Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 7 (27.7.1928)
- Date
- 1928-07-27
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
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Unter welchen Gesichtspunkten ist aber die Mitarbeit deutsch- Mischer Jugend an Ausbau und Ausweitung des Völkerbundes erforderlich? , - . Hier ist zunächst einmal festzustellen, daß zwischen den Bestrebungen und Zielen der deutschen Jugend insgesamt und der deutsch-jüdischen Jugend im besonderen völlige Identität besteht; denn das Wohl des Ganzen wird auch dem Teile zum Nutzen. Das bisher Gesagte gilt also auch in vollem Umsange für die deutschjüdische Jugend. Außerdem gibt cs jedoch eine Reihe von Gründen, die ein erhöhtes Interesse des Judentums am Völkerbund ersordcrn. Ein Völkerbund mit starkem Eigenwillen muß seine Aufmerksamkeit der Lösung der Frage der religiösen Minderheiten ^ebenso zuwenden, wie es bereits sür die nationalen Minderheiten oben gefordert ist. Es ist zu erwarten. daß er dies im Bewußtsein seiner hohen kulturellen Mission in toleranter Werse unternimmt. Damit würde sich die Lage der Juden in Rumänien, Ungarn, Polen und teilweise auch in Rußland völlig umwandeln und menschenwürdig gestalten lassen. Notwendig ist ferner, daß auf allen Gebieten die barbarische, mittelalterlich erscheinende Institution des Xuu;^ru8 elausuZ entfällt, daß die Juden Ungarns und Rumäniens äs iure ei kaeko ihren andersgläubigen Landsleuten gleichgestellt, oder besser noch gleichgcsetzt werden. So allein werden sie in Verbundenheit mit dem Volkstänzen enge Anteilnahme haben au seiner Kultur und seinen Geschicken, so nur können sie bodenständig werden und den Schwerpunkt ihres Strebens, die Wucht ihrer Arbeit ihrem Lande, das ihnen Vaterland wird, zuwenden, ohne tanger der Herbeiführung eines imaginären, weit aussichtsloseren Zukunstsstaates nachzühängen. Vergleichsweise sei hier darauf hingewiesen, daß die Nationarisierung der deutschen Juden (es. sei hiermit die Entstehung und Verbreitung nationalen Empfindens bezeichnet) auch erst in wenig mehr denn 225 Jahren, seit der Aufhebung des Ghettos, eingctretcn ist. Schließlich sei hier noch die Notwendigkeit fcstgestellt, durch eine großangclegte Aktion, zweckmäßigerweise vom Völkerbund ausgehend, Hunderttausende verarmter evakuierter Juden, wie z. B. die russischen Luftmenschen, wieder mit dem Boden zu verknüpfen, sie seßhaft zu machen und agrarisch zu betätigen. Alle diese Maßnahmen würden sich nicht nur glückspendend sür die Betroffenen, sondern auch günstig für das gesamte westeuropäische Judentum auswirkcn, das so von einer schweren kulturellen und materiellen Belastung befreit wird: dann erst wäre zu sagen, daß die letzten Reste der Ghettomaucru, entsprechend dem Charakter einer fortgeschrittenen Zeit, niedcrgerrssen seien. Welcher deutsche Jude welcher deutsch-jüdische Jüngling würde sich solchen Forderungen und Erwägungen entziehen? Skeptikern sei bemerkt, daß eine prophetische Voraussicht der hier für die Entwicklung der Völkerbundsidee gesehenen Ziele dem Judentum in Jesaia und Micha verkündet ist. Dort heißt es: „Dann richtet Er zwischen den Völkern und gibt Entscheidung vielen Nationen" und sie werden ihre Schwerter in Pflugscharen umschmieden und ihre Sperre in Rebmesser; nicht wird Volk gegen Volk das Schwert erheben und nicht werden sie fürder lernen Krieg." An der Erfüllung solcher Ausgaben mitzuwirken, heißt dem Messianischen Gedanken des Judentums, seinem optimistisch - voluntaristischen Postulat Genüge leisten. Oecia/rLsn am „D6ak§ck?