Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 24 (15.6.1928)
- Date
- 1928-06-15
- Page
- Seite 343 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Walter AleEüUer / Ein preisgekrönter Dichter. Von Arthur Silberglcit (Berlin). Der Träger dieses Namens, der vor wenigen Tagen als Sieaer in einem literarischen Wettberverö für seinen Noman „Die Bücher des Kaisers W u t a i" den Jugend Preis des Verbandes deutscher Erzähler (in Höhe von 10 OM Mark) im Einvernehmen mit dem preinnschen Kultusministerium erhielt, ist ein Jude. Aufmerksame Literatnrsreunde sct)äken den 39jährigen Dichter als eigenwilligen Lyriker, hellhörigen Suckzev und scharfäugigen Finder neuer rhythmischer Ausdrucksmöglichkecken, als Phantasievolien Erzähler und farbigen Berzauberer grauer Wirklichkeitswelten sowie nicht zuletzt als gedankenreichen Kulturessayisten bereits lange Zeit. £=en guten Nus des Dramatikers Meckauer, dessen Bühnenwerke „Krieg der Frauen", glückhafte Schiss", „Der Wzen" in Frankfurt a. M., Breslau und Wien dem Dichter zahlreiche geistige Freunde warben, gesährdete jüngst, anläßlich der Berliner Uraufführung seiner Schöpfung „Spuk", - kaum der Theaterskandal des johlenden Publikums, da inzwischen die öffentlichen Nachweise, daß ein diktatorhaft eigenmächtiger russischer Regisseur dieses Stück in vollkommener Sinnentstellung „umdichtete", es überdies auf ein Fünftel feiner Seitenzahl zusammenstrich und dilettantischen schauspielern zu rhetorischen und gymnastischen Hebungen opferte, den Autor des Originals hinreichend entlasteten. Kaum minder interessant bleibt die Tragikomit seines Daseinsdramas, besten Entwicklungsszenen romanhaft anmuten. Der Sohn einer in Breslau sehr geachteten Kaufmannsfamilie wird Bankbeamter, vertauscht aber bald die Kontokorrentdückzer mit den Werken Ciceros und Homers, macht fein Abiturium als Außenseiter des Gymnasiums, studiert Philosophie. erhält sein Doktordiplom, fördert als einer der Ersten die Einführung Berg so ns in Deutschland, veröffentlichtem Delphin- Verlag (München) ein von der Kritik allgemein lebhaft gerühmtes Werk über „Wesenhafte Kunst", wendet sich der Presto zu, unterrichtet in den Jahren 1916 bis 1920 die Blätter des Ullstein-Verlags über die Vorgänge in Schlesier:, verheiratet sich, sucht sein wirtschaftliches Glück als Druckereibesitzer in Breslau, übernimmt eine Buchhandlung in Bayern, lebt zwei Jahre lang völlig zurückgezogen als Weltslüchtling in Garmisch-Partenkirchen, übersiedelt nach München, erwirbt vom Roland-Verlag „Die neue Lüchorschau", stellt mit Gerhart Pohl die erste Nummer dieser Zeitschrift zusammen, überläßt jene sodann seinem Freunde und befolgt meinen Rat zur geistigen und künstlerischen Eroberung Berlins als freier Schriftsteller. Damals erkannten übrigens Meckauers dichterisch)? Sendung nur wenige, vor allem sein intimer Freund Carl Haupt mann, der ihm in seinem Häuschen zu Schreiberhau feine jüngsten Schöppingen vorlas, und Richard D e h m e l, der ihn zu weiterem Schaffen durch die Worte ermunterte: „Jch^ danke Ihnen für Ihr sinnreiches Gedichtbuch („D-er heimlich <vinn"). Das widerspruchsvolle Wesen und Wirken des Dichters ist darin so ausrichtig ausgesprochen, daß ich Ihnen viele nachdenkliche Leser wünsche." Der gleiche Drang nach Aufrichtigkeit und Wahrheit kennzeichnet auch Meckauers soeben Preisgekrönten Roman ,Düe Bücher des Kaisers Wutai". Dieser schildert und gestaltet die geistige und fteüsch Entwicklung eines chinesischen Kaufmanns zu einem Weisen, der sein Glück in der Mäßigung seiner Wünsche findet, das tragische Schicksal seiner Kinder mit der Erkenntnis seines llebermaßes an einst ersehnten Ehren begründet und nach dem Erwerb großen Reichtums einen Tempel der Göttin der Gesundheit erbauen will. Er befragt