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Central-Verein-Zeitung · 1928-06-15 · 24 (15.6.1928) · p. Seite 340

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
7 (1928)
Issue
24 (15.6.1928)
Date
1928-06-15
Page
Seite 340 (sequence 4)
Language
German
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340 Rasse onnorbeln? Sie ist, wie sie ist!" In seiner Zwölszähri - gen Seelsorgertütigkeit unter vorwiegend ostifcher Bevölkerung hat er die ostische Seele inuner nur als „Haufenseele" fennengelernt (womit aber beileibe „nichts Abträgliches gesagt' sein soll!). Ich habe bis heute geglaubt, nach evangelischen Begriffen bedeute „Seele" etwas Einzigartiges, die selbständige Beziehung des Einzelmenschen zu seinem Gott. ^H-ier schlägt der evangelisch e Theoloae einen ^a 11om o r t a t c, der f ft t seine Kollegen ein warnendes Beispiel sein mag. Er beklagt sich nämlich weiter darüber, dag Günther der evangelischen Kirche unrecht tue gegenüber der katholischen, weil er neuerdings auch der katholischen Kirche einige Komplimente macht, und weil seine Deutung des pietistischcn Stündlervoesens als eines ostischen Wesenszuges nur die evangelische Kirche belastet. Demgegenüber weist der evangelische Theologe nachdrücklich daraus hin, daß die katholische Kirche m\ t ihre m Glaubens- und Gewissenszwange echt o st i s ch , die evangelische mit ihrer Freiheit und i h r e m I n d i v i d u a l i s m n s echt nordisch sei. „Evangelische Freiheit", ruft er ans, „ist nur für nordische Seelen!" Da möchte denn wohl mancher wisien, wie unter solchen U m st änden ein evangelisch erPfarrerincinervorwiegend ostischen Bevölkerung seines ^eclsorgeramtes walten mag; wird er die ostischen Menschen seinem katholischen Kollegen überlassen, oder wird er sie einem anderen Herrn überantworten, der sie „mit hartem Befehl" noch zu „recht brauchbaren Menschen" machen mag? Wofür wohl „brauchbar"? Ob auch fürs Himmelreich? Mindestens müßte für sie ein besonderer Himmel eingerichtet tverden. Folgerichtiger wär's scholl, man überliehe sie der ewigen Verdammnis. Stridicnrat Lchäfscr (P o t s d a m). Vom Verbanöstag Zer jüdischen Handwerker. SonderberichL für Die ,,(s. V. - Zeitung". \V. Hannover, den 5. Juni 1928. Der Zentralverband Jüdischer Handwerker Deutschlands E. B. hatte seine Mitglieder zu seiner achten ordentlichen Berbandstagung vom 2. bis 5. Juni nach Hannover berufen. Eingeleitet wurde die Tagung durch einen feierlichen F c st g o L t e s d i e u st am Sonnabend, den 2. Juni, in der Synagoge, bei dem Herr Landrabbiner Dr. Freund auf die Bedeutung des Handwerks in seiner Fest- Predigt hinwies. Der offizielle Festakt folgte am Sonntag vormittag durch eine sehr würdevolle und glanzend verlaufende K uudgebung im Festsaal des Alten Rathauses. Neben den Delegierten und Mitgliedern des Verbandes und zahlreichen Eemeindemitgliedern wohnten Vertreter des M a g i st r a t s, der Handwerkskammer und der Innungen der Kundgebung bei. Nach kurzen Begrüßung-Worten seitens des Vorsitzenden der hiesigen Ortsgruppe, Glasermeister Paul G o l d m a n n , sprach der Vorsitzende des Gesamtvorstandes, Glasermeister Marcus (Berlin), über das Programm des Zentralverbandcs. In einer weitausholenden Festrede zeichnete dann Tapezierermeister Louis Wolf (Berlin) die Bedeutung des Verbandes für H a n d w c r k, I u d e n t n m und Deutschtum. Er wies auf die durch den Krieg entstandene wirtschaftliche Notlage, auf die judenfeindliehe Verhetzung, auf den leider auch in jüdischen Kreisen gegenüber dem Handwerksstande herrschenden Dünkel und Kastengeist hin und schilderte, wie der