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Central-Verein-Zeitung · 1928-06-29 · 26 (29.6.1928) · p. Seite 370

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
26 (29.6.1928)
Date
1928-06-29
Page
Seite 370 (sequence 6)
Language
German
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370 ganzen Intensität als DcuEchjuden und Libcraljuden Zu behaupten und Zn betätigen. Im Gegensatz zu jedem anderen Programm bietet geradezu unser Deutschjudentum einen ungeheuren Spielraum der Begründung und der Formulierung des Empundcns. Mag man als oberstes Idecnprinzip den Pazifismus nehmen, der geboren ist aus praktischen, vernunftdiktierten Erwägungen, aus der Erkenntnis denen, daß nur dann die Menschheit ncrr ansleben kann, wenn sie gemeinsam, m friedlichem, wirtschaftlichem Ncbcncinaiider, jeder Volk «zu gehörige an feinem Platz- — güick,- viel welcher politischen oder religiösen Anschauung er angehört! —, wieder mifbaut was Zerst'littcrirng zerstört hat; mag man in »ctckichtcr Prvblemlosigleit die ^eldswerständlichkcit feiner Teutschzugehörigkcit Verteidigen, ohne dadurch irgend etwas Von seinem jüdischen Messiasglauben aufzugeben: mag man, aufrecht als Jude, die Forderung an unsere nichtjüdischen deutschen Volksgenossen stellen, uns mblicf) auch dem Geiste nach emzureihen in das Land, in dem lvir seit Generationen leben und rnitschasien, dem wir im Krüge unsere Männer und Söhne geopfert haben wie alle anderen, — mag nn:n_ im einzelnen wie immer auch Stellung nehmen: wichtig halte ich nur, daß eben e i n m a I Stellung genommen wird von allen, von jedem einzelnen, der zu uns gehört, und daß der Vorwurf des Indisürcrnismus bei uns Tcutsömrden illusorisch wird! Warum soll es unmöglich sein, sich betont und zutiefst jüdisch und „dennoch" absolut deutsch zrr fühlen? Wir kennen das Ideal der Zionisten — rmd begreifen es auch aus seiner ethischen Einstellung heraus —, daß in Ziou ein Kulturzentrum geschallen werden soll. Nicht Unterkunft für sämtliche 15 Millionen heute lebender Juden soll ja dort geschaffen werden, sondern eine jüdische Lehrstätte, eine jüdische Kulturstätte, ein „bucn rctiro" für Gehetzte. Aber darf uns' dies alle zn „Gehetzten" machen wollen, zu Menschen, die sich vatcriandslos fühlen, wett ne sich noch nicht voll anerkannt nrrd erkannt, weil sic sich noch ungeliebt wissen, — anstatt zu Kämpfern, die streben um diese Anerkennung, die rastlos ihre Ancrkenrrurrgchwürdigkeit bewerfen? Denn einmal muß der starke, reine Wille ehrlicher Meinchcn sich ja doch Geltung verschossen bei denen, die sich heute noch wehren und verschließen vor uns, — und im Erreichen dieses Ziels tun wir den heiligsten Dienst am Judentum: wir Helsen, jeder einzelne von uns, an der Verwirklichung der messianischcn Idee. Diese vorstehenden Ausführungen bezwecken nur eines: sie wollen Anregung zum Nachdenken geben denen, die das Wort „indifferent" trifft, und die mit ihrem Indillercntismus uns bewußte Dentschjnden diskreditieren. Denn cs ist unwürdig eine» jeden Menschen. an diesen Dingen, die um Lebensiragen der Gemeinschaft und des Glaubensbekenntnisies gehen, uninreressiert vorbeizublicken, nicht Stellung zu nehmen nach der einen oder anderen Richtung bin. Das Wort „Deutschjudentum" schließt so unendlich liefe Aufgaben in sich, daß man cs gar nicht ernst genug ausivrechen und bekennen kann! Cvirh Falk (Frankftrrt a. M.) Wir sinunö bleiben ewig blin-. Eine Gracfe-ErrNncvring. Benthen, rrn Jrzni 192S. An die Schriftlcitung der D. - Zeitung". Mit großem Zntercsic lese ich allwöchentlich die „E. D.