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Central-Verein-Zeitung · 1928-07-13 · 28 (13.7.1928) · p. Seite 401

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
28 (13.7.1928)
Date
1928-07-13
Page
Seite 401 (sequence 5)
Language
German
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401 <r{* emicn «Bc'yicfümGcn zu dem Pariser Hause der Rothfchsl d s , 'die Vers i> u v on Bleichröder unterhielt, waren W die ihm bei diesen Verhandlungen zugute kamen. Wir erwähnten schon, daü auf französischer Leite Baron Alphons von '»tothschild in Versailles an den Besprechungen über die Krwgseliiiwädigung beteiligt war. Tiefe enge ,Fühlungnahme zwischen den beiden groben Bankfirmen blieb auch nach dem Kriege bestehen. B i s m n r cf benutzte deshalb Bleichröder ost zu schwierigen diplomatischen Missionen -nach Frankreich. Ter jüdische Bankier, der auch Bismarcks Vermögen verwaltete und zu den vertrautesten Freunden des großen Kanzlers gehörte, wurde nicht umsonst scherzhast „Hilfsarbeiter des Auswärtigen Amtes" genannt. Bleichröder hat niemals seine Abstanunung vergessen. Als unter Führung des Hofpredigers Stöcker eine antisemitische Bewegung in Teutschland einzusetzen begann, war er es, der in einer Audienz Kaiser Wilhelm I. auf die gefährlichen Umtriebe dieses Agitators aufmerksam machte. Mit B! e i ch r ö d e r schied einer der letzten großen deutschen Privatbaukiers aus dem Leben. Gleichzeitig einer der letzten derjenigen, jüdischen Finanzmänner, die ihren _ Ausstieg ihrer engen Bestehung zu den Höfen verdankten. (5s war deshalb verständlich, daß G er s o n Bleichröders Teilhaber Julius Schwab ach bei dem 75jährigen Jubiläum der Firma erklärte: „Drei Tonnen haben dem Hause Bleichröder geleuchtet und ihm Lebenswärme gespendet. Rothschild voran, daun Bismarck und endlich auch der erste Kaiser des neuen Reiches". me Zn Eduard Lamparters Schrift: „Das Judentum in seiner krrlturr;nd reLigisrisgeschichtticherr Erscheinung." Don SLadLrabbincr Lr. Nreger (Stuttgart). Es gibt wenige Begriffe, mit denen ein so falscher Kultus getrieben wird wie mit dem Begriff Toleranz. Aus Eedanlenträgheit und Gutmütigkeit, »venu nicht gar aus Gründen berechnender Nützlichkeit duldet der einzelne oder eine Gemeinschaft allerlei, was sie. wenn sie ehrlich ihrer Ileberzeugnng folgen würden/schlechthin verdammen oder mindestens verwerfen müßten. Eine tolerierte Religion und eine tolerierte Gemeinschaft sind eben nur geduldete, denen großmütige Nachsicht oder politische Klugheit ein beschränktes Lebensrccht einräumt. Im Grunde genonuneu ist der Geduldete ein gesellsäMtlicher Paria, bei Leibe kein Gleichbereclstigter oder gar Gleichgeachteter. Eine Religion oder eine Bolksklape, deren Rechtsstellung auf einem Tolcranzedut beruhst ist dadurch tatsächlich mißachtet. Tiefe Tatsache erklärt die Stellung, welche noch heute die Mehrzahl der nichtjüdischen Mitmenschen dein Juden und dem Judentmu gegenüber einm'mmt. Sie steht zu beiden wie der Pharao der Bilwl Zn Joseph und seiner Familie. Tiefer Joseph war Hofjude, ein Mann, den man praktisch nicht gut entbehren konnte. Gr hatte den Makel seiner Geburt durch eine standesgemäße ägyptische Ehe gemildert. Anders seine Brüder. Ter König war ihnen gegenüber allerhöchst wohlgeneigt. Sie sollten sogar die Ehre einer Audierrz erfahren. Aber Joseph sagte selbst den Brüdern, wie sie sich dem König vorstellen sollten: „Viehzüchter waren deine Knechte von jeher bis heute — damit ihr im Lande Gosen wohnen dürft, denn ein Gegenstand des Abscheus ist ein jeder Schafhirt den Aegyptern." Und der König gewährte ihnen das Eastrecht in Gosen. Sie hatten damit ihr Toleranzedikt