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Central-Verein-Zeitung · 1928-07-20 · 29 (20.7.1928) · p. Seite 409

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
29 (20.7.1928)
Date
1928-07-20
Page
Seite 409 (sequence 1)
Language
German
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VII. Jahrgang ♦ Nr. 2D. «iozelnummrr IS Pfennig r^> c~z\ \JE Bierteljadrsabonnement x *,2(* NM. (zuzügl. BcstellgLld). Verlag u. CchriftleUung: Berlin SW 63, Lkndenstr. 13 .:. Frrnlvrccher: Vmt Dönhoff 2534,3525. .:. Postscheckkonto: Berlin 32472. VanlkonLo: Dresdner Bank, Wechselstube O, DerNn SW 6Zy Lrndenftr. 7, und svn GoldschmrdUR-thschUd L Co.. Berlin W8. «llelnige Anzeigenannahme: Annenc-n.Expedition Rudolf Messe, Berlin 8W 19. und Seren Filialen. TnAeigenpreise: 0.33 fidi für die 7grsxal!ens Zeile nach Rudolf Mosses Srormalzeilenmrsser Rr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuchs (nicht StellenangrLsrr) für DUtgliedrr L. Cevtralvereins 0,4s JlJi, die 33 rooa breite RrNamezeile 4.5» JIM. J 1 Sln'2 SWOHUÄtW fei MUÄ bA DWNUOÄ. Mn Sr. Friß FeiöölüKöer GreM. Dietzel, einer unserer besten Kenner unserer gesellschaftlichen Entwicklung, hat das deutsche Mittelälter ein organisches System mit transzendenter Zwecksehung genannt. Darunter ist zunächst eine geschichtliche Lebensgemeinschaft zu verstehen, die nach einem bewußt einheitlichen Plane aufgebaut ist: wie die scholastische Philosophie der Weltordnung eine logisch streng geregelte Stufenfolge zugrunde legt, so erhalt die staatliche und gesellschaftliche Ordnung durch die Aufeinanderfolge der einzelnen Stände — des Herrscherstandes, des Klerus, des Wehr- und Nährstandes — ebenfalls einen Zwangläufigen Charakter. Eine derartige Form des Gemeinschaftslebens, die man ihrem Wesen entsprechend als eine Zwangskultur bezeichnet, war an sich keineswegs neu, denn die sinkende Spätantike war bereits mit ihrem System der Zwangswirtschaft in dieselbe Bahn eingemündet. Aber jene Weltära hatte in religiösen Dingen eine weitgehende Toleranz walten layen, während die mittelalterlich-christliche Epoche aus einen transzendenten Zweck abgestimmt war, das heißt, sie machte die Zugehörigkeit zu "dem von ihr beherrschten Lebensverbande von der Anerkenntnis ihrer hierarchischen Religiosität abhängig. Dies ist der tiefgreifende Unterschied zwischen der hellenistisch-römischen Spätantike und dem abendländischen Mittelalter. Je mehr die Glaubenseinheit den Eckpfeiler der mittelalterlichen Staarsausfasiung bildete, desto weniger dursten die nichtchristlichen Elemente die gleichen Eristenzrechte beanspruchen: dadurch wurden die sogenannten Heiden, die in dem Bereich des Islam eine mindestens ebenbürtige Weltmacht besaßen, nicht unmittelbar betroffen, dagegen mußten die I u d en, die inmitten einer glaubensmäßig unduldsamen Umwelt eine weit unterlegene Enklave darstellten, die furchtbaren Leiden einer solchen Ausnahmestellung aus sich nehmen. Auf der Höhe des Mittelalters ist der Jude im deutschen Imperium das mißhandelte Stiefkind einer feudal gegliederten Gesellschaft; nach einer zeichnerischen Darstellung zum sächsischen Land- und Lehnrecht aus dem 12. und 13. Jahrhundert befindet er sich hinter dem slawischen Wenden auf der untersten Stufe der sozialen Nangleiter. Die liberale Staatslehre und Knlturethik der neueren Zeit hat das freie Wachstum der persönlichen Kräfte zum kardinalen Grundsatz erhoben, in der Annahme, daß jenes Gewährenlassen am