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Central-Verein-Zeitung · 1928-07-20 · 29 (20.7.1928) · p. Seite 410

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
29 (20.7.1928)
Date
1928-07-20
Page
Seite 410 (sequence 2)
Language
German
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4J0 avancierten: an Stelle einer dünnen Oberschicht trat die breite Schicht des liberalen B ü r g e r t u m §, und die gewaltige Masse der Arbeiterbewegung harrte im Hintergründe. Ter entrechtete Jude wurde aus einem Mitstreiter der bisher nnnderöerechtrgtc-n Klanen zu einem nahezu gleichberechtigten Mitbürger. Das Ziel schien erreicht. J-edoch nur sch ei n ba r, denn die geschilderte Vergangenheit läßt sich nicht wegwischen. Sie hatte ihm, wie wir sahen, eine gleichmäßige und stetige Entwicklung versagt, so daß er den Wrsenszwiespalt seines. Innern in die veränderte Zeitlage hinübernehmen mußte. Gewiß darf man nicht, die außerordentlichen Wandlungen zum Besseren und Positiven, die sich ans den neuen Verhältnissen für t>cn emanzipierten. Juden ergaben, übersehen, aber es gilt immer wieder darauf hinznweisen, daß der jüdische Deutsche n u r d e s - halb soviel an gefeindet und verleumdet wird, weit man die an ihm — mit Recht oder Unrecht — gerügten W e s e n s z ü g e it n b Charaktereigenschaften nicht als Folgeerscheinungen seines e i nft r g e n Loses anerkennt oder n r ch t anerkennen will. Die Denkweise des durchschnittlichen Menschen ist ebenso unkritisch wie ungeschichtlich, er vergegenwärtigt sich weder die bedauernswerte Lage, der die Juden ehedem ausgesetzt waren, noch ’ die verhältnismäßig kurze Zeitspanne, die erst seit der Emanzipation verflossen ist, es Liegt ihm fern oder es ist ihm. unbequem, die ungewöhnlichen Fortschritte, die die Inden vorn Zeitpunkt ihrer Befreiung an in geistiger und sittlicher Hinsicht gemacht haben, zu erwägen. Cr sieht nur, was er sehen möchte: die negativen Momente, die wie jedem Sterblichen so auch dem jüdischen Deutschen — und War ihm, wie wir zeigten, aus gutem Grunde — auhaften. Seine B o r w ü rfe gibt er zumeist als Anwürfe von sich. Wie ist es um sie bestellt? Tie ernstzunehmeuden- Kritiker des jüdischen Deutschen sind in der Regel seiner Geistigkeit gram: so gedenkt einer von ihnen, der treffliche Carl Busse, mißbilligend „des ätzenden Witzes, jener die Basis verschiebenden Dialektik, jener Pietätlosigkeit und Losgerisienheit, durch die jüdischer Geist oft so unerfreulich und unfruchtbar wirkt". Diese Anklage vermag ernsthaft jit stimmen, wenn man bedenkt, daß ein Denker vom Range Schopenhauers sie sich zu eigen gemacht hat. In seinem Essay ,Lur Rechtslehre und Politik" hat er, von tieferem Misten uni das Judentum unbeschwert, unter den bekannten Fehlern der Juden besonders „eine wundersame Abwesenheit alles dessen, was das Wort verecundia ausdrückt", hervorgehoben und weiterhin verfügt, „daß diese Fehler hauptsächlich dem langen und ungerechten Drucke, den sie erlitten haben, zuznschreiben sind, entschuldigt solche zwar, aber hebt sie nicht aus". So konnte man sich der eigenen Verantwortung wenig kavaliermäßig entledigen! In den Jargon des üblichen Antisemitismus übersetzt, ist es die sattsam bekannte Beschuldigung des „alles zersetzenden Geistes", der Zügel- und zuchtlosen Witzelei und hemmungslosen „jüdischen Frechheit", ans die der große Denker hier abzielt; namentlich gegen die jüdische Kritik und Presse sowie gegen das unter jüdischem Einfluß stehende Theater und Kabarett ist sie gerichtet. Wir sind freimütig genug, znzugeben, daß diese Vorwürfe in einiger Hinsicht berechtigt sind, wenn es auch völlig abwegig ist, sie nach bewährter Methode zu verallgemeinern. Denn jene unangenehmen Erscheinungen sind eben Ausflüsse der durch die geschichtliche Konstellation bedingten seelisch-labilen Verfassung des deutschjüdischen Menschen, sie sind, genau betrachtet, eine Liquidation des christlichen Verhalten s. Ebenso wie ein Erwachsener die Erfahrungen einer bitteren und eingeschränkten Jugendzeit nicht so leicht verschmerzt, genau so brennt in der Brust des jüdischen Deutschen tief die Schmach über das erlittene Unrecht, das in seiner Seele eine innere Unsicherheit zurückgclassen hat, die sein Benehmen bisweilen als scheu und ungelenk oder als prahlerisch und aufdringlich erscheinen läßt. Hier liegt die einzige und eigentliche Ursache des in Politik und Literatur vielbettagton jüdischen Raditalismus. Dieses fundamentale Problem des jüdischen Ressentiments hat sich Schopenhauer überhaupt nicht gestellt, dagegen hat einer seiner Bewunderer jene im geschichtlichen Unterbewußtsein sortwirkende seelische Vergiftung klar erfaßt 'und richtig beurteilt: es ist Hebbel, der infolge seiner proletarischen Herkunft weit mehr als der aristokratische 'Schopenhauer die Inden in ihrer