Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 23 (8.6.1928)
- Date
- 1928-06-08
- Page
- Seite 328 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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ALS „Türken, Hottentotten, JuLsn. . Kor -L« Berliner CttcrnhciraLswahlcn am 17. Juni. In allen deutschen Schulen hat laut gesetzlicher Bestimmung für Elternbeiratswahlen in den letzten Maitagen eine erste Elternversammlung stattgcsundkn; vierzehn Tage später, also in der Regel kurz nach den Psingstferien, uwß die Zweite Elternversamnrlung folgen, die sich mit der Aufstellung der Kandidaten, der Wahl des Wahl- Vorstandes usw. zu befassen hat. Dringende Pflicht aller jüdischen Eltern ist es, an dieser zweiten Versammlung teilzunehmen, denn die Angst um die Erhaltung der christlichen schule sucht nach dem Ausfall der Reichstagswahlen sich in judenseuidlrchen Kundgebungen in der Schule Lust zu machen. An einer Groß-Berliner Volksschule (Grundschule) hat diese zweite Elternversammlung ausnahmsweise schon vor den Ferien stattgesunde;;. Die Aufstellung einer Gemeinschaftsliste (Einheitsliste) scheiterte an dem Verhalten des Pfarrers des betreffenden Bezirkes, der laut und deutlich der Elternschaft erklärte: „Eine Einheitsliste arbeitet gegen die christliche Schute, denn auf Ihr können auch Türken, Hottentotten und Inden vertreten sein; wir brauchen eine christliche Schule, und demnach auch eine christliche Elternliste." Eine jüdische Mutter, die als einzige Vertreterin der jüdischen Elternschaft anwesend war, entgegnete, das; das unchristliche Wort des Pfarrers mehr geeignet sei, den christlichen Charakter einer Schule Zu gefährden, als wenn Vertreter religiöser Minderheiten im Elternbeirat für das Wohl und Wehe der Schnljngend arbeiten. Jeder jüdische Baker und jede jüdische Mutter must van dem Elternrecht in der Schule Gebrauch machen. Der judenfeindliche Geist wird durch die Elternschaft in die «schulen hineingetragen, und der beste und gerechteste Lehrer ist machtlos gegenüber dem vernichtenden Ernssrrs; antisemitischer Elternhäuser. Die Elternbeiräte sind die einzige Handhabe, um zwischen jüdischen und christlichen Eltern auf der Grundlage gemeinsamer Arbeit ein sich Kennen- und Achtenlernen zu erreichen. Nur wenn jüdische und christliche Eltern im Elternbeirat einer Schule vertreten sind, ist die Gewähr dafür gegeben, daß jedem K i n d und jeder Weltanschauung in der schule Gerechtigkeit widerführt. Jüdische Eltern! Wenn an der schule eurer Kinder eine Einheitsliste zustande kommen solltut eure Pflicht vor dem Tage der Wahl! Werden aber an der Schule eurer Kinder mehrere Listen eingereicht, dann tut eure Pflicht am Sonntag, den 17. Juni! Ihr müßt den Weg zur Wahlurne gehe:;, um eure Stimme der Gemeinschaftsliste zu geben, die ausgestellt wird nach dem Grundsatz: Einigkeit und Recht und Freiheit! Margarete Fried. „Iuöenreprrbük." Sind KcichsgcrichtöcntscheiDungcn für Bremen maßgebend? W* €2. Am 17. Mai hatte sich vor Gericht der Vorsitzende der Bremer Nationalsozialist Ischen Arbeiterpartei, Gude, wegen Verstoß gegen das Nepublikschrchgesetz zu verantworten. Der Angeklagte hat im September v. I. einen Handzettel verteilen lasten, der zu einer Versammlung einlud mit dem Thema: „V olk in N o t — d er I ude it im m t* § 33 r o t". Im unmittelbaren Anschluß an die Bekanntgabe dieses Referates hieß es dann: „Marx!steil, mm kommt, rvenn ihr nicht feige seid und beweist, daß euch die Judenrepublik ^Arbeit und Brot* gegeben hat/ Wegen dieses Satzes ist von verschiedenen Seiten, u. a. auch von der Ortsgruppe Bremen desCentralvereins, Anzeige erstattet worden. Die EtaatZawvalrschast lehnte Zunächst ein Einschreiten ab, mußte dann aber doch das Verfahren eröffnen. Der Angeklagte führte nach bekanntem Muster zu seiner Verteidigung an, daß sich obengenannte Acußerung lediglich gegen den Einfluß der Inden in der Republik richte. Es seien ihm aber infolge einer Entscheidung des Landgerichts Berlin Bedenken gekommen, und er habe deshalb die Silben „Juden" vor dem Wort „Republik" streichen lagen. Trotzdem sei es möglich, daß einige Flugblätter ohne diese Aendcrung verteilt wären. Während der Angeklagte selbst äußerte, die StaatZsorm mit allen geschlichen Mitteln zu bekämpfen, behauptete sein Verteidiger Holt hoff, rin bekannter Deutsckpnationaler, der Angeklagte sei Republikaner, es könne also eine Beschimpfung der Republik nicht in Frage kommen. Dieser Verteidiger stellte die unsinnigsten Beweisanträge für die Behauptung, daß der Ausdruck „Judenrepublik" zu Recht bestehe, er beantragte u. a. die BarmadAkten herbcizuschassen. Auch wiederholte er das bekannte, aus dem Zusammenhang gerissene Zitat