Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 27 (6.7.1928)
- Date
- 1928-07-06
- Page
- Seite 385 (sequence 5)
- Language
- German
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3SS IrieöhofschänZung in Ibbenbüren. In Ibbenbüren i. Wests, ist Der jüdische Friedhof zum Dritten Male von Verbrechern heimgesucht worden. Nachdem einmal Schulknaberr, Das zwcitcmal Soldaten Grabsteine ans Dem einsamen Friedhof Der kleinen GemcinDe wahren- Des Krieges beschädigt halten, sind nun am 2 4. Jnni fünf Grab st ei ne, Darunter cf*» Kinvergrab, urngcworfcn «rr D teilweise zerstört w o r - vcn. Die Polizeiverwaltung, Die sofort mit aller Energie Die Verfolgung Der Tater ausgenommen hat, hat eine Belohnung von 50 Mark, Die, wie wir hören, i» De» nächsten Tagen noch beträchtlich erhöht werden soll, auf ihre Ergreifung anSgescht. Dies ist Der 57. Fast Der Schänvnngen jüdischer Friedhöfe, der uns bekannt wird. . ' > . Nationalsozialisten beschimpfen öa§ Möenken eines Menschenfreundes. Die ,LZohlfahrtswoche, Zeitschrift für Wohlfahrtsknude, Wohl« fahrtspslege und Wohlfahrts-Politik — Arntlichcs ^)rgan des Wohlfahrtsamtes und des Kriegsfürsorgeamtes der ^ladt Hannovers widmete unserem langjährigen Mitglied SanitätsraL Dr. Ludwig Spanier (Hannover) nach seinem Ableben vor wenigen Wochen in ihrer Nr. 24 vom 17. Juni einen Nachruf, in dem sie der seltenen Aufopferungsfähigkeit des Verstorbenen mit warmen Worten gedenkt. Sie schreibt: „Am 11. Juni 1923 verschied plötzlich in Brannlags, wo er Erholung suchte, der SanitätsraL Dr. Ludwig Spanier aus Hannover . . . Im edelsten Dienst der leidenden Menschheit, auf Familienglück und fast alle Freuden des Lebens froh verzichtend, hat sich Ludwig Spanier geopfert. Das Ideal des Arztes, wie es dem Volke vorschwebt, schien in diesem seltfamm Manne verkörpert. Wen er annahnr — und er war in der Beschränkung ein Meister —, der fühlte, nein, der wußte, sorgfältiger, gewipenhaster untersucht dich keiner, schonender und gründlicher behandelt dich niemand. Wer aber glaubte, sich von Dr. Spanier ein Cesälligkeitsattest erschmeicheln zu können, zog beschämt von dannen: das Beruisetbos des geborenen Arztes hatte ihn bezwungen. In der Brust dieses Arztes steckte ganz selbstverständlich das Herz des aufrichtigen Menschenfreundes: wohlzutun und mitzuteilen war ihm Lebensbedürfnis. Man frage einmal herum bei den kleinen Leuten in der Nahe des Dolgers Wegs, wie oft ihnen der gute Doktor einen strich durch seine eigene Rechnung gemacht hat, und wie viele Menschen, auch solche, mit denen er gar nicht als Arzt in Berührung gekommen war, mögen von ihm beschenkt worden sein! Das Wohlfahrtsamt der Stadt Hannover kann davon ein rühmlich Lied singen. Wie oft sind wohl seine Fürsorgerinnen mit einem großen oder kleinen Menschen, dem gar nicht helfen schien, heimlich Zu Dr. Spanier gegangen! Und wie strahlte denen Gesicht, rvenn er bei solchen Gelegenheiten durch ausgiebiges und scharfes Fragen herausdekommen hatte, daß cs einem anderen Schützling der Schwestern, mit dem sie vor ein paar Jahren bei ihm gewesen waren, sitzt gut ginge! Es war deshalb nicht mehr als in der Ordnung. daß auf dem Berge von Kränzen, die sich am Donnerstag nachmittag nach einer ergreifenden Rede des jüdischen Geistlichen aus den kleinen Bergsriedhof wer Hesüsch-Oldendorf hausten, ein Kranz mit den rotweißen Farben der Stadt Hannover lag. Ja, Ludwig Spanier war Jude. Das kam manchem feiner dankbaren Patienten, die am Grabe standen, ganz überraschend. Gr aber, dessen entseelter Leichnam da unten lag, er hat, so hoch er auch stand, darunter gelitten, daß wir in Deutschland immer noch Menschen haben, die da glauben, ■ die Inder: als Volk bekämpfen und beschimpfen zu ir.