-Mcki§ckr§ Von ^akob Lttüng-en sk/ombll/'g) Ist das so etwas Besonderes, Winenswerres, Neues? Junge Menschen setzen sich zusammen und wollen in Cemeiu'chaft mit geistigen Problemen ringen. Lehnt cs sich, darüber einen Artikel zu schreiben? Wollte ich theoreti'ch Wert und Nutzen, pro aber auch corrlrL erwägen, dann bliebe dieser Artikel walwlich ungeschrieben. Nicht, wie es eigentlich hätte sein sollen, ist beachtlich für den, der Wege auszeigen will, die gangbar sind, sondern, wie cs sein soll, sein muß. Und. dieses „Soll" und dieses „Muß" in bestimmt dann berechtigt, wenn cs schon mancherorts so ist. Was ich folgenden sagen werde, wird vielleicht in wohlgedrechselten Lätzen den Versuch einer Widerlegung über sich ergehen lassen müssen — mehr aber auch nicht. Der Nebenant und Hochmut derer, die au? dem „Bund" kommen, iit bewundernswert, die stolze, selbstzufriedene Gewißheit der Menschen aus der „Jugendbewegung", daß ihr Weg der allein richtige ist. ist staunenswert. Wehe aber, wenn man sich ermißt, an das zu denken, andere Methoden vorzwchlagcrr als die „Bündifchcrr". Und erkühnt man sich vollends, zu "erklären, daß die Form ihres Arbeiten? einer Kritik nicht stichhaltig sei, dann hat man eben keine „Erfahrung", keine „Kenntnis der Lnmmung im Lande". * Nun wohl, die Erziehung in der „Deutch - jüdischen Jugendbewegung" ist ein voller Fehlschlag gewc'cn — nicht sür die Jüdischnationalen, wohl aber sür die jüdischen Tcrtt'chcn. Wenn man weiß, daß sür die Führer dieser Bewegung das Dcukschsein eine selbstverständliche Tatsache ist. das Deutschtum ihnen somit keine Aufgabe mehr bietet — sür die große Schar der nichtjüdischen Deutschen ist das Deutschtum nimmer ein Gegebenes, vielmehr immer eine Forderung —, wenn man sicht, wie diese Führer die Pflege deutscher Gesinnung nicht als Aufgabe des Cenlralvercins brachten, wie sie eine Unterstützung des stolouisationswerles in Palästina ohne Rücksicht auf dessen Politische Gestaltung fordern, dann sind eben die Führer und die von ihnen Geführten verloren kür die Sache der jüdischen Den Ischen. Hält mau ihnen dieses vor, so lächeln und lachen und witzeln sie himmlisch: Das ist ein Alter, ein Bornierter, wir tragen der Weisheit und Wahrheit Inbegriff nur uns. Wenn je. den Früchten dieser Begegnung muß bescheinigt werden, daß ihre Gesinnung eine zwisck;cnschichtleriscl)e ist. Wenn Führer des GculralVereins eine Resolution gegen den Zionismus durchbringen, daun zischen sie, dann herrscht bei den „Büudischen" der „Deutschjuden" — ein fabelhaftes, bei ihnen sehr beliebtes Wort — „Trauer". So geschehen l9W. Es gibt einen Gei weitem größeren Teil der Jugend, der aber -von jenen nicht geachtet wird. Diejenigen, die sich abgestoßen fühlen von der Jugendbcnx.'gnng, oder die den einzelnen Gruppen nicht „geeignet" erscheinen.. oder die der Jugend^wrguug Entwachsenen gilt r§ mehr denn je zu einen und zu sanunc ln. Dieses verstehe ich unter „Deutsch-jüdische Arbeitsgemeinschaften": keine Gemeinschaft, um neue Menschen