Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 26 (29.6.1928)
- Date
- 1928-06-29
- Page
- Seite 372 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2277379-2277781-2277807--04577-2285205- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
37 L Widerstreit der Kultur mit der Natur des menschlichen Geschlechts, als einer physischen Gattung, in welcher jedes Individuum seine Bestimmung ganz erreichen sollte; in einem „Emile"' aber, feinem „G efeilsch östlichen Kontrakt e" und anderen Schriften sucht er wieder das schwere Problem aufzulösenwie die Kultur fortgehen müsse, um die Anlagen der Menschheit, als einer sittlichen Gattung, zu'ihrer Bestimmung gehörig zu entwickeln, „so daß diese jener als Naturgattung nicht.mehr widerstreite". Bei dieser Auffassung besteht ein wesentlicher Einklang zwischen den Problemen und Lösnngssätzen Kants und Rousseans. Allerdings hat Kant schon durch die Idee einer vermöge'der antagonistischen Kräfte der menschlichen Natur selbst schließlich herbeizuführenden innerlich und äußerlich vollkommenen Staatsverfassnng einen großen, gerade in unseren Tagen in seiner Bedeutsamkeit sichtbaren Schritt über Rousseau hinaus getan, wogegen er mit ihm wieder in der systematischen Rechts- und Staatslehre in bezug auf die gedankliche Konstruktion des Gescllschastsvertrags und die Forderung der Herrschaft eines den Gesamtwillen verwirklichenden und damit Gerechtigkeit und Freiheit gewährleistenden Gesetzes übcreinkommt. Die Durchtränkung und Befruchtcrug der deutschen Philosophie und Literatur durch den Geist Rouleaus geht aber weit über Kant und über die Bewegung des Sturm und Drangs hinaus. Wie weit sein Einfluß in der Blütezeit deutscher Philosophie und Dichtung sich erstreckt, welche Lehren von den verschiedenen Denkern ausgenommen, umgebrldet, bekämpft und bewahrt werden, kann man aus dem Werk von Fester „Rousseau und die deutsche Geschichtsphilosophie" (1890) erkennen. Lessings, Herders, Schillers, Fichtes, Schellings, Fr. Schlegels, Schopenhauers, Herbarts, Krauses, Hegels und W. v. Humboldts Verhältnis zu Rousseau werden hier untersucht. Don ihnen möge nur Fichte hervorgehoben werden, der, in seinem leidenschaftlichen Ungestüm Rousseans Wesensart viel ähnlicher als Kant, zurrst ganz im Banne der Schriften Rousseans stand — deren rechtsphilosophische Forderungen sein revolutionärer Radikalismus noch übcrbot — dann sich immer wieder kritisch mit ihm auseinandersehte und schließlich.in seiner späteren Philosophie unverkennbare Rousseausche Erundzüge beibehielt, denen er jedoch, dem energischen Charakter seiner Persönlichkeit und Lehre gemäß, xineaktivere, der Zukunst zugewendete Richtung gab. - Außer dieser stolzen Reihe von Persönlichkeiten muß aber nochmals Goethe erwähnt werden, der nicht nur in seiner Jugend sondern durch sein ganzes Leben hindurch Rousseans spuren gefolgt ist. Man braucht hier nicht den Zusammenhang des Erziehungsromans .Wilhelm Meister" mit Rougeaus „Emile". des Pekenntniswerks „Dichtung und Wahrheit" mit den „conkessions" heranzuziehen; Goethes „Faust" allein legt ein überwältigendes Zeugnis ab. Die charakteristischen Rousscauschen Motive ertönen hier — wie man mit Recht betont hat — in einer großartigen Sinfonie. Man denke an Fausts tiefen- Kulturpesstmismus und sein Rückstreben zur Natur, an sein Glaubensbekenntnis, vor allem an den Sieg des Vertrauens auf die ursprüngliche Güte des Menschen und an den „höchsten Augenblick", in dem Faust