Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 27 (6.7.1928)
- Date
- 1928-07-06
- Page
- Seite 390 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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AY0 eigenen Händen die umfangreiche Wäsche des großen Haushalts bewältigte. Daneben war sie die M u t t e r der G e rn e i n d e. Meine Bruchsaler Landsleute sehen sie hellte noch dafür an, obgleich sie schon feit achtundzwanzig Jahren nicht mehr dort weilt, und sie haben recht damit.- Bruchsal hatte, als meine Eltern dort ivcilten, etwa 14 000 Einwohner, und die jüdische Gemeinde zählte etwa 750 Seelen. Aber in diesem umgrenzten Steife lüfteten sich unsere Eltern, ohne es selber Zu ahnen, für andere, groß. Ausgaben. 3Jiein Vater begründete den Laudesverein Zur Erziehung israelitischer Waisen in Laden. Bor wenigen Wochen, als er das Jubiläum seines vierzigjährigen Bestehens feierte, Ijat dieser Verein seinem Andenken eine wundervolle Ehrung bereitet. Unsere Mutter erwarb sich dort durch die Hingabe, mit der sie sich in das Herz undin die Sage jedes einzelnen vertiefteihre unvergleichliche Gabe des Helsens. Aber im Jahre 1900 schlug die Abschiedsstunde von Bruchsal. Die Jüdische Gemeinde Berlin rief, und aus der badischen 4 Amtsstadt ging der Weg in die Metropole Deutschlands. Hier zeigte es sich bald, welch ausgezeichnete Schule Bruchsal für unsere Eltern gewesen war. Auch für unsere Mutter begann jetzt eine Wirksamkeit im weiteren Kreise. Die Kinder waren erwachsen, und Zeit und Kraft waren frei geworden für größere Aufgaben. Kern ihrer Wirksamkeit war i m in e r d i e Persönliche, mensch- 1 i ch e, unmittelbare A n t c i l n a h m e a m Schicksal ander e r, die innere Berufung zur Erfüllung einer Pflicht gegen Gott und Menschen, eine religiöse, nicht in erster Reihe eine soziale Einstellung zu menschlicher Not. Am nächsten lag ihr immer der Besuch bei Kranken und Armen und der Dienst an Schwerkranken und Verstorbenen. Alle Aufgaben der damals noch nicht begründeten Chewrah Kadischah, die jetzt ihrem Herzen so besonders nahesteht, waren ihr eigentliches Element. Aber sie sorgte auch für die Lebenden und Werdenden. In der Kriegszeit widmete sie ihre ganze Kraftder Begründung und dem Ausbau einer Frühehekasse. Leider hat die Inflation vernichtet, was sie hier mit so großer Mühe aufgebant hatte. Früh übernahm sie den Vorsitz in dem Frauenverein „Judas Töchter"; später in dem Fraucnvercrn ,Aahel". Kern Gebiet jüdischer Tätigkeit blieb ihr fremd. Mit einer großen und tätigen Sympathie hat sie auch immer die Wirksamkeit unseres E. B. begleitet, dankbar für seine große Leistung, voll Liefen Verständnisses für die äußeren und inneren Schwierigkeiten, die sich seiner Arbeit entgehe nstellen, und mit der oft ausgesprochenen Ueberzeugung, daß er morgen neu begründet werden müßte, wenn er heute aushören würde. Tätig, heiter, freudig Opfer bringend an Arbeit. Hingabe, Zeit und Geld, im Rahmen ihrer Mittel alle ihre Tage eine Wohltäterin großen Zuges, lebte sie froh bis Zu dem schweren Tage vor Zwölf Jahren, als nach langem Leiden unser Dater starb. Mit diesem Tage gewann ihr.Leben eine neue Energie. Jahrelang untröstlich, setzte sie sich jetzt eine neue Lebensaufgabe, in der sie ihre Ruhe fand und schließlich sogar ihre Lebensfreude wredergewcmn. Sie wollte das Andenken ihres Mannes befestigen und erhalten und überall im Leben so wirken, wie er es getan hätte, wenn er noch leben durste. Dieses selbstgeivahlle Ziel hat sie mit einer nie erlahmenden Treue verfolgt, und sie ist damit selber in ihrem Wesen wie in ihrem Wirken immer mehr gewachsten. In einem Mer, in dem andere, ausruhen, führte sie jetzt ihr Weg in den Vorstand des Jüdischen Frauenbundes und in die Rep x ä f e n t a n * c n t> c x} a m in I u n q der Jüdische n Gemeinde Berlin, der sie in der laufenden Wahlz^riode als stellvertretendes Mitglied augehört. Vor allem aber wurde sie. die Vorsitzende des Schwesternverbandes der U.O.B. B.