Verband, diesen Wderständen zum Trotz durch immer fortschreitende Veredelung und Verfeinerung des Handwerks, durch Schaffung von Darlehnskasien, durch vorbildliche Lehrlingsausbildung und besonders durch enge Zusammenarbeit mit allen Handwerkerverbänden erfolgreich gearbeitet hat. Unter voller Wahrung der jüdischen Sonderinteressen sei er bemüht gewesen, das Handwerk zu fördern, das Judentum zur Achtung zu bringen und Deutschland zu helfen. Anschließend begrüßte ein Vertreter des Magistrats. Senator Klempncrrneister Lutz, den Verband. Der Präsident der deutschen Handwerkskammer, Ehrenobcrmeister Plate, wies auf die Bedeutung Hannovers als alte Handwerkerstadt hin und betonte besonders das gute Einvernehmen, das hier immer zwischen den Handwerkern ohne Unterschied der Konfession geherrscht habe. Es folgten Begrüßungsansprachen von Vertretern aller größeren jüdn6)cn Verbände, unter ihnen unser Hauptvorstandsmitglicd Rudolf Hcrzberg namens des'Eentraldereins und der Liberalen Vereinigung. Er legte die Problematik des jüdischen Handiverkerstandes von allgemeinen Gesichtspunkten aus dar. Die Arbeitssitz nng am Montag brachte nach Organisativnssragen einen sehr interessanten Vortrag des Herrn Glasermeister Goldmann (Hannover): „Ter jüdische Mittelstand", in dem die soziologische und pekuniäre Schichtung des Mittelstandes, feine wirtschaftliche und seelische Notlage besprochen und zu ihrer Abhilfe nicht Almosen, sondern Berufsarbeit gefordert wurde. Tann schilderte S. Adler-Rudel (Berlin) in einem Dortrag über die .jüdische Bernfsn>abl und jüdische Arbeitsnachweise" an Hand statistiscl>en Materials die Aussichten des jüdischen Nachwuchses, seine Erziehung. Berufswahl und die Möglichkeiten der späteren Beruisvusübung. Weiterhin beschäftigte er sich mit der Arbcitsbcsclxufung für Erwachsene, die wesentlich schwerer sei, aber bei hinreichender Unterstützung auch Fortschritte zeige. Am Montag nachmitag dielt! anläßlich einer Besichtigung der israelitischen Eartenbauschule Ah kein Herr Perl cBrcslau) einen Lichtbitdcrdortrag über: »Meisterlchnverkstatt — Schullehnvcrlstatt". «u. Arbcitssitzung am Dienstag, 5. Juni, beschäftigte sich mit reinen rverdandssragen, den Berichten der angeschkossencn Vereine, der Untergruppen, Vorstandsneuwahlen und der Wahl des Ortes für den nächsten Verbandstag 1920. Mögen die arbeitsreichen Tage den Verband und das Ansclzen des indischen Handwerks weitern fördern. Ä Von Dr. Kurt Zielenziger. I. ♦ F ü hrcr sein heißt Schöpfer sein. Ter schöpferische Mensch ist der Gestalter der vorhandenen, der Prophet der kommenden Tinge. Er kombiniert die Ereignisse von gestern mit denen von heute, um den Weg znm Morgen zu weisen. Führer werden wir also nur den nennen, der sich über den Alltag erhebt. Das gilt für den Künstler in demselben Maße wie für den Gelehrten, den Politiker oder den Mann der Wirtschaft. Im W i r t s ch a s t s f ü h r e r sehen wir also den Herrenmenschen, der, von schöpferischem Drang beseelt, herausragt aus der Sphäre des reinen Erwerbsstrebens. Auch er muß erfüllt sein von der Idee seines Berufs, den er ausübt als D i e n st « m Volk oder sogar der Menschheit. Materielle Motive, gesteigert ins Idealistische.. Mit eiserner Konsequenz und klarem Blick muß der Wirtschaftsführer immer wieder den lebendigen Organismus seines Unternehmens neuzugestalten versuctzen. Neue Möglichkeiten, neue Mittel ersinnen, mm das wirtschaftliche Prinzip zu seinem, aber auch seiner Mitmenschen Nutzen zu verwirklichen. Unter diesen Wirtschaftssührern, wie sie nur die moderne Volkswirtschaft des Kapitalismus ermöglicht, zählen