Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 29 (20.7.1928)
- Date
- 1928-07-20
- Page
- Seite 415 (sequence 7)
- Language
- German
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Zu den SHMn m N. Traösrs 5VvF-^51 Nb s" Ia§ geschichtlickze Judentum, dessen Lehre in der rabbinischen Literatur und vor allem im Talmud uiedergclegt ist, verdankt seine Entwicklung und Erhaltung den Führern und Lehrern, die unter der Bezeichnung Pharisäer bekannt sind. Zwischen der rebgwwn Auffassung des rabbinischen und pharisäischen Inder! tu ins besteht kein Unterschied. — Aus die bekannten Stellen des „Neuen- Testaments". in denen den „Pharisäern und Schriftgelehrten" Heuchelei voraeworsen wird, ist cs .zurückzusühren, daß die Bezeichnung „Pharlsäer" in den allgemeinen Sprachgebrauch als ein Schimpfwort cuigegangen ist, das mit „Heuchler" gleichbedeutend verwendet wird. — ^Diesem festgewurzelten Gebrauch entgegenzutreten und die Wahrheit über die Pharisäer zu verbreiten, ist weit mehr als ein Akt historischer Gerechtigkeit gegen die Träger dieses Narnws; denn die Verurteilung der Pharisäer hat mit Notwendigkeit eine Herabwürdigung des Judentums und seiner Bekenner zur Folge. Ich der Tat wird die jüdische Lehre von weitesten Kreisen der nichtjüdischen Welt aus bein Gesichtspunkt des so mißverstandenen Pharisäismus beurteilt, und in allen Schichten der literarischen Produktion sindet dieselbe Grundeinstellung ihren Niederschlag. In den Büchern nichtjüdischer Forscher, die über Ten Verdacht absichtlicher oder gar böswilliger Entstellung erhaben sind, kleidet sich diese Auffassung in das Urteil, das Judentum sei in leblosem Formalismus erstarrt und von der Höhe prophetischer Religion zu einem Ritnalsystem herabgesunken. Diese Ausstellungen vergröbern sich in den Niederungen antisemitischer Demagogie zu. gehässigen Verunglimpfungen: die jüdische Lehre sei ohne Sittlichkeit, gefühlslötench. abergläubisch heuchlerisch — kurz „pharisäisch". Dieser Verkennung und Unkenntnis ist nur schwer bei.zukommen. Die jüdischen Forscher, die das Judentum ans seinen Duellen kennen, werden nicht gelesen oder als besangen abgelehnt. Die nichrjüdischen Gelehrten untersuchen und betrachten naturgemäß das Judentum nur als Vorstufe des Christentums, um zu zeigen, welche Mängel der jüdischen Lehre die Reaktion des Christentums hervorrief. Ans diesem Gesichtswinkel heraus kaum niemals das Wesen des Judentums erfaßt werden. Es kommt hinzu; daß — leider — eine gründliche Beherrschung der jüdischen Literatur selten zu finden ist; man stützt sinne Kenntnis des Judentums und seiner Geschichte im wesentlichen auf die ncutcstamentliche Darstellung, auf die Apokalytztik und aus Josephus; die rabbinischen Duellen zog man entweder gar nicht heran oder man benutzte Darstellungen aus zweiter oder dritter Hand. „Das Ergebnis ist das, was eintreten muß, wenn d<r Blinde den Blinden führt." - Obwobl die Juden inmitten der Nichtjuden leben und obwohl die jüdischen Quellenschriften ohne Ausnahme der wissenschaftlichen Forschung zugänglich sind, konnte sich.so der große Irrtum festsetzen und durch die Jahrhunderte sortpflanzen. ohne Laß die Juden von sich aus das Mißverständnis zu beseitigen vermochten. Bei. der Wichtigkeit, die einer wahren Kenntnis des Judentums auch für die Prams des Tages zukommt, und bei der