Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 27 (6.7.1928)
- Date
- 1928-07-06
- Page
- Seite 387 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2277379-2277781-2277808--04593-2285222- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
3S7 Jidjte, der so off von den Völkischen als der „ihrige" angesprochen wird, sagt: allein acht hervor, daß der Staat, als bloßes Sicöiment de? im a-wöbnli.chen friedlichen Ganfle sartschreitelchen menfd)[in)cn Lebens, nichts liruc-j Mld für sich selbst Seiendes, sondern daß er bloß das Mittel ist snr den höheren Zweck der clnifl gleichmäßig sortgehendcn Ausbildung des rein Menschlichen in dieser Station." Es ist ivohl der schärfste Gegensatz Zu der völkischen Voraussetzung: „Tie germanischen Cboraktervaerte -sind deshalb das (iwige, wonach siö/'alles andere einzuswllen bat. Wer das nicht will, verzichtet ans eine deutsche Wiedergeburt und spricht auch sich selbst das seelische Todesurteil." Tenn diesem Arianer zufolge hat erst das Christentum seinen eigentlichen Wert dein germanischen Charakter Zu verdanken. 'Was ist germanischer Charakter? Was sind germanische Charakterwerte? Ter Verfasser hat vermutlich an Chamber la in gedacht, der Freiheit und Treue als Grundlagen des germanischen Charakters bezeichnet. Man lese dazu das Kapitel „Die germanische Treue", „Freiheitssinn und politisches Talent" in dein ausgezeichneten Werk des Wiener Soziologen Friedrich Hertz „Nasse und Kultur" H. Der Kenner der Geschichte weiß, daß die 'Germanen auf der Kulturstufe, aus der sie beim Eintritt in die europäische Geschichte stehen, genau so treu oder untreu waren wie andere Völker auf entsprechender Entwicklungshöhe. Oder will jemand noch die Zeugniye in der „Germania" des Tacitus als objektive Urteile gelten lassen? Nichtig ist, daß sich im 14. Jahrhundert eine eigentümliche Religiosität in Deutschland bildet, das; sich in der Mystik der i) Dritte Auslage, 1023, bei Alfred flrbncc in Leipzig. Ekkehart, Tauler, Suso Zum erstenmal etwas Großes unb Schöpferisches in fruchtbarer Synthese christlicher und deutscher Elemente darstellt: diese „Religion" ist aber vom Wesen Luthers ebenso weit entfernt wie vom Wesen Calvins, von Gustav Aböls so weit wie vou T i t t y und Watten st e i n. Diese Religion ist aber urverwandt der Wett P l o t i n s und der des Chassidismus, der Welt eines Novalis, ein.es N n i n e r 9JI nt t a Rilke, eines Martin B n b e r. Diese Welt hat alles mit dorn Diemen ru:d Besten in jedes Menschen Brust Zu tun, sie hat aber gar nichts Zu tun mit germanischen Charakterworten an sich, nur in.it dem Ewigen, was auch im germanischen Charakter wie in jedem arideren Vottscharatter ruht. Wenn nun aber „die Ablehnung des germanistischen Ideals („germanistisch" ist gut) in Deutschland nackter Voltsverrat" ist, luic die völkischen Leitsätze besagen, darrn müssen wir eben „nackten Volksverrat" im Sinne von Herrn R o s e n b e r g begehen. Seine Geschichtskenntnis befähigt ihn auch, weiter Zu erzählen'-. „Es ist deshalb kein Wunder, daß die Parteien, die den Landesverrat von 1918 begingen, auch den Volksverrat ans ihre schwarzen und roten Fahnen geschrieben haben." Ich kenne nur drei Herren, die, als es brenzlig wurde, ins Ausland gingen: den Kaiser, den KronprinZe