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Central-Verein-Zeitung · 1928-07-20 · 29 (20.7.1928) · p. Seite 416

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
29 (20.7.1928)
Date
1928-07-20
Page
Seite 416 (sequence 8)
Language
German
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416 Ein beliebtes Schlagwort ist die Rede vom „Pharisäischen Dünkel und talmudischer Se!bstgerccht:c.keit'. Herford entlarvt dieses Schlagwort als Verkennung, wenn er darlegt: „Es gibt kaum eine Tugend, ans die in der rabtmuftfjeu Ethik mehr Gewicht gelegt wird, als auf oie Demut." («. 154.) Neuerdings arbeiten die Judengegner gern mit der Unterstellung, der Talmud enthalte schlüpfrige stellen, er sei voll von „orientalischer Sinnlichkeit". Wie urteilt Herford? rjB§ wird in der rabbinischen Literatur viel über sexuelle Dinge gesprochen, aber ich glaube nicht, daß sich auch nur eine einzige Stelle innerhalb des ganzen Gebietes der Haggada findet, die mit einer schlüpfrigen Absicht erzählt wurde, oder ein geistreiches Spiel, in dem die Pointe etwas-Obszönes ist. — Die Haggada, sorveit ich sie wenigstens studiert habe, ist von dieser Art literarischer BersckMerung gänzlich frei." (S. 91.) Man beachte wohl, Herford redet hier von der Haggada, also dem erzählenden Teil des Talmuds, wo der Phantasie der breiteste Spielraum gewährt wurde, „wo säst alles vertreten ist, was Einbildungskraft zmvege bringen konnte". In der Diskussion über das Judentum taucht immer wieder der Borwurs auf, die jüdische Lehre vertrete das „Prinzips der Rache" und befehle: „Aug' um Aug'" (lax talionis); man liebt es, das christliche „Prüizip der Milde" hierzu in Gegensatz zu stellen. — Herford weiß natürlich, daß die Halacha keineswegs dieses „Rache- Prinzip" vertritt: . „Es ist ganz ungerecht, gegen die Pharisäer oder die Rabbinen oder die heutigen Juden einz u w e n d e n, daß i h r e R e l i g i o n noch immer das alte ' 1 e x t a 1 i o n i s a u f x c dj t c r t) i e I t c. Dieses Gesetz hat in ihrer Religion ebensowenig einen Platz wie im Ch r i st e n t u m." (s. ^29.) Herford widmet ein ganzes Kapitel (S. 271 bis 289) dem Nachweis, daß der Pharisäismus und das rabbinische Judentum ein nicht zu missender, wertvoller Faktor in der religiösen Entwicklung der Menschheit ist. Vor allem die christliche Welt habe das größte und tiefste Interesse au der Erhaltung des Judentums. — Die jüdische Lehre befähigte ihre Bekenner, „der Menschheit große und wesentliche Dienste zu lei st en, die zwar selten anerkannt, aber deren Fehlen sich in all den höheren geistigen Sphären recht fühlbar gemacht hätte". (S. 75.) Wir möchten nochmals hervorheben, daß die Fülle der Erkenntnisse des Herfordschen Buches durch diese Ausführungen nicht einmal angedeutet sind. Seine Darlegungen über Thora, Halacha, Haggada, Tradition, Gesetz usw. sind von grundlegender Bedeutung und „verdienen klassisch genannt zu werden", unr mit Kant zu reden. — Beachtung verdienen auch die Erörterungen, in denen er darlegt, warum .das Judentum von der Umwelt mißverstanden wird, und in denen er fordert, daß eine wahre Kenntnis des Judentums der üblichen Herabsetzung Platz machen muß. Mit Recht sagt der Uebersetzer des Buches, Dr. Walter Fische!, in seinem Vorwort, daß das Hersordsche Werk „ein an Tiefe der . geistigen Durchdringung und ein'an Weite der historischen Perspektive geradezu vorbildliches Dokument wipenschaftlicher und menschlicher Leistung" darstellt. ' Dr. S. Weinberg. Die Schule öer Iugenö. In der Erkenntnis,'daß das gegenwärtige jüdische Leben vorwiegend an einer inneren Fremdbeit 31t den Werten des