Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 7 (27.7.1928)
- Date
- 1928-07-27
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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19 orn Samstag sich für die Wanderfahrt zu. rüsten, wenn man sich zusammenfindet, um in „Schinrim" mit den Erklärungen vorr Raschi und den Erläuterungen von Hirsch die Bibel zu lesen und.die Ucber-» setzungen vonBubcr und Luther mit c<m Originaltext zu vergleichen, um nur weniges auszuzählen, dann ist d-22 echtes Judentum. Wenn nach einer erregten Debatte die Leute, die die „jüdische Wirklichkeit" fordern, tn nichtjüdische Restaurants geherw der aber, den sie verhöhnt, weil er bewußter Deutscher ist und scharf den Zionismus als Jude abgelehnt hat, sich in ein rituelles Spsischaus begibt da fragt der Beobachter: bei rvem ist jüdische Wirklichkeit? Aber wo bleibt der feste Zusammenschluß, der Bund? Oh, meine lieben Freunde, diese Arbeit eint rnchr als jeder Verein mit Vorstand und. Satzung. Oesfnet die Türen eurer Arbeitsräume allen jüdischen jungen Menschen, die sich zum deutschen Volkstum bekennen, und meidet so das fruchtlose Debattieren mit Jüdischnationalen. — Tie Einheit der Grundlage schafft ein Bekenntnis, das dauerhafter ist als das gemeinsame Kleid, das gemeinsame Lrcd und der Stolz aus die Aus e r wähltheit und Aus g e wähüheit des Bundes. Und nun zum Schluß: Nicht um anzutlagcn, sondern um zu helfen, habe ich dieses geschrieben. //rerru sckr'erbk?>/eckrick Lrv^rrkir.' Es ist dankbar anzuerkenncn, daß dev Verfasser des vorangehenden Artikels diesen Schlußsatz hinter seine Ausführungen gesetzt har; bis dahin hatte man glauben können, daß die Gedanken dieses Artikels weniger, den „deutsch-jüdischen Arbeitsgemeinschaften" galten, als der Persönlichen Abneigung des Verfassers gegen die Deutsch-jüdische Jugendbewegung. Einer Abneigung, die sich wohl auf ihn allein beschränken mntz; denn wir erinnern uns, gelegentlich eines Vortrages in der Deutsch-jüdischen Arbeitsgemeinschaft in Hamburg als energische Teilnehmer Vertreter der Bünde gehört zu haben, die Herr Ewlinger so bekämpft. Es ist schade, - daß Herr ELLlinger sich nicht an das Thema gehalten hat; denn wer die Deutsch-jüdische . Arbeitsgemeinschaft in Hamburg kannte, sprach gerade von ihrer Arbeit immer mit größtem Respekt, weil sich hier die deutschjüdische Jugend aller Richtungen eine Plattform neutraler positiver Arbeit geschaffen hatte. Hierüber etwas Zu hören, wäre sicher für viele Kreise der deutsch-jüdi'chen Jugend von praktischem Interesse gewesen; vielleicht wird ein solcher Arbeitsbericht uns noch nachträglich aus diesem Kreise zur Verfügung gestellt. Einstweilen aber müssen wir uns an den vorliegenden Artikel halten; und da er im wesentlichen aus Angriffen gegen die in Jugendberoegungen vereinigte deutsth-jüdische Jugend besteht, fei mit Genehmigung der Schriftleitung kurz daraus geantwortet. Zunächst muß MQN mit . Verwunderung fragen, in welcher Jugendbewegung . Herr ELLlinger denn seine Studien über die bündifchc Psyche getrieben hat. Brr welchem Bund er zum Beispiel die Forderung nach „Untorftützung der Kolonisationsarbcit in Palästina ohne Rücksicht auf besten politische Gestattung" erb oben gesunden hat. Gewiß, die Frage des Palästinawerkes Üfbstchn Vordergründe vieler Diskumor.ru der Jugendbewegungen. Aber die Diskussionen sind noch lange nicht zum Abschluß gekommen, weil sich nämlrch diese Frage bei tieferer Betrachtung als wesentlich komplizierter erweist als bei einer, schlagwortmäßigur Behandlung- Gerade die Der- Miicknng einer rein kulturellen Angelegcwbeit mit einem abzulchncnden politischen, Rahmen ist von uns immer als das größte Hindernis einer Lösung dieser Frage empfunden worden. Wenn man dekretiert, daß jeder, dcr sich mit Ernst rrnd Hcöcrlegung mit dststrn Problem auscinandersetzt, ..für die Sache der jüdischen Deutschen verloren ist", dann fragt man sich doch, aus welcher