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Central-Verein-Zeitung · 1928-06-15 · 24 (15.6.1928) · p. Seite 344

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
24 (15.6.1928)
Date
1928-06-15
Page
Seite 344 (sequence 8)
Language
German
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544 Deutlichkeit einen bestimmten Gegensatz zu entfalten, das künftllrifche Gefühl so weit zurückqcdränLt, daß gerade dadurch eine erwöge Schorle der Aontraftzeichnung. eine theoretische Nnlcbendigkeit der vwuren cn^randen ist, die der Absicht 8icinci§ Abbruch tun „tonnte. .Ter nüdcrwwwwr Dauernsohn und der Londoner Gbctwpro.zcß sind allzusehr^ mit dem^a?nststellerischcin Bewußtsein, allzuwcnig mit dem kunftlcrnchcn Gezuql angefaßt. Deshalb haben ihre Reden crncn Grad von Bewußtheit, von reu: logischer Durchbildung, die bei den; Laus Georg den Glauben an eine ganz naive, nur nach Instinkten handelnde Natur stört, tue Inkechchtuakrtat Goldsterns aber bis zur Karikatur überspitze , Das rein ThcooKnwe d:cw§ Menschen, der zu nichts in der Welt eine (''estchAbc51c 1}ung, zu allein blog geistige Anknüpfungen gewinnen kann, das lvüre in ^seiner ^Ledcnewahrheit viel bedeutsamer sein, wenn es nicht bis zur Unmöglichkeit übertrieben Ware. Denn weder die Natur noch der ihr folgende Dichte, nur der vllerat und seine Tendenz kennt das absolute, das abstrakte Wesen. Auch der verstiegendste Jntcllcktneue hat in Wirtlichkeit Kräfte des Gesühlslebms in sich und nutzt sie in erster Lirrie vor sich selbst, um bei seinen Entschlüssen^ und Handlungen die Illusion eines gemütlichen Motivs zu haben. _ AAnschen, die so wie Siemers Figur aus der absoluten Kalle des Bewußtseins leben, dürsten sehr selten sein, viel zu selten, um iyvische Bedeutung beanspruchen zu können. Wenn also die Gestalt dieses indischen Agitators, der nicht nur destruktiv ist, sondern nicht einmal vor sich selber einen rechten Glauben an den positiven Teil stiller Ausgabe nährt, künstlerisch nicht recht lebendig wird, so hat das auch für die erzieherische Wirkung dieses Buches seine Gefahren. Denn cs stellt einen allerdings vorhandene:: und bedeutenden Kontrast noch viel krasser bin, als cr in Wirklichkeit ist oder im Lebendigen überhaupt sein kann! Das aber war ganz gewiß nidjt Sicmers Meinung; und so hat der Eifer des Schriftstellers, der die rechte künstlerische Einfühlung unterband, hier gerade der schriftstellerischen Absicht geschadet, der reinere dichterische Kunst mehr gedient hätte. — Dt a n darf vielleicht auch h i n z:i s ü g e n , daß der jüdische Bauernsohn und der d e u t s 6) e Intellektuelle in der M i t t e doch nur eine etwas dürftige Vorstellung geben von den unendlich mannigfaltig g e st u f t c n Graden und Arte u der Ei n w u r 3 e l u n 0 der Jude u in d e u t s cu e s Wesen, und auch der lebendigen Beziehungen zun: jüdische:: M e n s cb e n - tum, bereu freibcufcnbe Deutsche f ü h i g sind. Wenn Siemer schon für feine llmrißvichnnnq den Schatten Rathen aus beschwören mußte, so hatte ihm ein etwas geduldvollcres Verweilen bei dieser höchst merkwürdigen Gestalt rwch ganz neue Dreien seines Problems anfschließen können. Auch hier hat künstlerische Kargheit die schriftstellerische Absicht mehr gehemmt als gefördert. Trotzdem aber enthält, das i e n: e r s ch e Buch Werte, denen man die allergrößte Verbreitung wünschen muß. Schon