n und Herrn L n d e n d o r f s mit blauer Brille und falschem Namen. Ich kenne keinen unter den Großsprechern ter Gegenwart, der damals mit Leib und Leben gegen den „Landesverrat" aufgestanden wäre. In einem Punkte aber hat der Arianer recht: in seiner scharfen Betonung des Verhängnisvollen konfessioneller Schablonen. Nicht nur das Volkstum, sondern das Menschentum geht Zugrunde, wenn das Konfessionelle die Herrschaft erhält. Antisemitismus im mssmschafiJIidhm Q&mamk.. Dec des Jialsecs Claudias. Eine Aussprache in der „Monatsschrift für höhere Schulen". Die „Monatsschrift für höhere Schulen" veröffentlichte in ihrem 9. und 10. Heft, September/Oktober 1927, einen Aussatz von Dr. Phil. H. Volkmann (Marburg) unter der Überschrift: „Ein neuer Fund zur Geschichte des Antisemitismus im Altertum" I. Dr. Volkmann stellt Zunächst in Anbetracht der Tatsache, daß die judenfeindliche Bewegung in den Schulunterricht und das Zusammenleben der Schüler gelegentlich hinübergreift, die Forderung auf. daß die Lehrer und Führer der Jugend in diesen schwierigen Fragen mit Takt und Geschick strengste Objektivität wahren. „Diese Objektivität unserer Lehrer" — so schreibt Dr. Volkmann. — „kann sich einmal direkt zeigen bei der Bel)andlung irgendwelcher antisemitisch gefärbter Zusammenstöße unter den Schülern, daneben mehr indirekt im Geschichtsunterricht der höheren Klassen, in dem es mehr denn je gerade heute als eine der vornehmsten Aufgaben gilt, zum Verständnis fremder Weltanschauungen und dadurch zur Duldsamkeit zu erziehen." Als Voraussetzung wird verlangt, daß alle Pädagogen mit der Geschichte des Antisemitismus vertraut sind. Dr. Volkmann weist dann auf ein antikes Zeugnis über die Judenhctze im Altertum hin, um die Geschichtskenntnis über den Antisemitismus zu fördern. Dieses Zeugnis soll ein 1926 edierter Londoner Papyrus sein, ein Brief des Kaisers Claudius an die Alexandriner. In diesem Brief wirft der Kaiser den Juden vor. daß sie, obwohl sie den „eigenen Besitz ausnutzen und auch Ueberfluß an allen Gütern in einer fremden Stadt genießen", sich widerrechtlich in das Gymnasiarchenamt ein-- Zudräugen suchen. Was aber dem Kaiser besonders verdächtig erscheint, ist der Eifer, mit dem sie Glaubensgenossen von Syrien und Aegypten herauzuüehen wißen. Ans diesen Ausführungen des Briefes zieht Dr. Äolkmann die Schlußfolgerung, daß hier einmal deutlich von amtlicher Stelle ausgesprochen sei, warum die Juden schon in der Antike so unbeliebt gcnvesen seien. „Sie beschränkten sich eben nicht aus ihre Heimat, sondern suchten als Schmarotzer überall Nutzen zu ziehen." Dadurch sei ein heute bestehendes Problem in vergangener Beleuchtung gezeigt, soweit Herr Dr. Volkmann. — In der Januar-Februar - Nummer 1928 der „Monatsschrift für höhere Schulen" gibt nun Rabbiner Dr. Phil. B. Jacob (Dortmund) Ergänzungen und Berichtigungen zu dem Aussatz Dr. V o l k ° m a n n s. Zunächst sei es sehr fraglich, ob der Brief die Vorstellung, die man sich nach der Eharakterschildernng bei TacituS von Claudius gemacht hat, zn seinen Gunsten ändern könne. Sodann habe man, wie Dr. Jacob auf Grund seiner genauen Kenntnis der einschlägigen Literatur fcststcllt, niemals inr Altertum den Inden eine bestnnmte Erwerbsart zmn Vorwurf gemacht oder sie