Seite die gerügte „staunenswerte, stelze, selbstzufriedene Gewißheit ist". Herrn Ettlingcr scheint es entgangen zu iein, daß sich die dlipchaunngen der Menschen überhaupt, und auch dcr deutschen Juden, in den letzten 40 Jahren weitcrcntwietelt babcn. daß man — auch außerhalb dcr Jugendbewegung — mit dem flachen Nationalismus des vorigen JahrluuTdetts nicht mehr st» ganz auskomm.t. daß man insbesondere in den «ästigen Kreisen dcr deutschen Juden cingsteoen hat, daß die Zugehörigkeit Krm Judentum eine viel zu komplizierte Erscheinung ist, als daß sie sich lediglich mit der religiösen Einordnung erschöpfen ließe. Herr Ettlingcr will ja dw „führenden Köpfe des jüdichcn Lebens aktivieren". Vielleicht tut er cs zunächst für sich allein und unterrichtet sich daruvcr, wie Männer wie Fuchs. Bacck, Holländer, Goldstein u. a. mit dieser ^pchinr ,Ludcntum" gerungen baden, die ihre Gebeimniste nur dem tiefer Forschenden zeigt, ^.rcw „Actteren" möchten wir als Vorbild cmpsthlen. und nicht die, deren pratentiöws Auftreten die Verständigung zwischen alt und jung so sear entwert. Wenn n>an aber die München, die ibr Deutsch-Judentum nicht als bequeme Tatsache, sondern als Au strebe dcr Vermittlung zwischen Zwei-Kulturvölkern empfinden, als ,.;wi'o euschichtlerisch" berechnet, dann r^rrät man damit eine geistige ZugchörittäL. aus die man in unserem Kreise nicht so sehr stolz zu sein brauch:-.'. Um cs nn übrigen einmal sehr ernst zu sagen: Wir sind keines. Wegs davon durchdrungen, den allein richtigen Weg Zu gehen. Wir sind jederzeit bereit, uns mit der Richtung des Herrn Ettlingcr o.usemanderzusctzen, schon weil wir uns für verpflichtet halten würden, die Anschauung einer kleinen Minorität dcr jüdischen fügend zur Diskussion zu stellen. Aber die Form der vorregenden Kritik ist für uns nicht annehmbar. Man kann der ^ugeudbcwcgurrg viele Fehler Vorrechten, aber eine Tugend muß Wan ihr zugute halten: sic ist immer stolz darauf gewesen, die ernst erworbene Anschauung eines Andersdenkenden bis zur Selbstverleugnung zu respektieren. Von dieser Methode rnöchte die Veuttch.jüd;sA)e Jugendbewegung gern als Gegengabe, ihrem M-rUrker etwas zur Verfügung stellen. Von Dl». /?e/kc 6o/cinrnnn fLe/pr/gl) In der lebhaften Diskussion über die Frage „Judentum und' Autorität" ist dcr Gegensatz dcr Generationen so deutlich hcrvorgctretcn, daß wir Herrn Dr. Goldmann noch einmal um eine Aeußcruug gebeten haben. Zuschriften an mich wie an die Redaktion dcr „Jugendbeilage" beweisen, daß meine Auseinandersetzungen über den Begriff dcr Autorität falsch verstanden worden sind. Auf Wunsch der Redaktion möchte ich die nachfolgenden Gedanken nochmals zusammenstellen. . Alle wahre Autorität mutz in einem Letzten und Absoluten wurzeln. Für den religiös empfindenden Menschen ist das Gott, für einen rein national denkenden das Volk, und auch andere Möglichkeiten wird es geben. T-as Judentum ist eine solche Autori - tätsreligion, denn ihr Ursprung ist die Offenbarung Gottes! Im Sprachgebrauch des Volkes bedeutet nun „Autorität" etwas Relatives und Geringeres. Man versteht darunter die Kraft, sich Gehorsam und Unterwerfung zu verschaffen, ohne daß die Grundlage, aus dcr sie verlangt, und die Mittel, mit denen sie herbeigeführt werden, sittlichen oder sonstigen allgemcingültigen Bedingungen zu unterliegen brauchen. Ter Erzieher, der Offizier, der Beamte, dcr Räubcrhauptmann können über Autorität verfügen, und bei dem ersten ist ihre Grundlage die Sittlichkeit oder dcr -^Laat, bei dem zweiten die Macht, bei dem dritten die Ordnung, bei dem vierten das Verbrechen. Und ihre Mittel mögen gütliches Zureden, Strafandrohung, Terror oder auch Hypnose sein, jedenfalls lassen sie sich in ein System nicht zusammcnfassen. Von dieser Autorität habe ich nun wirklich nicht sprechen wollen, denn wissentlich wollte ich nicht in ein Wespennest stechen. Und die Fragen, wie weit die väterliche und mütterliche Autorität einem