Judentum? nnd der ' Judenheit krankt, hatte sich vor einiger Zeit au? einer Zusammenkunft der jüdischen Jugcndbünde oller Richtungen heraus eine Kommission ge- -bildet, die einen Plan für eine ..Schule der Jugend* ausarbeiten sollte. Im Aufträge dieser Kommission, Zu der außer den Führern der Bünde «uch einzelne Fachleute der älteren Generation gehörten, hatten Dr. Georg Lubinfki, Dr. Mar Mahcr. Tr. E. O. S elig s 0 h n und Tr. Lud- . wg T i e tz am 28. Juni in der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums eine zweite Zusammenkunft cmverufcn, in der über die bisherige Tätigkeit berichtet wurde. Nachdem Dr. Georg Lubinski kurz über den Luderen Verlauf der Kommissionssitzungen berichtete, folgten die Referate der eirrzelueu Sachbearbeiter. Dr. Max Mayer betonte, daß es sich bei diesem Plan um eine Sache handle, die'in ihren Auswirkungeil regenerierend auf das jüdische Leben wirten müsse. Das Uebermaß an organlsatörischer und politisch-taktischer Arbeit innerhalb des deutschen Judentums he.be es mit sich gebracht, daß der allgemein-jüdische Kontakt 'zwischen den einzelnen jüdischen Gruppen und Menschen zu schwinden drohe. Zwar sei der unmittelbare Zweck der Schule darauf gerichtet, der Unzulänglichkeit der jüdischen Bildung zu steuern, doch sei als weiteres Ziel -zu rrhoften, daß duradie Schule wieder eine neue, reinere, jüdische Atmosphäre entstehe. Der Referent ging dann auf die Einzelheiten der Methode des Hebräischlerncus ein. Heber die Erarbeitung und Neu- ' Lxckcbung jüdischer Musik berichtete Frau Alice Jacob. Löwen so n. Es folgte -cm Referat über die Art der Beschäftigung mit jüdischer G e - .schichte von Dr. Joachim Prinz, ferner von Dr. Martin (Soldner Über Iudentumskunde. Als letzter Referent ging Erwin L ö w e n f 0 n auf dir erweiterten Aufgaben der Schule ein. Er hält es für notwendig, zur Schaffung eines ynuhasLerx, wertvollen, von jüdischem Bollen getragenen jüdischen Milieus, auch die — scheinbar — äußeren Vorbedingungen zu schaffen. Daher fordert er die Errichtung eines Gebäudes für die Jugendbünde, für dre Schule sowie für die jüdischen Menschen, die noch von keinem -er beide» Organe erfaßt find. Der Redner schilderte dann an Hand von Beispielen, wie auf diese Weise ein neuer a r i st i g e r Mittelpunkt jüdischen Lebens zu schaffen sei. Au 61c Referate, die eine erschöpfende * Darstellung des Planes brachten, schloß sich eine Diskussion, die erkennen ließ, ga& bei den einzelnen Bünden, Gruppen und Menschen ein ernster Wille zur Beteiligung au dieser neuen Bewegung vorhanden ist. . Tenn eine Bewegung ist es, keine auf rein wisse ns mäßige Bereicherung gerichtete Schicke. Ter Prinzipielle Unterschied dieser Schule Enthält nur feinste Molkereibutter H.BAMLSENS KEKS-FABRIK AG- HANNOVER 41t ollen anderen bisherigen Institutionen besteht darin, daß sie einerseits nicht akademisch etwa wie Seminare arbeitet, anderseits durch einen festen, innerlich verbundenen Stamm der „Schüler" eine Gewähr für eine Systematik und besondere Fruchtbarkeit der Arbeit bietet. Hier wird ein Haus errichtet, -daß der einzelne nicht nur als unbeteiligter Zuhörer dann und wann betritt, sondern in dem jeder einzelne mit seiner ganzen ihm zu Gebote flehenden Kraft an feiner und der jüdischen Entwicklung arbeitet. Ohne Ilebcrtreibung kann es gesagt werden: Eine wirtliche, lebensvolle „Schule der Jugend" trägt Keime zu einer Entwicklung in sich, die das gesamte jüdische Leben aus eine neue, gesunde Basis stellen kann. Presseschau. In der „Weltbührrt" Nr. 25 vom 19. Juni 1928 schreibt Arnold Zweig in seinem Auyatz „Zur Erkenntnis der Juden": „Ich