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Central-Verein-Zeitung · 1928-07-06 · 27 (6.7.1928) · p. Seite 389

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
27 (6.7.1928)
Date
1928-07-06
Page
Seite 389 (sequence 9)
Language
German
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3$9 y A 4 /\ i/i;-UiüMt r | I: i:;, v jy * j "•; }; H' i. * \; j"» r sr VS^vv^ y"<^Wvt^ \5^ f KrSyl!/ i^iwy♦ Zu ihrem 70. GMMWZ am 8. M 1928. Bon Rabbiner Dr. Max Eichelbacher (Düffelvorf). Trci Stationen liegen am Lebensweg unserer Mutter, Wertheim, Bruchsal und Berlin. ^Am^8. Juli 1868 ist sie in Wertheim am Main geboren. Ihr Pater. Leopold Ben a r i o, der dort ein großes Manusakiurwarengcschast betrieb, war gerade in Würzburg auf der Kilianimcsse. Als er am Abend nach Hause kam, konnte er sein eben geborenes Töchterchen, das sechste Kind, begrüßen. Wertheim liegt bezaubernd am Zusammenfluß von Main und Tauber. In dieser wundervollen Landschaft grüßen überall die Denkmäler alter deutscher Herrlichkeit. Ter Berg, an bestem Fuße das großväterliche Haus steht, wird gekrönt von den Ruinen der alten Burg der Grafen von Wertheim, schone alte Renaissancehäuser umsäun'.en die Straßen, und die Hofhaltung der mediatisierten Fürsten von Löwen st ein-Wert heim gab dem kleinen Landstädtchen einen Zug ins Vornehme. Ter Main, die Tauber, die „Birken" haben die Seele meiner Mutter immer erfüllt und sind durch keine noch so großartige Landschaft daraus verdrängt worden. Tie Familie stammt aus Obernbrcit in Bayern. Dort wohnte um die Mitte des 18. Jahrhunderts Lob A r o n, der älteste nachweisbare unserer Vorfahren. Mit ihm beginnt der Stammbaum der Familie Benario, den mein Onkel Gustav Benario zum hundertsten Geburtstag seines Paters, des Vaters meiner Mutter, entworfen hat. Ter Großvater meiner Mutier, Samuel Lob, zog am Anfang des 19. Jahrhunderts nach W e r t h e i m. Als die Juden, etwa im Jahre 1810, deutsche Familiennamen annahmen, wollte er sich Löwenstein nennen, aber dieser Name wurde ihm nicht genehmigt, weil das Fürstenhaus ihn trug, das in dem Wertheimer Territorium regierte. So übersetzte er ihn denn ins Hebräische und nannte sich ,?Lenario". Sein Sohn Leopold, der Vater unserer Mutter, der 1821 geboren wurde und 1906 starb, war ein tüchtiger Kaufmann von großer Energie. Er brauchte sie auch, wenn er die vierzehn Kinder, die ihn Überlebten, gut erziehen wollte. In seiner Familie und in der jüdischon Gemeinde, deren Vorsteher er war, schaltete er als ein strenger Herr. Entschiedene Orthodoxie verband er mit einem ebenso starken politischen Liberalismus. In der Mitte der siebziger Jahre machte es ihn glücklich, wenn er als ältester Gemeinderat und Stellvertreter des Bürgermeisters die eben eingesührte bürgerliche Eheschließung vollziehen konnte. Als ich ihn im Jahre 1900 in Werthei nt besuchte, äußerte er eine hohe Befriedigung über das Denkmal, das gerade in Rom für Giordano Bruno errichtet worden war. Er war damals an achtzig Jahre alt. Die Mutter. Johanna Lob, war eine gütige Frau, die ihr großes Hauswesen mit Heiterkeit leitete. Sie war die Seele des Geschäftes, berühmt wegen ihrer kaufmännischen Tüchtigkeit, Nach einer großen, fast übermäßigen Lebensarbeit ist sie, zweiundvierzig Jahre alt, im Jahre 1870 gestorben. Bor wenigen Wochen waren viele ihrer Kinder zur Feier ihres hundertsten Geburtstages an ihrem Grabe auf dem Wertheimer -jüdischen Friedhose versammeln Tie Weltereignisse spielten früh in das Leben unserer Mutter hinein und erfaßten für immer unvergeßlich ihre Phaniasic. Wahrend des Krieges von 1870/71 war Wer 1 heim voll von Verwundeten. Die kleine, damals zwölfjährige Ernestine Benario ging mit ihrem Strickstrumpf in die Lazarette und leistete ihnen Gesellschaft. Es kostete sie keinerlei Ueberwindung. die eiterdedeckten Verbände abzunehmen und hinauszutragen. Sie hatte damals schon das weiche Herz und die guten Nerven, durch die sie die große Helferin geworden und geblieben ist. Wenige Jahre später verließ sie W c r t h e i m für immer. Mit sechzehn Jahren karn sie nach Bruchsal. Bruchsal wurde ihr zur eigentlicher'. Heimat. Hier lebte sie sechsundzwanzig Jahre, und hierher kehrt sie immer wieder zu kurzem Besuch zurück. Hier heiratete sie auch am 26. Marz 1879, also vor beinahe fünfzig Jahren, den jungen Rabbiner Dr. Josef E s ch e l b a ch e r. In Bruchsal konnte sie in der großen Oessentlichkeit nicht hervortreten. Sie hat hier sechs Kinderrr das Leben gegeben. Die fünf, die groß wurden, erzog sie ohne Strenge, aber mit einer heiteren Energie. Wenn wir uns sträubten, den uns verordneten Lebertran einzunehmen, wurden wir durch eine Prämie von zwanzig Pfennigen für jede geleerte Flasche ausgemuntert, und wenn dann auf diese Weise eine Mark zusammengekommen