Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 31 (3.8.1928)
- Date
- 1928-08-03
- Page
- Seite 433 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2277379-2277781-2277812--04643-2285280- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
433! \\ j i s i; 1! ji : II: t : r s 4 J j i? Irl/ffll Jüdische Wirtschaftsführer. (VI,) -Don 2)r» Unter den jüdischen Industriellen voran steht E m i l N a L h e n a u. Er wird zu einem der g r öj$ t c n Führer der deutschen Wirtschaft. Er ist der Schöpfer der deutschen ElekLrizttätsindllstrie. Sein 9lame wird stets in goldenen Lettern in einem Pantheon der deutschen Wirtschaft verzeichnet sein. In der Entwicklung der elektrotechnischen Fabrikation schuf er eine Qualitätsinduftrie, die bestimmend ist für den deutschen Export, damit für die deutsche Geltung im Ausland. In Rathenau war der technische Pionier rnitdem genialen F r n a n z m a n n vereint. In Berlin am 11. Dezember 1838 geboren, hat er sich von jeher als Berliner gefühlt. Nach dem Abiturientenexamrn, das er auf dem Gymnasium zum Grauen Kloster ablegt, kommt er zu seinem Onkel nach Sprottau auf die W i l h e l m s h ü t t e in die Lehre, die sein Großvater Lieber mann, einer jener schon erwähnten schlesischen Industriellen, begründet hatte. Dieser Liebermann ist auch der Großvater des Malers Max und des Chemikers Karl L i e b e r m a n ii. Emil Rathenau arbeitet, wie er selbst schreibt, in dieser Fabrik „als Proletarier in blauer Bluse und mit -erschundenen Händen" und lernt dort den Maschinenbau von der Pike auf. 1859 bezieht er das Polytechnikum in Hannover, dann die Technische Hochschule in Zürich und macht dort das beste Tiplomeramen. Er kommt nun, ausgerüstet mit glänzendsten theoretischen und praktischen Vorkenntnissen, zurück nach Berlin. Nicht als Geschäftsreisender oder Kommis, wie S o m b a r t behauptet''), sondern als ein vollgültiger Techniker, der den Marschallstab des Großindustriellen in seinem Tornister trägt. Als Ingenieur tritt er bei Borsig ein. Er entwirft hier Lokomotiven und findet schnell das Wohlgefallen seines Chefs. Aber Rat Henau will vorwärts. Deutschlands Industrie steckt noch in den Kinderschuhen, Er geht nach England. Tritt bei der Maschinenfabrik I. Penn and Sons in London ein, konstruiert dort eine in Deutschland noch nie gebaute Expansionödampfmaschine. Nach der Tätigkeit bei anderen englischen Firmen kehrt er 1865, mit reichen Erfahrungen ausgerüstet, nach Berlin zurück. Mit einem Freund kauft er die kleine Maschinenfabrik von M. Weber in der Chanfseestraße, gründet nun einen Hausstand, nachdem er Mathilde Nach mann geheiratet hat. Rathenau baut Dampfmaschinen und führt die ersten Dampfheizungen aus. Die Freunde kaufen ein Terrain in Martinickenfelde zum Bau einer neuen Fabrik. Sie wird in der Gründerzeit gegen Ra th ena u s Willen, der sich auf einer Reise befindet, in die Berliner Union A. - G. umgewandelt, muß aber bald liquidieren. Der Dreißigjährige bleibt nun fast zehn Jahre Rentier. Aber „er wartete vielleicht aus Prinzip, da die Zeit für neue Unternehmungen der von ihm angestrebten Prägung nicht günstig sei". (Felix Pinner.) 