habe immer die Leute bedauert und zu gleicher Zeit auch niedrig cingcfchützt, die sich, währent in ihren häuslichen Umständen alles in Unordnung versieh mit Genuß und ausführlich der Regelung össcnilicher Angetegeulleiten widmeten- Es war mir — und jede in durchschnittlichen mrü normalen Menschen sollte es so sein — naherliegcnd, erst einmal das Nähertiegende zu ordnen, bevor ich mich mit dein Breikern und Weitern abgab, und nicht über einen schrecklich ungeordneten, mit neurotischen Aengsten. Vor- und Mwürsen bepflasterten Jnnerrraum hiwvcgsehend, auf die Straße zu lausen, unr dort Kosmos machen zu. helfen. Ganz einfach darum, weil das mir Zunächstliegende von niemaridem, fo gut eingefchätzt und gepflegt werden konnte als von mir, hielt ich darauf, erst einmal klare und übersichtlick)? Natür'- lichkcit in mein Verhältnis zum Indischen zu bringen, bevor ich mich in allgemeinere Verbindung und Verbindlichkeiten eirckieß, als Student alw unter sozialistischen und Freiftudenten mitarbeitete und so weiter mein bc scheidcnes Teil an einer sinnvollern Gestaltung des öffentlichen Lebens nahm.' Die,,A. D Am <L-Motdrwclt", die Zeitung des Allgemeinen dentscheu Automobilklubs München, veröffentlicht in ihrer Nr. 2Z euren Aussatz Zum 30. Todestage von Siegfried Marcus, einem der „Pioniere" des Automobilismus. Sic schreibt: . . . „Marcus aber, einer der ersten Pioniere auf dem Gebiete des Antomobilismns, der erste Deutsche, dem es gelungen war. einen sahrsähigcn Wagen mit Explosionsmotor zu bauen, hatte kaum mehr Teil an diesem Aufschwung, den er Halle dorberciten belscn. Schon in» Jahre 1875 hatte ein von ihm gebauter Motorwagen bei seinen Probefahrten auf der Mariahilferstraße zu Wien größtes Aufsehen erregt. Siegtrieb Marcus — ein gebürtiger Mecklenburger —. der damals 11 Jahre zählte, batte schon Jahre vorder sich mit dem Problem des Erplosions- Motors befaßtt unterließ es aber, sich seine Konstruktion patentamtlick schützen zu lagen. . . . Erst lange nachher — im Mai 1862 — erhielt Marcus das deutsche Reichs-Patent Nr. A',706. das nachweislich älteste, für eine Neuerung auf dem Gebiete des Erplosionsmvtorenbaucs erteilte Patent. ... In der Geschichte des Antomobilismns gebührt Siegfried Marcus ein ehrenvoller Platz. War er cs doch, der als erster deutscher Erfinder grundlegende Prinzipien für die weitere Entwicklung des Explosionsmotors seftgelegt und praktisch erprobt hat. Darum möge seiner aus Anlaß der dreißigsten Wiederkehr seines Todestages ehrend gedacht sein." In der „Tbc Jewish Tribüne" vom 25». Mai IW lesen wir in einem Aufsatz: „Der Bericht des E. V.": „Vor uns liegt der gedruckte Bericht über die Arbeit des Eentratvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in den Jahren 1926 und 1927. Ein Blick aus diesen Bericht genügt. tun den Leser davon zu überzeugen, daß die deutschen Juden glücklich sein können, eine so energische und tattrastige Organisatiotl zrr besitzen, die gegen ein sehr ernstes Problem anzukämpfen hat — ein Problem, das in Deutschland vielleicht in dringlicherer Form besteht als in irgendeinem anderen Lande. Ter Bericht zeigt, daß es in Deutschland medrercre außerordentlich aktive Organisationen gibt, die es sich zur Ausgal>e macfn.'«, mit aller ihnen zu Gebote stehenden Macht den Judenhaß zu verbreiten, uni die Juden ihrer Reckte als deutsche Staatsbürger zu berauben. 'Aber der C. B. ist immer auf der Wackt, und durch die Zeitung, durch öffentliche Borträgc und erpchcriscke Litkratrtr ist cs ihm gelungen, die Flut des Antisemitismus zurückzudämmen. . .

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