das Vorgefühl genießt, auf freiem Grund mit freiem Volk zu stehen. Wenn an einem Rouleau-Gedenktag die Bedeutung des Genfer Bürgers für den deutschen Geist in großen Zügen gezeichnet wird, so bedarf dies in Blattern, welche die Verbundenheit des Judentums mit dem deutschen Geist durch alle Anfechtungen vertreten, keiner Rechtfertigung. Unter deutschem Geist aber verstehen wir die Meuschheitsgedanken seiner großen Repräsentanten, deren größte die Rousseau- Verehrer Goethe und Kant sind. Dieser Geist Kants und Goethes stimmt im tiefsten überein mit dem Geist des prophetischen Judentums wie mit dem Sinn aller wahren Religiosität. Aus ihnen allen tönt die unbedingte Forderung Roupeaus, das Göttliche in jedem Menschen zu ehren und zu entfalten und gegen die widergöttlichen Machte zu schützen, die es immer von neuem zu unterdrücken streben. Dr. Heinrich Levh (Ebcrswalde). Rousseau, öer Humanist. Rousseans Stellung zur Religion erkennt man am besten aus dem „Glaubensbekenntnis des favoyischen Vikars", das er in seinem Erziehungsroman „Emile" mitteilt. Um sie historisch zu begreifen, muß man zweierlei bedenken: erstens^ daß er in seinen religiösen und politischen Anschauungen der Erbe des Naturrechts und der R a t u r r e l i g i o.n ist, und zweitens, daß noch zu seiner Zeit, trotz des Wirkens der französischen und deutschen Aufklärer, die Gehässigkeit unter den Konfessionen sehr stark war. ' . Das Naturrccht und die Naturreligion haben, wenn man zu den Quellen aufsteigen will,' ihren Ursprung in den griechischen Philosophenschulen der Kyniker, Stoiker und Epikuräer. 'Rousseans Stellung zum Naturrccht wollen wir hier nicht loeiter untersuchen. Was die Naturreligion angcht. so war nach der Lehre der Stoiker die menschliche Vernunft ein Teil der göttlichen Vernunft (des Pneuma), welche die Welt durchdringt. In dieser Einheit der Welt- Vernunft wurzelte für Kyniker und Stoiker die Einheit des Menschengeschlechts. tc\c sind daher, politisch angesehen, die ersten Vertreter des Gedankens vom Weltstand und was die Religion betrifft, so ---V oecßJ Eigene Verkaufsstellen in allen grosseren Stadien DeutsdxlanJs. Erhältlidi in allen Spezialgeschäften. V , ' _:_—-:--S war natürlich für sie in jeder Religion ein Gemeinsames enthalten. Naturrecht und Naturreligion feierten in der Renaissance Auferstehung. Wir dürfen hier den deutschen Kardinal von Cusa erwähnen, der im 15. Jahrhundert lebte und in seiner Schrift: paee et concordantia kidei" den Standpunkt vertritt, das; es in Wahrheit in der Welt nur eine Religion gäbe, daß alle Menschen trotz der Verschiedenheit ihrer Sitten und Gebräuche an einen Go:t glauben. Sodann müssen wir an den Franzosen Jean Bodin erinnern, der in seinem „Coloquiuin heplaplomeres“ eine Lanze für die religiöse Toleranz gebrochen hat, indcni er in einem fingierten -Liebengespräch einen Katholiken, einen Lutheraner, einen Mohammc-, dancr. einen Reformierten, einen skeptischen Heiden, einen Iu.dcn' und einen Vertreter der Naturreligion sich aus das von Gott dein Mcnschenherzen eingeschriebene Naturgesetz der Religion einigen läßt. Der eigentliche Vater aber der modernen Naturreligion^ist der Engländer Iberderl von Cherbury (158*2—1645). Nach ihm führt der natürliche Instinkt alle Mensck)en schließlich zur Anerkenntnis folgender vier ^ätze: erstens, cs gibt ein höchstes Wesen, das heiß: Gort, welches eristiert, allmächtig, allweisc und allgütig ist. Zweitens, wir zollen diesem Wesen Verehrung, weil