1876 geht er nach Atucx i f o. Dort lernt er die großen elektrotechnischen Erfindungen kennen und versucht sie in Deutschland einzusühren. So wird er W e g b a h n e r der Elektrizität. Aber er hat mit unendlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. In Berlin der suchtereinTelePhon netz Zu schaffen, erhält aber vom Reich keine Konzession. Niedergedrückt verläßt er dies Unternehmen, als die ersten tausend Anschlüsse von ihm bergestellt sind. Tann versucht er, das Edison- Glühlicht in Berlin heimisch zu machen. Er gründet eine ^tudieugesellschaft und führt die erste Berliner elektrische Straßenbeleuchtung in der Wilhelmstraßo durch. 1883 wird dann die Deutsche Edison-Gese llschast für angewandte Elektrizität mit 5 Millionen Mark Kapital gegründet, d;e die Edison-Patente erworben hat. Aus ihr entstand 1887 die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG.). In der AEG. schafft Rathenau neben den Siemens-Werken das größte elektrotechnische Unternehmen Deutschlands. Hier wird von der Dynamomaschine bis zur Glühbirne jedes elektrotechnische Produkt hergestellt. Reben dem nie rastenden Technikergeist war es die geniale Finanzier ungs methode, durch die Rathenau aus der AEG. den Weltkonzern schuf. „Den Manu Rathenau kennt und nennt ganz Berlin, weil Sie es verstanden, dasjenige zu leisten, was das Geheimnis des ökonomischen Schaffens ist: Bedürfnisse Zu erkennen und Bedürfnisse zn schaffen", so konnte mit Recht Berlins Bürgermeister Dr. Reicke Emil Rathenau zu seinem 70. Geburtstag beglückwünschen. Als Rathenau 1915 starb, fand er zunächst in" seinem Sohne^ Walther den Fortsttzer seines Werkes. Aber Walther R a t h e n a u stieg auf vom Theoretiker der Wirtschaft über den Wirtschaftsführer zum Staatsmann. Dem Ur-Berliner R a t h e n a u kongenial ist Albert Vallin, der U r-Hamb u rger. Auch er ein Mann vom Bau, der zeitlebens in feinem Metier blieb. Ballin, Hamburgs größter Bürger. Ter Jude, der Verkünder des Ruhmes der alten Hansestadt voll Kastengeist und Vorurteilen. Wenn Ball in in Hamburg so populär wurde, obwohl die Juden gerade hier ähnlich tuic in <p JJ *¥• ''G- V.'ZelrunH" Nr. 29 vom 20. Jul! 1923. „Vom H5ud!rr zum J?on Dr. Kurt Zielenzigcr. Vgl. ferner die Aufsätze in *.4, 2b, 27, 28 „C. V.-Zcituug". der Patrizierstadt Frankfurt jahrzehntelang um ihre Anerkennung kämpfen mußten, dann spricht das für seine Genialität. Ballins Vater kam aus Dänemark nach Hamburg. Besaß in Hamburg zunächst eine Dekatierwerlftatt. Gründete, nachdem seine Firma in Konkurs gegangen war, eine Auswanderer* agentur Morris & Co. Sein dreizehntes Kind ist der am 15. August 1857 geborene Albert. Als Samuel Joct Ballin 1874 stirbt, muß der erst siebzehnjährige Albert mit seinem Bruder die Leitung der Firma übernehmen. Bald gilt es, Mutter und Schwestern allein zu ernähren. Die Auswandereragenten warendamals in Hamburg durchaus nicht angesehen. Das Judentum bildete erst recht ein Hindernis für das Fortkommen. Hamburg war von Bremen längst überflügelt. Tie Hamburg -Amerika- Paketfahrt A.-G. befand sich in schwerer Krisis. ’ Aber Ballin § Blick sah, daß er neue Wege suchen mußte. Er schasst sich eine Verbindung mit dem Neffen des alten Reeders Carr, der mit seiner Carr-Linie der Hapag starke Konkurrenz macht. Durch Carr und Ball in ge w in nt Hamburg wieder steigende Bedeutung als Auswandererhafen. Längtt ist die Hapag auf Ballin aufmerksam geworden. 1886 engagiert sie ihn als Leiter ihrer Pasiageabteilung. 