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Central-Verein-Zeitung · 1928-08-10 · 32 (10.8.1928) · p. Seite 444

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
32 (10.8.1928)
Date
1928-08-10
Page
Seite 444 (sequence 4)
Language
German
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444 bftimmten Forderungen in Lebensanschauung und Lebensführung bedeutet. In der „Jüdischen Rundschau"' hat neuerdings Sch. Gorelik einen Typus gezeichnet, dessen Bild, weit es den von uns gewünschten Menschen entgegengesetzt ist, wegen seiner vortrefflichen Schilderung hier wiedergogeben werden mag: „Unter den verschiedenen Arten, in denen der moderne Jude seine Beziehung zu in Judentum ausdrückt, ist wohl die bequemste die Art jener Lebenskünstler, die zwar vom Judentum sajt gar nichts wissen, außerhalb aller seiner Ki'nnmerni^e und Probleme stehen, aber auf ihr Judentum stolz sind. Bei jeder passenden Gelegenheit legen sie der Welt ihrer: Ädelßtitel vor, ohne sich viel Mühe zu geben, auch den Pjtichtcu, die eine solche Zugehörigkeit auscrlegt, nachzukvmmen. Genießer, wie sie in allen: sind, sichern sie sich durch solch eine Haltung verschiedene seelische Vorteile. Tie Außenwelt ist bereit, ihren Mut anzuerkeuneu, urrd die jüdische OcssenUichkeit ist nicht imstande, den Jndifferentismus, den sie in jüdischen Dingen nn den Tag legen, zu verurteilen, weil sie durch das liebenswürdige, galante: „Wir sind stolz mif unser Judentum!" mühelos jeden Angriff abwehren. Was soll man arrch mit jemand Anfängen, der hochtrabend erklärt: „Ich bin stolz, von diesem Fabelvolke abzustamw.en" und noch dazu mit einem „Schema Jisroel Adenoi Elobenu Adonoi Echod“, mit jenen gewaltigen sechs Worten, den einzigen, die er bewahrt hat, verblüfst! Natürlich, man ist entwaffnet, man kann ihm nichts anhaberr, aber man Imin und soll ihm sagen: Sie sind ein Genießer und wollen es mit Ihrem Judentum allzu leicht haben. Sechs hebräische Worte genügen für Sie, aber diese sechs Worte, dieses „Schema Jisroel* ist nur in heroischen Zeiten, in Stunden der schwersten Prüfungen, während man Zum Scheiterhaufen geführt wird, genug. Diele der jüdischen Märtyrer Zur Zeit der Inquisition wußten vielleicht nicht mehr als diese sechs Worte. Für den letzten Opfer gang reichen sie aus, aber in gewöhnlichen Zeiteu muß man von seinem Judentum mehr wissen. Mehr wissen, mehr Interesse bekunden und nicht nur stolz fein. „Schema Jisroel“ ist kein Ausweis für Genießer, die es immer und überall leicht Haben wollen." Solche Menschen sind in der Tat eine Gefahr. Wenn wir in der jüdischen und noch mehr in der nichtjüdischen Oesfentlichkeik auf die Forderung der Bibel hingewiesen haben, die von jedem Juden den Kampf für das Friedensideal verlangt, die jedem Feudalismus abhold ist, die, wie niemals eine Weltanschauung, sich praktisch des Nächsten annimmt, wenn wir zeigen könnten, daß auch in dem, der nichts mehr weiß, die Nnbedingtheit dieser Forderungen durch die Jahrhunderte unbewußt zum Wesensöestando geworden ist, so ist vieles geschehen, um die Phrase auch in unserem Leben zu bekämpfen. Um so mehv aber muß es bedauert werden, wenn diese letzte Wertung der geistigen Güter unserer Gemeinschaft von manchen Nationaljuden dazu benutzt wird, unsere Heimatliebe, unseren Wunsch, uns in Tiefe mit unserer, der deutschen Erde, Scholle Zu verwurzeln, zu bespötteln und 31t belächeln. Wenn der Judenhaß überwunden werden soll, wenn wir im gesamten deutschen Volksleben eine würdige Stellung behaupten wollen, so fordert zunächst unsere Gemeinschaft und mit ihr der Centralverein eine Vertiefung und eine Schätzung der überlieferten und vorhandenen religiösen, geistigen und sittlichen Werte, der vorhandenen und nicht erst zu schassenden. Und darauf scheint es uns anzukommen! Wenn immer wieder von uns betont wird, das Judentum solle bleiben wie es ist, so freuen wir uns unserer Saturierthoit und „lehnen jede Revolution ab". Weit entfernt, irgend jemanden persönlich und insbesondere der Ehrlichkeit zionistischer Ueberzeugung entgegentreten zu wollen, können wir unter.!einen Umständen von dieser Auffassung abgehen. Im geistigen liegt die Bedeutung des Judentums, und nur wegen des Geistigen und Sittlichen wollen wir das Judentum erhalten. Völkische Bindungen sind für uns keinerlei Kitt. VI. Deshalb muß auch jeder Schwarzseherei in bezug aus die Zukunft des Bestandes unserer deutschen Judenheit entgegengegengetreten werden. Gewiß sind Anzeichen für eine Verschlechterung der Lage vorhanden, und rein statistisch geiiommen sind die Aussichten wirklich nicht günstig. Aber wenn'wir im Sinne unseres Ideals arbeiten, indem wir immer wieder durch Verbreitimg unserer Anschauungen nicht einen auf Phrasen gegründeten, sondern in der Gesinnung vertieften Stolz erzeugen, wird