Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 26 (29.6.1928)
- Date
- 1928-06-29
- Page
- Seite 366 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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AHö ablegien, noch ihres Ahnen, des Herrn Bernhard Weinberg aus Escheberg in Kurhessen gedenken^ der vor 70 Jahren in die Firma Leopold Cassela & So. einheiratete^eine Firma^ die der Friedberger Handelsmann David Loeb Gagel vor 120 Jahren in der Frankfurter Judengasse ins Leben gerufen hatte? Nicht viel besser liegen die Dinge auf dem gewaltigen Gebiete der Technik. Bei AnstellungZverhandlnn-gen wird hier fast stets die Frage nach der Konfession gestellt. Lautet die Antwort „füdisch", so sinkt meist das Interesse des Perfonalchefs auf den Gefrierpunkt. So z. B. bei den Siemens- Schuck ert-Werken, obgleich deren Leiter. Karl Friedrich v. Siemens bis vor kurzer Zeit zu den Führern der Demokratie gehörte und obgleich dieser gewaltige Konzern bei dem Absatz seiner Fabrikate jüdisck)e Kundschaft durchaus nicht verschmäht. Auch hier finden sich Juden als kaufmännische Angestellte nur in seltenen Fällen, als Ingenieure so gut wie gar nicht. Allzulange wurde dieses Stadium des stillen^ Boykotts ruhig von uns hingenommen. Jede Hoffnung auf eine Gesundung der Verhältnisse aus sich selbst heraus, darf für absehbare Zeit als ausgeschlossen gelten. Die Nachwirkung des Weltkrieges hat nicht nur, als Reaktion auf den Zusammenbruch, zu einer Ueberspannung des Nationalgefühls, sondern auch in manchen Kreisen }ttr Züchtung einer Art Hatz gegen jede als anders empfundene Artfremdheit geführt. Gegen solche Verirrung mit Vernunftgründen anzugehen, scheint zwecklos. Wo sie aber^ wie hier auf wirtschaftlichem Gebiete schwerwiegende Folgen nach sich zieht, ist es nötig, dagegen aufzutreten. Das ist bisher versäumt worden. Mit stiller Re-- \ signation sahen wir zu, wie -eine Position nach der anderen verlorenging. Es gilt dieses fatalistische Sichfügen in unseren eigenen Reihen zu bekämpfen, den Glauben zu zerstören, daß jeglicher Widerstand unnütz sein werde. j Dieser Kampf h a t selbstredend auch denen zu gelten, die als Juden aus Bequemlich - | kei ts- oder vermeintlichen Nutzt: chkeits-. gründen die Einstellung der eigenen Glaubens- und Stammesgenossen unterlassen. Auch ihre Zahl ist nicht gering. Es durfte sich dabei vielfach um eine gewisse G ed an ren t o s i g keit handeln, die die ' Tragweite des eigenen Vorgehens nicht bedenkt. Hier wird ' in vielen Fällen eine eindringliche Belehrung den gewünsch- - ten Erfolg erzielen. k Selbstverständlich soll unser Vorgehen nicht eine [ Verdrängung nichtjüdi s ch e r Beamten u n d j Angestellten bedeuten. Was wir fordern, ist! Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, und es stände uns schlecht au, im selben Atemzuge Ungerechtigkeit gegen andere zu predigen.; Jüdische Wirtschaftsführcr (II.). Von Dr. Kurt Ziclenzigcr. .oryjchr Tr. Kurt Ziclenziger hat in Nr. 24 dcr ,,E. B.