1888 tritt der 31jährige Ballin — ein für Hamburg ^unerhörter Vorgang — in den Bor st and der Hapag ein. war absoluter Selfmademan ohne Derbindungen. Nun wird Albert Ballin nicht nur der Reorganisator der Hapag, sondern der ganzen deutschen Seeschiffahrt. Er ist der Schöpfer des Schnelldampferverkehrs. Cr führt die Exkurswnsrcifen ein und schafft die Kombination zwischen Personenuttb Güterverkehr. Er weiß, daß fortwährende Veränderungen der Schiffs typen notwendig sind. Schon um die Jahrhundertwende ist die Hapag die größte Reederei der Welt. Auf dem Höhepunkt steht Ballin, als der genialste europäische Schi f fahrt sstratege nach dem Abschluß seines Vertrages mit dem amerikanischen Bankier Morgan, der die deutsche Schiffahrt vor amerikanischem Zugriff rettet. Ter Krieg zerbricht Ballt ns Werk. Längst hat er zu den wichtigsten Faktoren der deutschen Diplomatie gehört. Alle seine Bemühungen vermögen cs aber nicht, den deutsch-englischen Krieg zu verhindern. Im Kriege selbst hält er sich zurück. Aber als alles verloren, holt man ihn ins Hauptquartier, damit er am 5. September 1918 dem Kaiser die Wahrheit sagen soll. Er war zwar ein großer Bewunderer des Kaisers, aber nie blind für dessen Schwächen. Als am 9. November das Reich, an dessen Größe Ballin mitgearbeitet hat, zusammenbricht, endet auch sein tatenrerches Leben. Der "Rampf um den Bericht öer AgLnep-RsmmWon. Wir haben in der letzten Nummer der „C. B.-Zeitung" berichtet, daß das Aktionskomitee der Zionistischen Weltorganisation in Berlin tagt, um zu dem Bericht der Viererkornmission in London (Louis Marschall, Dr. Lee. K. Frankel, Felix M. Warburg und Oscar Wassermann) über die Art und Weise der Ausgestaltung der Palästina-Arbeit und die damit gegebene Mitwirkung auch von Nichtzionisten in der Verwaltung Palästinas Stellung zu nehmen. Die Verhandlungen im Aktionskomitee waren von ganz besonderer Heftigkeit. Tie Vertreter der Arbeiterparteien. liefen mit aller Kraft wogen des angeblich antisozialen Inhalts des Berichtes gegen Professor Weizmann Sturm. Die politische Kommission dos Aktionskomitees, die einen Einigungsbeschluß zustande zu bringen versuchte, arbeitete tage- und nächtelang. Nach unendlichem Hin und Her und nachdem mehr als einmal der Rücktritt W e i z rn a n n 8 und der Exekutive überhaupt — daß 53 c i 3 in a n n Verrat und ähnliche Liebenswürdigkeiten vorgcworfon wurden, die er überlegen Zurückwies, nur nebenbei — cinzuLrelen drohte, wurde eine Entschließung ein* gebracht, d ie m i t allerdings e n t s ch e i d e n d e n Abänderungen den Bericht der DiererkomMission bei einem S t i m m v e r h ä l t n i s von 41 gegen 4 S L L rnm e n b i l l i g L o. Die weitere Verhandlung, in der es zu einer von 22 Mitgliedern — also fast der Halste — des Aktionskomitees Unterzeichneten Mißtraueuserlläruucch gegen Rechtsanwalt Harry Zacher, das englisch-jüdische leistnde Mitglied der Palästina-Exekutive, kam. führte wirklich zum Rücktritt Weizmanns, der sich mit seiner ganzen Autorität schützend vor Sacher stellte. Nachdem sich aber die Unfähigkeit der Opposition herausgestellt hatte, eine, eigene Exekutive aus ihren Reihen zu bilden — die Weizmaun-Partci (Allgemeine Zionisten) lehnte jede Mitwirkung ab — und nachdem das Aktionskomitee durch die Möglichkeit gewisser juristischer Interpretationen den Mißtrauensantrag als nicht vorhanoen ansah, entschlossen sich Professor W e i 3 m a it n u n d die übrigen Mitglieder der Exekutive, ihre A e m t e r w i e d e r a n z u n e h m c n. Wir kormnen auf die Bedeutung dieser Verhandlungen im Zusammenhang mit dom Bericht der Viererkommission, der inzwischen 182 Seiten stark, in englischer Sprache erschienen ist, demnächst Zurück. s‘\ 3 r 1 fl f 4; 1 \i