Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 23 (8.6.1928)
- Date
- 1928-06-08
- Page
- Seite 326 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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326 voll DeutichtuUl und I u r e r. t u m, habe ich die Ehre, dreie Kundgebung zu eröffnen, in der frohen Hoffnung, daß unsere Aussprache allen zum Nutzen gereichen möge. Zum Best e n un f i x e r teueren rheinischen Heimat, zum Wohle unseres geliebten deutschen Vaterlandes Nach ihm betritt, von starkem Beifall empfangen, der Vorsitzende des Centralvereins, Iustizrat Dr. Brodm'tz die Tribüne: Wir begehen diese Feierstunde aus rheinischem Boden. Mit diesem Boden verbindet auch die deurschen Juden eine mehr als 1500jährige Geschichte. Um die Freiheit der Rhemlande haben auch die deutschen Juden gekänrpft. Tie Zeit der Wahl ist vorüber. Wir sind unseren rheinischen Freunden dankbar, daß sie unmittelbar nach den Wahlen uns zu besinnlicher Betrachtung unserer Stellung im deutschen Leben aufgerufen haben. Ter deutsche Jude gehört als solcher keiner politischen Partei an. Wir, die wir uns weltanschauungsgemäß zur unlösbaren Verbindung von Deutschtum und Judentum bekennen, haben es stets abgelchnt, uns an einer jüdischen Partei im deutschpolrtischen Leben zu beteiligen. Wir dürfen es uns zum Ruhme rechnen, daß dieserGeda nkeaufdeutschem Bode nbisherniem als ernstlich auch nur in Erwägung gezogen worden ist. Wir sind in allen Parteien vertreten, die sich nicht znm Antisemitismus bekennen. Auf rheinischem Bode»: muß jeder, der guten Willens ist, das Verständnis dafür aufbrmgen, daß die als L e b e n s p r i n z i p von uns betonte unlösliche Verbindung von Deutschtum und Judentum nicht ein Wort der Taktik, nicht eine erdachte Parole, sondern eine Lcbensnotwcndigkeit darstcllt. Wir sind Deutsche, weil wir nicht anders können. Diese Verbundenheit ist unsere Lebensquelle, die Leben gibt, weil sic Leben ist. Ich habe oft schon daran erinnert, daß gerade von rheinischem Boden vor Jahrhunderten Inden nach denr Osten gewandert sind, Juden, die hier unter schwersten Verfolgungen gelitten hatten und denen die Freiheit im Osten zu gesagt worden ist. Als die Juden von Worms gen Osten zogen, ließen diese gequälten Juden, die unter schwerster Verfolgung ihre deutsche Heimat verließen, sich in bcnt lieber* siedlungsabkommen noch zu sichern, daß der Nückschafjung ihrer Leichen aus deutschen Boden keinerlei Schwierigkeiten seitens der östlichen Machtgeber bereitet werden dürfe. Schlvere Kränkungen, die uns, da wir nach unserer ganzen Lehre ein Volk des Rechtes sind, aufs schwerste treffen mußten, sind uns nicht erspart geblieben und bleiben uns auch zurzeit nicht erspart. Aber rriemals haben wir einzelne Deutsche oder Gruppen von Deutschen mit unserem deutschen Vaterlaude identifiziert. Nur so ist es uns möglich gewesen, daß wir allen Verfolgungen gegenüber niemals eine Verbitterung haben aufkommen lassen, und das; wir aller Verfolgungen ungeachtet uns lebensvoll an positiver Arbeit im Dienste unseres Vaterlandes beteiligen. Eine Arie aus Mozarts „I! re pastore“ von Haust Book, Koloratursängerin an der Kölner Oper, mit vollendeter Kunst vorgetragen, ließ die Geister sich sammeln für die Festrede „Der deutsche Jude auf deutscher Erde", zu der danach Rcchtsainvalt Or. Bruno Weil Stellvertreter des Vorsitzenden des Contralvereins. das Wort nahm. Seine Ausführungen können hier nur in kurzer Zusammenfapung wiedergegeben werden: Die Behandlung des Themas: ..Ter deutsche Jude auf deutscher Erde" hat Aur Voraussetzung, daß die Stellung des Deutschen ganz allgemein auf deutscher Erde uuterstrcht werden nach. Auch für einen Zeitraum von nur wenigen Jahrhunderten läßt sich die ständige Wandlung sowohl des Landes wie der Menschen seststcllen. Für die Zeit um Christi Geburt sind wir mr unsere Kenntnisse Germamens und der Germanen auf rein römische Quellen angewiesen. Noch um 250 n. Ehr. ist der Rhein die westliche, die Donau die südliche Grenze des germanischen Landes. Alle die großen Städte an der Donau und am Rhein von Köln über Koblenz und Trier herunter nach Meß und Straßburg, von Augsburg bis Wien sind römische Gründungen-. Um 500 n. Ehr. ist Italien, Frankreich Spanien, zwei Drittel des damaligen kulturellen Europas in germanischen Händen, mit einer Ausnahme — -von Deutschland. Noch rrnter^Karl dem Großen geht der germanische .Herrschaftsbereich nicht über Saale und Elbe hinaus. Der Osten ist erst im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert zu Deutschland gekommen. Auch der deutsche Mensch der Zeit des T a c r t u s ist weder kulturell noch b l u t s - mäßig der gleiche wie der Mensch der karolingischen Epoche. Um die Juhrtausendaocnde kündet sich mtt den vielen neuen Städten, mit dem beginnenden Drang nach außereuropäischen Unternehmungen, mit der Intensivierung des religiösen Lebens eine neue Epoche an. Demgegenüber ist wahrend aller Periode»; deutscher Geschichte die Anwesenheit der Juden in Deutschland nachweisbar. In Köln schon lange vor 321, dem Jahr des Konsiaurinischen Edikts, in Metz mit einem jüdisch goborencn Bischof iur Jahre 350. in A a ch c n mit dem Empfang des aus dem Orient, Heinllchrenden Gesandten Isaak im Jahre 802, in Mainz mit einer rrmmterbrochenen'Eräberreihe von 950 bis 1400 w Ehr., in Köln im Jahre 1012 mit der Erbauung einer neuen Synagoge in Speyer mit fcent Bischof Rüdiger, der erklärt, der Glanz seiner Stadt werde durch den Emzug der Juden aus das Tausendfache gesteigert, werden. Das erste Jahrtausend scheint, soweit wir Quellen deuten können, durchaus friedliches Zusammenleben zwischen Christen und Juden gebracht zu haben. Bau etwa 1200 an folgt ein halbes Jahrtausend schlimmer jüdischer Not und Verfolgungen und die jüdische Abteilung der „Pressa" gibt einen erschütternden Ausschnitt aus Elend und Leid. Die beider: letzte.: Jahrhunderte sahen den Emanzipationskamp' der deutschen Inden, der theoretisch mit dem Gleichheitsgesetz von 1669 seinen Abschluß fand, praktisch aber bis in unsere Zeit gedauert hat. JIBenn der Mensch m seinen geistigen Elementen aus Religion, Sprache, Kultur u n d A b st a m m u n g sich zusammensetzt, . so liegt in keinem dieser Merkmale etwas beschlossen, das die Juden in der vollen Erfüllung ihrer nationalen .Pflichten hindern könnte. Aber das entscheidende subjektive Merkmal des menschlichen Bewußtseins und seines Willens zeigen die innige und unlösliche Verbundenheit der Juden mit Deutschland, das seit zwei Jahrtausenden ihr Vaterland ist. Nationales Bewußtsein in unserem Sinne ist ein Produkt junger Entwicklung. Seit dem Dreißigjährigen Krieg gab es preußisches und sächsisches, badisches und hessisches, aber kein deutsches Nationalgosüchl. E r st n a ch den na pol eoni scheu Kriegen sängt das Volk, nicht die Fürste»:, an. vom deutschen Land zu sprechen. Mit dem Gegensatz an: Vortag der Versailler Kaiserkrönung, bei dem Wilhelm I. rein, preußisch, der nachmalige