auch innerhalb unserer deutschjüdischen Welt die Lust zu leben und 5eben zu geberü) sich *) Diese von uns cetltelene SCuffcffun« wir b dein nächst ausführlich bcarilnbet werden. Die rein statistischen Keststellungeu und die auf fic be» gründeten Folgerungen genügen nicht für «inc Voraussage in die ZuUrrcht; hier mrch man tiefer schürfen. steigern. Selbst angenommen, daß wir eine starke Verminderung unserer Anzahl erleiden sollten, dünkt es uns wahrscheinlich, daß sich die nach unten neigende DevolkerungZkurve des deutschen Judentums dann heben wird, wenn es gelungen sein wird, daß Jnde-sein zu einer wahren inneren Freude im bestell Sinne des Wortes zu gestalten. Die Bemühungen aus Anerkennung Der Wertigkeit Des JuDenrumS in Judenheit und Christenheit haben wir als knrzgcfaßtes positives Programm Des Eeutralvereins irr Den Vordergrund unserer Arbeit gestellt, und wir glauben, in Der Erfüllung dieser For. derung für die Erhaltung Des Judentums in wirksamer Weise einzntretcn. Tarmn wird für uns das Schicksal der palästinensischen Siedlung niemals entscheidend sein tönen. Eugen Fuchs, der gewiß für diese Siedlung eine sehr große Anteilnahme besaß, hat auf die Gefahr der Überschätzung des Schicksals einer solchen Siedlung aufmerksam gemacht. Wenn es war sein würde — worauf so oft von jüdisch-nationaler Seite hingewiesen wird —, daß mit dem Mißlingen der palästinensischen Siedlung die gesamte Judenheit ein unüberwindbarer Schlag treffen würde, so wäre es allerdings vielleicht um uns sehr schlecht bestellt. Wir im Eentralverein sind überzeugt, daß man, auch wenn man dem Siedtungsgedanken noch so freundlich gegenübersteht, nichts Entscheidendes für die Erhaltung des Judentums in feinem Gelingen oder Mißlingen zu sehen hat. VII. In der Auffassung des Begriffes der Einheit des Judentums. in der Frage der Wertung der in unserer Gemeinschaft liegenden geistigen Kräfte, in ihrer scharfen Unterscheidung zwischen dem uns wesentlich erscheinenden Inhalt des Judentums und den außerwesentlichsten Bestandteilen seiner Existenz liegen die U n t e r s ch i e d e z w i s ch e n Zionismus und C e n t r a l v e r e i n. Durch diese Ausführungen wird gleichzeitig die Antwort auf eine Reihe von Fragen gegeben, die in einem vor wenigen Tagen erschienenen Buch von Kaulla*) aufgeworfen werden. K a u l l a sinkst unter anderem Zu entwickeln, daß die nichtgesetzesrreuen Juden notwendigerweise dem Judentum immer mehr entfremdet werden, so -daß schließlich ein Zustand eintreten muß, bet im Grunde genommen einen Unterschied zwischen einem liberalen Protestanten mrd einem liberalen Juden nicht mehr als feststellbar erscheinen lassen könne, der Uebertritt unserer Gemeinschaft im Wege der Massenbewegung sei nicht mehr abzuwenden. Er kommt schließlich zu de:n Ergebnis, man müsse damit rechnen, daß unserer Gemeinschaft der Garaus gemacht wird. Auch der Zionismus sei nichts anderes als eine Reaktion völkischer Art auf den vorhandenen Anti--' sernitismus. Tie diesbezüglichen Kaullaschen Ausführungen find nicht neu, und sie sind schon vom iLtandPuntck jüdischliberaler Auffassung vor achtzig Jahren durch Abraham Geigers deutlich behandelt und widerlegt worden. Wesentlich erscheint uns in diesem Zusammenhang folgender Leitsatz, den Kaulla aufstellt: „Toleranz und Elerchachiung haben sich dem Judentum als weit gefährlicher erwiesen als aller Antisemitismus." Hat Kaulla damit recht? Oberstächlich gesehen, ja. Wenn ein Judentum vorhanden ist, wie es Go relik schildert, wenn der sittliche Inhalt um die Forderungen des Judentums dem einzelnen zu einer Phrase geworden sind, wenn man die Gemeinschaft, in der man herangewachseu ist, nicht kennt, wenn man nicht einsieht, daß man jüdisch nicht sein kann, ohne in die Kenntnisse vom Judentum hineingestiegen zu sein, wenn es uns und der kommenden Generation nicht gelingt, nach dieser Richtung hin unsere Erkenntnis zu steigern, unseren Willen zu stärken, und unsere Forderungen durchzusetzen, so nützt der Judenheit kein Zionismus und kein Eentralverein. Sie wird verfallen und muß verfallen. Wird aber, und dafür sind die besten Anzeichen vorhanden, die alte, wie die kommende Generation sich darüber klar, daß Vertiefung von „Glaube und Heimat" ihr allein die Wahrheit und innere Befriedigung auch in schweren Zeiten geben wird, so wird Toleranz und Gleichachtung eintreten, und Judentum und Judenheit werden im Leben der Menschen ihre ihnen gesetzte Aufgabe in immer höheren Maße erfüllen. 4) ficuHa „Der Liberalismus und die deutschen Juden", München uud LeivAig, 1928, Verlag von Dunckcr u. Humblot. (Auf das Buch wird noch besonders eiugegangeu werden.) a) Abraham Grigcr „Ucfccr den Austritt aus bcai Judentum", Berlin 1524, PhNo-Verlag.

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