Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 26 (29.6.1928)
- Date
- 1928-06-29
- Page
- Seite 371 (sequence 7)
- Language
- German
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371 Möglichkeit einer gemctnfarncn lleberwindung des gegenwärtigen Zustandes in der Richtung eines neuen Humanismus, wie ihn die freien Geister aller Völker im Orient wie tut Okzident heute voramahnen. stwn Schluß sei noch aus die Lu den tung eingegangen, bie der Verfafier dem Zion: s in n? für die Beurteilung des Problerus „Orient inw Okudent" beilegt. -Hans Rohn behandelt die Palästinafrage in hi-sem Buche nur kurz Gr gibt die Grundgedanken des kulturellen des politischen Zionismus wieder. Die extremen Vertreter der poli lisch-not tonalen Strömung sehen im Zionismus einen Borp o st e n der e u r o p ä i s ch e u K o l o n i f a 1t o 11 § 6 c m e g :t n o bm Orient gegenüber. An knüpfend an die Formulierung N u p Pins ^ns'dem 14. Zion-Kongreß 1925 spricht der Verfasser von Palästina ' nstbt als jüdischem Staat, sondern als einem G e m e i n w e s e n, lvorin zwei Völker (Araber und gilben) völlig gleichberechtigt mit* \ einander leben (zroei Nationalitätenstaaten) und fährt dann fort: „Die Schaffung eines solchen Gemeinwesens gerade an der Grenze des Orients und des Okzidents wäre von überwiegender Bedeutung für die Entwicklung der Ideologie des Nationalismus und seiner politischen und kulturellen Gestaltungen.' Dieser Gedankengang bewegt sich in der Richtung seiner Ansfassung, daß in dem Konflikt der Nassen die Einheit der M e n s ch h e i t g e w a ch s e n ist. Ich kann demgegenüber nur meine bereits anderweit (vergl. „E. B. -ZtgG ZW. Seite 191Z ausgesprochene Meinung wiederholen, daß ein zionistisch \in welcher Staatsform auch immer) neu anfgebautes Palästina keine besondere Bedeutung tut Sinne synthetischer Ausgleichung östlicher und westlicher Kultur haben wird. Gerade die Zerstreuung der Juden über die ganze Erde und ihre Verwurzelung in den Völkern dieser Erde wird dazu beitragen, um mit Hans K ohns oben im Zusammenhänge wiedergegebenen eigenen Worten zu schließen, „den gegenwärtigen Zustand in der Richtung eines neuen Humanismus zu ül?erwinden"! MW Von Dr. Hsinrich Levp (EbZtSGülös) und ^niversitatsprosejssr Dr. st Kinkel (Gießen). Rousseau unö ösr deutsche Geist. Mit Jean Jacques Rousseau schied vor 150 Jahren einer der großen Genien aus dem Leben, deren gewaltig hinreißende Wirkung auf die besten und führenden Geister der Menschheit ans den Diesen eines leidenschaftlich bewegten Gemüts, eines gesühldurchwogten Herzens entspringt. Ans diesen Tiefen brechen geistige Kräfte hervor, die sich mit elementarer Wucht gegen das oberflächlich gewordene, verderbte Leben einer Epoche kehren, um an seine Stelle ein echtes, reines, gerechtes und freies Menschentum zu sehen. Es ist die Forderung einer radikalen Umwertung geltender Werte, wie Nietzsche — in der romantischen, sehnsüchtigen Anfgewühltheit seiner Seele Rousseau verwandt — sie gefordert und maßlos zur Formel der Umwertung aller Werte gesteigert hat; aber während Nietzsches aristokratisches Ideal sich in einer Elite von harten Uebermenschen verkörpert, wendet Rousseau seine innigste Liebe allen Menschen, und gerade den Schwachen und Unterdrückten zu. Aus dem Aufruhr der Rouffeauschen Seele ertönt innerhalb einer Gesellschaft, der seine gesühldurchglühte Welt fremd gegenübersteht, die innere Stimme des Gewissens, die ihren Appell an alle anderen Gewissen richtet. Was an Gaben in Rousseau schlummert, wird durch sein Gefühl und Gewissen erweckt: so wird er der große Schriftsteller, der Dichter, Philosoph und Prophet, dessen Werke gleiche Gefühle, gleiche ethische Gesinnung aus anderen Geistern hervorlocken oder in ihnen bestärken, und dessen ethische, soziale, pädagogische, geschichtsphilosophische Gedanken von den größten Denkern ergriffen und fruchtbar fortgebildet werden. Wer nicht seinen Blick durch nationalistische Vorurteile künstlich eingeengt hat, wird sich nicht wundern, daß Rousseau mit seinen aufrüttelnden Anklagen und Mahnungen auch in Deutschland stärksten Widerhall fand. Es ist in der Tat unmöglich, die Aousieaufche Gesinnung, die leidenschaftliche Sehnsucht nach der Natur und allem Natürlichen wie den Kampf gegen die Unterdrückung der Naturtriebe, gegen alle Verkünstelnng und Verfeinerung, gegen die Knechtung edler Seelen durch die herrschenden Klayen in der Bewegung des „Sturm und Drangt zu verkennen: alle diese Rousseanschen Züge finden wir nicht weniger ausgesprochen als bei den Lenz und Klinger, bei den jugendlichen Heroen unserer Dichtung, Goethe und Schiller. Wenn in'Schillers Pathos, Aum Beispiel in den „Räubern' und in „Kabale und Liebe', Rousscaus empörte Auflehnung gegen das Zeitalter noch heftiger und greifbarer als in des jungen Goethe Briefen und im ..Götz' widerklingt, so ist doch diese Rousseau-Stimmung Goethes jeden: Kenner so