Kaiser Friedrich HI. rein deutsch enrpsaud, schließt die Epoche des Ländsrnationalismus u»:d beginnt die Hochspa muurg des deutschen Nationalgefühls, an dem die deutschen Juden ihren reichlichen Anteil haben. Las Tor, das den deutschen Inder: durch der; Zugang zu allen deutschen Dingen aufgetan wurde, kann nicht geschlossen werden. Der Weg geht für Juden und Christen nach der gleichen Richtung: Ausbau des Vaterlandes, Gemeinschaft aller Gutgesinnten, Beseitigung aller unnötigen Auseinauderschungcn, Verringerung der unnötig angeschwollenen Debatte über die sogenannte Judenfrage, aus denen einzelne politische Parteien ihr ganzes Parteiprogramm bilden möchten. Eine immer stärker zürn Ausdruck -kommende Begeisterung ergriff die Zuhörerschast, als Dr. Weil die große Schlußszene in Richard Wagners „Meistersinger" zitierte und seine Ausführungen mit dem Ausruf schloß: „W a ch auf, es nahet gen den T a g". Nicht endenwollender Beifall, in dem das Orchester mit dm triumphierenden Klängen der Ouvertüre aus den „M e i st e r f i n g c r n" emstimmte, dankte ihm. Die Schlußansprache hielt der Vorsitzende der Ortsgruppe Köln des Eentralvereins, Rechtsanwalt Or. Heinrich Frank: Was hier heute zur Rede steht, ist nicht das juristische Bürgerrecht, sondern der Anspruch auf das kulturelle Beheimatetsein dos deutschen Juden imierhalb der deutschen Nation. Ueber dem Naturgrund von Boden und Volk wiegt sich die Blüte der Kultur. Auch eine nationale Kultur ist Niederschlag historischpolitischen Schicksals und jahrhundertelanger gemeinsamer Seelen-- erlebnisio, ist Einheit kultureller cchicksalsgememschast. Kultur ist ein fließendes Gebilde, eine geistige Welt, fortwährend den Einwirkungen und Anßeneinflüssen, Assimilationen, Entrechtungen und Herribernahmen nnterworson, in der geistiger Besitzfonds sich ablagert und wiederum seelische Bindungen den Zusammenhang verdichten und verstärken. AUL solcher Aussassung vom Wesen einer Kultur ist der Aspekt und Weg freigelegt. Ist ohne die Bibel, so fragen »vir als jüdische Deutsche, die geistige Physiognomie Westeuropas überhaupt vorstellbar, »var sie nicht der Ouellgrnnd, ans dem der mächtigste Stronr abendländischer und deutscher Kulturgeschichte entsprang? Und sind endlich nicht Völkerverständigung, Weltbegtticknug und soziale Gercchtig- Ccit die sittlichen Ideale jüdischer Propheten, aus der Berbindungsbrücke des Christentums zu uns herübergewachsene Werte, die heute mehr denn je noch diesem nicnschcmnordenden Weltkriege dem sich irr schverer Krise windenden Europa zu seinem Wiederaufbau irr erster Linie nottun? Ist diese, unsere Kulturaufsassung, richtig, Kultur also nicht gleich der Pflanze von naturhaft gewachsener Einheit, deren gesamte Möglichkeiten bereits in der Wurzel enthalten sind, dann »vird man das Novalisscho Wort, daß Teutschsern immer zugleich mehr als nur deutschsein bedeute, zu »vürdigcn wisien. Wir lehnen es ab, mit modernen: Geschichrspessinnsmus Kultur als Abstieg, Abfall, Zersetzungssymptom der Natur zu begreifen, diese Sündenfallslehre weisen »oir ebenso von uns. Wir lassen uns unseren durch drei Jahrtausende jüdisch-geschichtlicher Kontinuität bewährten Optimismus auch durch falsche moderne Propheten des Rüikwärts nicht rauben und nicht schmälern. Ter Glaube an die Sicghastigkcit des Lebens wird recht behalten, und das Heit der Menschheit liegt nicht hinter uns, sondern vor uns. Darin aber liegt jurn ersten ein freudiges Bekennen j» unserem dcntschen dcmokratischK