-Zeitung" und entnehme einer der letzten Nummern unter dem Titel „Sie kennen sich" die liebliche Auseinandersetzung Zwischen G r a e f e - Goldebee und Hernr Straffer. Bei dieser Gelegenheit fiel mir das nachstehende Gedicht ein, mit dem es folgende Bewandtnis hat: Als der Daker G r a c i c § starb — es muß wohl Anfang der siebziger Jahre gewesen sein —, hatte man allgenrein erlvartetz daß Professor Traube, mit dem cr sehr befreundet war, an seinem Grabe sprechen würde. Das war aber nicht der Fall, an inner Stelle sprach L a n g e n b e ck, und ein Jahr darauf. an G r a e f c § Todestage, erschien in irgendeiner Zeitung — leider weiß ich nicht in welcher — eben dieser Nachruf. Mein Bruder, der damals in Bicß das Gymnasium besuchte und selbst auch schon 1876 starb, bas Gedicht entdeckt, obgcschricdcn, und meinen Eltern nach Lu blinitz cingeschickt. Ich war damals noch ein junges Kind, aber die Vcrsc hatten einen solchen Eindruck auf mich gemacht, vast sic mir im Gcdächniä hasten dlieben und ich sic heut noch Wort für Wart wicdcrgcbcu konnte. Wenn es auch nicht Gracses eigene Gedanken sind, so geht aus ihnen doch seine große Do r u r t e i! s l v s i gke it hervor, anderseits sind sie ein Beweis von der Intoleranz die auch damals schon herrschte. Ich habe Ihnen das alles geschrieben, weil ich annehme, daß es auch ürr Sie ein wenig Interesse hat, und nicht möchte, daß die Sache in Vergessenheit gerät; interessant dabei ist ja schon der Gegensatz zwifchcn Vater und Sohn. Das Gedicht lautete: Ich sah euch fteh'n cm meinem Grabe, Errch. meiner treuen Freunde Schar, Was ich gewirkt auf Erden habe. Dakegle Langenbeck crrch dar. Doch hört: Ich schlaf schon fünfzig Wochen Und bin gespannt ans den Bericht. Lllarurn hat Langen deck -gesprochen? Warum denn sprach Freund Traube nicht? Vernimm: Gern LLit" ^cspwchen Traube Zu deinem Ruhm von ganzer L-ccl'. Allein ihm fehlt der rechte Glaube, Er ist rin Sohn von Israel. Zwar wäck schon mancher bei den Toten, Wenn nicht der Jude Traube war. Doch wird zn reden ihm verboten, Wo Ehrister.- schlafen rings umher. O schweig! Vergebens ist. daß ich gebrochen. So manchen Auges ^dunkle Nacht, Vergebens, ach, den ^!ar gestochen, klnd Licht und Leben rings gebracht. Vergebens ist. was ich vollbracht, Seht, daß Nur alle Slümpcr sind: Umsonst brach ich der Augen Rach!. Wir sind nud Hier de « blind! Frau Anna Roth (Beutheir). Grient unö GkZiösnt. - Z u m B u ch e v o n H o. n * fi ohu , „(3 e f ch ichte der nationalen Bewegung im Or i on t"J). Von LattOgcrichtsrat I. Stern (Berlin). Orient und Okzident — diese Verbindung umfaßt, richtig verstanden, für den heutigen Menschen das Problem der VereinheitUchui.g deganzen Erdteils, der Bildung eines einheitlichen Bewußtseins, des- Ncbenrmd Mtcinanders von Nation und Menschheit, der aUwetduchn Bölkergemeinschaft, kurz das Bl c n s ch heit s p r o b l e m. Aus den Wirren der Zeit, der Folgeerscheinung des Weltkrieges, deren Große durch den Umsang der Erde gekennzeichnet wird, gibt es für die meisten kein Heraussjnden mehr. Aber auch den wenigen, die sich ernsthaft um die Ersapnng des Weltbildes der Gegenwart bemühen, fehlt es zumeist an dem Stolle, der hierzu nötig ist. Daß der politische Nationalismus in und nach dem Weltkriege zum herrschenden Prinzip der Völker geworden ich daß an Stelle der von 1914 die Geschicke der Welt lenkende!: Großstaaten drei R i e s e n g e m e i n s ch a s t e n, die europäische, die angelsächsische und die asiatische zu treten im Begriffe sind, daß der englisch-demokratische Gedanke mit dem russischen Sowjet- Gedanken um die Herrschaft bei den großen Völkern Asiens ringt, sind Tatsachen, die dem außenpolitisch Interessierten ans den Tageszeitungen geläufig sind. Wunsch und Wille weiter Kreise des 'Abendlandes, der fortschreitenden Mechanisierung, Technisierung, Amcrikanifierung des Lebens einen Tamm entgegenzustellen, läßt sie ihre Blicke auf die Weisheit und die seelische Einstellung des Ostens richten. Der Orient wiederum hat in ber« letzten Jahrzehnten gierig westeuropäische Zivilisation und Kultur in sich