Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 7 (1928)
- Issue
- 20 (18.5.1928)
- Date
- 1928-05-18
- Page
- Seite 281 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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281 i i:; yffv scäi / 'Jlße Parteien werben um den Erstwähler. Bei t>cn Millionen jintfler Menschen, die seit dem 8. Dezember 1924 ihr zwanzigstes Lebensjahr überschritten haben, liegt zum wesentlichsten Teil die Entscheidung über den Ausgang der Wahlen. Ausschlaggebende Kräste- Verschiebungen bei den Aelteren sind kaum zu erwarten. Deshalb ruht aus dem jungen Wähler, der am 20. Mai zum ersten Male von seinem höchsten staatsbürgerlichen Recht Gebrauch machen darf, eine besondere Verantwortung. Zahllose Gründe könnten aus dem Geiste der Jugend gegen die Teilnahme bei den Wahlen sprechen. Der Selb st Verantwortlichkeit. nach der die junge Generation ihr Dasein formen will, widerstrebt es. für Listen zu stimmen, die man nicht mitaufgestellt hat. für Parteiprogramme einzutreten, zu deren Formung man nicht zugezogen wurde, Gruppenwünsche zu unterstützen, die, am strengen Maßstabe jugendlichen Rechtsstrebens gemessen, vielleicht zurückzuweisen waren. Aber: Jungsein heißt nicht nur Verneiner von Zuständen sein, deren Uuersrenlichkeit man fühlt und d:e man deshalb ablehnt. Hier must cs sich um die Idee handeln. Für junge Menschen gilt es vor allem, Ideen zu bejahen, das gärige Ich einzusetzen, um sie zum Siege zu führen. Und die Idee des verantwortlichen Wählens am 29. Mai ist in diesem. Sinne jugendlich im höchsten Maste: Ein ganzes Volt geht zur Urne, ein ganzes Bol! bestimmt für Jahre sein politisches Schicksal. Deutschjüdischer Jungwähler, weil dir jung bist, wähle am 20. Mai! Wohl kaum hat eine deutschjüdische Generation so tief und schmerzlich die Zerklüftung des deutschen Vaterlandes empfunden wie die, die jetzt zum erstenmal wählt. Begrisse und Vorstellungen, die die 'Grundlage ihres geistigen und kulturellen Daseins bilden sollew sind ins Schwanken geraten. Das Vaterland, dem .die Arbeit ihrer Vorfahren galt, dem ihr eigenes Zukuufrsstrebcn Zugedacht ist, wird ihr von grasten Gruppen der eigenen Altersgenossen streitig gemacht. Ter Aufstieg zur bürgerlichen Existenz wird ihr erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht. Ta ist der Wahltag eme der Gelegenheiten, an denen die jungen Menschen, die ins Leben hinaus wollen, zugleich um ihrer selbst willen, wie auch für ein allgemeines großes Prinzip wirken können. Jeder ist D e u t f d) € r, den Kultur und Wille auf deutscher Erde dem Vaterland verbindet. Roch ist dieser große Gedanke nicht allgemein anerkannt. Der Wille, ihm zum Siege zu verhelfen, must jeden dciitschjüdischen Jungwähler zur Urne führeu. Dcutschjüdischer Jungwähler, weil du deutsch bist, wähle am 20. Mai! Erst wählen — dann wandernt Und weil du jüdisch bist, tritt am 20. Mai an die Urne! Geistiges Ringen ist der Ueberlieferung deines Glaubens und der Geschichte deines Stammes gemäß. Machtkampf mit Mitteln der Gewalt lehnst du deshalb ab. Aber tatenlos verzagend abseits stehen, war nie jüdisch. Der Idee des Judentums, dem Prophetenwort: „Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch den Geist", hilft zu deinem Teil zum Sieg. Weil du jung, weil du jüdisch, weil du deutsch bist, wähle am 20. Mai! Alfred Hirschberg. Bon Rechtsanwalt Dr. Kurt Alexander (Krefeld). Wir verlangen, daß alle deutschen Inden zu den bevorstehenden Wahlen Stellung nehmen. Wir verlangen, d a st s i c u n § unterstützen, da wir in diesem Augenblick