Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1928-07-06 · 27 (6.7.1928) · p. Seite 384

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
27 (6.7.1928)
Date
1928-07-06
Page
Seite 384 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2277379-2277781-2277808--04590-2285219
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

A§4 I können, als dies in Zeiten der Ruhe nötig ist. Soll eine Gemeinschaft, die um ihre Gleichberechtigung kämpft, sich des Rechtes entheben, Angriffen, denen sie ausgesetzt ist, mit den Mitteln zu begegnen, die Tag und Stunde erfordern? Ist es notwendig, lster Anführungen aus Hunderten von Flugblättern und Zeitungen zu bringen, die zeigen, wie stark man auch in diesem Jahre mit dem zugkräftigen Mittel des Antisemitismus unter den Massen gearbeitet hat? Darüber, ob unsere Arbeit von Erfolg gekrönt war, sind wir nur deneu Rechenschaft schuldig, die uns unterstützt haben, aber nicht den Kreisen, die sich darin erschöpfen, unsere Arbeit horabzusetzen. Wenn man weiter hört, während dieses Wahlkampfes sei die Behauptung ausgestellt worden, der C. V. verwende Mahlgelder zur Agitation gegen den Zionismus, so kann nur wiederholt werden, was Freunde und Gegner wissen, daß diese Behauptung schon oft genug aufgestellt und ebenso oft als falsch gebrandmarkr worden ist. Was gegeben wurde, ist dem politischen Fonds zugeleitet und nur zu deutsch-politischen Arbeiten verwendet worden. Mer die öffentliche Meinung wird vergiftet, wenn man dem E. V. Unsachlichkeit und Unsauberkeit in seiner Arbeit vorwirfb Das mögen sich die stets vor Augen halten, die solche und ähnliche Behauptungen immer wieder aufstellen. Man schadet dadurch nicht dem E. V., denn jüdisch-national organisierte Männer und Frauen haben sich um den Wahlsonds in der Regel nicht gekümmert. Sie künnnern sich genau so wenig um die Politische Arbeit des E. 33., an der sie sich aus Gründen der Weltanschauung nicht beteiligen zu können glauben. Schon oft wurde daraus hingewiesen und wir wiederholen das heute, daß es unserer Auffassung nach gerade im politischen Leben Gebiete gibt, wo gemeinsame Ziele gemeinsame Arbeit rechtfertigen. Solange wir es für unsere Pflicht halten, am Leben und Werden der deutschen Nation mitzuarbeiten. so lange werden wir um unsere Ueberzeugung zu kämpfen haben. „Wäre die Besiedlung von Palästina nichts weiter als ein großes soziales Hilfswerk, so wäre vom Standpunkt des C. V. aus gegen die Förderrmg dieses Werkes nichts zu sagen." (Aus der Entschließung des Hauptvorstandes vom 10. April 1921, bestätigt 7. März 1926.) Unsere Stellung innerhalb des deutschen Volkes, die sich darauf gründet, daß jeder Staatsbürger versuchen muß, seine persönliche Weltanschauung in Einklang mit der Nation zu bringen, haben wir dargelegt. Es ist wiederum ausgesprochen worden, daß wir jedes Aufbauwerk in Palästina begrüßen, das s i ch f r e i h ä l t v o n nationalen Bestrebnngerr. Darunter sind Bestrebungen zu verstehen, die einen kulturellen und politischen Mittelpunkt für das Judentum der Welt in Palästina begründen wollen. Es bleibt noch kurz einzugehen auf unsere Stellung zum K e r e n H a j e s s o d, von dem so oft behauptet wird, daß er die Organisation fei, in der die getrennten Geister sich zu gemeinsamer Arbeit finden könnten. Herr Tr. Samuel hat in seiner „Der nationale Ausbau und der Keren Hajessod" betitelten Abhandlung in durchaus sachlicher Werse als Trennungsmoment zwischen C. B. und Zionismus die Forderung des Zionismus nach einem Bekenntnis zum lebenden und werdenden jüdischen' Volke bezeichnet. In diesem Sinne, so führt er aus, sei alles national, was an jüdischen Werten nach Palästina komme. Selbstverständlich steht bei dem Aufbau Palästinas das Jüdische im Vordergrund. Denn es ist klar, daß m Palästina so gut wie in Rußland oder an irgendeiner anderen Stelle der Erde, wo jüdische Siedlungen sind oder sein werden, sich durch die Tatsache der Zusammenfassung einer großen Dlenge von Juden in einem Bezirk auch außerhalb der Religion bedingte jüdische Kultur-, Wirtschafis- und Rechtsanschauungen bilden müssen. - Was aber dre Masse unserer Freunde, welche dem K e r e n Hajessod in seiner heutigen Form ablehnend gegenüberstehen, zu ihrer Haltung veranlaßt, .ist nicht dieser Gesichtspunkt. Sondern es ist das Bestreben des Keren H a j e s s o d, in Palästina ein jüdisches Zentrum für alle Juden der Welt 51t schassen, und demgemäß jede Einrichtung dort nicht nach ihrer