es uns mit seiner Vorsehung leitet und beschützt. Drittens, in dieser Verehrung besteh! hauptsächlich das Wesen der Religion. Sie kann aber nicht" bestehen ohne tugendhaften Wandel und den damit verbundenen Abscheu vor dein Bösen. Viertens, es gibt eine Vergeltung des Lasters und der äugend im Diesseits und im Jenseits. — Wir werden hören, ivk Rousseau diese Sätze fast wörtlich unterschreibt. Für das Aufkommen der Toleranz ist das Wirken der englischen Deisten (Toland, Tindal u. a.) sowie der französischen Materialisten (Lamettrie, Helvetius und Hold ach), besonders aber des Deisten Voltaire natürlich auch von größter Bedeutung gewesen. Diese gingen sogar in Hinsicht ans die Toleranz noch weiter als die eigentlichen Vertreter är Naturreligion, insofern sie die Duldung auch den Atheisten angedeihen lassen wollten; waren ja dock) die Materialisten selbst zum größten Teil Atheisten. Herbert von Ellerburg, ebenso aber auch R o u s s e a u (im Contrat sociale) wollen die Atheisten ausdrücklich von der Toleranz ausgenommen haben. Den Materialisten gegenüber hat Rousseau überhaupt eine durchaus ablehnende Stellung eingenommen. Was ihn bei diesen besonders abstietz, war die rein verstaudesmäßige, dogmatisd>ratiomllisnsck>e Einstellung gegenüber der Welt. Die besondere Note der Rousscauschen Religiosität liegt eben darin, daß.für ihn Religion reine Herzens- und Gefühlssache ist. Das Gefühl ist zunächst der Richter über Gut und Böso. Ter Vikar lehrt: „Alles, von dem mir mein Gefühl sagt, daß es gut ist, ist auch wirklich gut; alles, was mein Gemhlschlecht nennt, ist schlecht. Der beste aller Gewissensrate ist das Gewissen . . „Tie Tätigkeit des Gewissens äußert sich nicht in Urteilen, sondern in Empfindungen." Was nun das Herz Rousseau osfenbart hat, das sind im wesentlichen die vier Sätze Herbert von Cherburys: „Ich glaube also, daß e i n Wille das Weltall bewegt und die Natur bestell. Dies ist mein erstes Dogma oder mein erster Glaubensartikel.' .Wcist die bewegte Materie einen Willen nach, so deutet die nach bestimmten Gesehen bewegte Materie aus einen Verstand hin. Tics ist mein zweiter Glaubensartikel." Ob die Welt erschaffen oder ewig ist, weiß er nicht zu sagen. Der dritte Glaubensartikel ist die Willensfreiheit, des Menschen und seine Verantwortlichkeit für seine Taten. Dazu kommt das Fortleben der Seele nach dem Tode. Eigentümlich ist seine Vorstellung von den Strafen und Belohnungen im Jemens: .ne sollen lediglich in der Erinnerung an das, was der Mensch in dieser Welt getan hat, bestehen. Gegenüber den einzelnen Dogmen der Kirche verhält sich der Vikar ablehnend, soweit sie der Vernunft widersprechen. Mit der einzigen Ausnahme der Atheisten soll allen Menschen gegenüber Toleranz geübt werden: „Ich erblicke.in allen einzelnen Religionen ebenso viele Heilanstalten, welche in jedem Lande, eine gleichförmige Art. öffentlicher Gottesvcrchrung vorscmeilvn, und loclche alle im Klima, in der Regierungsform. ' im Volksgeist ober in sonst lokale:'. Ursachen wurzeln können, so daß der Vorzug, welchen eine vor der anderen hat, lediglich nach Zeit und . Ort zu bemessen ist. Ich halte sic, falls man Gott in ihnen nur in angemessener Weise dient, alle für gut. Das Wesen des Gottesdienstes beruht aus dem Dienste des Herzens. Gott verwirft keine Huldigung, wenn sie aufrichtig ist." „Aber da sei Gott vor, daß ich ihnen (den Gläubigen) je das grausame Gesetz der Intoleranz predige, daß ich sie antreibe, ihren