wir auch eine Reihe jüdischer Köpfe. Zu den Bmrs: g, K' r u p p , Siemens, Thyssen, S t i n n e s, H a n s e m a n n , den Carnegie, Siocfc fetter und Ford, den Eecil Rhodos und Morgan gesellen sich ebenbürtig die Rothschilds, die Rat Henaus, ebenso wie Albert Ball in, Jacob Goldschmidt, Sir E r n e st E a ff c I oder Sir A lf red M o n d. Abwehr falscher Behauptungen sowie der Wille, durch die Kenntnis der Leistungen jener 'Männer unsere Waffen für den Kampf zu schärfen, führt uns zu dieser Betrachtung. Für sie alle gilt das Wort Walther 0t a 11) c n a n s : ..Ich möchte behaupten, daß. rver an persönlichem Geldgewinn hangt, ein großer Geschäftsmann überhaupt nicht fein kann." Sie alle waren oder sind Glieder des Ganzen, die für die Gesamtheit wirken, sie beeinflussen, aber nicht beherrschen. Läßt erst der Kapitalismus den Wirtschaftssührer sich entfalten, so führt dies zu der oft gestellten Frage der Beziehungen Zwischen Judentum und Kapitalismus. Sombarts bekanntes Buch „Die Inden und das Wirtschaftsleben" (1911) hat dieses Problem neu aufgerollt, das seitdem nicht mehr zur Ruhe gekommen ist. Haben die Juden den Kapitalismus geschaffen? Ist ihre Weltanschauung nicht im Kapitalismus verkörpert? Sombart sieht ja im Juden den idealen Kapitalisten, der vom Händlergeist „trieft", den seine Lehre dazu erzogen habe. Das jüdische B a u e r n v o l k Palästinas dachte ganz nnkapitalistisch. Im Gegenteil, die Einrichtung des Jubeljahrs und der Schuldenaufhebung sind eher sozialistischen Gedankengängen entsprungen, einem Geiste, der in dem Ausspruch des Maleachi einen Höhepunkt erreicht, wenn er fragt: „Haben wir nicht alle einen Vater? Hat uns nicht ein Gott geschaffen? Warum verachten wir denn einander?" Aber dieses gleiche Volk trägt dann den antiken Geist und die hellenistische Kultur nach Europa. Dort in Griechenland und Rom gab cs kapitalistische Organisationen, die den modernen gleichen. So ist es den jungen Völkern des neuen Nordens weit voraus im wirtschaftlichen Denken. Die strenge Nationalisierung seiner Lebensführung, dem Juden eingeimpft durch seine Lehrer, laßt ihm — darin stimmen wir M a j Weber zu — den Beruf zur göttlichen Berufung, zum „M 0 ch 0" (Dienst) werden. Die religiöse Be- Wertung der Arbeit führt auch bet den Juden zu rastlosem Vorwärtsstreben, das eine sittliche Ausgabe wird. Aeußere Umwälzungen: Kreuzzüge, Entdeckungen, Erfindungen, schassen den Grund zum Bruch mit der Idee der Nahrungswirtschafr. Dem Prinzip der Bedarfsdeckung folgt das Streben der Produktion für einen größeren Markt. Die alte Tradition wird zersprengt. Der Horizont weitet sich. Aus der Haus-, der Stadtwird die Volkswirtschaft. Diese Wirtschaft führt zur „rationalen Dauerunternehmnng", deren „bilanzmäßig errcchnetcr Cchlnßertrag in einer Geldsumme ausgedrückt" wird (Max Weber). Hier setzt die Mitarbeit der Juden ein. Auf das Eeldleiljgescksiift gedrängt, in dem sie fast ein Monopol besitzen, haben sie so die Hand am Heft der neuen Wirtschaftsführung. Sie werden Pioniere der kapitalistischen Epoche: an der Börse, im Kolonialhandel, in der Finanzierung von Staaten und Fürsten. Sie brechen mit dem Ucberkommen, schaffen Raum für das Neue. Aber sie sind nur Mithelfer, nicht Schöpfer. So werden sie nicht die Väter des Kapitalismus, aber seine W e g b a h n e r. Aber dieses Aufspüren neuer Pfade ist verknüpft mit entsetzlichem Leid. Verfolgung und Tod. Znm Führertnm fehlt es an den Ausstiegsmöglichkeiten. Sie lauern des Ghettos versperren noch den jüdischen W i r t sch a f t ss ü h r e r n den Weg.

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