wirtschaftlichen Wirkungskraft, nicht nach ihren: Wirkungskoessizienten, sondern nach ihrer politische n Wirkung, auf das gesamte Judentum zu beurteilen. Wird einmal die Jewish Agency gegründet und so ansgebaut werden, daß auch Nichtzi0nisten in ihr einen maßgeblichen Einfluß gewinirerr können, so wird die Möglichkeit einer Mitarbeit an? dem Ausbauwerk für alle Juden geschaffen [ sein. Die Neutralität des Keren Hajessod ist - Jedoch nach der Aufsagung der Mehrzahl unserer Freunde deswegen nicht gegeben, weil die Verwendung seiner Mittel von Kräften bestimmt wtrd, die bisher leider! bestrebt sind, das gekennzeichnete politische und natioj nale Ideal nach Kräften zu fördern. Mit keinem Wort soll \ an der Ehrlichkeit des Willens dieser Kräfte gezweisell - werden. Was vermißt wird, ist das V erst du dnis für die letzten Wirkungen ihres Wohltuns. Was wir wollen,, ist die Kolonisation, die sich allein nach dem realen Nutzeffekt richtet. Soviel über die rein äußeren Gründe unserer Einstellung zum Keren Hajessod, die im folgenden auch nach der ethischen Seite noch kurz näher begründet werden sollen. W ir sehen int Iudentum eine Religion, die nach unserer Ueberzeugung nicht nur uns, sondern der ganzen Welt ungeheure Werte vermittelt har und auch in Zukunft vermitteln kann und wird. Zweifellos geht in einem großen Teil des Zionismus die religiöse Strömung iuimer mehr zurücf. Das geht schon daraus hervor, daß mau auf dem zionistischen Delegierteni tag in Breslau^ganz offen davon .gesprochen hat, die! B-eteckigung gewlper christlicher Kreise am Aufbauwerk in Palästina sei auf den Glauben zurückzuführen, daß in Palästina ein internationales sozialistisches Mnstergemeinwesen ohne staatlich religiöse Bindungen entstehe. Auf dem Telegiertentag wurde aber von anderer Seite weiterhin der Wunsch ausgesprochen, der Zionismus möge nicht zu einer reinen Wohltätigkeitsangelegenheit herabsinken. Es wurden andere Stimmen laut, die gerade aus diese Weise, d. h. durch Keren Hajessod und Pro-Palästina- Komitee ein „Hinübergleiten" 'nichtzionistischer deutscher Juden erhofften. Wir wollen uns nicht das Wort „Wohltätigkeitsangelegenheit" zu eigen madpt. Jede Kolonisation, die wirklich erfolgreich sein soll, darf keine Wohltätigkeit, sondern muß eine volkswirtschaftliche Angelegenheit sein. Wahr ist, daß die Agitation für den Keren Hajessod in der Richtung des „HineingleitenM in den Zionismus für die Tauer keine Früchte tragen kann. Tenn damit würde, durch das Gesetz der Gegenwirkung bedingt, einer radikalen Strömung, die von Herrn Jabotinski ihren Ausgang nimmt, zum Siege vorholscn werden. Die im Wesen des C. V.-Standpunktes liegende und begründete Anstauung muß nach den Erfahrungen, die uns nun seit Jahrzehnten zur Seite stehen, herrschend bleiben, wenn überhaupt daran gedacht werden soll, das Judentum in seiner Gesamtheit am Aufbauwerk Palästinas zu beteiligen. - Kein Geschlecht der-Zukunft wird anders als aus einer unbegründeten Assimilation vieler Juden an die heutigen Zeitströmungen die äußersten Folgerungen verstehen können,- die heute noch zionistische Führer aus ihrer Weltanschauung ziehen. ^0 wird man es nicht begreifen, warum die deutschen Inden nicht als zum deutschen Volk gehörig betrachtet werden sollen. Uns scheint es außerordentlich gefährlich, den Ausbau Palästinas, der doch wahrlich dazu bestimmt 'wäre, in die Zukunft zu weisen, aus g e g e n w ä r t i g geltenden politischen Theorien aufzubauen. Das Werden und Gedeihen. Palästinas hat seine eigenen Gesetze. Sie zn finden, wird eine Ausgabe des gesamten Judentums sein. * So liegen unserer Auffassung nach die Dingo. Sie sind nach keiner Richtung hin geeignet, einen Kamps zu unterbinden, der in seinen Auswirkungen dem Judentum nur förderlich sein kann. Deswegen sollte man immer wieder eilte K l ä r u n g d e r M e i n u n g auf f a ch licher^ B a f i s versuchen. Das hindert nicht, auf der anderen Seite den Gedanken der F r i e d e -ns l i g a durchaus zu unterstützen. Allerdings muß jeder Gedanke au Unredlichkeit des Gegners ausgeschaltet werden. Voraussetzung müßte sein, daß man die Möglichkeit e.iner Erlösung vom I tt b c u t) a fj — nicht nur innerhalb unseres Vaterlandes — grundsätzlich bejaht und sich nicht aus den Standpunkt stellt, daß nur eine ßntoucrimn des Judentums, eine Revolutionierung der jüdischen Menschen eine wesentliche Aenderuug der Dinge Hervorrufen könne.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.