üncn. Würde ihnen jemals nur eine Ahnung aufgehen von der vornehmen Größe Ludwig Spaniers, seiner stillen Geistigkeit und rührenden Selbstlosigkeit, sie würden doch vielleicht Einkehr halten bei sich selbst." Sch. Man sollte meinen, daß so warme Worte eines der Nächstenliebe gewidmeten Blattes auch die Achtung des politischen Gegners erzwingen müßten. Der „N i ed e rs ach s i sch e Beobachters Kampsblatt für den nationalen Sozialismus, vom Sonnabend, dem 23. Juni, bringt es aber fertig, die Hannoversche ,Mohlfahrtswoche" eben wegen dieses Nachrufes als „Organ jüdischer Stimumngsmache" Zn bezeichnen. Er sagt von dein Nachruf, daß er „allen Anforderungen an Rührung unb Verherrlichung genügt", zitiert den Schluß und fügt hinzu': ,.Die vorstehenden Zeilen find deutlich. ,Er aber, dessen entseelter Leichnam da unten lag. er hat, so hoch er auch stand, darunter gelitten, daß wir in Deutschland immer noch Menschen baden, die da glauben, ~ie 2uden als Volk bekämpfen und beschimpfen zu müssen? Der Zudhllw Schmo? wie er leibt und lcbr. Es hat schon mehr Juden gegeoeu schwer gelitten haben, aber nicht an der-Verkennung ihres sondern wer! sie ihr eigenes Volk erkannten in seiner Nicdcr- £Qr‘;gint und selbst in sich den Fluch fühlten, de: ihnen vererbt war. Wu aoer fragen: »Wie kommt ein amtliches Blatt deS Hannoverschen WokstfüyrtsamLes dazu, das' Begräbnis eines jüdischen Sanitätsrates zu einer jüdlstljen Stimmungsmache auszunützen? Zu einer unzweideutigen Spitze gegen diejenigen, die gegen die jüdische Lerx^waltigung, Ausbeutung und Zersetzung deS deutschen Volkes arrtämpferr?'" Wenn ein amtliches Blatt die Objektivität hat, ohne nach Konfession und Partei zu fragen, nur auf Grund des Wertes des Menschen einen solchen Nachruf zu veröffentlichen, so müßten sich gerade die am meisten freuen, die für T-eutschlands Erneuerung zu kämpfen behaupten. Dieser „Nachruf" des „Nieder sächsischen Beobachters" kann das Andenken an Ludwig Spanier nicht trüben: er befleckt höchstens den Schild der nationalsozialistischen Helden. Die Richtlinien der österreichischen Kammer für Handel, Gewerbe und Industrie.? jp v- & «y v v4/ v '+&]} mimüc Die österreichische Wirtschaft führt bereits seit einer langen Reihe von Jahren einen furchtbar schweren Existenzkampf. Die stetig steigende Arbeitslosigkeit, die erschreckend hohen Insolvenz- und Konkurszifsern, die Z a h l der S e l b st m o r b e a u § wirtschaftlichen Gründen dokumentieren diesen Ilebclftand, dem abzuhelfen alle wirtschaftlichen Faktoren sich bemühen. Nur geschieht dies auf eine Art und Weise, von der man kaum annehmen kann, daß sie zur Sanierung der arg daniederliegenden österreichischen Wirtschaft wirklich führen wird. Zwei Wegesind nach den wissenschaftlichen Erfahrungen in einem solchen Falle möglich. Entweder man öffnet den A r b e i L s m a r k t. um durch das Herein strömen