-Zeitung" vom 15. Juni mit einem Artikel ..Wirtfchastsführer" eine Aust satzreihe begonnen, in der die wichtigsten Köpfe jüdischer Wirtkchaftsführer gezeigt iverdcn sollen. Grurrvgedanke dieser Aus- Zatzreihe ist, zu delveisen, daß auch jüdische Männer in schöpferischersinderischer Weise und in einem Trange, der „weit aus der Sphäre des reinen Euoerbs streben s herausragt", an der Entwicklung der deutschen Wirtschaft nütgcwirkt haben. In dem nachstehenden Aufsatz zeigt Tr. Z i cl enz i gc r als erstes Beispiel solcher Führer der Wirtschaft den Austricg des Hauses Rothschild. Tie Schristleitung. den Städten des Mittelmeeres, des Atlantischen Ozeans sicher: die Juden, Hroß und mächtig. Sie verwalteten den Austausch zwischen Orient nud Okzident. Sie langten übers Meer, Sie rüsteten mit die ersten Schisse nach Westindien. Organisierten den Handel mit Süd- und Mittelawerila. Erschlossen Brasilien. Begründeten die Zuckerindustrie des westlichen Erdteils. Legten zur Entwicklung New Jorks die Fundamente. A b e r i u D e u t s chl«nd fasten sie klein nnd kümmerlich. Im 14. Jahrhundert waren sie hier in mehr als 350 Gemeinden erschlagen, ertränkt, verbrannt, gerädert, erdrosselt, lebendig begraben worden. Unter raffinierten Plackereien des Volkes und der Behörden lebten sie eng, kümmerlich, dunkel, hingegeben jeder Willkür." So hat mit wenigen Pinselltrichen Lion F e n ch t w a n g e r ein Bild gezeichnet das schärfer als alle historischen Darstellungen die Lage der Juden zu jener Zeit charakterisiert, als der Kapitalismus in Europa seinen Einzug hielt. Vom Ackerbau fern- ,gehalten, dom Handwerk verdrängt, von den meisten Zweigen des 'Handels ausgcsckstosien, verbleiben ihnen nur die Geldgeschäfte. Das Geld läßt sie emporsteigcn. Durch das Geld öffnen sich die Ts re des Ghettos. Fürsten und Herren brauche:: die Juden, weil .sie ihnen die Mittel zur Macht verschaffen. Die Berührung mit den Hofen bringt den Juden Kenntnis deutscher Sitten und deutschen Geisteslebens. Tie Hofjuden werden die Wegbereiter der Emanzipation. Tor kurpfälzische Oberhof- und Kriegs fattor, Kammeragent des Kurfürsten von Kölr^und spätere Geheime Finanzrat von Württemberg, Josef Süß-Oppenheimer, der Jud Süß der Dichtung, ist der promineuteste Vertreter eines solchen Hosjuden. Die Unersättlichkeit des absolutistischen Fürsten zwingt chn, immer neue Geldquellen zu erschließen. Land und Fürst sind ihm, dem Juden, untertan. Aber sein Glänz führt zn seinem Untergang. Rock) war die Zeit nicht reif, um einem Juden die Führung im ^taat iiub der Wirtschaft zu überlassem Noch blieb das Ghetto. Aus diesen: Ghetto kam dann ungefähr hundert Jahre später der Manu, besten Name :roch heute als Symbol des Reichtums gilt. Meyer A m schel N othschil d. Dieser kleine Frankfurter Handelsjude wurde zum Begründer eines Hauses, um das sich ein Nimdus von Macht mrd Ansehen wob, wie chn in neuer Zeit niemals vorher und kann: nachher wieder eine jüdische Familie besessen hat. Cs war dein jäher Aufstieg, der diesen: Rothschild zuteil wurde, sondern ein mühseliges E u: p o r k l i mm e n von Stufe zu S t u s o. Hier war Genie a u ch F l e i st. Ein scharfer Blick Paarte sich mit seltener Entschlostenlzeit. Mit dem Streben nach Macht und Reichtum gingen schöpferische Leistungen Hand in Hand. Tie ' Rothschilds wurden Bahnbrecher neuer volkswirtschaftlicher Ideen. Daher sind sie jahrzehntelang Führer auf; den: Weltgeldmarlt. Maßgebend für das siuanzielle Geschick des L ganzen Kontinents. Keine Staatsanleihe von Bedemnng kann ohne! sie aufgenonmren und untergebracht werden. So dienen sie den \ Ländern, die zu ihrer Heimat geworden sind. Ä I n: Jahre 1 743 k o m m t Dtcyer A m schel Roths ch i l d z u F r a n k f u r t a. M. z u r W e l t, sechs Jahre bevor auf dem benachbarten Hirschgraben den: Kaiserlichen Rat Goethe ein Sohn geboren wird. Ein Ahne Meyer Amschels, Isaak Elchanan, wohnte Ende des 16. Jahrhunderts im Frankfurter Ghetto in einen: Haufe .Lum roten Schilde". Bon diesem Wappen trug die Familie den Namen, obwohl sie das Haus längst verlassen hatte. Mit zwölf Jahren schon Waise, muß Meyer Amschcl früh für seinen; Lebensunterhalt sorgen. Das Eetdrvechfelgeschäft, unentbehrlich in : dem zerrissenen Deutschland, führt ihn zun: Studium der Münzkunde. Als aiwrkannter Numismatiker tritt er in Beziehungen zum Prinzen Wilhelm von Hessen-Nassau. Schon 1769 ist er Fürstlich Hesien-Hanauischer Hossaktor. Sein Ansehen steigt. Er heiratet 1770 G n d u Ia Schnapper. Fünf Söhne und fünf Töchter entstammen dieser Ehe. Durch die Beziehungen zu den: hessischen Fürsten, dem reichsten Deutschlands, der seit 1785 als j Landgraf in Kasse l residiert, gelangt Rothschild in das Anj leihegeschäft. Sein Reichtum rvachst. -<^chon 1785 kann er sich das i Haus „Zum grüner: Schild" kaufen, das noch heute als Stammhaus l der Rothschilds gezeigt wird. Durch die französische Revolution und die Koalitionskricge beginnt für ihn die Möglichkeit, sich auch an Kriegslieferungcn zu beteiligen. Dio unruhige Zeit begünstigt den Aufstieg. Zunächst mit den Geldern des hessischen Kurfürsten vermittelt Rothschild Anleihen, die er gegen die Konkurrenz führender christlicher Bankhäuser abschließt. 2113 der Kurfürst vor Napoleons Truppen aus Kassel fliehen muß, werden seine unernwßlichcn Schätze zun: Teil von Rothschild gerettet. Rothschild tritt nun auch in Beziehungen zum Für st Primas Dalberg von Frankfurt. 1819 kann er bereits aus eigenen Mitteln die erste Anleihe an Dmremark geben. Bei Dalberg seht er die Berlechimg des j Bürgerrechts an die Frankfurter Juden durch. Rothf ch sil d s Sohu Nathan, der sich seit 1793 in E n g l a n d befindet, imd sein Sohu James, der 1811 nach Paris geht, bilden die; Archenposten seines Hauses. Sie leisten dem hessischen 5kurfürstcn ' bei der Anlage seiner Gelder in England größte Drenste, aber sie \ vermitteln auch bereits die Neberführu:»^ englischer Gelder nach denr Kontinent. Schon bereitet das Haus Rothschild, das konservativ zu den alten Mächten hält, den Gegenstoß gegen den korsischen Eroberer vor. Der Umschwung für den französischen > Kaiser naht. Während Napoleoi: vor dem bräunenden Moskau zurückrveicht, erkrankt Meyer A m s ch e l plötzlich am Dersöhrumgsscste. Sckjon drei Tage später, au: 19. September 1812, beschließt er sein tatenreiches Leben. In seinem Testament K'ftimmt er, daß n u r f c i n c fünf! Söhne seine Erben werden sollte::. Jä>er erhielt zehn Fünfzigstel des Geschäftsvermögens, das sie um 190 000 Gulden erwerben mußten. Bon dieser Kaussuuune bekarn Frau Gudula 70 000 Gulden zu lebenslänglicher Nutzung, den Rest von 120 000 Gulden die Töchter. So hatte in weiser Voraussicht Meyer 2lmschel Rothschild das Haus, das er gegründet hatte, gesichert und vor Uebersremdung geschützt. Der Nuhn: d:s Hauses Rothschild strahlte schon weit über Frankfurt hinaus. Den: klugen Vater folgten die genialen Söhne.