erhalten. Aber von der verborgenen oder richtiger aus Nützlichkeitsgründen verhohlenen Mißachtung bis zur offenen Aechtuug war nur ein Schritt — und kaum, daß Joseph gestorben, begann die Entrechtung Israels in Aegypten. Das Schicksal der Juden begann sich in der Gegenwart erst zu lichten, als au die Stelle der Toleranz die Gleichberechtigung trat. Im Grunde genouuuen hat aber die Mehrzahl der Juden den tolerierten Juden innerlich noch nicht überwunden, und die nichtjüdische Gesellschaft sieht im Juden fast ausnahmslos noch den Geduldeten. Es muß jedem Ghrenjuden die Schamröte ins Antlitz treiben, so oft er diese Wahrnehmung gerade bei angeblichen Judensreundeu macht, die ihm gönnerhaft auf die Schultern klopfen, die ihm die Mischehe als Mittel und Weg zur völligen Eindeutschung auempfehlen. die ihm anraten, sich tunlichst unsichtlrar zu machen, um nicht — selbstverständlich bei den anderen! — Anstoß zu erregen. Das gilt nicht nur von der gesellschaftlichen Einstellung zum Juden, das gilt in mindestens ebenso ernstem Ausmaß von der E r n st e l l u n g der christlichen Theologie zum Judentum. Es wird entweder in der Religionsgeschichte als guarrtikö negligeahle wie von Wobbermin ganz übergangen oder von oben herab als rückständig oder überwunden abgetan. Es gehört eben sittlicher Mut und kernfeste Religiosität dazu, sich ru d:e religiöse Empfindung?- und Gedankenwelt eines ^cho^n ^bekennLnisses. einzusuhlen und ihr gegenüber die Objektivität der Gerechtigkeit zu wahren. Es ist eine der stärksten ckeußernugen . überragender E h a r a k t e r g r ö ß c, wenn *m ^rc**c der Schulen Hillels und Schanunais die Stellung entnimmt: Diese wie jene sind Worte des lebendigen Gottes. * 2^0? bicfent Standpunkt aus darf das soeben erschienene Werk Stuttgarter Stadtpfarrers a. D Eduard Lampartgr: "Das Judentum in seiner kultur- und rclrgrottsgeschicht- Nschcu ErschcnnnrgtzJ als sittliche Tat bezeichnet werden. ch-1 ,v;m!te-^ Cl]l protestantischer Theologe ans Grund eingelwnder Siudien ftst, was das Judentum im Laufe von drei Jahrtausenden mi kulturellen und religiösen Werten übereignet hat. <reliahrige Beschäftigung mit den jüdischen Lucllen hat in ihm die ^everzengung gefestigt, daß der Antisemitismus sachlich und sittlich «rll t?UÜla)r .sondergleichen ist. Aber er hat auch den Blut, gegew r d^r Verhängnisvollen Teilnahm- und Tatenlosigkeit des sprach- *) Keopold'Klotz.Derlag, Gotha. berechtigten Ehristentnms der Wahrheit die Ehre zu geben und sein Zeugnis frei und stolz auszusprechen. Er wendet sich in seinem Buche nicht nur an die kreise, die in diesem .Kampfe nms Recht bisher völlig versagt haben, sondern an die breiten Schichten des deutschen Christentums. Mit frommem Idealismus glaubte er an den guten Geist und Kern im deutschen Christentum. Er kann und will es nicht glauben, daß dieses so verdorben ist, daß es die Stimme der Wahrheit nicht mehr versteht. Es muß dabei geradezu erschüttern, wenn der christliche Theologe von dem frommen Bedürfnis spricht, „durch sein Werk etwas zur Sühne des an dem Judentum seit sieben Jahrhunderten auf deutschem Boden begangenen Unrechts bcizutragcn". Ter Leier spürt überall in dem Buche den Herzschlag dieses sittlichen W o l l e n s, dieser inneren Frömmigkeit. Schon um dieses frommen Willens wegen darf sein Werk als eine Tat gekennzeichnet werden. Nicht allein seine ausgezeichnete Widerlegung der Rassentheorie. nicht seine mustergültige geschichtsphilosophisckL Darstellung der Geschichte, der Kultur und der' Religion des Judentums. nicht sein wissensehattlich einwandfreier Nachweis der engen Beziehungen der christlichen Religion zum Judentum, auch