das historische Material, das über die äußere Vergangenheit, die innere Geschichte, die Literatur, den gegenwärtigen Ltand des Judentums zusammcngetragen ist, scheint höchst beachtenswert. Es gibt sicher auch Inden genug, die da aus der Lektüre noch zulernen könne:?, und ganz bestimmt sehr viele, wohl den allergrößten Teil der Christen, die ihre 'Sachkenntnis vier in sehr Nützlicher und bequemer Weife bereichern können. Dabei ist es natürlich nicht zu vermeiden, daß ein mit so großem Fleiß und so großer Energie, aber doch erst zu einem bestimmten Zweck, in einem bestimmten Augenblick ergriffenes Material hie und da wesentliche Lücken oder llngenauigkeiten aufweist. Als Beispiel möge ein Fall genügen, der uns hier am nächsten angeht: In einer großen Volksversammlung, in der Liemer alle Parteien des Judentums in authentischen Zitaten zu Worte konnnen läßt, tritt natürlich auch ein^Redner des C. D. auf — und schneidet übrigens redjt Gut ab. Der eine Satz, der bei dieser Gelegenheit aber der Organisation des Centralvereins gewidmet war, enthält einen sehr heftigen Fehler. Es wird gesagt, daß dieser große Verband nur „deutsche Juden liberaler Richtung" umschließt. Es gehört aber zu den wichtigsten Grundlagen des Centralvereins, daß cr reicht nur die l i b e r a l e n I u d e n , sondern auch die orthodoxen umfaßt, soweit sie gegenüber den Zionisten ihr deut- „_Das fs /\*7^% {Qesundheitswasser Blasen-, Edleren! eidien usw. st T? fr\ •'* «V; Fachinger Y crsandstelle ’i | Berlin SW 11, Scuöneberger Strasse 18a. - ■ __ _ j Tele ton: Lützo w S 2 6 0 f 6L sches Staatsbürgertum als entscheidend zu betonen wünschen.^ Es ist ganz interessant, an. solch einem kleinen Beispiel darzutun, wie schwierig die Orientierung auf einen: so großen und verwickelten Gebiet für einen Außenstehenden ist, selbst wenn cr so außerordentlich viel guten Willen rnitbriugt wie Heinrich Siemer. Tie Tatsache, daß die große Mehrheit unserer Volksgenossen aus diesem Buch doch eine Fülle sehr nützlicher Erkenntnis holen kann, wird dadurch nicht erschüttert. Die Hauptsache aber bleibt, daß^man von diesem Buch mehr holen kann als nützliche Kenntnis e. Es ist kein Zufall, daß es auch die künstlerisch stärksten Stellen seines Buches . sind, in denen seine Liebe zum Menschen zur Formulierung reinster Erkenntnisse drängt. Sogleich zum Beginn, meint der Schrei der gebärenden Mütter vom Londoner Ghetto und aus der Weserniederung in einer mächtigen Luftwelle zusammenstießen — während die aus langer Kulturgeschichte gewachsenen, sehr verschiedenen Wiegenlieder schon nickst mehr so rein verschmelzen können! Und dann, schon den: Ende nah, ans der Höhe der Entfremdung, das wundervolle Wort über den dumpf wütenden zungen Deutschen und den dialektisch rasenden jungen Juden, die sich Todfeinde wähnen: „Sie waren Brüder in einen: hohen Sinne, weil sie selbstlos waren." —Hier bricht das Licht jener großen Gabe zum Ueberpersöntichen, zun: Ideelle:: durch, jener Gabe, durch die der Deutsche und der Jude vielleicht in einen: ganz besonderen. auch über den: allgemein menschlichen Anteil reichenden Maße miteinander verbunden sind. — Daß S i e n: e r durchaus wohl daran tut, die Liefen, auch. instinktiven Fremdheiten, die zwischen Inden und Nichtjuden in Deutschland und überall tatsächlich bestehen, klar hervorzuheben, das betont Mar Br 0 d, der diesen: Buch ein Vorwort geschrieben hat, durchaus mit Recht. Man wird zu einer echter: Verständigung niemals dadurch kommen, daß man vorhandene Gegensätze leugnet, sie unter die Bewußtseinsschwelle drängt ::nd vielleicht gerade dadurch den Keim für eine dumpf schwelende Entfremdung schasst, die unter Umstanden in tödlicher Feindschaft ansbrechen kann! Rein, es ist durchaus gut, daß Siemer hervorhebt, wieviel am typisch jüdischen Gebaren, an Tempo, Heftigkeit und Ungehemmtheit des Ausdrucks, den anderen Deutschen auffällig, erstaunlich, ängstlich sein muß. Gewiß könnte da ern jüdischer Autor unschwer eine Gegenrcchnung aufmachen. Daß aus dem innersten Wesen des Judentums innner .noch Aeußerungen konnnen werden, die dein Nichtjuden zunächst sreind, ja beängstigend scheinen müssen, halte ich für sehr wahrscheinlich. Aber dann wird eben alles darauf ankommen, die Kraft zu erkennen, zu zeigen, zu stärken, die durch ihren tieferen Wert, ihre höhere Gewalt diese Fremdheit überwinden kann. Max Brod kann nicht umhin, in seiner Vorrede wiederum das zionistische Ideal als das Allheilmittel für alle Fremdheit in der Welt zu empfehlen, und er möchte auch den Autor Si eurer, der sich im übrigen für den Zionismus nicht sonderlich begeistert zeigt, für diese Ideen in Anspruch nehmen. Aber tatsächlich ist Siemer auf einen: besseren Wege. Er glaubt nicht, daß das Problem der mit Deutschland tausendfältig verwachsenen Juden dadurch zu losen ist, daß man ihrem Dasein einen inneren Mittelpunkt —- in Palästina schasst! Der Boden, den ihr Geist wie aller Menschen Geist braucht, um nicht mit dem Gefühl der Erde Leben und Fruchtbarkeit zu verlieren und sich ins tödlich Abstrakte zu verrennen, der Boden ist ihnen in Deutschland, nicht in Asien gewiesen. Und daß sie ihn fühlen und ehren, ist wichtiger, als ob sic ihn wirklich mit Pflug und Spaten bearbeiten. Der Geist aber, der, um den Spalt der Freindheit zu schließen, umgekehrt zu den all zu Erdgebundenen konnnen muß, das ist nicht ein jüdischer Nationalgeist, der nur in Palästina Lebenskraft gewinnen kann. Es ist der Menschheitsgeist, der durch die Jahrtausende in diesem Volk ohne Land lebendig geblieben ist. Seltsam richtig sagt Max Brod an: Schluß seiner Einleitung, daß wir in unseren: Leben und in unserer Literatur nachgerade genug haben an der Lobpreisung des Elementaren und daß es vielleicht Zeit wird, sich aus die hellende und helfende Macht des Geistes wieder zu (besinnen. Es ist allerdings nichts wichtiger, als daß man allmählich wieder anfängt, „Aufklärung" anders denn als Schimpfwort zu hören und die Stimme L e s s 111 g § wieder ins Herz tönen zu lassen. Aber das wird nicht zu erreichen sein, wenn inan die Segcnsmacht des Geistes an etwas so „Elementares" wie den Besitz eines Bodens, und wäre es auch der -geschichtlich ehrwürdigste, knüpft. Daß die Geister ihre Freiheitsmacht über alles Körpergebundene zurückgewinnen, daraus kommt es au. Aus Freindheit und Feindschast wird uns, das hat Siemer an einer Stelle seines Luches sehr schön erkannt, nur das Erstarken der geistigen Grnndmacht befreien, der religiösen Kraft, die uns wieder vernehmen läßt „den ewig mcnschlickzen Edarns Mysthicus*, die Stimme, die da verkündet, daßalles Vergängliche nur ein Gleichnis ist. w.// ly'\ 4 * Vcf 1 :; | tttaäiesser j \ / I

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