- Logen. Dieses Amt führt sie ständig im Zuge und sogar im Flug- Zeug durch ganz Deutschland. Es liegen zwischen Karlsruhe und Königsberg nicht viele deutsche Städte, in denen sic nicht in den Schwesternbünden gesprochen hätte. Aber auch außerhalb Deutschlands ist sie, in Wien, in L o n d o n, in Kopenhagen, wohlbekannt. Der Ehrenname der „Großmutter des deutschen Judentums", den ihr jemand verliehen hat. ist nicht unverdient. So wäre ihr Lebensabend heiter, wenn nicht vor zwei Jahren ein schwerer Schicksalsschlag sie getroffen hätte, der Tod einer geliebten Tochter. Er hat auf die immer Heitere einen dunklen Schatten geworfen und eine Wunde au.sgerissen, die sich nicht schließen will. Es wäre noch so vieles zu sagen über das Wesen und die Art unserer Mutter, aber der Sohn ist nicht berufen, in der Oessentlichkeit seine Muter zu rühmen. So war auch hier mehr von Tatsachen aus ihrem Leben die Rede als von ihr selbst, und ein Wort Zu ihrem Preise hier vor der Welt auszusprechen,' kann ich mich nicht entschließen. Wenn also mancher Leser vieles in diesen Zeilen vermißt, was er erwarten durfte und was wir Kinder besser wissen als irgendein anderer, dann möge er bedenken, daß auch gegenüber einer Mutter zutreffen kann, was der Psalm den Menschen sagen laßt, der von Gott sprechen möchte und doch lieber verstummt: „Dir ist Schweigen Ruhm!" 4^*/ vvl : ' ' JM , vJ/Wi Von Gemeinderabbitter Dr. Kober. Ter Besitz an Boden galt von jeher als eines der untrüglichen Beweise der Zugehörigkeit zum Heimatlande. Diesen Beloeis zu erbringen, wurde uns Juden nicht leicht gemacht, auch nicht im deutschen Vaterlande, da wir das ganze Mittelalter hindurch bis in das 19. Jahrhundert hinein, in den meisten Fällen vom Erwerb von Grund und Boden ausgeschlossen waren. Nur in gewissen Fällen, in bestimmteil Grenzen und für eine festgesetzte Frist wurde uns Grunderwerb in der Regel gestattet. Eine besondere Rolle spielt dafai der jüdische Gemeindebesitz, der Erwerb von Synagoge und Friedhof. Wie Abraham sich und seinen Nachkommen durch den Kauf der Höhle von Machpela das Recht am heiligen Lande erwarb, so geschah es gar vst im Laufe der Jahrhunderte, daß der Friedhof der erste Besitz unserer Ahnen im Lande ihres Aufenthaltes wurde. Wie oft aber haben die Besitzer gewechselt, ist Gewalt an die Stelle des Rechtes getreten, ist der Pflug über geweihte Statten gezogen und die Ruhe der Toten gestört worden! lind doch gibt cs gleich verlorenen Inseln in der deutschen Landschaft und im deutschen Städtebild Gärten voll malerischer Schönheit, den Toten geweiht, die auf viele Jahrhunderte Bestehens zurückschauen können. Ueberall auf deutschem Boden sind sie zu finden in Worms und Frankfurt, in Wien und in Prag, in Bechhofen in Bayern, auf der Nheininsel bei W a l d s h u t, in Dhrhenfurt bei Breslau, in Berlin und in Altona, um einige zu nennen. Kürzlich ist durch eine schlichte Feier in Köln die Stätte am allen Judenbüchel im Südwesten der Stadt, wieder geweiht worden, aus die vor etrva sechs Jahren die Erdarbeiten der Eisenbahnverwaltung die Aufmerksamkeit gerichtet hatten. Bei eingehender Nachprüfung hatte sich damals herausgestellt, daß es sich um