
- Date
- 1928-08-17
- Page
- Seite 454 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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454 i übernommen und es in den geistigere Besitz der Menschheit eingeführt. Dieses Buch aber redet nicht zu dem^engen Kreis der Gelehrten und Hochgebildeten. Gerade das Schlichte, das Unmittelbare der alttestamentarischen Erzählungen, die tief-menschlichen Töne, die aus Propheten und Psalmen klingen, machten das Buch zu einem Besitz der Völker, wobei man von dem natwnal-geschichtlichen Gehalt, wie er etwa im Ritualgesetz vorliegt, aösthen konnte. Heute wird das Alte Testamentoder wenigstens seine wertvollsten Teile in etwa fünfhundert Sprachen vorliegen. Kein anderes Wer? der Weltliteratur wird sich danach an Volkstümlichkeit und Weite der Wirkung mit dem Allen Testament messen können. Welche Stellung nimmt nun das Alte T e st a - ment als religiöse Urkunde ein, welches ist ferne Auswirkung im. Bereich des religiösen Lebens? Wir sehen ganz ab von den r e l i g i o n s g e s ch i ch t - lichen Beziehungen, die das Alte Testament durch zahlreiche Faden mit seiner religiösen Umwelt, dem alten Orient, verknüpfen, so wertvoll die Erkenntnis dieser Zusammenhänge auch für das geschichtliche Verständnis des Alten Testaments ist. Wir fragen hier nur, welchen Anteil es an der religionsgeschichtlichen Entwicklung hat. Was das Alte Testament als kulturgeschichtliche Größe bedeutet, beruht wesentlich aus seinem Charakter als eines Urkunden- Werkes, in dem sich eine vielgestaltige und tiefe religiöse Ent^ Wicklung darstellt. - Was es daneben an mancherlei Stoffen rechtlichen oder geschichtlichen Charakters mit sich führt, ist doch in dies. Religiöse eingetaucht. In den Anfängen aller religiösen Entwicklung begegnen wir zwei verschiedenen Vorstellungsformen, die bisweilen, noch im Alten Testament aus der Vorzeit nachklingendem Machtgedanken und dem Dämonenglauben. Was aber daraus durch die religiöse Entwicklung Israels geworden ist, darin liegt ihre geschichtliche Bedeutung. Das Verhältnis des Menschen zur „Macht" ist rein naturhafter, dinglicher Art, rächt eigentlich persönlich. Tie Urvorstellung, daß die Macht gefährlich ist, klingt im A. T. noch durch sz. B. II. Sam. 6, 6, Jes. 6, 5, II. Moses 19, 12). Im Tämonenglauben gewinnt die geheimnisvolle Macht die Züge persönlicher Wesenheiten, die mit einem Willen ausgestattet sind und dadurch auf den Menschen bestimmend einwirken. Damit tritt ein persönliches Verhältnis zwischen den übersinnlichen Mächten und dem Menschen ein. Tie Bedeutung der alttestamentlichen Entwicklung beruht darauf, daß sie dre Gottheit als eine persönliche Willensmacht erfaßt. Sie aber waltet nicht in grausamer Willkür, sondern wirkt in sittlichen Forderungen an das Volk. Das ist in der Tat das Entscheidende, was die alttestamentliche Religion geleistet hat. Mag der Gott vom Sinai bisweilen auch noch Züge aufweisen, die an einen mehr naturhaften, gewaltigen Dämon erinnern, so gehören diese Züge seiner Vorgeschichte an. Durch Moses wird er der Gott, der sich in einer Tat seines Willens als Erretter und Führer bekundet. Das Verhältnis zwischen dem Gotte und dem Volke wird als „Bund" aufgefaßt, dessen Inhalt kultische, aber auch sittliche Ordnungen sind. Daß die Gottheit als Persönlichkeit erfaßt wird — weil sie sittliche Willensmacht ist — und daß sich ihr Verhältnis zum Menschen in sittlichen Bindungen darstellt, das müssen wir als einen der großen Schritte im Geistesleben betrachten. Damit aber hängt das Entscheidende zusammen: in Israel ist der Monotheismus Volksrelig i o n geworden. Das ist eine einzigartige Tatsache. Einen spekulativen Monotheismus haben auch ^indische und griechische Denker erreicht; aber wirkliche Religion ist er hier nicht geworden. Dagegen sind biedrer großen monot h e i st i s ch e n Religionen aus dieser einen Wurzel erwachsen. Das hat seinen Grund in der gemeinsamerr Aufsagung der Semiten von der Gottheit, in dem Gefühl für die Erhabenheit der göttlichen Macht, die zur Einzigkeit der Gottheit im Prophetismus geführt hat. Zunächst geht auch diese Entwicklung durch das volkstümlich Begrenzte: die Gottheit gehört zum Volk, es ist ein seine Ehre mit furchterregender Strenge wahrender Gott. Das ist bei den Seuüten überall der Ausgangspunkt des nationalen Monotheismus: er erklärt, daß diese religiöse Vorstellung zu einer reichen kultischen und sittlichen Gesetzgebung führt. Diese aber finden wir auch bei anderen semitischen Völkern, wie vor allem das Gesetz des Hammurabi zeigt. Das höhere Ziel, der