einen Erdwahrsager, wo er jenes Gebäude errichten soll, und dieser erwidert ihm: „Ich w:ll dir gern einen Ort sagen, aber wichtiger, glaube mir, Schuft, ist eine Stelle in deinen Gedanken, die du der Gesundheit weihst. Denn wenn der Gedanke nicht gesund ist, wie soll der Ort der Erde dich vor Krankheit schützen?" Aber erst ein Freund des Zukunftsdeuters vermag dem chinesischen Kaufmann Schuft durch seinen Rat, die längst verlorengegangenen Schriften Wutais. des toten Kaisers der Erdwahrsagerci, zu suchen und zu entzrftern, den Weg zu einem idealen Lebenswandel in Gesundheit^ Zufriedenheit und echtem irdischen Glück zu weisen. Es gelingt schuji nach langen Wanderungen, die ersehnten „Bücher des Kaisers Wutai" zu entdecken und zu enträtseln, und seine ausstaunenden Augen lesen die Lehre, „daß nicht der Staub der Schriften unter der dunklen Erde, in den unterirdischen Gewölben des Tempels, sondern der ^taub der Blumen im Garten der Hellen Erde den Keim des Ewigen trägt", sowie die Worte: „Ich bin gestorben, und ich möchte fcfccu!!" Die Beantwortung der Frage, warum gerade jüdische Leser dieses ^omamnanuskript, das in: Juli als Buch erscheine:: soll, besonders zu fesseln vermag, ist nicht schwer. Die Sittcnlehren und der Stil "Büchr des Kaisers Wutai" beweisen eine durch die glem-e -rausendjährigkeit der chinesischen und jüdischen Kultur begründete, kaum überraschende Verwandt schuft mit nwsaischem Geist wirr* «. man nicht an die Wiederkehr einer vwlftchn Prvphetenstinune oder gar Moses-Worte hier wieder zu vernehmen, wenn man etwa die folgenden Zeilen findet?: „Aller Aufstieg: Ehrgeiz und Tugend, muß durch weise Verordnung gelenkt werden. Die Gesundheit ist das höchste Gut; denn alle anderen Güter sind von ihr abhängig. Und wie die ärztlich Verordnung alles Gesunde im Körper regelt, so regelt einfaches Gesetz den Staat, daß er gesund bleibe. Und der Blick erkennt ohne Zaudern den Rang und Charakter des einzelnen und duldet keine Vorstellung, wie er den Kranken vom Gesunden scheidet und schlechte Gesellschaft und Ausschweifung verwirft." Gewahrt man hier nicht ferner in den Weltanschauungskämpfen des alten China mit dem neuen sowie in den gegensätzlichen Ausdeutungen der Weisheitslehren des Konfuzius so ähnliche Fehdeparalleleu wie zwischen unseren orthodoxen und liberalen Glaubensgenossen? Ter Jude Meckauer verleugnet seine Abstammung auch nicht im Stil, dessen Farben, und Bilderreichtum besonders in der vtpfenreichn Wortmalerei eines in verschwenderischer Strahlenfülle dargestellten Sonnensestes seine dekorative Pracht entfaltet und in der Art, wie er für jedes Bild zugleich besten brüderliches Sinnbild sucht, damit die Schönheit durch die Wahrheit Bestätigungen finde. So erscheint er mir stets als ein Verschvoisterer von Wirklichkeit und Vision, der auf dem Regenbogen seiner Träume tausendjährigen Weisheiten nachsinnt. Iuöa und öis anderen. Bon JnNuS Bah. Ein Buch, das in Nomanform vom jöbifcf>en Problem irn heutigen T-eutsthland handelt, das nicht jüdische Selbstdarstellung, sondern die Arbeit eines Deutschen rein christlicher Herkunft ist, ein Buch, das dabei nicht von völkischem A-gckationswillen diktiert ist, sondern von einem leidenschaftlich ernsten Verlangen nach Erkenntnis der Wahrheit und nach Gerechtigkeit'. Ein solches Buch hat schon einen Seltenheitswert großer und schöner Art. Solch Buch liegt vor in dem Roman „Juda und die anderen" von Heinrich Si e m e r (Verlag von Gebrüder Partei, Berlin-Leipzig). Sicmcr bckont im Vorwort feine- Buches selbst, daß es ihm so wichtig gewesen sei, in diesem Buche das sachliche Material einer gerechten Erkenntnis auszubreiten, daß er die reine Kunftform des Romans deswegen vielfach bewußt durchbrochen habe. Tatsächlich hat er eine große