den ältesten jüdischen Friedhof Kölns handle, der im Jahre 1174 um vier Morgen vergrößert worden war. Ein römisches Erabfeld konnte es nicht sein, weil die römischen Gräber, die sich beiderseits der Bonner Straße bis nach Arnoldshohe ausdehnten, westlich dieses Gelände nicht berührt haben, weil ferner die Beigaben, die sonst in solchen Gräbern gefunden werden, fehlten. Das Leichenfeld konnte aber auch keine christliche Grabstätte sein, da die christlichen Friedhöse Kölns bis zum Ende des 18. Jahrhunderts um die einzelnen Pfarrkirchen lagen. Kein Zweifel herrschte bald darüber, daß es sich hier um einen Ort von außerordentlicher, religiöser und einzigartiger kulturhistorischer Bedeutung handelte. Da lagen sie in der Richtung West-Ost, die Hände neben dem Körper, gut erhalten, längst verklungene Geschlechter, von denen die ältesten der spätrömrschen Zeit angehörten. Die Scherben und Iloberreste von Schüsseln und Krügen, die in diesen Gräbern gesunden worden waren, gehörten den verschiedenen Epochen von der R ö m e r z e i t bis zum Ende des 16. Jahrhunderts an. So fiel aus diesen Gräbern Licht auf die Zeiten der Juden in Köln, von denen sonst Urkunden nichts zu berichten wißen. Hier haben demgemäß anscheinend seit den Römertagen die Angehörigen der schon im Jahre 321 urkundlich bezeugten jüdischen Gemeinde Köln und ihrer Umgebung ihre letzte Ruhestatt gefunden, die Männer und Frauen, die den Verfolgungen der Kreuzzüge getrotzt haben, diejenigen. die in den schweren Zeiten des 14. Jahrhunderts, schließlich in der Bartholomäus-Nacht des Jahres 1349 ihren Verfolgern erlegen sind, führende Geister d e r d e u t s ch e n I u d e n I) e i t, Her oen der jüdis ch en Leh r e, Mä r ty r e r d c Z j ü d isch e n Glaubens. Hier beerdigte die 1372 ueugegründete jüdische Gemeinde, die 1425, auf ewige Zeiten aus Köln vertrieben wurde, ihre Toten. Hier setzten die deutschen Juden bis zum Jahre 1695 ihre Verstorbenen bei. Zwar fehlte auf dem L-eichenfelde selbst' bis auf wenige Reste, die in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts zurückreichen, jegliche Spur von Grabsteinen. Aber das ist deswegen nicht verwunderlich, weil sie bereits nachgewiesenermaßen seit dem 14. Jahrhundert gewaltsam entsernt und nach mittelalterlicher Manier zu allerlei frommen Zwecken verwandt worden sind. Als Zum Beispiel bei der ersten Kölner Stadtcrweiterung im Jahre 1881 der Kavalier am Severinstor, der in geringem Abstand von der Feldseite desselben stand und 1469 errichtet worden ist, abgebrochen wurde, fand man, daß sämtliche Treppenstufen aus der Ilnterseite 'eingemeißelte, hcbräisck-e Schrift aufwiesen. Letztere waren also aus jüdischen Grabsteinen des 12. bis 15. Jahrhunderts hergestellt worden, die vorn jüdischen Friedhof vor Severin geholt worden waren und nun eine lange Wanderung antraten, bis sie jetzt an ihren ehemaligen Standort zurückgekehrt sind. Pietätvoller Sinn und energisches Eintreten der Synagogengemeinde Köln und der Gemeinde Adas Jeschurun haben erreicht, daß ein Teil des alten Friedhossgeländes vorn Eiscnbahnfiskus zurückerworben und wieder zu einem würdigen IZetü Oiam gestaltet werden konnte, der mit einer Mauer mmzeben ist. Auf dieser Stätte sind auch die einst auf dem großen Leichenfeld Bestatteten zur hoffentlich endgültigen Rul^e gekommen. In die Mauern aber sind die alten,'hebräischen Grabsteine eingelassen worden. Hier haben wir vermutlich nicht nur den nächst Rom ältesten jüdischen Friedhof des Abendlandes vor uns. hier wird uns auch für alle Zukunft kund das Heimat-recht der deutschen Juden. ...