jugendlichen, mit neuen, anderen Ideen erfüllten Menschen zu gelten, inwieweit der Lehrer in der Schule auf Gehorsam oder Duldung Anspruch habe, wollte ich wahrhaftig nicht berühren. Und doch scheinen manche es so verstanden Zu haben, und aus manchen Zuschriften ergibt sich klar, daß man in meinem Kampfe für die Autorität ein Eintreten sür schimpfende Väter und prügelnde Lehrer gesehen hat. Auch Erich Hirschberg ist diese Verwechslung offenbar passiert, wenn er in ' seinen ersten Ausführungen dem Sinne nach sagt, daß Autorität nichts sür jugendliche Menschen sei. Diese Autorität im niederen Sinne, in der Gehorsam, Anhänglichkeit und eine gewisse Unterwürfigkeit verlangt werden, spielt in der Jugendbewegung natürlich auch ihre Rolle. Ohne sie wäre dcr Begriff des „Führers" überhaupt nicht denkbar. So freundschaftlich die Formen auch sind, hinter der sie sich verbirgt, ist die Autorität des Führers doch erste Voraussetzung für alles Zusammenhalten und Arbeiten in allen Zweigen der Jugendbewegung. Wenn ich aber von Autorität sprach, habe ich nur an die letzte Grundlage der Gemeinschaft gedacht. Das Judentum ist — die Ansdruckswcise Kants wird die Gegensätze am deutlichsten zeigen — Hetero nom, indem die Vernunft das Gesetz des sittlichen Handelns von außen her, eben aus der göttlichen Offenbarung, empfängt. Die allgemeine Jugendbewegung fleht aber ihr Eigentümliches darin, daß sie autonom ist, indem sie sich das Gesetz ihres Handelns selber gibt. Alles Jüdische lebt in der Unterwerfung unter den göttlichen Willen, in dcr Anerkennung der Autorität Gottes! Tie deutsche Jugendbewegung lebt im Bewußtsein vom Eigenwerte der Jugend, in der Ablehnung jeder autoritativen Bindung, in dcr Verherrlichung der Eigengesctzlichkeit. Und diese beiden Extreme lassen sich nicht vereinen, denn Heterononne und Autonomie sind nun einmal kontradiktorisch, und jüdische Jugendbewegung, die Judentum und Jugendbewegung als gleichberechtigt umfassen will, ist unmöglich. Von diesen theoretischen Feststellungen ausgehend, habe ich für die Praxis mahnende Anregungen geben wollen. Daß die Forincn dcr Jugendbewegung — Wandervogel- und Psadsindertum — sich mit dem Judentum vereinen lassen, ist unbestreitbar. Ihrem autoritätslosen Geiste darf eine jüdische Vereinigung sich nicht unterwerfen. Tie Schwierigkeiten irr fast allen Kreisen der jüdischen Jugendbewegung, das Schwarten, das Diskutieren, das Dhcor-stisieren rühren aber daher, daß man weniger die starke, geschlossene jüdische Grundlage als die subjektive, haltlose, ewig sich ändernde Forderung der Jugendbewegung betont. llnd damit ist dcr Inhalt meiner Ausführungen über die Autorität in vier kurze, mahnende Worte an jüdische Jugcndvereinigungen zrr gießen: M ehr Judentum, weniger Iugendbcweg u n g! Herr Rabbiner De. F. Goldman n (Leipzig) legt Wert ans die VcröffenL' lichurig nachfolgender Erklärung: ' „Bei dcr Iugcndtagung des Ceniralvcrcins im Februar dieses Jahres wurde mir vorgcworscn, daß meine Anschauungen über die Werte, Ideale und Prinzipien dcr Jugendbewegung sich seit zwölf Jahren nicht geändert Härten, und zum Beweise dafür wurde auf eine Korrespondenz mit mir hin. gewiesen, die aus dem Jahre Z810 stammen solle und .sich im Archive dcr „Kameraden" befinde. Auf mein Verlangen nach Vorlage der Schriftstücke wurde mir später versichert, daß sie vernichtet seien. Da die Angelegenheit trotz ihrer scheinbaren Geringfügigkeit auch außerhalb des engen Kreises dcr Beteiligten besprochen worden ist und zu Angriffen gegen mich aefüdrt hat, lcge ich großen Wert auf die ausdrückliche Feststellung, daß eine solche Korrespondenz niemals existiert hat! HinZufügcn will ich noch, daß sie auch logisch gar nicht existiert haben kann, da die im Jahre Z916 überhaupt erst gegründeten „Kameraden" damals vor ganz anderen Problemen standen als heute, so daß zu einer Besprechung der heute die Jugend bewegenden Fragen kein Anlaß und keine Möglichkeit rorlag."