Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 21 (23.5.1928)
- Date
- 1928-05-23
- Page
- Seite 295 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine Betrachtung zum Wochenfeste. / 0 ampfes Von Rabbiner Br. Breuer (Aschaffenburg). Tab bie „Zeit unserer Befreiung" im Feste der Sinai-Offenbarung ihre" Krönung und Vollendung findet; das; Pessach und Schewuos einander voratrssetzen und bedingen; daß die politischen Belange des Judentums. Land, Nation und Staat, nur aus der religiösen Sphäre der vom Thoragesetz geforderten ethischen und rituellen Lebensheiligung historische Sanktion empfingen und ebenso 11m* flehet auch der stärkste Wille zum religiösen Leben beim Fehlen eines Mindestmaßes an politischer und wirtschaftlicher Freiheit verdorren und verkommen muß: diese religionsgcschichtliche Tatsache, die mau als die Grundlehre des Wochen festes bezeichnen kann, sollte uns allen ohne Unterschied des religiösen und politischen Bekenntnisies mancherlei zu denken geben. Tie Bekenner eines religionslosen Nationaljudentums mögen an der nationalistischen Um- und Ausdeutung des Pessachfestes ihren völkischen Scharfsinn erproben. Ihnen mag Moses der große nationale Heros sein, der, obwohl er selbst den Boden Palästinas niemals betrat und allen assimilatorischen Einflüssen des ägyptischen Wirtsvolkes znm Trotz eine später nie wieder erlangte und erlangbare Gottesuähe gewann, von keinem andere Ehrgeiz erfüllt gewesen sei. als seinen Bolksgenosien ein jüdisches Nationalheim zu erkämpfen, wo sie eine eigene Kultur entsalten, und wo nebenbei int Religionsunterrichte auch die zehn Gebote verkündet werden sollten. Tie .Leit unserer Befreiung" mag für solche Projektionen der Gegenwart in die Vergangenheit eine oberflächliche Handhabe^ bieten. Jedoch an der rein religiösen Nat u r des Woche nO festes, an der bedeutsamen Tatsache, daß der Weg der Freiheit ans Mizrajint vor allein und Zuvörderst an den Fuß des Sinai führte und das gewaltigste Ereignis der jüdischen Geschichte, die Offenbarung des Gottes Wortes, sich außerhalb Palästinas vollzog, so daß Jsraelschon zum Volke des Eottesgesetzesge worden war, als es den Boden Erez Jisroels betrat: an dieser durch nichts hinwegzudeutenden Urtatsache des jüdischen Seins und Lebens wird alle nationale Ideologie zuschände n. Bon der Gefahr einer fortschreitenden Politisierung des Judentunis sind aber auch diejenigen unter uns bedroht, die den vom Antisemitismus uns aufgedrungcnen Abwehrkamps als eine rein politische Ausgabe betrachten. Ter Nichtjude, der sich an diesem Kampfe beteiligt, weil ihm die sittliche Reinheit des Deutschtums am Herzen liegt, mag diesen Kamps lediglich unter politischem Aspekte führen. Ter Jude aber, der von seiner Umwelt als Träger eines besonderen religiösen Erbgutes geschaut und gewertet sein will, sollte nie vergessen, daß diese von ihm gewünschte Schau und Wertung durch die religiöse Natur seines Abwehrkampses bedingt ist. Wie wir uns der Umwelt darstellen. so werden wir geschaut und gewertet. Diese Umwelt wird es aber nie begreifen, was einen Juden, der dem Judentum die religiöse Gefolgschaft versagt, davon abhalten könnte, in seiner Umwelt restlos aufzngehen. Für den gefühlsmäßigen Zusammenhang mit dein Judentum, den eine Persönlichkeit wie Gabriel R i e ß e r noch als unlösbar empfand, hatten die, an deren Rechtsbewnßtsein sein Ftannnenwort appellierte, mir wenig Verständnis. Sie etnpfanden ihn als den politischen Geschäftsführer des jüdischou Volkes. Sie hätten ihn anders empfunden, wenn die Intensität seines religiösen Fuhlens and) nur halbwegs herangereicht hätte an die stürmische Leidenschaft seines Politischen Affekts. Die religiöse Natur des Abwehrkampses sollte von Rechts wegen diejenigen unter uns an die vorderste Stelle dieses Kampfes führen, die in der ganzen Breite und Tiefe ihres Lebens an die ewigen Normen des Religionsgeschcs sich gebunden fühlen: die Orthodoxie- Tenn es ist doch klar, daß z. D. antisemitische Verunglimpfungen der talmudischen Moral von jüdischen Menschen, die im Talmud leben und weben, als eine Beleidigtlag von viel stärkerer Unmittelbarkeit empfunden werden, als wenn ihnen dieser Talmud bloß eine Bibliotheksnummer der Judaica-Aöteituug wäre. Gleichwohl steht es fest, daß die im Beth-Hamidrasch den Wirren dieser Welt Entrückten, falls die idyllischen Räume ihres Lehrhauses nicht durch Pogromhorden verwüstet werden, die alltäglichen Aufgaben des Abwehrkampfes neidlos den „anderen" zn überlassen pflegen. Mit Unrecht. Die deutsche Orthodoxie hat Ln ihren