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Central-Verein-Zeitung · 1928-06-15 · 24 (15.6.1928) · p. Seite 342

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
24 (15.6.1928)
Date
1928-06-15
Page
Seite 342 (sequence 6)
Language
German
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342 Bezeichnen gen rechts und links schon lange keinen Inhalt mehr haben, weil die Scheidelinie des Geistes zum Teil quer durch die Parteien läuft. Tiefe Umgestaltung, diese Neuformung wird die schöpserisck)e Aufgabe der nächsten Generation sein, aber sie kann diese Aufgabe niemals lösen, wenn sie nicht hineingeht in die Parteien." Was hier von der allgemeinen Politik gesagt wird, können wir^ auch für uns übernehmen. Ziel unserer Betätigung muß sein, dafür zu sorgen, daß unsere Politik, die jüdische Politik, möglichst weitgehend von der starren Schablonisierung und der überalterten Phrase losgelöst und ein reiner und ungetrübter Spiegel der wirklichen kulturellen Strömungen innerhalb des deutschen I u d e n t u tn § wird. 15. Juni 1888—1928. jener Stiftung bei. Zn seiner Rechten saß der Chef der Admiralität, von S t o sch, zur Linken Geheimrat M a g n u s. Nach Schluß der Geschäftsschung wandte sich der Kronprinz an Magnus: „Wie ist's Ihnen im vergangenen Jahre gegangen?" „Angesichts der judenfeindlichen Agitation ist dies Jahr eins der trübsten meines langen Lebens gewesen. Wenn mir und unzähligen meiner Glaubensgenossen in dieser traurigen Zeit ein starker Trost geblieben ist, so ist es die lebendige Erinnerung an den hier getanen Ausspruch Eurer Kaiserlick)en Hoheit, daß Sie die Bewegung bedauern und daß sie eine Schmach für unsere Zeit ist." Mit aller Entschiedenheit bemerkte hierauf der Kronprinz, daß er heute wie damals dieselbe Anschauung hege und jene sriedenstörenden Bestrebungen aufs entschiedenste mißbillige und verwerfe. Was sein Gefühl dabei am meisten verletze, sin das Hineintragen derartiger Tendenzen in die Schulen und in die H ö r - s ä l e. „Schlimm genug, daß man in die Pflanzstätten des Edlen und Guten das Samenkorn des Unfriedens hineinwirft!" Im weiteren Verlaufe der Unterredung fragte der Kronprinz, ob es wahr fei, daß viele jüdi'che Familien Berlin verlassen. Geheimrat M a g n u s erwiderte, kein derartiger Fall sei zu seiner Kenntnis gelangt, und er glaube auch nicht daran. Unter den Inden herrsche wohl eine leicht begreifliche Erregung, aber keinerlei Furcht. Die neuerlichen Worte des Kronprinzen hatten dazu bcigetragen^ die feindseligen Bestrebungen in ihren nächsten Wirkungen abzuschwächen. Um dieselbe Zeit feierte Magnus seinen 70. Geburtstag. Der Forderung der Jnvalidenstiftung dankbar eingedenk, schrieb ihm der Kronprinz: Das Charakterbild des zweiten Deutschen Kaisers ist in den letzten Jahren viel umstritten worden. Einig aber sind alle Urteile in der unbedingten Anerkennung seiner G e r e ch t i g t e i t s l i e b e und seiner echten Humanität. Daß diese sich auch den Juden gegenüber auswirkte, ist bekannt. Während den Hohenzollern vor ihm die jüdischen Staatsbürger im günstigsten Falle gleichgültig waren, sah der tiefreligiöse, feingcbildete Kronprinz und Kaiser auch in dem Juden seinen Freund und Bruder: „Ich will, daß der seit Jahrhunderten in meinem Hause heilig gehaltene Grundsatz religiöser Duldung auch ferner meinen Untertanen, welcher Religionsgemeinschaft und welchem Bekenntnisse sie auch angehören, zum Schutze gereiche. Ein jeglicher unter ihnen steht meinem Herzen gleich nahe," erklärte Kaiser Friedrich bei seiner Thronbesteigung. ~ <■ Bereits in jungen Jahren hat Prinz Friedrich Wilhelm Gerechtigkeit auch den Juden gegenüber gefordert. Als er sich 1ö57 mit der englischen Prinzeß verlobte, wurde in den englischen Freimaurerlogen bekannt, daß jüdische Brüder mit Ausweispapieren der englischen Eroßloge nicht einmal als Besucher zu preußisck)en Freivraurerlogen zugelapen würden. Die große Landesloge ....Royal .York zur Freundschaft" in Berlin hieß diese GepflogenlM durchaus gut: sie beruhe auf einem vor vierzig Jahren gefaßten Beschluß. Die englische Großloge erhob Widerspruch, drohte mit Abbruch der brüderlichen Beziehungen — vergebens. Als nun Prinz