rein ethische und universale Monotheismus, ist tin y-rgebnis der religiösen Entwicklung nur im Alten Testament. Es ist die Tat der Propheten, daß sich diele Idee nach langem Ringen mit einer altertümlichen Volksreligion durchgesetzt hat. Die Gottheit wurde von den natürlichen Grundlagen', auch von der Gebundenheitan ein Volk, losgelöst und zur universalen, ethischen Macht erhoben, deren Dienst im sittlichen Handeln besteht. Was das Alte Testament an unvergänglicher Größe in sich birgt, liegt im P r o p h e t i s m u s. An ihm aber ist das geschichtlich Merkwürdige, daß die Propheten zunächst als einzelne ganz für sich gestanden haben, daß sie vielfach im Gegensatz zur Praxis der Volksreligion standen (s. das Auftretendes Amos am Heiligtum zu Bethel). Es sind zunächst nur einzelne gewesen, die.sich ihrer Botschaft erschlosien. Tann hat aber doch der religiöse Heroismus dieser Führergrößen die Masten erhoben und mit sich gerissen. So hat auch das Volk seinen Gott allein an die Stelle alter Stammesgvtter gesetzt, und vor ihm sind die fremden Volksgötter nicht nur zurückgetreten, sondern zuletzt völlig aufgehoben. Anderseits hat sich der religiöse Universalismus der Propheten durchaus nicht von der Grundlage des Volkstums völlig losgelöst. Durch innerlichste seelische Erlebnisse, die man mit den Mitteln geschichtlicher Forschung nie ganz erfaßen kann, ist ein neues religiöses Bewußtsein erwachsen. Es ist das Gefühl, von der Gottheit getrieben, getragen und in ihr geborgen zu sein. Daraus ist der Gottesglaube erwachsen, der dann auch das religiöse Leben des Volkes zu einer Höhe geführt hat, wie sie keine andere antike Volksreligion erreicht hat. Die prophetischen Gedanken hat die spätere Entwicklung sestgehalten, indem sie das ganze Volksleben organisierte "durch das Gesetz, das die prophetische Forderung praktisch durchzuführen suchte. „Gesetz und Propheten" bilden trotz aller Verschiedenheit doch eine tiefere Einheit. Natürlich hat es ethische und rituelle Gesetze lange vor der Zeit der Propheten gegeben. Aber das Gesetz, das als Grundlage des ganzen Daseins auftrat, das Gesetzbuch des Josia von 621 und das Kultusgesetz des Esra von 432, sie sind ein rückhaltloser Versuch, die Gedanken des Prophetismus in praktische Lebensordnung umzusetzen. In diesem Ringen um die Gottheit als sittliche Weltmacht und in dem entschlossenen Streben, ein ganzes Volkstum in allen seinen Lebensbeziehungen unter die sittlichen Forderungen, die im Gesetz Gestalt gewannen, zu stellen, liegt die bleibende Bedeutung des Alten Testamentes als eines Dokumentes der religiösen Entwicklung. Würden wir, wie es manche fordern, das Alte Testament aus unserer Bildung und Kultur ausschalten, so würden wir damit nur Kulturwerte verlieren. Gewiß, die bildhaften Vorstellungen des Alten Testamentes vom Weltganzen sind nicht mehr die unseren und wir stehen nicht unter seinen gesetzlichen Normen. Aber sehr vieles, was unseren Kulturbesitz ausmacht, würden wir ohne das Alte Testament überhaupt nicht mehr verstehen. Es bleibt eine Tatsache, daß die Anschaulichkeit alttestamentlicher Erzählungen und Lebensbilder die Kunst aller Zeiten, von den altchristlichen Katakombenmalereien bis zur Gegenwart, stärkste Anregungen gegeben hat. Und fast noch mehr verdanken Dichtung und Musik dem Alten Testament. Vor allem ist sein ethischer Wert noch lebenskräftig; wie viele Kernworte aus dem Alten Testament sind wegen ihrer ungebrochener: Einfachheit heute noch wirksam, wie sie zu allen Zeiten Mut und Kraft in Menschenseelen gelegt haben. Man kann durchaus das geschichtlich Bedingte und Begrenzte im Alten Testament offen anerkennen. Um so mächtiger treten dann aber seine tiefsten Teerte hervor, die man nicht aus einer Kultur, mit der sie innerlich verwachsen sind, willkürlich beseitigen kann. Gerade eine geschichtlich gerechte Ausfassung muß die großen seelischen Erhebungen betonen, die Stellen, wo das Menschenleben in seinen Tiefen erfaßt wird, wie im Hiobbuch und vielen Psalmen, wo da? religiöse Bewußtsein sich in höchster Reinheit erhebt, wo es universal wird wie in Jereruia, im babylonischen Jesara und im Jona-Buch. Hier hat das religiöse Denken sich von den Bindungen des Geschichtlichen befreit und den Ausblick aus ewige Höhen gewonnen. Nicht dadurch werden wir gefördert, daß wir das Alte Testament als veraltet oder minderwertig verwerfen, sondern dadurch, daß wir zu besserem Verständnis dieses einzigartigen Buches Vordringen, indem wir durch unbefangene geschichtliche "Arbeit seinen inneren Reichtum zu heben suchen.