war, dursten wir zur Belohnung selber und allein in der Apotheke eine neue Flasche kaufen. Es waren wohl unsere frühesten selbständigen Einkäufe, und wir tätigten sie mit einem großen Selbstgefühl. Im Kleinen offenbart sich das Große. Es scheint mir. daß sie spater auch andere Ausgaben, die ihr erwachsene'und sehr selbständige Menschen stellten, auf ähnliche Weise gelöst har. Daneben arbeitete sie unausgesetzt und beharrlich an sich selber. Als ich das Gymnasium verließ, hatte ich zwmr nur wenig von Eorche gelesen, war aber doch auf nicht gewöhnlichem Wege ein guter Kerner des großen Dichters geworden. Die Mutter pflegte ihn. Bekannteres :::h> Unbekanntes, auswendig zu rezitieren, wenn sie am Waschzuber mit Erncsiine Eschelbacher feiner Agenten den Ausgang des Ringens in Ostende abwartets und mit der Meldung über den Sieg bereits am 20. Juni in London war, während Wellingtons Abgesandter dort erst am 21. einrraf. Aber noch bleibt es für England bei der Subsidienzahlung an die Festlandstaaten. Aus diese Weise gelingt es Nathan endlich, seine Brüder in Oesterreich in den Sattel zu setzen, das sich ihnen gegenüber bis dahin sehr ablehnend verhalten hatte. Am 26. September 1816 werden die Brüder Amschel und Solomon, am 21. Oktober die Brüder Carl und James in den österreichischen Adelsstand erhoben. Nur Nathan ging leer aus. Der Schritt in die große Gesellschast ist damit getan. Als ruhigere Verhältnisse in Europa eingekchrt sind, beginnen die Rothschilds mit ihren großen E m i s s i o n s g e s ch a s t e n, zunächst mit einer A n l e i h e f ü r Preuße n. 9Cim wird das Anleihegeschäft ihre Hauptdomäne. Sie schassen das Dörsenpapier für eigene Rech nung und Ge'ahr zur öffentlichen Zirkulation. 1820 geht Salomo n n a ch W i c n u n d b l e i b L d o r t. Im selben Jahr verhandelt der jüngste der Brüder, Carl, in Neapel über eine Anleihe und begründet dort den italienischen Zweig des Hauses. Sters finden wir die Rothschilds im Bunde mit den konservativen Mächten. Sie selbst gehören nun dank ihrer Macht und ihrem Einfluß zu den ersten Kreisen der Gesellschast. Aber sie vergessen ihre Abstammung nie und kämpfen jahrelang um die E m a n z i P a L L o n che r Juden, besonders um deren Gleichberechtigung in ihrer Heimatstadt Frankfurt, für die sie auch Oesterreichs Staatskanzler Metternich zu interessieren wißen. Der 29. September 1 8 22, vn dem alle fünf Brüder in den österreichischen Freiherr n st a n d erhoben werden, bildet den äußeren Abschluß dreser glänzenden Laufbahn des Hauses Rothschild. Die Jnschrifd ihres Wappens: „Coneordia, Iniegritas, Industria4' (EuN rächt, Lauterkeit, Fleiß) sind das Symbol ter Familie.' Gegen eine große Konkurrenz hatten sich die Rothschilds durchgestmt. Als kaufmännische Genies hatten sie es verstanden, ihre Zeit zu' n> fassen, aber auch durch ihre Tätigkeit den Staaten, in denen sie wirkten, zu nützen. Sehr treffend urteilt der christliche Forscher Riward Ehrenberg über sie, wenn er sagt: „Die Rothschilds verdankten ihre Macht nur scheinbar ihrem Gelde. Es ist wirklich unerlaubt dumm, derartiges immer wieder zu sagen. Wie hatten sie denn ihr Geld verdient? Wie hatten ne die Baring, die Kopes und die anderen konkurrierenden Finanz- Mächte überflügelt, die ihnen. anfangs an Kapitalkrafi weit überlegen waren? Doch Offenbar durchdie ungern ö h nIiche Bega b u n g. welche besonders Nathan Rothschild für Börsengeschäfte größten ^iils besaß, durch die Einigkeit der fünf VrüWr, durch die AnWendung einer neuen Sedjnif, durch her- . vor ragend geschickte und energische Benutzung der Zeitverhältniste/ Die dritte Generation des Hauses Rothschild war aus anderem Holz. Sie war schon im Reichtum ausgewachsen, aber sie wurde der H üst c r der großen Tradition. Nathans Sohn L i o n e l wird Mitglied des englischen Unterhauses, I a m e s Sohn A l p h o n s Hilst 187Hdem französischen Staat bei der Zahlung der 'Kriegsentschädigung an-Deutschland. Auf seinem Schloß Uerriöres finden die Verhandlungen mit Deutschland statt. Auch heute noch genießt das Londoner. - Pariser und Wiener Haus größtes Ansehen, wenn auckz mit dem Aufkommen der Aktienbanken sich inzwischen die Stellung der Rothschilds auf dem Geldmarkt der Welt stark verändert hat. Das deutsche Stammhaus ist 1901 nach dem Tode des letzten deutschen Trägers des großen Namens, des Barons Wilhelm von Rothschild, aufgelöst worden. In dem einflußreichen Berliner Bankhaus vor; Go!ldschm idt-Nothschild & E o.. das aus der 1luuoandl:mg einer alten Dcrlimr Firma ent fransten ist uud den Brüdern Ernst und Carl Wallach die Enkel des Barons Wilhelm, die Freiherren Albert und E x i ch v o n G o l d s chm : d :- ■ Rothschild, angehöreu, ist der alte Name wieder auserstauben..

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