Friedrich Wilhelm bei seinem Brautbesuch in London auch einer Arbeitssitzung der „Großen Loge von England" beiwohnen wollte, empfing ihn der Großmeister im Logenhause mit allen einem Fürsten gebührenden Ehren, bedeutete ihm aber, daß die Teilnahme an den Sitzungen englischer Logen den preußischen Brüdern so lange untersagt bleibe, bis diese die englischen Brüder israelitischen Glaubens als gleichberechtigt aufnehmenl Prinz Friedrich Wilhelm versprach, er werde nach der Rückkehrern die Heimat für die Aushebung jenes veralteten GroßlogenbeschiupeZ wirken. Dem englischen Großmeister genügte diese Erklärung. Tie Verfügung der preußischen Groß, logen wurde aufgehoben: Prinz Friedrich Wilhelm, der Protektor der prercßischen Logen, hatte sein Machtwort gesprochen. ' Bekannt ist Kaiser Friedrichs Wort: „Der Judenhaß ist die Schmach des Jahrl^underts". Tie Judenfeinde versuchen die Glaubwürdigkeit dieses Ausspruches zu bestreiten. Er ist aber historisch beglaubigt. Bei einer Generalversammlung der Viktoria- Natwnal-Jnvalidcnftistung (ISk)) führte der Kronprinz ein längeres Gespräch mit dem Geheimen Kommerzienrat Meyera g n u s. Angesichts der Petition, welche die in der Christlich-Sozialen Partei zusammengefaßten Judengegner zwecks Aushebung der den preußischen Juden verfassungsmäßig genaährten Rechte damals in Umlauf setzten, erzählte der Thronfolger, er habe bei seinem Aufenthalt im Auslände von den Vorgängen in Berlin Kenntnis erl>alten miö sich der Scham nicht erwchrcu können. Er kennreichnete die Judenhetze als eine „Schmach für die Natron" <wie Georg von B u n s e n feit stellt). Nach einer anderen Lesart hat der Kronprinz dieser unbestrittenen, unzweifelhaften Mißbilligung der judenfoi üblichen Bewegung als „Schmach des Jahrhunderts" Ausdruck gegeben. Im folgenden Jahre wohnte der Kronprinz abermals der Generalversammlung „Es wird mir unvergeßlich sein, mit welcher Hingebung Sie unter meinen Augen seit Jahren für unsere Invaliden und die Hinterbliebenen der zahlreichen Opfer unserer Kriege mitgewirkt, mit welcher Sorgfalt und Liebe Sie ihre Interessen wcrhrgenommen hat-en." Die antisemitische Agitation regte allenthalben die Gemüter aus. Auch in der kronprinAichen Familie war sie häufig Pas UnterhaltumMhema. Ter Kronprinz wußte sich in seiner Verurteilung religiöser Unduldsamkeit mit seiner Gemahlin eins. Sie kam ja ans England. einem Lande mit religiös eingestellter Bevölkerung, die den Volksgenossen nur nach seinem Auftreten und seinen Leistungen, niemals nach seiner — ganz privaten — religiösen Ueberzeugung beurteilt. Ein Beispiel. Als die Kaiserin Viktoria auf der Rückreise vom Besuch der durch Hcchwaizer Geschädigten am 3. Mai 18S8 drei Stunden lang in Lüneburg weilte, unterhielt sie sich während des Festmahls, das die Stadt ihr zu Ehren veranstaltete, mit dem Oberbürgermeister L a u e n ft c i n. Bei der Besprechung der kirchlichen Derhältn5kse erkundigte sich die Kaiserin insbesondere, ob die Bekenner der verschiedenen Religionen miteinander in Frieden lebten. Als der Oberbürgermeister hierüber nur die allergünstigste Auskunft geben konnte. sprach die Kaiserin ihre freudige Genugtuung aus und bemerkte hierbei: „Das antisemitische Treiben ist mir und meinem Gemahl in der Seele zuwider." Ter Kaiser starb. In seinem „Nachruf" macht ihm Trei tfchke den Vorwurf, er habe in seiner langen Ruhe die Fühlung mit der gewaltig aufstrebenden Zeit verloren und ihren neuen Gedanken nicht mehr recht folgen können. Gemeint ist die judeusoindliche Bewegung, „deren Grund dock; allein in der Selbstüberhebung der Judenschaft lag", wie der große Historiker behauptet. In jener demagogischen Hetze erblickte er also „neue Gedanken"; ihre scharfe Ablehnung durch den vorurteilsfreien Monarchen bedeuteten für Heinrich von Treitsckste nur einige Worte zornigen Tadels". Die kurze Negierung Kaiser Friedrichs wagt dieser preußische Hoshistorrograph „eine traurige Episode der vaterländischen Geschichte" zu nennen. Professor Dr. Eugen Wölbe. Vers aus dem Cid. Handschrift des nachmali er. Kaisers Friedrich. Die Handschri/irn sind der Auiographcnsammiung Wölbe entnommen.

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