vom Cenkralverein, der die Karnpforganisation sei gegen alles, was Vcutsch empfinde. Das Gericht erkannte ans Freisprechung. In der Urteilsbegründung wird dem Angeklagten eingerechnet, daß rr das Wort „Juden" durchstrichen habe. ^UWsehen davon, sei das Wort .Hudenrepubiik" keine Beschimpfung jjsi Sinne des Repubkiksckpchgesetzcs.. Wern; auch das Landgericht Berlin und selbst das Rcichögerichk anders entschiede« habe, sei dieses fi'rr Vas hiesige Gericht nnerheblich. Eine Beschimpfung sei nicht beabsichtigt gewesen, dieses ginge schon daraus hervor, daß der Angeklagte sich zur Republik bekannt habe. Das Gericht glaube dem Angeklagten, daß das Wort lediglich als ein Ausfluß des Antisemitismus g-. braucht sei. Dem Angeklagten wurde noch bescheinigt, daß er einen „guten Eindruck" gemacht habe. Dieser „gute Eindruck" ist anscheinend auch darauf zurückzusühren, daß der Angeklagte des öfteren seine „K r i e g sbe schä d i gu n g" geltend gemacht Hai — ihm fehlt ein Arm — und auch behauptete, er wäre wegen dieser Beschädigung von „Juden" angepöbelt worden. Wir sind in der Lage,-stststellen zu können, dich G ude schon mit einem Arm geboren wurde, und deshalb überhaupt nicht am Kriege teilgencnnncrr hat! So präsentiert sich der nationalistische „Held", der den „guten Eindruck" auf den Bremer Richter machte! Wie wir hören, ist gegen das Urteil Berufung .eingelegt worden. „Good Will.“ Etwas, was «ns nottut. Eine kleine Episode aus den Feierlichkeiten, mit denen die heldenhaften Ozeanflieger Köhl, v. H ü n e f e l d und F i tz m n u t i c c in New Jork geehrt wurden, sei um ihrer tieferen Bedeutung Wille;; unseren Lesern berichtet. Unter begeisterter Anteilnahme muck^rstch barer Volksmassen, unter nicht verstummenden Hochrufen fand am Washington-Denkmal eine besondere Feier der amerikanischen Good- W i l l - U n i o n, einer interkonfessionellen Bereinigung zur Ausbreitung und Befestigung des Friedens zwischen bei; Konfessionen, statt. Die Tatsache, daß die drei Fliegerkameraden drei verschiedenen Konfessionen angehörten, der römisch-katholischen, der Protestantischen und der irisch-kacholischen, war das Symbol, das die Union zu ihren; Hervortreten veranlaßt hatte. Mit Dankbarkeit und nicht ohne eine leise Wehmut beim Vergleich mit unseren deutschen Verhältnissen sei mitgeteilt, wie sie dieses Symbol deutete. Tr. Hunt, der Direktor der Union, begrüßte die Flieger mit herzlichen Worten „in einem Lande, in d e m alle Religionen gleiche Rechte und unumschränkte Betätigungssreiheit genieße n". Er überreichte Hauptmann Köhl alsdann einen Kranz mit der Bitte, ihn als eine Ehrengabe für den ersten amerikanischen Präsidenten, George Washington, an seinem Denkmal, dein Platz, der allen Amerikanern heilig sei, niederzulegen. „Ter Ihnen diesen Kranz dlirch mich schickr," fügte er hinzu, „einer der Vorsitzenden unserer Good-Will-Union, ist ein Jude mit der Bescheidenheit eines Moses. Eine besondere Freude wird es Ihnen sein, zu hören, daß dieser hervorragende Mann , Ludwig B ogelft ein, in Deutschland geboren ist und daß sein Bruder noch heute dort als einer der angesehensten Rabbiner wirkt. Ludwig V o g e l st e i n s Name ist mit den s e g e n s - r c i ch st e n B e st r c b u n g e n unseres a m c r i I a n i {d) c n Lebens eng verknüpf t. M i t besonderer Ausopse - tuntj arbeitet er in unserer Good-Will-Union daran, jung und alt zu einer Verständigung und Versöhnung aller Einwohner u nsere s L a n de s zu erziehen. Die Seele Amerikas ist erschüttert durch dieses außerordentliche Ereignis in unserer Geschichte: zwei Katholiken, die sich im Weltkrieg feindlich gegenüberstanden, und ein Protestant haben Sturm und Weiter und undurchdringlichen Nelxll überwunden Durch Nächte des Schreckens sind sie in; Dienste der gottgewollten Mission einer alles umfassenden Verständigung hindurchgedrnngeu. Aber die Amcrilaner lassen sich in ihrer Brüderlichkeit nicht übertreffen. Und so überbringe ich Ihnen denn diesen Kranz im Namen eines Juden, der dem Glauben seiner Väter treu ist. Auf dem Kranz ruht der Segen Seiner Eminenz Patrick Eardinal Hayes, gespendet auf die Bitte eines protestantischen Geistlichen." So ehrte Amerika die völkerverbindende Großtat unserer Flieger im Geiste des v o l t s v e r d i n d e n d e n Friedens der Konfessionen. __ Studcnierrkrawalle in Berlin. Bei Redaktwusfchlnß erfahren wir von den auch in der Tagespresse gemeldeten Zusammenstößen nationalsozialistilcher und kommunistischer Studentcngrnppen in der Berliner Universität, bei denen, wie üblich. auch juderrscindliche Aeußerungen fielen. Wir werden auf die grundsätzliche Bedeutung dieser stürmischen Auseinandersetzungen demnächst zurückkommen.