offenbar und in Goethes eigenen Bekenntnissen so unzweideutig niedergelegt, daß sie keines Nachweises bedarf. Nousseaus Naturgesühl aber erreicht seine höchste und herrlichste Steigerung in Goethes „Werther", der auch in seiner Anlage ohne Rousscaus „Rondelle Hüloise' unmöglich gewesen wäre. Doch gerade wenn man den Einfluß Nousseaus auf den Gefühlsüberschwang dieser jugendlichen Dichter betrachtet, erscheint mn so erstaunlicher seine Wirkung auf einen vorsichtig abwägenden Zenker, auf den größten deutscher: Philosophen: Kant. Keine stärkeren Gegensätze als die beide!: Persönlichkeiten, deren Charaktere sich in ihren Lebensläufen widc'rspiegeln! Rousseau, ohne die Gunst der Erziehung durch die dazu Berufenen herangewachsen, durch die Uebersülle und Verletzlichkeit des Gefühls im Leben halt- . *• ln Abenteuern, Demütigungen und Erhebungen, Liebesrrrungen und .entzücknngeu von Ort zu Ort getrieben, er, den: es 'mb'liugen konnte, sein Leven und feine tiefsten Sehnsüchte in 1 fl zu setzen, was hat er gemeinsam mit dem streng +>tetnti?dj erzogenen, nach festen Grundsätzen stetig sein Leber: gestaltenden, um seines Werkes willen sich nie von der Vaterstadt entfernenden, von der Liebe zum anderen Geschlecht fo gut wie unberührten Denker, bei dem wir die Harmonie zwischen seiner Lebensführung und seinen ethischen Forderungen bewundern! Und dennoch ist gerade die maßgebende Bedeutung R o u f f c a u s für Kant s philosophische Entwicklung und für die endgültige Gestalt seiner Philosophie unumstößlich sicher und klar bekundet. Von K a n t s eigener Hand haben wir eine Auszeichnung, chic seine Ueberzengung von der nnuvälzenden Bedeutung Nousseaus für seinen eigenen Werdegang kundgibt: „Ich bin selbst aus Neigung ein Forscher, Ich fühle den ganzen Durst nach Erkenntnis und die, begierige Unruhe, darin weiter Zu kommen, oder auch die Zufriedenheit bei jedem Fortschritte. Es war eine Zeit, da ich glaubte, dieses alles könnte die Ehre der Menschheit machen, und ich verachtete den Pöbel, der von nichts weiß. Rousseau hat mich zurecht gebracht. Dieser verblendende Vorzug verschwindet, ich lerne die Menschen verehren und würde mich viel unnützer finden als die gemeinen Arbeiter, wenn ich nicht glaubte, daß diese Betrachtung allen übrigen einen Wert erteilen könne, die Rechte der Menschheit wiederherzustellen." Kant drang durch allen berückenden Glanz der Rousseanschen Sprache, vor dessen Zauber er sich durch immer wiederholte Lektüre schützen mußte, zu dem innersten kostbaren Kern des Menschen Rousseau und seiner Lehre vor: zu ihrem ethischen Gehalt. Ter schlichte Satz, der Kants ethische Grundansicht zusamme-nfaßt: „Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außerhalb derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille' — dieser Satz wird zwar von Kant in seinem großen kritischen Lehrgebäude erst philosophisch tief begründet und zu vollendeter ethischer Klarheit erhoben; die entscheidende Verlegung des Schnrerpnnktes der Wertung menschlichen Tuns und menschlicher Werke aber von dem blendenden Schein äußerer Anerkennung und äußerer Erfolge in die Innerlichkeit der Gesinnung, die hier ausgesprochen wird, hat Routzean in Kants langem Entwicklungsgang herbeigesührt. Vielleicht darf man statt eines ausgedehnten Berveises noch ein eindrucksvolleres Symptom dieser Wirkung Nousseaus aus Kant angeführt werden: die berühmte Stelle der „Kritik der praktischen Vernunft", an welcher Kant die Pflicht mit einer ungewöhnlichen Feierlichkeit apostrophiert: „Pflicht! du erhabener großer Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest . . hat ganz unverkennbar ihr Vorbild in Nousseaus „Emile", dessen Lektür? Kant 25 Jahre früher seine strei:ge Tageseinteilung vergessen ließ. „O Gewitzen! Gewitzen? göttlicher Instinkt, unsterbliche himmlische Stimme: sicherer Führer eines unwissenden und beschränkten, intelligenten und freien Wesens' — diese pathetische Personifisierung hat in Kants von demselben Ethos wie Rousseau beseelten Gemüt selbst stilistisch nachgewirkt. Mit all den: ist aber das Einströmen Rousseanschen Geistes in die Gedankenwelt Kants bei weitem nicht erschöpft. Es ist noch der Bedeutung zu gedenken, die Ronsseaus geschichts- und kuktnrphilosophischen Ideen vom Ursprung, Gang und Ziel der Weltgeschichte und seine ihn als großen rechtsphilosophischen Denker legitimierende Gescllschafts- und Staatslehre für Kant gewonnen hat. Hier ist es bemerkenswert, daß noch der 62jährige Kant in seinen? Aufsatz „Mutmaßlicher Anfang des Menschengeschlechts' das gesinnte kulturgeschichtliche Werk Rollsseaus von seinen ersten Anfängen an zu rechtfertigen, „die oft gemißdeuteten. den: Scheine nach einander widersprechenden Behauptungen des berühmten I. I. Rousseau unter sich und mit der 'Vernunft in Einstimmung (zu) bringen' sucht, Rousseau, so sagt Kant, zeige ir: seine:: ersten Schriften „ganz richtig den unvermeidlichen