geschilderten Schwierigkeit, die einer Verbreitung der Wahrheit im Wege steht, kommt den Arbeiten des ch r i st l i ch e n Theologen und Forschers R. Travers Herford eine besondere Bedeutung zu, die weit über den Rahmen der Religionswissenschaft hinausrcicht. —> Herford (geboren 1660 in Manchester) ist ein gründlicher Kenner des Judentums: im Verlauf von mehr als vierzig Jahren hat er sich eine tiefe und selbständige Kenntnis der rabbinischen Duellen erworben, die cs ihn: ermöglicht, das weite Nlccr des Talmuds und der rabbinischen Literatur souverän zu beherrschen — in der strengsten Bedeutung dieses Wertes. Allen seinen Schriften ist anzumerken, daß er keine fremden Krücken braucht, daß er an der Duelle selbst sckwpscn kann. Herford hat keine apologetischen oder polemischen Absichten: er will n u r der wipensck)astachen Wahrheit dienen, und das pharrsinsch-talmudische Judentum aus Grund der legitimen, primären Duellen von innen her darlegen — so. wie es i n. W a h r h e i t i ft —, „mit all feinen Idealen und Ueberzcugungen, aber auch mit seinen Greuzen und Fehlern". Durch diesen Willen zur Wahrheit, durch seine große Sachkenntnis im Verein mit vorsichtiger Sachlichkeit, die alle allgemeinen Werturteile vermeidet, legitimiert sich Herford als ein unbefangener und berufener Beurteiler des Judentums. Schon im Jahre 1913 war eine zusammenfasscnde Arbeit Herfords durch die Uebersetzung von R. Per! es') den deutsckrnr Lesern zugänglich gemacht worden, —• ein erster Versuch, „die Welt des Talmuds aus Grund der Duellen objektiv zu schildern". — Es ist sehr zu begrüßen, daß soeben (1928) auch sein neuestes Werk „Tie Pharisäer"^ hx deutscher Sprache erschienen ist, nachdem bereits seit einigen Jahren eine italienische Uebersetzung vorliegt. Herford hat an seinen grundlegenden Einsichten über dag Judentmn nichts zu ändern brauchen; -— sein neuestes Wer? zeigt ein Eindringen in den Geist des Judentums und eine vorvlldilche Klarheit in den Beweisen und Darstellungen. *1's'5*?k Juden turn ru feinctt'Wepcn und Zielen" von R. Tra, ' 0<m P e ries, mit einer Einleitung von F. P c t i -) Uebkrsctzt von Dr. Walter Fischet, Leipzig 192S, Gustav Gugel Per Gleich zu Beginn des neuen Buches hebt Herford hervor, daß ihn n u r vorurteilslose Wissenschaftlichkeit bei seinen Untersuchungen geleitet hat. - ..Ich biete hier ebensowenig wie früher eine Apologie der Pharisäer; denn ich sehe gar nicht ein. daß eine solche nötig wäre. Ich habe einfach versucht, aus einer mir einigermaßen vertrauten Kenntnis ihrer Literatur heraus das darzustelleu, was, wie ich glaube, die reine Wahrheit über sie ist." (S. 14.) „Das Neue Testament als Hauptzeugen in der Frage nach dem wahren Wesen der Pharisäer auzurufen, ist unlogisch und geschichtlich unmethodisch." (S. 10.) Man muß die rabbinischen Duellen selbst befragen. Herford Zerstreut das Vorurteil, als seien die Pharisäer eine abgeschlossene Sekte, die nur zur Zeit der Entstehung des Christentums awtritt. um dann spurlos zu verschwinden. Er zeigt, daß ihre religiöse Auffassung mindestens bis auf die Zeit Es ras zurückgeht, daß ihre Lehren niemals au Einfluß verloren haben. Das Judentum ist keineswegs durch ben Pharisäismus von der prophetischen Höhe herabgesunkeu. — Im Gegenteil! Die Pharisäer und R a b b i n e n find die wahren Schüler der