zu bilden, leine Gemeinschaft nur der Gemeinste st und der Form, sondern um des Arbeiten? willen. Wie aber soll gearbeitet rvcrden? Es mag lobenswert sein, aus sich heraus sich an die Lösung von Problemen zu wagen, es mag es sein, wenn die Gewähr vorhanden ist, daß Der geistige Kopf dieser Sckjar das Wipcn und die Erfahrung besitzt, die sonst nur Reltere haben. Wie eine Schule ohne Lehrer, eine Universität ohne Dozenten keine Schule, keine Hochschule ist, so ist ein Arbeitsgemeinschaft, die sich nickst vertrauensvoll denen anvertraut, die den Grund der Dinge in kristallklarer Helle gesehen haben, keine erfolgversprechende Arbeitsgcineinschast. Man aktiviere die führenden Köpfe des jüdischen Lebens, leitende Männer der deutschen Politik und Prepe und bespreche in Frage und Antwort, in der bewährten Art der deutschen llniversitälsjeminarc die brennenden Fragen. Trum' kommt man ans der Halbheit, dem Mnstizismus, dem Problemsuck)en, wo gar keines für den Mcnschn mit vernünftigem Menschenverstand vorhanden ist. heraus. Bewahre, ich sage nicht, wir Jungen sollten das Individuelle, das uns Eigenartige opfern und aufgeben, nein, es kräftigen und stärken ist unsere Pflicht. Aber nicht aus eigenem Können allein, sondern unterstützt und geleitet von den Aeltcreu. Iu dieser Zwiesprache zwischen denen, die eine oder eine halbe Generation vor uns sind, und uns, ergibt sich Fruchtbringendes auch sür die Aeltcrcn. und niemals habe ich mich mehr gefreut, als wenn am Schluß eines Arbeitsabeuds, an dem in Rede und Gegenrede die Wogen hochschlugen, der Dozent des Abends den Dank, den wir ihm zollten, mit der Bemerkung ablchnie, er hätte nicht minder an dem Abend gelernt als wir. Was aber sei das Bekenntnis, was die Aufgabe? Etwa das deutsche SLaatsbürgertum. die Abwehr der Angriffe gegen die Gleichbcrcchtiguna des „deutschen Staatsbürgers jüdischen Glaubens" oder gegen die Reinheit der jüdischen Lehre? Beides ist wichtig, ist sehr wichtig! Aber nicht die Billigung dieses Abwehrkampscs ist das Entscheidende. diesen Kamps kann auch der deutsche Staatsbürger jüdischer <d. h. wohl besser zionistischer) Nation führen. Uns eint buch Bewußtsein, im deutsch'.! Kulturkreis Glieder der deutschen Nation zu sein und zu werden-, das Bekenntnis zum deulschn Bollslmn. Wer nickst weiß, was das bedeutet, der frage bei Lazarus und Fuchs und Dancrrnann, nur nur einige zu nenne;!, an. Und wir sind Juden. Keine geeinte Zwicnatur: denn Deutschtum und Judentum sind nicht kontradiktorisch. Wir sind Deutsche nach Nation und Staat, und Juden nach Abstammung und Glaube. Das sichere ist kein leerer Schlt und Rauch. Wenn am Ghanukka vor Beginn des Arbeitsabeuds in der „Deutsch-jüdischen Jugend, Hamburg" hundert junge Bien scheu nach dorn Anzünden der Kerzen das >sc.LU8-2ur singen, wenn eine große Kundgebung vor etwa 1509 Menschen der jüdischen und nichtjüdischen Dessentlichkeit mit demselben heiligen Brauch beginnt, wenn die Normen der strengsten Orthodoxie selbstverständliche Grundlage sür die Gemeinschaft bilden, wenn bei jcMw Gelegenheit versucht wird, die Parallelen zum Judentum zu ziehen und seine Stellungnahme zu den aktuellen Problernen hcrauch;arbeiten, wenn Wanderfahrten erst so spät nach Ausgang des Sabbat beginnen, daß niemand in die Gefahr gerät.