nicht seine knappe imd tiefgründige Darlegung des Wesens und der Sittenlehre des Talmuds geben diesem Werk seine Größe. Sein Höhepunkt ist seine E i n st e l l u n g zur Religion des Judentums. Lamparter geht hier von dem Grundsatz aus, daß „wahre Religion nie etwas Trennendes, sondern immer etwas Verbindendes bedeutet. Niemals darf Härte, Lieblosigkeit, Verachtung gegen den Nebenmenschen sich in den Deckmantel der Religion hüllen. Angehörige jeder Religion, die dies tun/ bereiten ihrem Glauben Unehre" (S. 48). $on diesem Grundsatz aus erkennt er der jüdischen Religion das volle Lebensrecht neben der christlichen zu. Ter erste christliche Theologe, der zurzeit diese Stellung dem Judentum gegenüber eingenommen, ist der Engländer R. Travers Herford gewesen. Soeben wird im „M o r g e n" fern Vortrag in deutscher Sprache veröffentlicht, den er vor einer christlich-theologischen Gesellschaft gehalten und der dann 1923 im „Hi bbert-Journal* erschienen ist. Er schließt mit den Worten: „Aber die Tatsache bleibt . . daß dem Juden und dem Christen dieselben religiösen Grundwahrheiten gegenwärtig waren... In dieser Hinsicht waren Christen und Juden eins. Kinder desselben Vaters: daß sie sich trennten und warum sie sich trennten, lag darin, daß sie nicht länger dieselbe Sprache oder dieselbe Form der Gedanken benutzen konnten, um das auszudrücken, was in ihrem religiösen Bewußtsein vorging. Und so trennten sie sich: und in den Augen der Mitmenschen waren sie entfremdet und unverstanden, aber im Lichte Gottes waren sie das nicht.* Dieses klassische Bekenntnis wiederholt Herford in seinem 1924 veröffentlichten Werk ^.Tlle Pharisees“, das mit der Erklärung schließt, daß das Ehristentmn für die heidnische Welt notwendig gewesen. Reben Herford stellt sich Eduard Lamparter in seinem neuen Buch. Es ist eine Offenbarung mannhafter Offenheit und aufrechter Frömmigkeit, rvenn er ausspricht: „Daß auch der jüdischen Religion neben der christlichen ein göttliches Daseinsrecht, eine besondere Gabe und Aufgabe im Geistesleben der Arenschbeit verliehen ist, kann nur engherziger Konfefsionalismus leugnen." „Dem Judentum ist von der Vorsehung die Bestimmung zugewiescn worden, ein Zeuge und Wächter des reinen Monotheismus, des Glaubens an den einigen und einzigen Schöpfer und Erhalter aller Dinge zu sein. Daß der Monotheismus in der christlichen Kirche nicht immer sicher verwahr* gewesen ist. zeigtz ein Mick in ihre Dogmengeschichte. Die andere providentielle Aufgabe des Judentums besteht darin, das ethische Element in dem geistigen Gottesglaul^en zu betonen und zu wahren. Zn den unverbrüchlichen Bestandteilen seiner religiösen Gedankenwelt gehört auch die Vorstellung von der sittlichen Selbständigkeit des Menschen, von dem EigeMoert seines srounnen Handelns und der starke Akzent, der ans die Fähigkeit des menschlichen Willens zum Guten gelegt wird. Wir sehen hierin ein berechtigtes Gegengewicht gegen die Gefahr des Quietismus,Zeines die sittliche Willenskraft des Menschen lähmenden Bauens und ^ichverlassens auf die alles wirkende Gnade Gottes, gegen eine Gefahr, welcher so manche Erscheinungsformen christlicher Frömmigkeit unterlegen sind." „Viele Ehrislen gehen an den Synagogen der Juden in der Meinung vorüber, daß hier einer zur Mumie ausgetrockneien Religion gedient werde. Aber die Ergebnisse der neuzeitlichen Religionswissenschaft machen es uns zur Pstickt, neben dem überzeugungsvollen Fest- und Werthalten des eigenen Glaubens anznerkennen, daß der religiöse Genius . auch außerhalb des Christe?ttnms edle Blüten und Früchte gezeitigt hat."

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