wichtigste Aufgaben zu erfüllen haben, wir verlangen, daß sie alle der politischen Partei, der sie angehören, ihre Sti-mnre geben. Es müßte selbstverständlich sein, daß alle die, an die wir uns rveudeu, sich dieser Verpflichtung bewußt sind. D-er Antisemitismus stellt nach wie vor eine Macht dar. Für jede Bewegung aber, die im Staatsleben eine Nolle spielen will, ist der Wahlkampf der geeignetste Zeitpunkt, die Macht zu befestigen. Auf Jahre hinaus iverden die politischen Geschicke des Volkes in ihren Grundzügen festgelegt und diejenigen, denen es nicht gelungen ist, dabei zu fein, sind zur Ohnmacht oder zur ohnmächtigen Opposition verurteilt. Die Antisemiten sind sich dieser Tatsache sehr wohl bewußt und zwar um so mehr, als sie gut erkannt haben, daß ihr Politischer Einfluß sinkt. Sie w e r d e n . a l l e s daran s atzen, diesen letzten Augenblick, ihn nock) einmal zu kräftigen, nicht ungenutzt Vorbeigehen zn lasten. Und doch tritt immer wieder uns die Frage entgegen: „Warum?" Warum verlangt ihr von uns diese erhöhte Unterstützung? Warum ist diese außerordentliche Kraftanstrengung zur Bekämpfung antisemitischer Strömungen im Wahlkampf erforderlich, da doch die ausgesprochen antisemitischen Parteien nennenswerten politischen Emslust kaum erringen lverdeu und da doch vielerorts der Antisemitismus so abgeebbt ist, daß man kaum noch etwas von chm zu verspüren meint? Dieses Warum ist die größte Gefahr für u n s deutsche Juden. Di-e Frage wurzelt in einer unverständlichen Sorglosigkeit, sie wurzelt in einer Unkenntnis der Sachlage, sie wurzelt vor allem in einem gänzlichen Mißverstehen dessen, was wir zu bekämpfen halben. Dort, wo der Antisemitismus soweit um sich gegriffen hat, daß mifcxe Glaubensgenossen in ihrer wirtschastlicheu Existenz schon mi]v äußerste bedroht sind, wird man sicherlich diese Frage nicht erheben. Und man must den Blick derer, die in vom Schicksal günstiger bedachten Gegenden leben, aus die richten, die unter dieser Not leiden. Bierden sie sich einmal restlos darüt^er klar, daß es innerhalb des deutschen Staatsgebietes weite Kreise gibt, in denen jüdische Bürger, U-eil sie Inden sind, vor der Vernichtung ihrer Existenz stehen, dann werden sie, wenn noch ein Funken Zugehörigkeitsgefühl zur jüdischen Gemeinschaft in ihnen glüht, sicherlich nicht mehr anstehen, mit ganzer Kraft die zu unterstützen, die nicht nur eine Beseitigung dieses Zustandes anstreben, sondern ein weiteres Umsichgreifen zu verhindern trachten. Denn w e r bürgt dafür, daß das, was heute iu Pommern oder Ostpreußen schon an der Tagesordnung ist, nicht morgen im Rheinland oder in Westfalen oder in Süddeutschland gang und gäbe wird. Mancher — nicht mir wie früher der Deamte/sondern auch der int freien Erwerbsleben Stehende — weiß auch iu dieser Gegend schon ein Lied davon zu singen, welch wirtschaftliche Einbußen er durch die Zugehörigkeit zum Judentum zu erleiden hat. Deshalb möge endlich und gerade iu den Wahltagen das Warum verstummen. Jede jüdische Gegenwehr, jede jüdische Stimme kämpft gegen den Geist, der unsere Vernichtung wünscht. Es handelt sich dabei nicht um eine in weltfremden Köpfen existierende Idee es handelt sich nicht um Dinge, die außerhalb unseres Seins liegen und die, von rosigem Licht umstrahlt, leicht die Begeisterung jedes Schwärmers erzeugen können, sondern es handelt sich um etwas durchaus Reales, cs handelt sich um nichts anderes als um unsere nackte Selüsterbaltung. Deshalb fragen toir nicht erst „warum", sondern wir bekennen: „Wir müssen." '«gWS-Hj'-PWfH,i .-rwTT-rv ..