wenigsten mit dem öffentlichen Wvhle kollidiere; der deutsche Jude des Mittelalters wurde jedoch, nachdem er bis zur Zeit der Krcuzzüge sich einer ziemlich hohen Achtung erfreut hatte, durch die universal-kirchliche Einheitskultur immer mehr in seiner Lebens- und Entwicklungsmöglichkeit eingeengt. Wen darf es da wundernehmen, wenn er in eine Lage geriet, die Gustav Fr eh tag, der vortressliche Kulturhistoriker, lebenswahr Umrissen hat: ,-Donr Kaiserrecht privilegiert, vor dem Landrechi hilflos, unentbehrlich und tief verhaßt, begehrt und verflucht, in täglicher Gefahr des Feuers, Raubes, Mordes, und wieder der stille Herr u^c ^abe und Wohlfahrt von Hunderten, in unnatürlich oben. teuerlicher Stellung und doch in durchaus nüchterner Tätigkeit, mitten unter dem dichtesten Schwarm der Christen und doch durch eherne Schranken von ihnen getrennt, lebten sie ein zwiefaches Leben. Allen Stolz edlen Blutes, großen Reichtums, hoher Talente, ' die volle Glut südlicher Empfindung, jede holde und jede dunkle Leidenschaft umschloß das Haus, diH Familie, die Gemeinde: vor den Christen umreit sie kalt. Zäh, geduldig, furchtsam, kriechend und lauernd, gebeugt unter tausendjährigen Truck." Das ist kein Boden, auf dem seelische Gesundheit gedeiht! Das Verhalten der christlichen Bevölkerung verdammte den Juden zu einem zwiefachen, das heißt auf Sein und Schein beruhenden Dasein; sich frei und gerade zu entwickeln, war ihm versagt, fein Gh ar akttr w urd e durch äußere Einwirkung verbogen und entstellt. Zugleich empfing die christliche O eff en t l i ch - fett eine durchaus schiefe Vorstellung 'von der jüdischen Wesensart; jene ebenso verkehrte wie langlebige Vorstellung trifft man noch heute in weiten Schichten der weniger gebildeten Bevölkerung an. Denn nur wahrheitsliebende und sittlich vornehme Geister scheuten die Mühe nicht, hinter dem Zerr bilde die tatsächliche Physiognomie zu entdecken. Nichts veranschaulicht diele Situation deutlicher als jene Szene, in der wir den jugendlichen Goethe mit banger Scheu das Judenghetto seiner Vaterstadt betreten sehen, wo er gewiß manches Unerfreuliche, Handelssucht, üble Sprech- und unhygienische Lebensweise, anderseits aber Lieswurzelnde Frömmigkeit sowie Fleiß und gastfreien L-inn vorsindet. Tiefe Ansätze zu einer gerechteren Beurteilung führen uns bereits in das Zeitalter der E m a n z i P a L i o n hinüber; von der Sonne der Ansklärnng und Toleranz erwärmt, regte sich das erniedrigte Selbstgefühl des jüdischen Deutschen, der von nun an Latenfroh a m A ufba u der neueren deutschen Kultur mitwirkte. „Uns wird gewiß immer unvergeßlich bleiben, wie er bildend auf uns erngewirkt hat", bekannte der jüngere Humboldt von M o s e s TI endelsso h n , der seinerseits eine lange Reihe jüdischer Persönlichkeiten, die sich um die deutsche Entwicklung hochverdient machten, eröffnet. Die Emanzipation veränderte von Grund auf die Lebensbedingnnaen des einstigen Parias der deutschen Gefamtnation. Der Rhythmus der geschichtlichen Entwicklung war ihm günstig, denn in dem Kampfe zwischen dem Feudalismus und der Demokratie wurde seine Sache ebenfalls siegreich verföchte!;. Hegel hatte die Tendenz des 19. Jahrhunderts darin erblickt, daß die Massen £ L.j Ans dem Inhalts 'Jtidctiieindüdter PropagandaHtm in Ungarn. — Prof. flr. Erich Stern (Giessen und Mainz) zu Freuds „Ztihtmii einer EUasion". — Die Wahrheii über die „Pharisäer''.

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