vornehmsten Schichten diesem Abwehrkampse niemals ferngestanden. Ich erinnere nur an den genialsten Führer, den im vorigen Jahrhundert das orthodoxe Judentum in Deutschland hervorgebracht hat: Samson Raphael Hirsch. Ter großen Mehrheit der deutschen Juden ist S. R. Hirsch nur als der Vorkämpfer der sogenannten separatistischen Orthodoxie bekannt. Nur die wenigsten wissen, daß der geistige Urheber^ des Austrittsgesehes vom Jahre 1876 nebenbei auch noch andere Eigenschaften besaß, die jenseits der tragischen Sphäre jener gemeindepolitischett Auseinandersetzungen liegen,, die das deutsche Judentum zerklüften: leuchtende Eigenschaften des Geistes und Gemütes, die in einer außerordentlich fruchtbaren, bislang noch viel zu wenig gekannten und gewürdigten literarischen Produktion sich ausgewirkt haben, die des kundigen Beschreibers und Teuters harrt, der sie der Gesamtheit des deutschen Judentums in einer der modernen Geschmacksrichtung entsprechenden Forin vor das Auge stellen könnte. Nur die wenigsten wissen, daß S. N. H i r s ch während seiner 58jährigen Wirksamkeit als Rabbiner in Oldenburg, E m d e n, N i k o l s b u r g und Frankf u t t a. M. mehr als einmal Gelegencheit hatte und die Gelegenheit ergriff, in der Zurückweisung arrtisemitischer Angriffe eine Kraft der Abivehr zu entfalten, die nur aus den religiösen Tiefen seines Geistes ihre einprägsame Wucht empfing. Eine Sammlung seiner Abwehrschristen — „Jüdische Anmerkungen zu den Bemerkungen eines Protestanten über die Konfession der 22 Bremischen Pastoren", Oldenbnrg 1841; „Protest eines Juden gegen das Votum eines Christen für die Emanzipation der Juden" (abgedruckr in meinen IM erschienenen „Beiträgen zu einer Biographie S. R. Hirsch" usw. — ergäbe einen stattlichen Band. Weil er die antisemitische Verkennung des Judentums nicht bloß als politische Ruhestörung, sondern vor allem als chillul haschem, als Entweihung des göttlichen N amen» empfand, darum war er sich der religiösen Natur des % b w ehrkampfes stets bewußt, und darum griffe er auch heute zu den. Waffen, gewahrte er, wie heute mehr denn je die S ch m u tzwe l len des A tt 111* emiti s init s, a u ch die „vier Ellen der Ha lach ah" zu ü b e r schu> einmcn drohen... Auch für ihn, dem es wie fernem seiner Gesinnungsgenossen gelang, in seiner harmonischen Persönlichkeit Judentum und Deutschtum zu einer einzigartigen Synthese zu verbinden, stieg das Fest der Offenbarung atrs dem Feste der Freiheit empor... Das sollte uns allen zu denken geben. dings in den beiden letzten Tagen mit ihrer Propagandaarbeit weniger die kleinen Städte und das Land als vielmehr die größeren Zentren beglückte. . Was sie in dieser Hinsicht z. B. irr Essen leistete, gmg nicht nur über die Erwartung, sondern anch über die Polizeil i ch e Erlaubnis und Duldung hinaus. Auf zehn vollbefestten und Entsprechend dekorierten Lastauäos raste die Hir'ler-Jugeud durch die Ltadk. bedeckte buchstäblich die Straßen mit ihren vielen Huuderttausenden von Flugblättern und griff u. a. in einem besonders von jüdrsckM Geschäften besetzten Stadtviertel von den: Wagen aus die Passanten mit ihren Lcderkoppclrr an, indem sie zugleich unter entsprechenden Gesten laut aussordcrtc: „Schneidet den Inden die Hälse ab!", ohne das; die hcrbcigeruserle Polizei dagegen irgendwie einschritt. Mit welch ungeheuren Geldmitteln die Hitler-Partei gearbeitet «? neben allem anderen auch die übergroße Zahl von An,chLageplakaLerr, mit der sie sowohl an Zahl^wie an Größe die Lejaime Gäulen- und Anschlngspropaganda aller übrigen Parteien Zu j a nun e n ge n o nt men über t r as. Ci. Leipzig, 21. Mar. Auch iit Sachsen Kxbcufei die Wahl einen Ruck midi links. Prinzipiell ist zn bemerken, das; die Vergleiche mit den säcksistckeu Lau dm achte alsten von 1926 deshalb nicht angängig sind, weil bei ihr die Wahlbeteiligung eine weit geringere war. "Ihr gegenüber haben soaar die Teutfcknalwualen eine Vermehrung ihrer Stimmen erzielt. Die judenfeiudlichen Parteien sind von $8 000 Summen 1921 auf c!tvft 83 000 3 tim nt c n zurückgeganaen. so daß in Sackstm ein Rückgang nur etwa 15000 Stimmen zu" verzeichnen ist. Die T e it t ]’ dj f o 3 i a [ c Partei darf als erledigt angesehen werden. Sie hat es aus etwa 2800 Stimmen gebracht. Ter Völkischsoziale Block hat etwa 550 0 S tx m m e n. Alle übrigen Stimmen gehören der Nationalsozialistischen Arbeiterpartci arr. gewählt ist von ihr der Aögeordnew Feder. Große Verluste erlitten auch m Sachsen die Teukicknationalen welche als Doppel Partei anch als f ä ch s i sche s'La n d v ol k