Propheten. . ..Die Pharisäer waren gerade diejenigen, die das Werk der Propheten vor dem Verfall bewahrten, dadurch, daß sie den Geist ihrer L e h r e n dem sittlichen und religiösen Charakter des V o l k e s e i n f l ö ß t e n." (^.161.) Um die übliche Entgegensetzung des Prophctismns zürn „pharisäischen Nabbinismus" zu zerstören, hebt er an anderer stelle nochmals hervor: „Der Pharisäismus i st die A u Wendung der prophetischen Lehre auf das Leben." (S. 288.) Vor dem Auge des Sachkenners zerfließt auch das Gerede von dem „formalistisch erstarrten Judentum": „,Die nüchterne Wahrheit ist, daß die E n t w i ck - lu ng der Religion der Thora nicht zu einer nl^ mählichen Versteinerung des geistigen Lebens führte, wie Christen gewöhnlich annchmeu: die Vorstellung, daß dies der Fall war, sollte als einer der Jrrtümer, die schon allzulange die Geschichte durchziehen, ausgegeben werden." (S. 115 u. 116.) Die .Lehren der Pharisäer" finden eine eingehende und gewissenhaste Darstellung. Tie pharisäische Ethik ist ties und wohlbegründet, sie ist eine berechtigte und anzuerkennende Ausprägung der Ethik überhaupt. Besonders aufschlußreich sind die Darlegungen über „Tie Thora und das Sittcngesctz", über „Tie Halacha als sittliche Erziehung" und über „Die Lehre von Verdienst und Lohn". Gerade der letzte Punkt wird oft mißverstanden und fälschlich so ausgelegt, als mache das Judentum die „Aussicht auf Lohn" zu dem Erundmotiv sittlicher Tat. Herford kann auch diese Ausfassung als falsch zurückweisen. Hier, wo es sich um die Zentralprobleme jeder Religion handelt, kann er erneut zeigen, daß der Vorwurf der „Heuchelei" und des „starren Legalismus" unberechtigt ist: „Ein größerer Irrtum i st kaum v o r st e l l b a r." (S. 286.) — Piese Kapitel, in denen Herford das lvahre Bild der talmudischen Welt entrollt, gehören zu den besten Darstellungen, die es überhaupt gibt; ihre Lektüre sei jedem ans Herz gelegt, der sich unter Leitung eines Berufenen eine wahre Meinung bilden will. — Es ist hier nlcht möglich, die wesentlichen Erkenntnisse auch nur in ihren Resultaten auzusühreu. Wir begnügen uns, einige wenige Gesichtspunkte hervorzuheben. Ein bekannter Vorwurf behauptet, der Talmud verlange nur rituelle Handlungen, keine sittliche Gesinnung. Herford stellt fest: „Für das Judentum aller Zeiten gehörten Sittlichkeit und Religion unzertrennlich zusammen. Es konnte nicht eine Sittlichkeit neben der Religion oder eine Religion ohne Sittlichkeit gebe n." (S. 163.) — „Die Pharisäer und die Rabbiuen waren vor allem Lehrer — und was sie lehrten, war praktische Religion, nämlich rechtes Handeln vor Gott und den Menschen. Sie suchten die Faktoren, welche Einigkeit und Frieden unter den Menschen fcfjaffeu, sie suchten den Sinn für Gerechtigkeit. Wahrheit, Rcmhert, Bruderliebe, Sympathie, Mitgefühl, Nachsicht usw. zu stärken, in einem Wort, das ethische Niveau in ihrem Volke von Generation zu Generation zu heben." (o 128.) Der verbindliche Teil des jüdischen Gesetzes, die Halacha, „w ur de ste ts zu ei n em ethischen, nicht z u e i uc m ritualistischen Endzweck entwickelt, und das Ziel w a r n i ch t, bloß gewisse Handlungen vorzuschreiben, sondern die Menschen zu lehren, durch d j e . E r j ü l l u n g dieser Handlungen Gott zu dienen und zugleich das Gefühl für den Ncbennrenschen zu stärken." (S. 191.)