ausländischen Geldes die Kaufkraft und Kauflust des Publikums zu heben, oder aber man schließt, um die einheimische Industrie zu schützen, die Pforten des Landes und läßt bestenfalls nur das Prinzip der Reziprozität obwalten. Für viele Einsichtige wird es klar sein, daß das erstere System heute im Zeitalter der Jnternationalität des Handels mehr Aussicht auf Erfolg verspricht. Aber immerhin, man kann auch der Ansicht sein, daß eine wirtschaftliche Abschnürung gegen die Außenwelt von Vorteil für die heimische Industrie sein wird. Dieser Ansicht neigt auch die ö st e r r e i ch i s ch e Kammer für Handel, Gewerbe und Industrie zu. Bei Einbürgerungsge suchen von Kaufteuten und Gewerbetreibenden Hai sie, als wichtigstes wirtschaftliches Forum, in Oesterreich ein entscheidendes Wort'mitzusprechen; diese Gesuche werden ihr zur Begutacht u n'g v o r gel e g t. Nun hat sich die Kammer für diese ihre Begutachtungspraris genüge „Richtlinien" gegeben, die im allgemeinen für eine Ablehnung von Einbürgerungsgesuchen aus wirtschaftlichen Gründen ein treten. Soweit kann man, selbst wenn man ebenfalls nur aus wirtschaftlichen Motiven gegenteiliger Ansicht über die Möglichkeit einer Sanierung der österreichischen Wirtschaft ist. mit ^diesem Standpunkte sich abfinden. Aber die Kammer gehr in ihren „Richtlinien" über das rein wirtschaftliche Moment hinaus und begibt sich hier ans ein politisches Gebiet, wobei sie ausdrücklich Thesen ausstellt, die direkt dern Wortschätze der Judengegner entnommen zu sein scheinen. Nicht anders kann es uns berühren, wenn z. B. aus Seite 5 der erwähnten Richtlinien die am 14. Mai d. I. aus Grund eines Reserates des Kammerrates Eugen Fulda beschlossen wurden, wörtlich heißt: „Ferner Usird man hierbei, von rein wirtschaftlichen Erwägungen ausgebend, sich besten bewußt sein müssen, daß es keineswegs im Interesse der einheimischen Wirtschastskreise gelegen ist, wenn man es den Ausländern gar zu leicht macht, die österreichische Bundes- bzw. LandeZzugebvrigkeit zu erlangen, weil durch den starten Zuzug landcsand vottcfrcnrder Elemente, die sich in ihrer wirrschastLirt-en Tätigkeit oft von einer GesclwftsmoraL leiten raffen, die von den Sitten rnrsercct Landes stark adwcicht, eine derartige NcberfrcnrDung herbcigcführt werden kann, daß die bodenständigen Handels- und Gewerbetreibenden nur mehr mit Mühe die ihnen von Rechts wegen zukommende Stellung zu erhalten vermögen, und um die Erhaltung ihrer Erisienz unter Bedingungen, .welche sich stetig verschlechtern, zu ringen haben/ „Zuzug landes- und volksfrcmder Elemente", „Geschastsmoral, die von den Sitten unseres Landes stark abweicht", sind das nicht Worte, die man bei der Lektüre eines hakenkreuzlerischen Blattes eher anzutresfen glaubt als in dem angeblich rein wirtschaftlichen Gutachten eines seinem Wesen nach absolut unpolitischen Forums? Selbst wenn das Wort „Jude" wohl mit Absicht vermieden ist, hat nicht die Vermutung ihre Berechtigung, das; in erster Linie sich diese vor geschlagenen Maßnahmen gegen die ausländische jüdische Kaufmannschaft wenden? Der Don macht die Musik, und hier werden Töne angeschlagen, die man sonst nur im Mißklang eines Antisemitenkouzertes anhören muß. Und? o soll der österreichischen Wirtschaft geholfen werden?! Oskar Hirschjeld (Wien).