gar für „Schmarotzer" gehalten, niemals.begegnet man auch dem . *) Hecausgcgcb.m unter Mitwirkung ncmrhafier Schulmänner, Nniversitäts» l^hrcr und BerwaUungsbenmter von Professor Dr. Map Siebnrg und Geh. stat Dr. Paul Lorcntz (Berlin), Weidmannsche Buchhandlung. Vorwurf des Wuchers. Auch seren die Juden gar nicht so besonders reich gewesen, vielmehr zeuge manches von erheblicher Armut unter ihnen, und wahrscheinlich sei vielfach im Altertmn der Aerger über den Reichtum der Juden mehr die Wirkung als die Ursache des Rassenvorurteils gewesen. Dr. Jacob weist dann nach, das; auch das Wort „Schmarotzer" auf den Juden der damaligen Zeit nicht zutreffend gewesen sei. Die wahre Beranlapung des Gegensatzes war, wie Jacob nachrveift, ein politische. Ter „objektive" Leser wird, so hoffen wir, nicht nur die Ausführungen des Herrn Dr. B o l k m a n n lesen, sondern sich auch die Argumente Dr. I a c o b s zu eigen machen, die er dahin Zusammenfaßt: „Die Juden hielten stets zur Staatsregierung und machten eine nationalistische Fronde nicht mit. ... Sie waren ein Element der Reichseinheit und in ihrem eigenen Interesse der Ordnung. Die letzte, wenn auch den Gegnern nicht immer bewußte Ursache war die Religion, trotz der religiösen Toleranz, die das Altertum auszeichnete. Sie war es, die die Juden in der antiken Wett zu Fremdlingen machte, ebenso wie die Christen. Der Antisemitismus im Altertum ist für dieses Altertum keine Ehre und für die Juden keine Schande. Die absolute Verständnislosigkeit, mit der es der Religion Israels gegenüberstand, gibt ihm eine arge Blösie. Hatte es dock) z. B. für die größte gesetzgeberische Wohltat, die jemals der Menschheit erwiesen worden ist, den Sabbat, nur Spott und Hohn. Den Juden aber weiß man substantiierte moralische Vorwürfe nicht zu machen." Das Jimifyüwi CAdsil m Cueopa. Das Werk eines Breslauer Univcrsitätsprofesiors. Der katholische Universitätsprofessor Dr. Kurt Zieschö in Breslau verlangt in seiner Schrift „Dis Königtum Christi in Europa." *), mit vollem Recht, daß jeder, der über das Christentum 'urteilt, von dem auszugehen hat. was das Christentum wirklich ist und ivill. Nirgends wird diese Forderung mehr Zustimmung finden als in diesen Blättern, die einen dauernden Kampf führen gegen die beliebte Methode, Ansichten über Juden und I u d e n t u m zu verbreiten, die lediglich der P h a n t a s i e e n t ft a m m e n. Cm Teil unserer Aufklärungsarbeit ist diesem gefährlichen Fehler gewidmet. Um so bedauerlicher ist es, daß derselbe Professor Zieschö in der gleichen Schrift, in der er so entschieden gegen Lustkonstruktionen anftritt, dem Judentum gegenüber dasselbe Unrecht begeht — und zivar in lnyonders krasser Form. Alles was schlecht ist oder Herrn Professor ZieschC schlecht erscheint, setzt er auf das Konto des Jndentnms. Ja, er geht noch weiter: alles Böse ist nicht zufällig mit dem Judentum verbunden. sondern airs seinem Wesen entsprungen. Professor ZieschC entwickelt eine Theorie des Judentums, die es als irdisch, rationalistisch. diesseitig charakterisiert. Ein Beweis wird nirgends erbracht oder auch nur versucht. So kann es nicht wunder nehmen, daß einmal vom „herzverlassenen" Judentum (ceite 86), ein andermal von **) Regcnüburg, SScrlagocuftalt vorm. G, I. Mauz.