wirtlichen Gestalt ckeunenlcriüe. Als nach der Revolution von 18-18 die von jüdischer Seite redigierte Prepe Wiens mit den erwähnten Vorwürfen überschüttet wurde, da schrieb Hebbel in der „Augsburger Allgenu inen Zeitung": ..Alan gewohnt sich die A:A drücke .' Zechte Presse' und stüdistZ Pr c sie' als CZuenyan zu rpbramZn und dadurch im grtZr.'n Publikum die steiuuug zu rcrbreitt'n, daß es auschäcZu.) die Inden seren, welche die hell;ge Errungenschaft der PreßstüZit bcfu.deln." Hebbel erklärte: „Av-er mit der Religion hat das alles wahrlich nichts zu tun"; er sprach ferner die Mahnung aus: „Aber man soll das Mittelalter nicht wieder anfwecken, man soll nicht zwischen Christen und Inden unterscheiden." Bis zu den nchsten Gründen des Problems ist Hebbel vorgestoßen, als er einmal über den bekannten jüdischen Publizisten Moritz a p h i r, der ihm befreundet war, ein summarisll;es Urteil formulierte: „Es ist nicht zufällig, das; gerade die jüdischen Schrrslsrcl-.er der neueren Zeit dis sink so witzig waren-, und es ist, wie die Bibel beweist, wahrlich nicht aus Palästina zurückzuführcn. Wer immer gebückt imö geduckt gehen., wer den Kopf immer zwischen den Schultern tragen muß und nur blinzeln, darf, dem verschieben sich die reinen runden Linien des Universums ganz vor; selbst zmn scharfkantigen Zickzack, doch das nimmt mit dcr Ursache selbst natürlich ein Ende. Die Emanzipation wird den Juden in jeder Vczichmrg zum Heil gereichen, aber ihrem Witze wird sie schaden." Was bezweckte denn die Emanzipation? Sie wollte eine restlose Eindeutschung der jüdischen Volksgenossen unter Wahrung ihrer religiösen und kulturellen Eigenart erzielen. Dieser durchaus notwendige und heilsame Prozeß ist aber durch das Verhalten der christlichen -Oesfentlichleit immer wieder in seinen Auswirkungen gehemmt worden. Namentlich bei dem eigentlichen Kernproblem unseres staatlichen Daseins, in dem Verhältnis zur Nationalidee und dem Bekenntnis zum Patriotismus, läßt sich dies beobachten. Der jüdische Deutsche hat, wofür die Beweise unschwer beizubringen sind, sich von jeher zu einer fortschrittlichen Entwicklung des Vaterlandes bekannt, aber mußte sein Lebensgefühl nicht verwirrt werden, wenn — um mir zwei Beispiele herauszugreisen — etwa ein Friedrich W i! helm IV. von Preußen, bloß weil ihm I o Hann I a c o b y in seinem mittelalterlichen Schlummer störte, über den Patriotismus der „deutschwütigen Juden" spottete, anderseitsaber ein T r e i t s ch k e d i e vorsch rif t s m ä ß i g e Bekundung vaterländischer Gesinnung dem Inden zur Pflicht machte? Kaum begann der emanzipierte Jude im deutschen Vater- Lande sich zugehörig und heimisch suhlen, da brach die von den Proseporen Rühs und 75 ries inszenierte antisemitische Bewegung herein und stellte das Deutschtum des jüdischen Deutschen in Abrede: „War ich ein Deutscher — und ich bin kein Deutscher, siche Nühs, Fries . . . —", mit dieser bitteren Ironie deutet Heinrich Hei n e in einem Briefe an seinen Freund Wc o f er jenen Zwiespalt der deutsch-jüdischen Seele an. Als nun der christlich-germanisch drapierte Antisemitismus das d-eutsche Judentum als die eigentliche Organmindcrwertigkeit dcB deutschen Volkskörpers hiustellte. da taten verschiedene jüdische Kreise ihm schließlich den Gefallen, an ihre eigene sittliche und rassische Minderwertigkeit zu glauben. Tanfunwesen und „jüdischer Antisemitismus" sind die traurigen Resultate jenes „Rassenkompleres". In dasselbe Kapitel gehören die Vorwürfe, die in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht gegen, die Juden erhoben werden. Hier wird der Jude als der Teilhaber des ökonomischen Materialismus geschildert, als der kapitalistische Ausbeuter und Vertreter des sogenannten unproduktiven Zwischenhandels, seine Profitsucht soll das folgerichtige Korrelat zu der „jüdischen .Heldenfurcht" bilden. Jedoch wenn dergleichen Erscheinungen in einem gewissen Umfange tatsächlich nachgewiesen werden könnten, dann sind sie ebenfalls mm der geschichtlichen Vergangenheit abzuleürn. Der deutsche Jude war ebenso auf de:: Handel wie ans die großen Stadle als Stätten kapitalistischer Wirtschaftsgesinnnng beschränckt; erst nach der Emanzipation durste er sich die übrigen Berufe zu eigen machen: wenn er dabei gewisse Berufe monopolisierte, so lag das nicht zuletzt daran, daß bestiuunte Berusskategorien. wie z. B. der Beamtensiand, ihm zumeist verschlossen blieben. Wenn er. der Znrüclgesetzte. dabei sozialen Ehrgeiz hegte, so hatte das mit „Strebertum" und „Auschmeißgesinmmg" unmittelbar nichts zu turn Wir vertrauere aus die Macht der geschichtlichen Entwicklung. 'Wir sind gegenüber den Fehlern und S ch a d e n i n unserer Mitte nicht b l i n d, wir verstehen nur zu gut die geschichtliche Voraussetzung, wenn enva

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