ausgenommen, und auch dort rufen Führer, wie der Inder Gandhi und der Chinese K n - H u na. - Ming tuen ich selbst kürzlich in Peking gesprochen habe), ihre Volksgenossen auf zum Kampfe gegen westeuropäische Ideen solcher Art und mahnen zur Selbstbesinnung auf die Wurzeln einer durch Jahrtausende bewährten eigenen Kraft. Hier haben wir ein Beispiel einheitlicher west-östlicher Grundelnstellung vor uns. Es sind in Deutschland (im Gegensatz zu England, Amerika und Frankreich) nur wenige, die sich der ungeheuren Tragweite der von einheitlichen Gedanken geleiteten großen nationalen Bewegung im Orient, und zwar sowohl nach kultureller als auch nach wirtschaftlicher, sozialer und politischer ^eite bewußt sind, einer Tragweite, die auch den Wiederaufstieg der Völker im Herzen Europas unmittelbar berühren kann. Ein neues Kapitel rn der Geschichte der Menschheit hat begonnen, aber viele Zeitgenossen sind dessen noch nich: gewahr geworden. Ich kenne kein zweites Buch in deutscher Sprache, das den riesenhaften verstreuten Stoff an Tatsachen, der der national-revolutionären Bewegung Vorderasiens zugrundeliegt, in auch nur annähernd so wohlgeordneter objektiver Darstellung vermittelt und dabei die großen rdcengcschichtlichen Linien und Zusammenhänge aufdcckt, auch die Parallelen mit der Entwicklung Westeuropas (Mittelalter, Renaissance. Reformation, Aufklärung) zieht, die ähnliche Erscheinungen^ unter ähnlichen Bedingungen aufweist, wie das Werk von Hans Kohn. Zu einer Darstellung der panapanschen, augenblicklich vom Sturm erregten Beringung hält der Verfasier die Zeit noch nicht für reif undha: sich deshalb im Gegensatz zur ausführlichen Behandlung der Freiheitsbewegung von Aegvpten bis Indien mit einer nur siizzerll)aften der chinesischen Revolnrion begnügt. Hans Kohn, der jetzt im Orient lebt und viele Jahre in England und Rußland verbracht hat, dem wir bereits u. a. wertvolle?lrbeiten zur Jdeengeschichte des Nationalismus zu verdanken haben, befindet sich mit diesem neuen Buche auf seinem eigentlichen Arbeitsfelde. Mit Recht betont der Geopolitiker Karl Haushofer in seinen! Geleitwort, daß das Buch auch praktisch, vor allem der Presie, der mit Vorderasien arbeitenden Wirtschaft und selbstverständlich dem Staatsmann ein wertvolles Werk sein wird. Ich möchte noch besonders erwähnen, daß eine bibliographische Znsammenstellung (nnt kurzen Werturteilen), sowie ein ausführliches Register die Brauchbarkeit des Buches als Nachschlagewerk erhöhen. Den Inhalt des Buches kemrzeichnen die großen Abschnitte: R efo r m und Renaissance im Islam, Panislamismus, die religiöse Renaissance i n I n d i e n, Groß' britannien und der Orient, die russische Revolnt i o rr und der Orient, die nationale Bewegung i it Aegypten, der türkische Nationalismu s, das neue Arabien, W a n d l n u g c n in Persien u n d A f g h a n i jt a n, das Erwach e u I ndien s, das neue Bewußtsein i n Indien. Ueberall sieht der Verfasier mit ausführlicher Begründung den Weltkrieg als m ä ch 1 i g st e n g e i st i g - s o z i a l c n B ce i n s l u s s n n g s f a k t o r der orientalischen Völker an. der bei ihnen den politischen Nationalismus (zum Teil an Stelle der Religion) und die bürgerliche Demokratie zur Erscheinung bringt. Nach der Ansicht des Verfassers hat der sreiheitsseindliche unduldsame Ratronalisrnus in Europa bereits seinen Höhepunkt überschritten. „Aber zum erstenmal ist hierdurch eine die ganze Menschheit innfassende Annäherung an eine einheitliche politische und soziale Weltanffasinng geschaffen worden. Von hieraus besteht auch die V ^Geschichte c t nationalen Bewegung im Orient" von ^t. Hnn 2 ftohn, Pc-run^runewnld, 192R. -fturt Powinckcl VcrUun Xl und 577 Seiten, 1U cfi.^cr., qcd. M. M. Mit Geleitwort von Prose'^er Karl Haushofer.

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