Menge sehr nützlichen und Arbreitungswürdigen Erkenntnismaterials in eine zicnllich karge und auch rein wpeuhast umrillenr Handlung eingebaut. Tie Absicht dieser Handlung ist. das Verhältnis des jüdischen und des nicht jüdischen Menschentums in Deutschland während der letzten Generation durch das Schicksal von vier Schulfreunden zum Ausdruck zu bringen. Zwei extreme Figuren sollen die äußerste Spannungsmöglichkeit verkörpernl Hans Georg Weete aus rcinblütigem. niedersächsischein Banernblut. Hofbesitzerssohn aus der Wesernicderung: und Samuel G o l d ft e i n, in Whitechapel, dem Londoner Ghetto, geboren, Sohn polnischer Flüchtlinge, dann bei Verwandten in Oldenburg Keranwachsend. In diesen beiden steigert sich die Fremdheit des Blutes bis zu mörderischem Haß. Nach dem Krieg, den Hans Georg W e e t e mit naiver, altnordischer Kampfsreude, ^amuel Go löste-kn, wenig tauglich, aber aus Stolz und Trotz mit ingrimmig zäher Pflichttreue mitmacht, gerät der Niedersachse in die Hände eines skrupellosen (und nichts weniger als „rassereinen") antisemitischen 'Agitators, der den dumpfen Grimm des Jünglings über den verlorenen Krieg als Zudeichaß Zum Entladen bringt: «amucl G v l d st e i n aber entdeckt unter dem letzten, furchtbaren Druck des Krieges seine Sendung als Agitator zur Vernichtung der bestehenden Gesellschaftsordnung, als Verkünder einer neuen, befreiten Menschheit- Ter Jude wird von jungen Fanatikern aus dem Kreise des Hans Georg erschlagen: Hans Georg selber wird zum Mörder an einem jüdischu Staatsmann (der leider gar nicht dargestellt ist. aber in der Meinung Wohl auf Rathenau zieltl und nimmt sich dann selbst das Leben, weil er flüchtig, verborgen und heimlich nicht leben mag. ..Der gerade Weg und der anständige Weg war der einzige für Hans Georg Weetc. und wer kann leugnen, daß auch Samuel Goldstern einen anständigen und geraden Weg gegangen war." — Während aber die allzu starre Gradlinigkcit dieser beiden Lebenswege in tödliey extremer Richtung voneinander entfernt, halten in der Mitte ein jüdischer Bauernsohn ans Süddeutschland. Benno Kahn, nnd Gerd Jürgens, ein aus mannigfachen deutschen stammen gemischter Sohn eines Bankbeamten, gut zusammen. Schriftsteller der eine, Ingenieur der andere, suchen und finden sie Verständigungsmvglichkeiten in einer gut bewohnbaren Mitte. Der eine bat sich mit der Schwester Goldsterns, der ander mit der des Hans Georg Wecte verbunden. Sie suchen Verständigung aus dein Grunde der Wahrheit, suchen Freiheit von der Macht fanatischer Schlagworte und leben für die Zukunft des starken, freien Menschen, der wohnen soll — „endlich ganz innig verschmolzene nnd festgefügte Dvppclnaturl — zwischen ftuchtstrotzendem Boden nnd kraftstrotzendem äthcrblauen Strahlenkosnws". Die lehrhafte Absicht der hier im Grrmdriß angedcutetcn, aber auch im Buch nach der sinnlich darstellerischen Seite wenig und nur punktweise ansgesührten und um so reicher mit unpersönlichem Erkenntnismaterial ausgestatteten Dichtung, diese außerkünstlerische. aber wahrhaft gute Absicht ist so offenbar, daß es (zumal an dieser stelle, wo solch Buch ja nicht ästhetisch, sondern kulturpolitisch gewertet werden :nuß) ganz überflüssig scheinen könnte, von den lünstlerischen Oualüäten dieses Romans zu sprechen. Aber bei einen: Werk, das nun doch einmal als epische Dichtung angelegt ist. ist cs ganz unmöglich, die Wirkungen Ux künstlerischen Form oder Uniform nnd den Ausdruck der Gesinnung rein auscinanderzuhalten. Man muß nach Einzelheiten dieses Buches Heinrich S i e m c t (der ja übrigens schon mit anderen interessanten Veröffentlichungen hervorgetrcten ist) durchaus auch für einen dichterisch begabten Menschen halten. Bei der Darstellung der Hauptgestalten aber ha! die Absicht, in lehrhafter •!